LOGINDie Hintertür knarrte, als Alice mit der leeren Auflaufform aus Lysandras Küche hineinschlüpfte. Sie stellte sie sanft auf den Tresen; ihre Handflächen kribbelten noch von der Wärme des Herdes des Alphas und von der noch viel wärmeren Freundlichkeit, die ihr entgegengebracht worden war.
„Du hast aber lange gebraucht“, fuhr Frau Voss sie an, ohne von dem Spiegel aufzusehen, vor dem sie ihr Haar steckte. „Glaubst du, die Familie von Kael Drayton hat Zeit, auf ein Küchenmädchen zu warten?“
„Es tut mir leid, Mutter“, murmelte Alice.
Frau Voss’ Blick ruhte auf ihrem Spiegelbild, doch ihre Worte trugen eine ganz andere Bedeutung in sich. Sie hatte sich immer an der Familie des Alphas gemessen und sich von deren Ansehen genährt wie ein Schatten am Rande des Lichts.
Als sie noch ein Mädchen war, hieß es in den Gerüchten, sie habe oft geprahlt, ihr bestimmter Gefährte würde Richard Drayton werden — damals, als dieser noch der Erbe war. Die Enttäuschung hatte tief geschnitten, als die Mondgöttin ihn stattdessen mit Lysandra verband, und obwohl sie ihre Bitterkeit begraben hatte, war sie niemals wirklich verschwunden.
Mit der Zeit verwandelte sich ihr Neid in eine seltsame Überzeugung: Was die Göttin ihr verweigert hatte, sollte Elsa ihr zurückgeben. Wenn ihre Tochter als Kaels Gefährtin gewählt würde, dann würden alle alten Wunden von Frau Voss heilen.
Es war eine Vorstellung, die ihr Mann zutiefst missfiel; er sagte ihr mehr als einmal, es scheine, als habe sie niemals aufgehört, um die Gunst des Alphas zu wetteifern. Ihre Streitigkeiten darüber hallten noch immer durch die kleine Hütte, doch Frau Voss hielt an ihrer Besessenheit fest wie an einer geheimen Flamme.
Elsa huschte in einem hellblauen Kleid vorbei, ihre dunklen Locken hüpften. Sie strahlte, erfüllt von der Vorfreude auf diesen Abend. Frau Voss’ Lächeln wurde sanft, als sie ihre richtige Tochter ansah. „Du siehst wunderschön aus, mein Schatz. Kael könnte sich keine bessere Gefährtin wünschen als dich.“
Elsa drehte sich im Kreis, sodass ihr Kleid um sie herum schwang, und machte dann eine theatralische Pause.
„Aber Mutter, was passiert, wenn die Göttin mich wirklich zu seiner Gefährtin bestimmt? Wird Kael Maya für mich verlassen?“
„Natürlich. Kein Mann kann meiner wunderschönen Tochter widerstehen“, antwortete Frau Voss mit jenem sanften Lächeln. „Jetzt geh und mach dich fertig. Heute Abend könnte ein ganz besonderer Abend für unsere Familie werden.“
Ihr Gesicht versteinerte wieder, als sie den Blick zu Alice wandte.
„Bleib im Hintergrund“, warnte sie. „Mach uns nicht blamabel.“
Alice senkte den Kopf und schluckte den Schmerz hinunter, wie sie es immer tat. Sie wusch schnell die Schale und glättete ihr einfaches Kleid — das einzige, das für das Fest geeignet war. Etwas in der Luft ließ ihr Herz schneller schlagen: der Klang der Trommeln, die Fackeln draußen, der Mond, der wie ein großes silbernes Auge am Himmel aufstieg.
Als sie Elsa und Frau Voss auf den Pfad hinaus folgte, strömte das gesamte Dorf dem Festplatz zu. Fackeln säumten den Weg, Lachen und Gespräche erfüllten die Nacht. Alice trug die Gaben der Familie und umarmte den Korb, als gäbe er ihr Halt.
