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Kapitel Zwei: Sein Zimmer, meine Regeln

Author: Nicole
last update publish date: 2026-10-17 10:43:13

Harpers Perspektive

Einen Moment lang rührte sich keiner von uns. Ich saß in seinem alten T-Shirt da und wurde mir plötzlich sehr bewusst, dass ich seine Kleidung trug. Sein Blick fiel auf das Shirt, dann zurück auf mein Gesicht, und ein Mundwinkel kräuselte sich zu einem Grinsen. Uh, lachte er mich etwa aus?

„Raus", sagte ich. Meine Stimme brach. Ich klammerte mich fester an die Decke, zog die Knie an die Brust und vergrub das Gesicht darin.

„Es ist mein Zimmer." Er sagte es, als wäre es offensichtlich. „Du bist diejenige, die sich entschuldigen sollte."

„Mir hat niemand gesagt, dass du es sein würdest, der sich hier hereinschleicht, um ..." Ich blickte auf die Uhr. „Sechs Uhr morgens."

„Ich schleiche nicht, Bucky. Mir gehört der ganze Laden hier."

Ich hasste diesen Namen. Wir hatten uns kennengelernt, als ich wegen eines Fußballunfalls eine Zahnspange trug, und Ezra hatte sie wie ein persönliches Geschenk behandelt. Er hatte mich ständig aufgezogen, an meinen Zöpfen gezogen, und am Ende jenes Sommers war aus Harps Buck Teeth geworden und aus Buck Teeth Bucky. Ezra war und blieb ein Idiot.

Er durchquerte das Zimmer und öffnete an der Kommode seine Uhr. Ich verfolgte jede seiner Bewegungen, bereit für das, was als Nächstes kam. Er erwischte mich dabei, wie ich ihn im Spiegel böse anstarrte.

„Du siehst furchtbar aus", sagte er. „Harte Nacht?"

„Du hast ja keine Ahnung."

„Will ich auch nicht." Er zog ein Bündel Geldscheine aus der Schublade und steckte es in seine Hosentasche. „Frühstück gibt es um sieben, aber du brauchst gar nicht erst herunterzukommen. Es gibt Pellkartoffeln." Er streckte angewidert die Zunge heraus und grinste mich dann wissend an.

Nach all den Jahren wusste er noch immer, dass ich Pellkartoffeln hasste. Meine Brust machte etwas Seltsames, und ich ignorierte es.

„Ich hatte ohnehin nicht vor zu frühstücken", sagte ich, nur um die Spitze zu mildern.

Er nickte und wandte sich zum Gehen. An der Tür sprach er, fast wie nebenbei, ohne sich umzudrehen. „Ach ja. Alles Gute zum Geburtstag übrigens."

Die Tür fiel zu, bevor ich entscheiden konnte, ob das eine Beleidigung gewesen war.

Idiot, dachte ich.

Ich ließ mich zurück aufs Kissen fallen und starrte die Decke an, wütend auf mich selbst, weil ich mich von ihm so hatte sehen lassen. Ich schrie in mein Kissen. Es war mein letztes Mittel, um mich zu beruhigen.

Mein Handy vibrierte.

Zach: Können wir reden? Bitte. Nur 20 Minuten.

Mein Daumen schwebte über „Löschen". Dann stellte ich mir einen ganzen Tag vor, gefangen in diesem Haus, umgeben von der aufgesetzten Fröhlichkeit meiner Mutter und Ezras kaltem Schweigen. Ich tippte die Antwort, bevor ich es mir anders überlegen konnte.

Ich: Marchetti's. Mittag. Komm nicht zu spät.

Er sollte das bloß nicht mit Vergebung verwechseln. Das hier war ein Fluchtweg, auch wenn es hieß, den Nachmittag mit einem Mistkerl zu verbringen.

Er saß schon am Tisch, als ich ankam. Das war völlig untypisch für ihn. Normalerweise kam er zu allem zu spät, außer zu seinen Fußballspielen und Scout-Treffen. Er sah auch fast verantwortungsbewusst aus, das Haar gekämmt, das Hemd gebügelt, wie ein Mann, der den gestrigen Tag nicht damit verbracht hatte, in einem Hausmeisterraum eine andere zu küssen. Er stand auf, als er mich sah, und zog mir den Stuhl zurück. Diese Höflichkeit drehte mir den Magen um. Was für ein Heuchler.

„Du bist gekommen", sagte er, als hätte ich ihm ein Geschenk gemacht.

