LOGINDie Nacht war ruhig, als Eleanor die erste Meldung erhielt. Sie saß in ihrem provisorischen Büro, vor sich einen Stapel Papierakten, als das Feldtelefon summte. „Direktorin?“, sagte Junas Stimme, scharf und atemlos. „Wir haben einen Toten. Victor Almeida, unser Kurier in Lissabon. Er wurde heute Morgen gefunden. Offiziell ein Verkehrsunfall.“ Eleanor spürte, wie sich ihr Nacken verspannte. „Ein Unfall?“, fragte sie. „Die Spuren sehen falsch aus. Seine Bremsschläuche waren durchtrennt. Aber es wurde als Unfall gemeldet, damit niemand genauer hinsieht.“ Sie legte auf und blieb einen Moment sitzen. Ein kurzer, kalter Schauer lief ihr über den Rücken. Eine Stunde später rief Juna zurück. Ein zweiter Toter, eine Agentin in Warschau, ertrunken in ihrem Bad. Auch sie war als Unfall deklariert worden. Die dritte Meldung kam am nächsten Morgen. Ein ehemaliger Schleier-Mita
Die Pistole lag in der obersten Schublade, als Marcus die Hand darauf legte. Für einen Moment spürte er das kalte Gewicht des Metalls unter seinen Fingern. Er drückte die Schublade wieder zu und stand auf.Er würde sie nicht benutzen. Nicht so.Der Architekt wollte ihn als Werkzeug. Cassandra hatte ihn als Trittleiter benutzt. Eleanor hatte ihn gedemütigt. Aber niemand würde ihn noch einmal übersehen.Er ging zum Fenster und starrte hinaus auf die Stadt. Irgendwo dort draußen lauerte sein Feind, vielleicht mehrere Feinde. Er kannte nicht ihre Pläne, aber er würde lernen, das Spiel zu spielen.Sein Telefon summte. Eine Nachricht von Cassandra, scheinbar harmlos.„Ich habe das Abendessen vorbereitet. Wann kommst du nach Hause?“Er las die Worte zweimal und suchte nach einem Unterton. Es war nichts zu finden. Zu perfekt. Sie war zu perfekt.„In einer Stunde“, schrieb er zurück.Er legte das Telefon in die
Das Büro war zu groß für einen einzelnen Mann. Die hohen Decken, die Glasfront, die den Blick über die ganze Stadt freigab, die Kunstwerke an den Wänden, für die andere ein Vermögen bezahlt hätten. Marcus Hayes stand am Fenster und sah auf die Lichter von Manhattan. Aber er sah sie nicht. Er sah nur die Schlagzeilen, die sich in seinem Kopf wiederholten.„Propagandamaschine enttarnt. Millionenfach betrogen. Hayes zieht sich zurück.“Er hatte sich zurückgezogen. Nicht weil er wollte, sondern weil er musste. Der Druck war zu groß geworden, die Fragen zu viele, die Beweise zu erdrückend.Aber er würde zurückkehren. Er musste nur die richtigen Verbindungen aktivieren. Die anonymen Geldgeber, die ihn in den letzten Monaten unterstützt hatten, die Kontakte, die er in Regierungen und Geheimdiensten aufgebaut hatte. Jemand würde ihn retten. Das war immer so gewesen.Er griff zum Telefon und wählte die Nummer, die er für Notfälle reserviert hatte
Die Zentrale des Schleiers hatte sich in eine Festung verwandelt. Eleanor hatte die Notfallprotokolle aktiviert, die alten Kontakte geweckt und ein Netzwerk aus Boten und sicheren Häusern aufgebaut, das nicht auf Server angewiesen war. Die Menschen um sie herum arbeiteten mit einer Ruhe, die sie selbst nicht spürte.Sie saß in ihrem provisorischen Büro, einem Raum ohne Fenster, in dem nur ein Tisch, ein Stuhl und ein Feldtelefon standen. Auf dem Tisch lagen die vergilbten Akten, die sie aus dem Safe geholt hatte. Sie blätterte durch die Seiten, las Namen und Daten, die sie halb vergessen hatte. Es waren die Namen von Agenten, die vor einem Jahrzehnt für den Schleier gearbeitet hatten, als alles noch mit Papier und Kurier lief. Einige waren tot. Einige waren verschollen. Einige mochten noch loyal sein.Ihr Feldtelefon summte. Sie hob ab.„Ja?“Juna war am anderen Ende der Leitung. Ihre Stimme klang angespannt.„Eleanor, wir haben
