MasukKAPITEL 3
Am Morgen hatte ich mich davon überzeugt, dass die mysteriösen SMS nichts zu bedeuten hatten. Ein grausamer Scherz. Jemand, der mich einschüchtern wollte, oder vielleicht ein Rivale, der einfach genug über meine Familie wusste, um Ärger zu machen. Aber Neugier war schon immer meine Schwäche gewesen. Während Nathan also bei der Arbeit war, setzte ich mich an meinen Schreibtisch und suchte nach Lucian Hayes. Ich begann mit dem Offensichtlichen: Hayes Holdings. Innerhalb von zehn Minuten verstand ich, warum meine Mutter so stolz gewesen war, als sie ihn mir vorgestellt hatte. Lucian war nicht einfach nur reich. Er war mächtig. Hayes Holdings besaß Hotels, private Investmentfirmen, Technologieunternehmen, Reedereien und Anteile an Unternehmen, die ich von den Titelseiten des Finanzteils kannte. Sein Name stand neben Politikern, CEOs, Prominenten und zwielichtigen Gestalten, deren Gesichter nie in den Zeitungen auftauchten. Artikel nannten ihn skrupellos. Andere nannten ihn brillant. Ein Finanzredakteur beschrieb ihn als einen Mann, der nie eine Verhandlung einging, die er nicht gewinnen konnte. Ich starrte auf das hochauflösende Foto auf dem Bildschirm. Das war derselbe Mann, der vor sechs Monaten im Dunkeln neben mir gesessen und mir zugehört hatte, als ich wegen Nathan zusammenbrach. Der krasse Gegensatz zwischen dieser stillen Intensität und diesem Wirtschaftsmagnaten verunsicherte mich zutiefst. Dann fiel mir noch etwas auf: **Cross Industries**. Die Firma meiner Familie tauchte immer wieder in den Archivunterlagen von Hayes Holdings auf. Nicht als Konkurrent, sondern als ehemaliger Partner. Ich klickte mich durch mehrere Berichte. Vor zwanzig Jahren hatte es eine massive Investitionsvereinbarung zwischen den beiden Unternehmen gegeben. Dann endete die Partnerschaft abrupt. Warum hatten meine Eltern nie etwas davon erwähnt? Die Online-Artikel waren unglaublich vage – eine gescheiterte Übernahme, eine außergerichtliche Einigung, vertrauliche Bedingungen. Nichts, was die wahre Geschichte erklärte. Ich las noch, als die Haustür aufging. „Rosalie?“ Ich klappte den Laptop schnell zu. Nathan kam mit einem Strauß frischer Blumen ins Schlafzimmer. Er hatte mir seit Monaten keine Blumen mehr mitgebracht. „Was ist das?“, fragte ich mit ruhiger Stimme. Er lächelte und trat näher. „Für meine zukünftige Frau.“ Er küsste meine Stirn. Ich erstarrte. Er bemerkte es sofort. „Alles in Ordnung?“ „Mir geht’s gut.“ „Du scheinst nicht in Ordnung zu sein.“ Seine Hand legte sich um meine Taille und zog mich an sich. „Ich habe dich vermisst.“ Ich sah zu ihm auf. Irgendetwas an seiner plötzlichen Zuneigung wirkte seltsam, fast absichtlich. Gestern hatte er kaum bemerkt, dass ich aufgebracht war. Heute berührte er mich, als wäre ich das Wertvollste in seinem Leben. „Ich dachte, wir könnten heute Abend zusammen essen gehen“, sagte er leise. „Nur du und ich.“ „Warum?“ Er lachte, ein warmes, melodisches Lachen, das mich normalerweise beruhigte. „Brauche ich einen Grund, um mit meiner Verlobten auszugehen?“ „Nein.“ Er küsste meine Wange. Doch anstatt mich geliebt zu fühlen, flammte die Unruhe in mir wieder auf. Nathan war noch nie so aufmerksam gewesen, wenn er nichts zu verbergen hatte. --- An diesem Abend, während Nathan duschte, suchte ich ganz hinten in meinem Kleiderschrank nach meiner alten Schmuckschatulle aus Holz. Ich brauchte etwas, das mir Halt gab – ein greifbares Stück meines Lebens, bevor alles so kompliziert geworden war. Darin waren alte Fotos, getrocknete Blumen, Quittungen und vergessene Kleinigkeiten. Fast ganz unten streiften meine Finger eine gefaltete Hotelrechnung. Fast hätte ich sie weggeworfen, doch dann fiel mir das Datum ins Auge: **14. Oktober.