Der Festplatz breitete sich weit vor ihr aus, strahlend vor Licht und Leben. Wölfe heulten vom Waldrand her, das große Feuer loderte, und lange Tische bogen sich unter der Fülle des Essens. Das Rudel drängte sich dicht um die Flammen, erwartungsvoll und unruhig.
Hoch auf der Tribüne saßen Alpha Richard Drayton und Luna Lysandra an seiner Seite. Daneben lehnte sich Beta Cedric Voss nach vorne. Alice erhaschte nur einen kurzen Blick, bevor sie sich in die Menge schob, doch die Stimmen der beiden Männer waren deutlich zu hören — warm, aber erfüllt von Stolz.
„Vor nicht allzu langer Zeit war er noch ein Junge, der Schatten in diesen Wäldern nachjagte“, sagte Cedric, sein Blick ruhte auf Kael. „Und sieh ihn dir jetzt an. Stark genug, um das Rudel eines Tages zu führen, bereit, die Verantwortung zu übernehmen.“
Richard nickte, seine Augen leuchteten vor Stolz. „Er ist zu einem guten Mann herangewachsen. Vielleicht zeigt die Göttin heute Abend allen, wer an seiner Seite stehen wird. Das Rudel muss seine zukünftige Gefährtin sehen.“
Ihre Worte wurden von zustimmendem Gemurmel aufgenommen. Für das Rudel war Kael das Versprechen von Stärke und Zukunft. Für Alice war er die Erinnerung an alles, was sie niemals haben konnte. Sie schlich sich an den Rand der Tische, stellte ihre Brote vorsichtig zu den anderen Gaben und tat ihr Bestes, um unsichtbar zu bleiben.
Und doch — als sie sich endlich traute, über die Flammen hinwegzusehen, stand Kael bereits da. Er war groß und breitschultrig, ein Lächeln lag auf seinen Lippen. Maya hing an seinem Arm, strahlend in einem Gewand aus dunkler Seide.
Alice wandte sich schnell ab, doch ihr Herz verriet sie und schlug wild in ihrer Brust. Sie war unsichtbar, nur dazu bestimmt, zu dienen. Sie hatte nicht einmal das Recht zu träumen.
Die Trommeln schlugen lauter, begleitet vom Aufgang des Mondes. Das Heulen des Rudels vermischte sich mit dem Knistern des Feuers, doch plötzlich stand Kael vollkommen still.
Seine Nase zitterte. Er hob den Kopf leicht, seine bernsteinfarbenen Augen verengten sich, als habe er etwas wahrgenommen, das für alle anderen verborgen war. Ein Raunen ging durch die Menschen in seiner Nähe. Luna Lysandra stützte sich auf den Arm ihres Mannes und blickte sprachlos zu ihm.
Er atmete noch einmal tief ein, schärfer diesmal. Der Duft war unverkennbar: warm, berauschend, durchzogen von etwas Wildem und Süßem — Zimt und Kieferndunst, Honig, der am Feuer gewärmt wurde. Er umfing ihn, ließ ihn die Schultern straffen und weckte etwas tief in ihm, das er mit keiner Übung und keinem Willen unterdrücken konnte.
Er drängte sich durch die Menge, ohne auf die Stimmen zu achten, die seinen Namen riefen. Die Gruppe junger Wölfinnen rückte aufgeregt zusammen; jedes Mädchen reckte sich ihm entgegen, das Herz klopfend, als er näher kam.
Doch Kael schenkte ihnen kaum einen Blick. Seine Schritte waren sicher und zielstrebig, als würde die Göttin selbst ihn an einem unsichtbaren Faden ziehen. Er ging an allen vorbei, seine Miene wurde mit jedem Atemzug ernster.
Die Menge wurde still. Nur das Knistern der Fackeln war zu hören. Sogar die Trommeln verstummten.
