LOGINKAPITEL 2
Vor sechs Monaten glaubte ich noch, dass die Entdeckung eines Verrats das Schlimmste sei, was einem passieren könne. Ich hatte mich geirrt. Es gab Schlimmeres. Zum Beispiel herauszufinden, dass der Mensch, dem man am meisten vertraute, einen so lange belogen hatte, dass man nicht mehr wusste, was an der Beziehung jemals echt gewesen war. In jener Nacht lernte ich Lucian Hayes kennen. Ich hatte Nathans Wohnung verlassen, ohne ihm zu sagen, wohin ich ging. Ich konnte mich nicht erinnern, wie lange ich gefahren war. Ich wusste nur noch, dass ich vor einem Hotel anhielt, hinter dem Steuer saß und auf mein Handy starrte. Nathan hatte elfmal angerufen. Ich ging nicht ran. Die Nachricht, die ich auf seinem Handy gefunden hatte, hallte immer wieder in meinem Kopf wider: *Sie weiß es noch nicht.* Ich hatte sie zweimal gelesen. Dann ein drittes Mal. Ich hatte so gern an eine harmlose Erklärung geglaubt – eine Überraschung im Unternehmen, ein Missverständnis, irgendetwas. Aber es gab keine. Mein Verlobungsring fühlte sich plötzlich schwer und kalt an meinem Finger an, wie ein eiserner Ring, der meine Haut erstickte. Mit zitternden Fingern zog ich ihn ab und ließ ihn in den Getränkehalter fallen, wo er mit einem scharfen, hohlen metallischen Klirren landete. Da klopfte jemand an mein Fenster. Ich blickte auf. Ein Mann stand neben meinem Auto. Groß. Dunkler Mantel. Sein Gesichtsausdruck war im schwachen Halogenlicht des Parkplatzes nicht zu deuten. Er sah nicht aus wie jemand, der Fremde für ein lockeres Gespräch ansprach. Er sah aus wie jemand, der es gewohnt war, sich zu nehmen, was er wollte. Ich öffnete das Fenster ein Stück, die regennasse Luft strömte in die warme Kabine. „Kann ich Ihnen helfen?“ „Sie sitzen hier schon seit zwanzig Minuten“, sagte er. Seine Stimme war ruhig. Fast zu ruhig, ein sanfter Bariton, der den Donner durchbrach. „Mir geht es gut.“ Sein Blick wanderte langsam über mein Gesicht und musterte die geröteten, geröteten Ränder meiner Augen. „Sie sehen nicht gut aus.“ Normalerweise hätte ich ihm gesagt, er solle sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern, und das Glas wieder hochgerollt. An diesem Abend war ich zu erschöpft, um so zu tun, als ob. „Mein Verlobter hat mich betrogen.“ Die Worte platzten heraus, bevor ich sie zurückhalten konnte. Sein Gesichtsausdruck veränderte sich kaum, nur seine Kiefermuskeln spannten sich leicht an. „Dann ist er ein Idiot.“ Ein gebrochenes, atemloses Lachen entfuhr mir. „Du kennst ihn doch gar nicht.“ „Muss ich auch nicht.“ Aus irgendeinem Grund brachte mich das wieder zum Lachen. Es war der erste ehrliche Laut, den ich an diesem Abend von mir gegeben hatte. Er musterte mich einen Moment lang, seine dunklen Augen suchten meine. „Lucian“, sagte er leise. Ich zögerte. „Rosalie.“ Keiner von uns fragte nach dem Nachnamen. Vielleicht fühlte es sich deshalb so leicht an. Nur zwei Fremde, die auf demselben dunklen Parkplatz saßen, beide mit einer schweren Last, über die sie nicht sprechen wollten. Schließlich blickte Lucian auf meine nackte Hand und fragte: „Warum trägst du den Ring noch?“ Ich sah auf meine Hand hinunter und spürte die leere, gespenstische Schwere, wo er einst gesessen hatte. „Ich weiß nicht.“ „Du weißt es.“ Ich schluckte den Kloß in meinem Hals hinunter. „Weil alles real wird, wenn ich ihn abnehme.“ Etwas veränderte sich in seinen Augen. Zum ersten Mal bemerkte ich, dass er nicht einfach nur ruhig war. Auch er litt. „Du hast einen schlechten Abend“, flüsterte ich. „Du auch.“ „Warum?“ Er wandte den Blick ab in den dunklen Regen. „Weil ich heute Abend auch etwas verloren habe.