LOGINMeine Hände zitterten so heftig, dass der Holzbecher gegen meine Zähne klapperte. Ich saß auf dem Boden meiner versteckten Hütte, in eine Wolldecke gehüllt, und beobachtete, wie die graue Morgendämmerung durch die Ritzen der Fensterläden sickerte.
Der Sturm war vorüber, doch kein noch so starker Regen konnte die geisterhafte Hitze fortwaschen, die an meinem Schlüsselbein brannte.
Die Partnerbindung. Sie pulsierte unter meiner Haut wie ein zweiter Herzschlag – gleichmäßig, hartnäckig und beängstigend. Selbst aus meilenweiter Entfernung konnte ich den goldenen Faden spüren, der meine Seele an einen sterbenden Alpha-Erben fesselte.
„Du bist eine Idiotin, Lyra“, murmelte ich und presste die Handflächen gegen meine Augen. „Eine rücksichtslose, selbstmörderische Idiotin.“
Ich hatte jede Überlebensregel gebrochen. Ich hatte mich verwandelt, einen Vollstrecker getötet und mich versehentlich an Gideon Sterling gebunden. Wenn Alpha Silas herausfand, dass ein Mitglied der königlichen Blutlinie noch lebte, würde er mich in Ketten zurückholen. Wenn die Ironclaws davon erfuhren, würde ich zu einem politischen Pfand werden.
Ich musste verschwinden.
Ich stopfte meine Habseligkeiten in einen Rucksack: zwei Hemden, Wanderstiefel, Trockenfleisch und jedes Bündel Silberwurzel, das ich besaß. Ich würde nach Norden gehen, das Tal hinter mir lassen und tief in die Wildnis vordringen, wo keine Hierarchie mich erreichen konnte.
Ich schnallte mir das Messer an den Oberschenkel, schulterte die Tasche und trat hinaus in den Morgennebel.
Der Wald war totenstill. Keine Vögel. Kein Rascheln von Nagetieren. Das leise, allgegenwärtige Summen des Berges war von einer unheimlichen, künstlichen Stille verschluckt worden.
Ich ging in die Hocke. Die Luft veränderte sich und trug den Geruch von taktischem Ozon, schwerem Leder und erdrückender Dominanz mit sich.
Vier dunkle Gestalten tauchten aus dem Nebel auf und umzingelten meine Hütte in einem präzisen Kreis. Sie trugen weder Fell noch Knochen; stattdessen waren sie in elegante, anthrazitfarbene taktische Rüstungen gekleidet und mit schallgedämpften Karabinern bewaffnet. Auf ihren Brustplatten prangte das Emblem eines Wolfsmauls aus Stahl, das einen Amboss umklammerte.
Ironclaw-Vollstrecker.
„Nicht bewegen“, befahl eine mechanische Stimme hinter einem Visier. „Hände so, dass wir sie sehen können, Streunerin.“
Ich hob langsam die Hände. „Ich befinde mich auf neutralem Boden“, sagte ich mit flacher Stimme und verbarg das Zittern in meiner Brust. „Ihr habt hier keine Befugnis.“
Der Anführer der Wache trat zur Seite und nahm zackig Haltung an.
Aus den Schatten des Waldrands trat eine große Gestalt.
Er war nicht länger mit Flussschlamm bedeckt. Er trug einen makellosen anthrazitfarbenen Anzug über einem schwarzen Hemd, das perfekt an seinem breiten Körper saß. Unter seinem offenen Kragen war ein dicker weißer Verband zu sehen.
Gideon Sterling.
Er wirkte wiederhergestellt und tödlich. Doch seine bernsteinfarbenen Augen – diese glühenden Augen – waren mit räuberischer Intensität auf mich gerichtet.
Der unsichtbare Faden in meiner Brust spannte sich mit einem Ruck. Eine Hitzewelle schoss durch mich, und ich keuchte auf, während ich einen halben Schritt zurückwich. Gideons Kiefer verspannte sich, seine Brust hob und senkte sich, als er meinen Duft tief in seine Lungen zog.
Er kam näher, seine Stiefel knirschten auf dem Frost. Dann hob er eine behandschuhte Hand und gab seinen Wachen ein Zeichen.
„Lasst uns allein“, befahl Gideon. Seine Stimme war ein tiefes, samtiges Raunen.