Alices Herz schlug schmerzhaft wild. Sie drängte sich weiter in den Schatten am Rande des Platzes, wünschte sich, unsichtbar zu werden. Sie gehörte nicht hierher. Sie gehörte nirgendwohin.
Und dann blieb er stehen.
Direkt vor ihr.
Für einen atemlosen Augenblick trafen sich ihre Blicke — glühendes Bernstein traf auf die dunklen Augen ihrer Angst. Eine Welle der Wärme durchfuhr sie, und ihre Knie wurden fast weich unter dem Gewicht dieses Moments.
„Du“, knurrte Kael. Es klang wie ein Knurren und wie eine Offenbarung zugleich. Seine Lippe verzog sich, als habe die Wahrheit selbst ihn beleidigt. „Die Göttin… hat dich gewählt?“
Ein kollektiver Aufschrei ging durch die Menge. Maya presste die Hand vor den Mund, ihr Gesicht wurde bleich. Die Wölfe blickten einander an, ungläubig und erstaunt. Geflüster ging von Mund zu Mund, scharf und ungläubig.
Alice stand wie erstarrt. Scham und Angst überwältigten sie. Von allen Mädchen, von allen würdigen Wölfinnen, die die Göttin Kael zur Gefährtin hätte geben können — warum sie? Warum das unsichtbare Dienstmädchen, das niemand wollte?
Kaels Stimme ertönte wieder, scharf und ungläubig, mit einem Ton der Abscheu, der wie ein Messer durch die Nacht schnitt.
„Sie ist meine Gefährtin.“
Die Welt schien sich zu drehen. Das Feuer loderte laut auf. Und für Alice gab es plötzlich keine Luft mehr zu atmen.
Die Welt lag noch im Dunkeln, als Alice erwachte. Sie blinzelte zu den Baumkronen, die sich im Morgengrauen wiegten; lange Schatten zogen sich über den Waldboden. Für einen Augenblick wusste sie nicht, wo sie war. Ihre Glieder waren schwer, ihre Haut fühlte sich rau an von der kalten Erde, ihr Atem ging unregelmäßig. Dann kehrte die Erinnerung mit Wucht zurück — Erde klebte an ihrer Haut, Laub in ihrem Haar, und ein dumpfer Schmerz in ihren Knochen, als seien sie gebrochen und neu geformt worden.Sie war nackt.Alice setzte sich schnell auf und umarmte sich vor Kälte, obwohl niemand sie sehen konnte. Der Frost biss in ihre Haut, und zugleich bemerkte sie einen seltsamen klebrigen Belag an ihren Lippen. Sie leckte sie instinktiv und erstarrte. Etwas Bitteres lag darauf. Sie hob zitternd die Hand zum Mund und blickte entsetzt auf den dunklen Fleck an ihren Fingern. Blut.Ihr Herz pochte wild. Sie fuhr mit der Zunge über ihre Zähne und spürte etwas Faseriges, das sich darin verfangen hat
Als Alice noch von dem ersten Schlag an ihrer Wange brannte, erhob sich Frau Voss’ Stimme erneut, scharf und vor Wut zitternd.„Was war das da draußen?!“, schrie sie. „Einfach weglaufen, ohne Kaels Zurückweisung anzunehmen. Willst du diese Schande ewig hinauszögern? Glaubst du, wenn du das Band aufrechterhältst, wirst du etwa doch noch Luna?“Alice öffnete die Lippen, aber kein Wort kam über sie. Ihre Brust schmerzte noch immer von dem schneidenden Gefühl der Zurückweisung, ihre Rippen taten weh, als würden unsichtbare Krallen sie von innen zerfleischen.Frau Voss’ Augen funkelten vor Abscheu. „Sieh dich an. Du bist nichts. Hätten wir dich nicht aus dem Wald geholt, wärst du längst zu Knochen geworden, vergessen unter Laub. Und jetzt wagst du es, vor das ganze Rudel zu treten und so zu tun, als habe die Göttin dich auserwählt? Sogar deine eigene Familie weist dich ab!“Elsa stand in der Ecke und verschränkte die Arme, ihre Stimme klang scharf und triumphierend. „Sie genießt die Aufmer