“ Ich fragte nicht, was. Er erklärte es nicht. Vielleicht war das der eigentliche Anfang. Wir unterhielten uns stundenlang in der Hotelbar bei unberührten Getränken. Über alles Mögliche, nur nicht über die wirklich wichtigen Dinge. Ich erzählte ihm von der Frau, die ich einmal war, bevor ich so große Angst davor bekam, andere zu enttäuschen. Er erzählte mir fast nichts von sich, doch irgendwie hatte ich das Gefühl, er verstünde mich besser als Menschen, die ich seit Jahren kannte. Als er mich schließlich fragte, ob ich gehen wolle, war ich selbst überrascht, als ich Ja sagte. Wir gingen nach oben. Eine Nacht, ohne Versprechen. Keine anderen Namen als die, die wir einander gegeben hatten. Keine Zukunft. Nur zwei verletzte Menschen, die sich für ein paar Stunden entschieden, nicht allein zu sein. Am Morgen war ich verschwunden. Ich hätte nie gedacht, ihn wiederzusehen. Und schon gar nicht, ihn sechs Monate später neben meiner Mutter auf unserem großen Anwesen sitzen zu sehen. --- „Warum heiratest du meine Mutter?“ Die Frage kam heraus, bevor ich sie abmildern konnte. Lucian stand allein im Flur vor dem Esszimmer. Lucian Hayes. Der skrupellose Titan, dessen Firma mehr wert war, als die meisten Familien über Generationen ausgeben konnten. Der Mann, den meine Mutter stolz als ihren Verlobten vorgestellt hatte. Sein Blick hielt meinen fest, ohne zu blinzeln. „Das geht dich nichts an.“ „Meine Mutter geht mich etwas an!“ „Ich weiß.“ „Dann antworte mir.“ Er sagte nichts, stand da wie eine Marmorwand. Ich trat näher, mein Herz raste. „Wusstest du, wer ich bin?“ Eine lange Stille entstand zwischen uns. Dann: „Nein.“ „Wusstest du, dass ich Arabella Cross’ Tochter bin?“ „Nein.“ Ich musterte sein Gesicht, suchte nach einem Zucken, einem Hauch von Täuschung. „Du erwartest, dass ich dir das glaube?“ „Ja.“ „Warum?“ „Weil es die Wahrheit ist.“ Ich hasste es, wie leichtfertig er es aussprach. „Du hast mit mir geschlafen.“ Sein Kiefer verkrampfte sich, ein gefährlicher Schatten huschte über sein Gesicht. „Ich erinnere mich.“ „Und jetzt heiratest du meine Mutter.“ „Ich weiß.“ „Ist das alles, was du dazu zu sagen hast?“ Seine Augen verhärteten sich und bohrten sich in meine. „Was genau soll ich sagen, Rosalie?“ Ich wusste keine Antwort. Denn unter meiner Wut lauerte etwas viel Gefährlicheres. Die Erinnerung an jene Nacht. Wie er mich angesehen hatte. Wie ich mich bei einem völlig Fremden geborgen gefühlt hatte. Ich hasste es, dass ein Teil von mir die Hitze seiner Berührung noch immer in Erinnerung hatte. „Warum sie?“, fragte ich leise, meine Stimme zitterte leicht. Zum ersten Mal huschte etwas Undurchschaubares über sein Gesicht. Sein Gesichtsausdruck verfinsterte sich. „Das ist eine Frage, die du deiner Mutter stellen solltest.“ Bevor ich antworten konnte, drehte er sich um und ging weg. Ich stand da und sah ihm nach, wie er um die Ecke verschwand. Ich wollte ihm folgen, eine Erklärung verlangen und ihn zwingen, mir zu sagen, was er wusste. Aber irgendetwas an seiner Art zu sprechen hielt mich zurück. Er hatte nicht verwirrt geklungen. Er hatte nicht überrascht geklungen. Er hatte geklungen, als wüsste er genau, warum meine Mutter ihn heiratete. Und irgendwie beunruhigte mich das mehr als alles andere. Ich wandte mich dem Flur zu, und in meinem Kopf raste jedes Gespräch, das ich seit der Ankündigung der Hochzeit durch meine Mutter mitgehört hatte. Sie war seltsam abweisend gewesen, wann immer ich nach ihm fragte. Immer wenn ich hinterfragte, wie sie sich kennengelernt hatten oder wie schnell alles gegangen war, wechselte sie das Thema. Ich hatte angenommen, sie sei einfach glücklich. Jetzt war ich mir da nicht mehr so sicher. Da vibrierte mein Handy in meiner Handfläche. Ich zog es aus der Tasche und warf einen Blick auf den Bildschirm. Unbekannte Nummer. Beinahe hätte ich die Nachricht ignoriert. Doch dann siegte die Neugier. Ich öffnete die Nachricht. Es gab nur einen Satz: *Du kennst den Mann nicht, den deine Mutter heiratet.