** Vor sechs Monaten. Genau in der Nacht, als ich Lucian kennengelernt hatte. Mir stockte der Atem. Die Rechnung war vom Grand Regency – genau dem Luxushotel, in dem ich diese schicksalhafte Nacht verbracht hatte. Aber die Zimmernummer oben war nicht die meiner Suite. Meine Finger umklammerten das dicke Papier fester. Dann fiel mein Blick auf den Namen unter den Reservierungsdetails: **Nathan Cole.** Ich konnte nicht atmen. Nathan. Das Datum war eindeutig. Es war dieselbe Nacht, in der er felsenfest behauptet hatte, bis 3 Uhr morgens an seinem Schreibtisch gesessen und gearbeitet zu haben. Ich starrte auf das Papier, bis die gedruckten Buchstaben verschwammen. Er war nicht im Büro. Er war im Grand Regency. Mein Kopf ratterte, ich suchte verzweifelt nach einer harmlosen Erklärung. Ein kurzfristiges Kundengespräch? Ein Firmenaufenthalt, gebucht von seiner Firma? Ich wollte ihm so sehr glauben. Doch dann hallte die SMS, die ich vor sechs Monaten auf seinem Handy gefunden hatte, in meinem Kopf wider: ***Sie weiß es noch nicht.*** Plötzlich fühlte sich diese Nacht vor sechs Monaten nicht mehr wie eine einzelne, schmerzhafte Erinnerung an. Sie fühlte sich an wie der Auslöser einer Falle, in die ich immer noch tappte. Die Badezimmertür öffnete sich und ein Schwall warmen Dampfes strömte heraus. Nathan trat heraus, ein Handtuch um den Hals. „Rosalie?“ Ich faltete den Kassenbon schnell in meine Handfläche und steckte ihn tief in meine Tasche. Er lächelte warm und strahlend. „Bereit fürs Abendessen?“ Ich sah den Mann an, den ich in drei Wochen heiraten sollte. Zum ersten Mal seit vier Jahren fragte ich mich, ob ich ihn jemals wirklich gekannt hatte. Und als er mir seinen Arm anbot, tauchte in der stillen Dunkelheit meines Geistes eine viel gefährlichere Frage auf: Wenn Nathan vor sechs Monaten in diesem Hotel war … war meine Begegnung mit Lucian Hayes dann wirklich nur Zufall?KAPITEL 11Arabella stand am Kopfende des langen Konferenztisches im Sitzungssaal von Cross Industries. Ihr schwarzes Kleid saß perfekt, ihre Stimme war so ruhig, dass man damit Glas hätte schneiden können.„Aus Respekt vor Leonard und den laufenden Ermittlungen werden beide anstehenden Zeremonien auf unbestimmte Zeit verschoben. Der Vorstand unterstützt diese Entscheidung einstimmig.“Nathan saß zwei Plätze von mir entfernt, sein Gesichtsausdruck war sorgfältig ernst, die Hände gefaltet wie bei einem Mann in aufrichtiger Trauer. Lucian schwieg am anderen Ende des Tisches; die Rolle des trauernden zukünftigen Stiefvaters lag ihm wie auf den Lippen. Niemand widersprach. Niemand rührte sich auch nur. Die Entscheidung war bereits gefallen, bevor wir den Raum betreten hatten.Die Sitzung endete nach zwanzig Minuten. Draußen warteten Kameras im grauen Nachmittagslicht. Arabella gab eine kurze Erklärung über familiären Zusammenhalt und Heilung ab; ihre Stimme war sanft genug für die Mikrofo
KAPITEL 10Nathan schloss meine Schlafzimmertür ab.Das sanfte Lächeln seines Verlobten war verschwunden. Seine Augen waren ausdruckslos, so ausdruckslos, dass die Luft im Raum noch dünner wirkte.„Du warst beschäftigt“, sagte er. „Finanzberichte. Briefkastenfirmen. Meine Reiseaufzeichnungen. Sogar das kleine Handy, das du aus dem Arbeitszimmer deines Vaters geklaut hast.“Mein Puls raste so heftig, dass ich ihn im Hals spürte. „Ich weiß nicht, wovon du redest.“„Hör auf.“ Er kam näher. Der Abstand zwischen uns schrumpfte fast auf null. „Ich habe es in deinem Schmuckkästchen gefunden. Cleveres Versteck. Nicht clever genug.“ Er hielt das zweite Handy zwischen zwei Fingern hoch, drehte es so, dass der schwarze Bildschirm das Licht einfing, und steckte es dann in seine Tasche, als wäre es schon immer sein Eigentum gewesen. „Du gräbst an Orten, die dir wehtun werden, Rosalie. Hör auf.“„Oder was?“Er sah mich lange an. Die Stille dehnte sich aus, bis sie fast schon absichtlich wirkte. „O