„Sir“, zögerte der Anführer. „Die Streunerin könnte gefährlich sein …“
„Ich sagte, geht“, knurrte Gideon. Die Alpha-Macht in seiner Stimme traf wie ein körperlicher Schlag. Die Wachen zuckten zusammen und zogen sich in den Nebel zurück.
Stille legte sich über uns, dicht und erstickend. Gideon blieb fünf Fuß entfernt stehen. Aus der Nähe roch er nach Zedernholz und dem schwachen, süßen Duft meiner eigenen Magie, der noch an ihm haftete.
„Du rennst schnell, kleine Wölfin“, murmelte Gideon, während sein Blick über meinen abgetragenen Mantel und das Messer an meinem Oberschenkel glitt. „Am Fluss hätte ich deine Spur beinahe verloren.“
„Du hättest mir nicht folgen sollen“, fauchte ich, während mein Herz wie ein gefangener Vogel gegen meine Rippen hämmerte. „Ich habe dir das Leben gerettet. Du schuldest mir einen Vorsprung, keinen Trupp Soldaten.“
„Du hast mir das Leben gerettet?“ Gideon machte einen weiteren Schritt und überragte mich. „Du hast zwei Vollstrecker getötet, einem Captain das Genick gebrochen und bist wie ein Geist verschwunden.“
Er streckte die Hand aus. Ich zuckte zurück, doch er griff nicht nach meiner Waffe. Stattdessen strich er mit seinen behandschuhten Fingern sanft eine lose Haarsträhne hinter mein Ohr. Dort, wo seine Fingerknöchel meine Wange streiften, schoss ein Funke elektrischer Hitze durch meine Adern.
„Mmm …“ Ein leises, unwillkürliches Keuchen entwich mir.
Ein dunkles Lächeln umspielte Gideons Lippen.
„Du kannst im ganzen Tal Silberwurzeltee trinken“, flüsterte er, seine Stimme sank zu einem vertrauten, beinahe schnurrenden Ton. „Du kannst deinen Geruch vor jedem Wolf in diesen Bergen verbergen. Aber vor mir kannst du dich nicht verstecken.“
Ich erstarrte. „Woher kennst du meinen Namen?“
Gideon griff in seine Jacke und zog ein kleines Glasfläschchen hervor. Darin lag ein einzelnes, reinweißes Wolfsfellhaar, an der Wurzel mit seinem eigenen Blut befleckt.
„Die Bindung lügt nicht“, sagte er. „Als dein Blut meines berührte, hast du meine Seele gebrandmarkt. Ich könnte dich bis ans Ende der Welt verfolgen.“
Ich verengte die Augen und ließ die Hand zu meinem Messer sinken. „Und was jetzt, Sterling? Willst du mich in einen Käfig aus Silber sperren? Mich deinem Vater ausliefern?“
„Mein Vater will den Konflikt mit den Silverfangs nutzen, um sich die Schürfrechte zu sichern“, sagte Gideon, und sein Ton wurde kalt wie Eisen. „Er glaubt, ich sei von einem Spähtrupp überfallen worden. Er weiß nicht, dass ein weißer Wolf mich gerettet hat. Er weiß nicht, dass die königliche Blutlinie noch lebt.“
Ich versteifte mich. „Wenn du weißt, was ich bin, dann weißt du auch, warum ich gehen muss. Dein Rudel und das meines Onkels werden dieses Tal zerstören, nur um mir ein Halsband anzulegen.“
„Dann lass es nicht zu“, sagte Gideon. Er hielt mir seine Hand entgegen, der silberne Siegelring fing das Licht ein. „Mein Vater hat in drei Tagen einen Friedensgipfel mit Alpha Silas im High Ridge Lodge arrangiert. Silas will einen Vertrag, der seine Macht festigt. Der einzige Weg, sie zu durchkreuzen, besteht darin, sie zu überraschen.“
„Wie?“
„Indem wir gemeinsam auf diesem Gipfel erscheinen“, sagte Gideon. „Du kommst zum Ironclaw-Anwesen. Du trägst feine Seide, stehst an meiner Seite und gibst vor, meine erwählte Gefährtin zu sein. Ein politisches Bündnis, das beide Rudel in eine Pattsituation zwingt.“
„Eine Partnerbindung vortäuschen?“ Ich schnaubte, obwohl meine Seele bei dem Wort vortäuschen aufschrie. „Mit dir? Die Bindung ist echt, Gideon. Wenn wir dieses Spiel spielen, werden wir nicht mehr gegen sie ankämpfen können.“
„Dann kämpf nicht dagegen an“, flüsterte Gideon und trat näher, seine Wärme überwältigte mich. „Hilf mir, unsere Väter zu stürzen. Hilf mir, dieses Tal zu beschützen. Im Gegenzug gebe ich dir mein Wort als Alpha: Sobald der Vertrag gebrochen ist, schenke ich dir deine Freiheit.“
Ich starrte auf seine Hand. Es war ein Handel mit dem Teufel. Doch wegzulaufen bedeutete, für immer gejagt zu werden.