* Mir stockte der Atem. Ich starrte auf den Bildschirm und las die Worte noch einmal. Wer auch immer die Nachricht geschickt hatte, wusste von der privaten Hochzeitsanzeige. Und noch wichtiger: Er schien etwas über den Mann zu wissen, den meine Mutter heiraten würde. Meine Finger schwebten über der Tastatur. *Wer ist das?* Ich löschte die Nachricht, bevor ich sie abschickte. Es gab keinen Grund, einem Fremden zu zeigen, dass sie mich erreicht hatte. Fast sofort vibrierte es erneut: *Du solltest dich fragen, warum er deine Mutter gewählt hat.* Mir schnürte es die Kehle zu. Das war dieselbe Frage, die ich ihm gerade gestellt hatte. Ich blickte in die Ecke, wo er verschwunden war. Zum ersten Mal erschien mir der Mann, den ich zu verstehen versucht hatte, weniger wie der zukünftige Ehemann meiner Mutter, sondern eher wie ein Fremder, der auf unerklärliche Weise in unser Leben getreten war und tödliche Geheimnisse mit sich trug. Ich tippte schnell: *Ich muss ihn nicht kennen, bevor sie ihn heiratet.* Ich starrte die Nachricht einen Moment lang an, bevor ich sie abschickte. Die Antwort kam fast sofort: *Wenn du unbedingt nichts wissen willst, dann beschwer dich nicht bei anderen, wenn die Wahrheit dich einholt.* Ich schluckte schwer, mir wurde eiskalt. Bevor ich antworten konnte, erschien eine weitere Nachricht: *Bald wirst du es wissen.* Ich legte das Handy langsam an meinen Oberschenkel. Aus irgendeinem Grund beunruhigten mich diese drei Worte mehr als die Warnung selbst. Denn sie klangen nicht wie eine Drohung. Sie klangen wie ein Versprechen.KAPITEL 9Lucians Handy erhellte um 1:14 Uhr die dunkle Küchentheke.Julians Stimme ertönte aus dem Lautsprecher, emotionslos und präzise. „Die Kamera sollte offline sein. Jemand hat sie in der Schießnacht für vier Minuten und zwölf Sekunden reaktiviert. Die Übertragung lief über einen alten Wartungsserver im Ostflügel. Das Foto wurde von diesem Fenster aufgenommen.“Lucians Kiefer zuckte. „Kannst du das komplette Videomaterial sichern?“„Nach dem Standbild beschädigt. Wer auch immer das getan hat, wusste genau, wie viel Zeit er brauchte.“Das Gespräch war beendet. Lucian legte den Hörer auf und sah mich an. Die Küche wirkte plötzlich kleiner, die Luft stickiger.„Dieser Flur grenzt an das Wohnzimmer deiner Mutter.“Ich wusste es bereits. Die Tapete auf dem Foto hatte mir alles verraten. Creme und Gold, dasselbe Muster, an dem ich schon tausendmal achtlos vorbeigegangen war. Jetzt war es mir jedes Mal präsent, wenn ich die Augen schloss. Ich verbrachte den nächsten Morgen im Büro mei
KAPITEL 8Das Krankenzimmer roch nach Desinfektionsmittel und altem Blut.Thomas Rivera lag, an weiße Kissen gelehnt, den linken Arm dick bandagiert, das Gesicht grau unter dem grellen Deckenlicht. Ein Mann, den ich noch nie zuvor gesehen hatte, stand mit verschränkten Armen in der Ecke – groß, dunkel gekleidet, mit einem Blick, dem nichts entging. Lucian nickte ihm einmal zu.„Julian Vance. Er arbeitet für mich.“Julian bot ihm nicht die Hand. Er beobachtete nur die Tür, als könnte sie jeden Moment aufbrechen und eine Bedrohung hereinbrechen.Thomas’ Stimme klang rau, rau von Schmerz und Medikamenten. „Miss Rosalie.“Ich trat ans Bett. Mein Puls raste bereits. „Ich bin hier.“Er schluckte langsam und vorsichtig. „Ich habe jemanden gesehen. Dunkler Mantel. Kapuze hochgezogen. Stand kurz vor den Schüssen in der Nähe des Seitentors. Durchschnittliche Größe. Bewegte sich leise. Als wüsste er genau, wo die Kameras waren.“„Haben Sie ein Gesicht gesehen?“ „Nein.“ Er schüttelte einmal den