Für einen Augenblick stand der Festplatz still. Das einzige Geräusch war das Knistern des Feuers, dessen Funken in den stillen Nachthimmel emporstiegen.Dann begann das Geflüster.„Sie hat keinen Wolf…“„Die Göttin muss sich geirrt haben.“„Kael, machst du Witze? Mit neunzehn hat sie noch nicht einmal ihren Wolf gefunden!“Die Worte schnitten durch die Menge, wurden lauter und schärfer, bis sie zu einer Welle des Unglaubens anschwollen. Alle blickten zu Alice; Augen verengten sich, Lippen verzogen sich voller Verachtung. Sie spürte, wie ihre Blicke auf ihr brannten wie offenes Feuer.Als Erste lachte Maya. Ihr Lachen klang hell und grausam und durchbrach die Spannung. „Oh, das ist ja herrlich.“ Sie umklammerte Kaels Arm und blickte zu Alice hinüber. „Von allen Mädchen im Rudel schenkt dir die Göttin… ausgerechnet sie?“ Sie lachte erneut und schmiegte sich enger an ihn. „Es wirkt fast wie ein Scherz. Vielleicht dachte die Göttin, es wäre gnädig, dir jemanden zu geben, den du so leicht
Die Hintertür knarrte, als Alice mit der leeren Auflaufform aus Lysandras Küche hineinschlüpfte. Sie stellte sie sanft auf den Tresen; ihre Handflächen kribbelten noch von der Wärme des Herdes des Alphas und von der noch viel wärmeren Freundlichkeit, die ihr entgegengebracht worden war.„Du hast aber lange gebraucht“, fuhr Frau Voss sie an, ohne von dem Spiegel aufzusehen, vor dem sie ihr Haar steckte. „Glaubst du, die Familie von Kael Drayton hat Zeit, auf ein Küchenmädchen zu warten?“„Es tut mir leid, Mutter“, murmelte Alice.Frau Voss’ Blick ruhte auf ihrem Spiegelbild, doch ihre Worte trugen eine ganz andere Bedeutung in sich. Sie hatte sich immer an der Familie des Alphas gemessen und sich von deren Ansehen genährt wie ein Schatten am Rande des Lichts.Als sie noch ein Mädchen war, hieß es in den Gerüchten, sie habe oft geprahlt, ihr bestimmter Gefährte würde Richard Drayton werden — damals, als dieser noch der Erbe war. Die Enttäuschung hatte tief geschnitten, als die Mondgötti
Die Sonne hatte die Baumkronen kaum überragt, als Alice auf dem Küchenboden kniete und die Steinplatten schrubbte, bis ihre Finger brannten. Der Duft der Kiefern zog durch das offene Fenster; irgendwo weit draußen hallte das Morgengeheul eines Wolfes durch den Nebel. Im Haus der Voss roch es nach Seife, feuchter Wäsche und gebratenem Fleisch — Fleisch, das sie niemals kosten würde.„Tropf nicht auf den Teppich“, sagte Elsa vom Tisch aus und schwang müßig ihren nackten Fuß. Sie biss in eine Birnenscheibe, und ihr goldenes Haar glänzte im Sonnenlicht. „Mutter hasst nasse Fußspuren.“„Ich weiß“, murmelte Alice und fuhr mit dem Lappen weiter.„Du weißt es immer“, verspottete Elsa. Sie warf den Birnenkern mit einem nassen Klatscher in die Spüle. „Putz das auch gleich.“Alice’ Hand zitterte einen Augenblick, doch sie zwang sich, weiterzuschrubben.„Du solltest dankbar sein“, fügte Elsa träge hinzu. „Mutter sagt, wenn sie dich nicht gefunden hätte, wärst du von wilden Tieren gefressen worden