„Keine Käfige. Keine Befehle. Wir sind in dieser Sache gleichgestellt“, verlangte ich.
„Gleichgestellt“, stimmte Gideon zu.
Ich streckte die Hand aus und legte sie in seine.
In dem Moment, in dem sich unsere Handflächen berührten, schoss eine Welle flüssiger Hitze meinen Arm hinauf und ließ meine Knie nachgeben. Gideon fing mich mühelos auf und zog mich dicht an seine Brust. Sein Arm schloss sich wie ein eiserner Ring um mich. Er senkte den Kopf, seine Lippen streiften die empfindliche Haut unter meinem Kiefer.
„Gott, du riechst unglaublich gut“, presste er hervor.
Plötzlich kreischte ein schriller Alarm aus dem Funkgerät des Anführers.
„Commander Sterling!“, rief der Wachmann und stürmte durch den Nebel. „Wir haben einen Durchbruch am äußeren Perimeter!“
Gideons Augen blitzten golden auf. „Bericht.“
„Es sind nicht die Silverfangs, Sir!“, rief der Wachmann. „Es ist der Hohe Rat aus der Hauptstadt. Ihr Vater hat Ihren Aufenthaltsort verraten. Er hat ihnen gesagt, dass Sie von einer Streunerin kompromittiert wurden!“
Das schwere, rhythmische Wumm-Wumm-Wumm von drei taktischen Hubschraubern hallte durch das Tal. Scheinwerfer schnitten durch den Nebel und tauchten uns in ein blendendes Licht.
Eine kalte, mechanische Stimme dröhnte vom Himmel:
„Gideon Sterling, ergeben Sie sich. Im Namen des Alpha-Rates wird der weiße Streuner in Ihrem Besitz mit sofortiger Wirkung eliminiert.“
Alpha Marcus Sterling stand wie erstarrt da, den Arm an seinen Stuhl gefesselt. In seinen grauen Augen brannten Demütigung und Hass.Hinter uns schwiegen die Vorstandsmitglieder. Die königliche Aura in meiner Stimme hatte sich wie ein körperliches Gewicht über den Raum gelegt.„Wachen“, sagte Gideon leise. „Bringt Marcus in die unterirdische Zelle für Führungskräfte. Entzieht ihm seine Kommunikationsgeräte, seine Zugangserlaubnisse und seine Seitenwaffen.“Die Wachen handelten schnell. Sie rissen den Dolch aus dem Stuhl und legten Marcus schwere, mit Silber ausgekleidete Fesseln um die Handgelenke.„Du glaubst, du hast gewonnen, Junge?“, spuckte Marcus aus. Ein grausames Lächeln verzog seine Lippen, als er abgeführt wurde. Neben Gideon blieb er stehen und beugte sich zu ihm.„Du hast keine Ahnung, worauf du dich eingelassen hast. Du glaubst, Silas will Grenzland? Die Mineralien interessieren ihn nicht.“Ich verengte die Augen. „Wovon redet er?“„Silas weiß, was du bist, kleine Streune
Das Penthouse fühlte sich weniger wie ein Zuhause und mehr wie eine Festung an.Unter mir erstreckte sich das Industrie-Tal wie ein Raster aus Neonlicht und Rauch. Ich stand im Marmorbadezimmer, während der Dampf der Regendusche an den Spiegeln klebte.Auf der Granitablage lagen die Kleidungsstücke, die Gideons Bedienstete gebracht hatten.Keine Wolle. Kein Canvas. Stattdessen lag dort ein nachtblaues Seidenkleid mit strukturierten silbernen Stickereien. Daneben befand sich ein Paar silberner Dolche – taktische Klingen, die dafür entwickelt worden waren, verborgen in Armscheiden getragen zu werden.Sie wollten nicht nur, dass ich wie eine Dame aussah; sie wollten, dass ich wie eine Waffe aussah.Ich strich über die Seide. Drei Jahre lang war ich ein Geist gewesen. Mich so zu kleiden bedeutete, mein Versteck hinter mir zu lassen und alles niederzubrennen, was mir Schutz geboten hatte.Es gibt kein Zurück, sagte ich mir. Wenn du jetzt davonläufst, werden sie dich für immer jagen.Ich zo