Das Zimmer war klein, fensterlos und roch nach altem Papier und Mottenkugeln. Eleanor saß an einem wackligen Holztisch, auf dem drei Laptops standen, deren Bildschirme ein schwaches blaues Licht in die Dunkelheit warfen. Neben ihr lag eine vergilbte Straßenkarte, auf der sie mit rotem Stift einige Orte markiert hatte. Aber ihre Aufmerksamkeit galt dem zentralen Bildschirm, auf dem ein Livestream einer kleinen Wetterstation in der Arktis flimmerte. Der Wetterkanal war nur eine Tarnung. In den Datenstrom eingebettet lief ein verschlüsseltes Signal, das sie in den letzten Stunden aufgebaut hatte.„Juna“, sagte sie, ohne aufzusehen. „Hast du den Router?“Eine junge Frau mit kurzen schwarzen Haaren und dicken Brillengläsern kniete neben einer wilden Anordnung aus Kabeln und Metallboxen. Sie schob sich die Brille hoch.„Fast. Noch drei Minuten, dann ist die Verbindung stabil.„Wir haben keine drei Minuten. Die nächste Satellitenpassage dauert
Das Blitzlicht flammte auf, und Cassandra Steele lächelte in die Kamera. Sie hielt den Kopf leicht schräg, ließ das Licht auf ihre Wangenknochen fallen und betonte die Linie des roten Kleides, das ihre Schultern freilegte. Der Fotograf schlug die Beine übereinander und drückte erneut ab. Noch ein Bild. Noch ein Lächeln.Sie war die schönste Frau im Raum. Sie war die mächtigste Frau im Raum. Zumindest wenn man den Blicken der anderen glauben durfte.„Ein letztes Bild, Mrs. Hayes“, sagte der Fotograf.Sie lächelte breiter, obwohl der Name in ihrem Inneren einen Stich hinterließ. Mrs. Hayes. Sie hatte den Namen von Eleanor gestohlen, so wie sie den Mann gestohlen hatte. Aber jetzt gehörte er ihr. Zumindest für die Öffentlichkeit.Nach dem Fotoshooting trat ein junger Assistent mit einem Tablet heran.„Mrs. Hayes, das Interview beginnt in einer Stunde. Danach haben Sie das Abendessen mit dem Premierminister.Sie nahm das Gl
Die kalte Nachtluft traf Eleanor ins Gesicht wie eine Ohrfeige, als sie aus dem Anwesen der Blackwoods taumelte. Ihr smaragdgrünes Kleid flatterte hinter ihr her, der zarte Stoff verfing sich in den Rosenbüschen, während sie hastig den gepflegten Weg hinuntereilte. Das ferne Summen der Gala verklan
Eleanor richtete die schwarze Seidenmaske, die die obere Hälfte ihres Gesichts bedeckte, während die feine Spitze leicht über ihre Haut kratzte. Das gedämpfte Licht des unterirdischen Auktionshauses warf lange Schatten über den Marmorboden, und die Luft roch nach teurem Parfüm und Geheimnissen.Die
Das laute Klopfen an Eleanors Penthouse-Tür wurde stärker und riss sie aus ihren Gedanken. Zögernd zog sie ihren Bademantel enger um sich.Wer könnte um diese Uhrzeit hier sein?Dann erklang eine vertraute Stimme durch die Tür – tief, warm und voller Besorgnis.„Eleanor? Mach auf. Ich bin’s.“Ihr V
Das Anwesen der Blackwoods leuchtete wie ein Juwel vor dem dunklen Himmel von New York. Jedes Fenster strahlte hell, und das Geräusch von Lachen und klirrenden Gläsern schwebte durch die Nachtluft. Drinnen bewegte sich Eleanor Hayes durch den überfüllten Ballsaal, ihr smaragdgrünes Kleid wirbelte u