KAPITEL 9Lucians Handy erhellte um 1:14 Uhr die dunkle Küchentheke.Julians Stimme ertönte aus dem Lautsprecher, emotionslos und präzise. „Die Kamera sollte offline sein. Jemand hat sie in der Schießnacht für vier Minuten und zwölf Sekunden reaktiviert. Die Übertragung lief über einen alten Wartungsserver im Ostflügel. Das Foto wurde von diesem Fenster aufgenommen.“Lucians Kiefer zuckte. „Kannst du das komplette Videomaterial sichern?“„Nach dem Standbild beschädigt. Wer auch immer das getan hat, wusste genau, wie viel Zeit er brauchte.“Das Gespräch war beendet. Lucian legte den Hörer auf und sah mich an. Die Küche wirkte plötzlich kleiner, die Luft stickiger.„Dieser Flur grenzt an das Wohnzimmer deiner Mutter.“Ich wusste es bereits. Die Tapete auf dem Foto hatte mir alles verraten. Creme und Gold, dasselbe Muster, an dem ich schon tausendmal achtlos vorbeigegangen war. Jetzt war es mir jedes Mal präsent, wenn ich die Augen schloss. Ich verbrachte den nächsten Morgen im Büro mei
KAPITEL 8Das Krankenzimmer roch nach Desinfektionsmittel und altem Blut.Thomas Rivera lag, an weiße Kissen gelehnt, den linken Arm dick bandagiert, das Gesicht grau unter dem grellen Deckenlicht. Ein Mann, den ich noch nie zuvor gesehen hatte, stand mit verschränkten Armen in der Ecke – groß, dunkel gekleidet, mit einem Blick, dem nichts entging. Lucian nickte ihm einmal zu.„Julian Vance. Er arbeitet für mich.“Julian bot ihm nicht die Hand. Er beobachtete nur die Tür, als könnte sie jeden Moment aufbrechen und eine Bedrohung hereinbrechen.Thomas’ Stimme klang rau, rau von Schmerz und Medikamenten. „Miss Rosalie.“Ich trat ans Bett. Mein Puls raste bereits. „Ich bin hier.“Er schluckte langsam und vorsichtig. „Ich habe jemanden gesehen. Dunkler Mantel. Kapuze hochgezogen. Stand kurz vor den Schüssen in der Nähe des Seitentors. Durchschnittliche Größe. Bewegte sich leise. Als wüsste er genau, wo die Kameras waren.“„Haben Sie ein Gesicht gesehen?“ „Nein.“ Er schüttelte einmal den
KAPITEL 7Ich schloss die Badezimmertür ab und spielte die Sprachnachricht erneut ab.Die Stimme meines Vaters erfüllte den kleinen Raum, leise und eindringlich, dieselben Worte, die mir seit letzter Nacht im Kopf herumgingen.„Wenn mir etwas zustößt, trifft es nicht Rosalie. Es trifft denjenigen, der ihr am nächsten steht. Sag es Hayes. Er weiß schon einen Teil davon.“Die Aufnahme endete. Ich starrte auf das schwarze Handy in meiner Hand. Sieben verschlüsselte Nachrichten. Keine Namen. Keine klaren Daten. Nur diese eine Sprachnachricht, unverschlüsselt, als hätte er gewollt, dass sie jemand findet.Ich steckte das Handy zurück in die versteckte Tasche meines Bademantels und ging nach unten.Nathan war in der Küche und schenkte Kaffee ein, als wäre die Welt nicht vor zwei Nächten untergegangen. Er sah auf, als ich hereinkam, sein Lächeln war bereits auf seinem Gesicht.„Konntest du nicht schlafen?“„Nein.“Er stellte mir eine Tasse hin. „Komm her.“Ich rührte mich nicht. „Vor sechs
KAPITEL 6Die Stimme des Detectives durchdrang den kleinen Verhörraum wie ein Messer.„Miss Cross, die SMS wurde von einer Nummer gesendet, die mit einem Wegwerfhandy in Verbindung steht, das drei Blocks von Ihrem Anwesen entfernt gekauft wurde. Sie benutzte Ihren Namen. Darin stand, dass Sie im Sterben liegen und ihn am Seitentor brauchen. Er ging hin. Er starb. Erklären Sie mir das.“Ich war völlig verwirrt. Die Detectives stellten mir immer wieder dieselben Fragen.Ich saß mit flachen Händen auf dem kalten Metalltisch. Die Plastiktüte mit dem Handy meines Vaters lag zwischen uns, der Bildschirm leuchtete noch immer mit diesen Worten.*Hallo Dad, ich bin’s, Rosalie. Bitte hilf mir, ich sterbe. Ich brauche jetzt sofort deine Hilfe am Seitentor.*„Ich habe sie nicht geschickt“, sagte ich. Meine Stimme klang nur ruhig, weil ich sie dazu zwang. „Ich habe ihm in dieser Nacht keine SMS geschrieben. Ich war …“„Bei Lucian Hayes“, beendete der zweite Detective den Satz. „In seiner Suite. Wi