Die Hubschrauber ließen die Kiefern erzittern und schleuderten eiskalte Kondenswassertröpfchen in mein Gesicht.„…mit sofortiger Wirkung eliminiert.“Die Stimme vibrierte in meinem Brustbein. Die Ironclaw-Wachen gingen auf ein Knie, ihre Karabiner auf den Himmel gerichtet, doch ihre Haltung war vor Panik starr. Die Vollstrecker des Hohen Rates aus der Hauptstadt waren keine gewöhnlichen Soldaten; sie waren Elite-Henker.Gideon zuckte nicht einmal mit der Wimper. Stattdessen verstärkte er seinen Griff um meine Taille und zog mich an sich. Die Wärme seines Körpers brannte durch meinen Canvas-Mantel, während die Partnerbindung wie wild pulsierte und verlangte, dass ich mich noch enger an ihn schmiegte.„Gideon“, keuchte ich und packte sein Revers. „Dein Vater … er hat dich verraten.“„Er hat mich nicht nur verraten“, knurrte Gideon, seine Stimme sank in eine Tonlage, die mehr nach Wolf als nach Mensch klang. „Er hat die Falle gestellt.“„Commander!“, brüllte der Anführer über das Dröhnen
Meine Hände zitterten so heftig, dass der Holzbecher gegen meine Zähne klapperte. Ich saß auf dem Boden meiner versteckten Hütte, in eine Wolldecke gehüllt, und beobachtete, wie die graue Morgendämmerung durch die Ritzen der Fensterläden sickerte.Der Sturm war vorüber, doch kein noch so starker Regen konnte die geisterhafte Hitze fortwaschen, die an meinem Schlüsselbein brannte.Die Partnerbindung. Sie pulsierte unter meiner Haut wie ein zweiter Herzschlag – gleichmäßig, hartnäckig und beängstigend. Selbst aus meilenweiter Entfernung konnte ich den goldenen Faden spüren, der meine Seele an einen sterbenden Alpha-Erben fesselte.„Du bist eine Idiotin, Lyra“, murmelte ich und presste die Handflächen gegen meine Augen. „Eine rücksichtslose, selbstmörderische Idiotin.“Ich hatte jede Überlebensregel gebrochen. Ich hatte mich verwandelt, einen Vollstrecker getötet und mich versehentlich an Gideon Sterling gebunden. Wenn Alpha Silas herausfand, dass ein Mitglied der königlichen Blutlinie n
Ich kauerte hinter einer zerklüfteten Kiefer, während mein Atem in weißen Wolken vor meinem Gesicht aufstieg und sich mit der eisigen Herbstnacht vermischte. Unter mir wälzte sich der Silberfluss dahin, eine angeschwollene Ader aus schwarzem Wasser, die nach drei Tagen Regen aus den Bergen über die Ufer getreten war. Hier verlief die Grenze.Ich gehörte zu keiner der beiden Seiten. Ich war ein Geist in einer ausgefransten Canvasjacke und schlammverkrusteten Stiefeln, der auf dem hauchdünnen Streifen neutraler Wildnis zwischen zwei verfeindeten Imperien ums Überleben kämpfte.Ich schloss die Augen und atmete ein. Unter dem Geruch feuchter Erde und verrottender Kiefernnadeln nahm ich ihn wahr: Kupfer, Ozon und den Moschusgeruch nassen Fells.Meine Hand glitt zu dem silberklingigen Jagdmesser, das an meinem Oberschenkel befestigt war. Bleib unsichtbar, erinnerte ich mich. Jeden Morgen zwang ich mich, einen bitteren Aufguss aus Silberwurzeltee hinunterzuwürgen, um mein inneres Tier zu unt