KAPITEL 7Ich schloss die Badezimmertür ab und spielte die Sprachnachricht erneut ab.Die Stimme meines Vaters erfüllte den kleinen Raum, leise und eindringlich, dieselben Worte, die mir seit letzter Nacht im Kopf herumgingen.„Wenn mir etwas zustößt, trifft es nicht Rosalie. Es trifft denjenigen, der ihr am nächsten steht. Sag es Hayes. Er weiß schon einen Teil davon.“Die Aufnahme endete. Ich starrte auf das schwarze Handy in meiner Hand. Sieben verschlüsselte Nachrichten. Keine Namen. Keine klaren Daten. Nur diese eine Sprachnachricht, unverschlüsselt, als hätte er gewollt, dass sie jemand findet.Ich steckte das Handy zurück in die versteckte Tasche meines Bademantels und ging nach unten.Nathan war in der Küche und schenkte Kaffee ein, als wäre die Welt nicht vor zwei Nächten untergegangen. Er sah auf, als ich hereinkam, sein Lächeln war bereits auf seinem Gesicht.„Konntest du nicht schlafen?“„Nein.“Er stellte mir eine Tasse hin. „Komm her.“Ich rührte mich nicht. „Vor sechs
KAPITEL 6Die Stimme des Detectives durchdrang den kleinen Verhörraum wie ein Messer.„Miss Cross, die SMS wurde von einer Nummer gesendet, die mit einem Wegwerfhandy in Verbindung steht, das drei Blocks von Ihrem Anwesen entfernt gekauft wurde. Sie benutzte Ihren Namen. Darin stand, dass Sie im Sterben liegen und ihn am Seitentor brauchen. Er ging hin. Er starb. Erklären Sie mir das.“Ich war völlig verwirrt. Die Detectives stellten mir immer wieder dieselben Fragen.Ich saß mit flachen Händen auf dem kalten Metalltisch. Die Plastiktüte mit dem Handy meines Vaters lag zwischen uns, der Bildschirm leuchtete noch immer mit diesen Worten.*Hallo Dad, ich bin’s, Rosalie. Bitte hilf mir, ich sterbe. Ich brauche jetzt sofort deine Hilfe am Seitentor.*„Ich habe sie nicht geschickt“, sagte ich. Meine Stimme klang nur ruhig, weil ich sie dazu zwang. „Ich habe ihm in dieser Nacht keine SMS geschrieben. Ich war …“„Bei Lucian Hayes“, beendete der zweite Detective den Satz. „In seiner Suite. Wi
KAPITEL 5Das Echo der Schüsse hallte noch lange durch die Dielen, nachdem es längst verklungen war.Ich zitterte so heftig, dass ich mir kaum das Nachthemd über den Kopf ziehen konnte. Meine Hände waren taub, meine Knie gaben nach, als ich mit dem Seidenstoff hantierte. „Lucian … was war das?“Er drehte sich nicht um. Seine Stimme war eiskalt, ohne jede Wärme von vor ein paar Sekunden. „Geh nicht ans Fenster. Ruf die 112 an.“Meine zitternden Finger griffen nach meinem Handy auf seinem Nachttisch. Noch nie hatte es sich so unmöglich angefühlt, drei Ziffern zu wählen.„Notrufzentrale, was ist der Notfall?“„Es fallen Schüsse … auf dem Anwesen der Familie Cross“, brachte ich mit erstickter Stimme hervor, die in einem Schluchzen überging. „Bitte, jemand ist draußen. Schickt Hilfe!“Im Morgengrauen wurde die brutale Realität dessen, was im Hof geschehen war, unter der grellen Morgensonne schonungslos offengelegt.Mein Vater war tot. Sie fanden ihn zusammengesunken an den steinernen Brun
KAPITEL 4Der Freitagmorgen brach an, umhüllt von einer schweren, trügerischen Ruhe.Ich lehnte im Türrahmen unseres Schlafzimmers und sah Nathan zu, wie er sich vor dem Ganzkörperspiegel anzog.„Es tut mir leid, dich so allein zu lassen, Liebling“, sagte Nathan und wandte sich mir mit einem warmen, bedauernden Lächeln zu. Er kam auf mich zu, nahm meine Hände in seine und führte sie zu seinen Lippen. „Der Vorstand hat die Notübernahme des Vertriebsnetzes von Apex Logistics in Chicago genehmigt. Es geht um vierzig Millionen Dollar, und wenn ich nicht bis 14 Uhr im Privatjet bin, um die Kaufverträge persönlich zu unterschreiben, platzt der ganze Deal.“„Chicago?“, fragte ich leise und bemühte mich um einen freundlichen, verständnisvollen Gesichtsausdruck. „An einem Freitag?“„Es lässt sich nicht ändern, meine Liebe“, murmelte er und beugte sich vor, um mir einen zärtlichen Kuss auf die Stirn zu geben. „Ich bin Sonntagabend wieder da. Danach stehe ich Ihnen für die restlichen Hochzeitsv