„Ich wollte nur ein bisschen frische Luft schnappen." Ich setzte mich und behielt meinen Mantel an, so viel Abstand wie möglich haltend an einem Tisch von gerade mal anderthalb Metern. Ich blieb nicht lange. Ich hatte kein Interesse an der Ausrede, die er und dieses Mädchen sich zusammengebastelt hatten.

„Harp, hör zu, wegen gestern ..."

„Es gibt kein ‚wegen gestern', Zach. Ich habe dich gesehen."

„Ich weiß, ich weiß. Ich werde mich nicht herausreden." Er hob die Hände in einer Geste der Kapitulation, aber ich hörte die Ausrede schon kommen. „Aber du musst verstehen, zwischen uns war es schon eine ganze Weile nicht mehr wie früher. Du warst distanziert. Abgelenkt. Ein Typ kann nur so lange geduldig sein, bevor er anfängt, nach ... zu suchen."

„Wonach? Nach jemandem im Hausmeisterraum?"

Meine Stimme wurde laut genug, dass das Paar am Nachbartisch herübersah und tuschelte. Es war mir egal. Etwas Heißes, Wütendes stieg mir in die Kehle. Ich war so müde davon, gleichzeitig zu viel und nicht genug zu sein.

„Du darfst das nicht zu meiner Schuld machen. Du darfst nicht in deinem gebügelten Hemd dasitzen und so tun, als hätte ich dich dazu getrieben ..."

„Harper."

Eine tiefe, unbeeindruckte Stimme schnitt glatt durch meine.

Ich drehte mich um. Ezra stand am Rand unseres Tisches, die Hände in den Taschen, sein Gesicht so starr, dass man sich fragte, ob er überhaupt lebte. Er sah nicht mich an. Er sah Zach an, und Zach schrumpfte sichtbar auf seinem Stuhl zusammen.

„Verzeihung, dass ich störe." Er klang kein bisschen, als täte es ihm leid. „Ich bin Ezra. Harpers Bruder."

Er hielt ihm die Hand hin, und Zach ergriff sie aus Reflex. In dem Moment, in dem sich ihre Handflächen berührten, zuckte Zachs Gesicht vor Schmerz, schnell verborgen. Ezra hatte ein klein wenig zu fest zugedrückt, und nicht aus Versehen.

„Bruder?" Zach warf mir einen Blick zu, als hätte ich ihn verraten.

„Stiefbruder, genau genommen." Ezra ließ seine Hand los. „Aber ich halte nichts von Spitzfindigkeiten."

Er zog den leeren Stuhl neben mir heraus und setzte sich ungefragt, einen Arm lässig über die Lehne meines Stuhls gelegt. Es wirkte beiläufig, aber es fühlte sich an wie ein Warnschuss.

„Du musst Zach sein. Harper hat mir so wenig von dir erzählt, was meistens eins von zwei Dingen bedeutet. Entweder bist du keine Erwähnung wert, oder sie schämt sich."

Zachs Kiefer spannte sich an. „Ich sehe nicht, was dich das angeht."

„Alles, was meine Schwester betrifft, geht mich etwas an." Sein Ton wurde nie lauter, und irgendwie machte das es nur schlimmer. „Von dem Unfall im Flur habe ich übrigens gehört."

Zachs Augen weiteten sich. Für einen Moment dachte ich fast, er sähe beschämt aus. Ich hatte die Beiträge im Campus-Gruppenchat gesehen. Das Mädchen war irgendeine Cheerleaderin, die mit ihm in einem Politikkurs saß. Was ich nicht verstand, war, woher Ezra das wusste.

Ezra neigte den Kopf, beinahe freundlich. „Sag mal, gehört der Diebstahl geistigen Eigentums zu deinem Studienfach? Oder war das Fremdgehen nur ein Hobby, das du nebenbei aufgegriffen hast?"

„Wie bitte?"

„Deine Abschlussarbeit." Ezra lächelte, und es war das Kälteste, was ich den ganzen Tag gesehen hatte, kälter als der Regen, kälter als sein leeres Zimmer. „Die, die dein Betreuer gerade auf Plagiate prüft. Ich hatte heute Morgen ein sehr interessantes Gespräch mit dem Fachbereichsleiter. Kleine Welt. Wie sich herausstellt, sitze ich im Vorstand, der dein Stipendium finanziert."

Die Farbe wich so schnell aus Zachs Gesicht, dass er mir fast leidtat.

„Du ...", begann Zach und brach ab. Er war klug genug, nichts zu einem Mann zu sagen, der soeben seine gesamte akademische Laufbahn gelassen in die Luft gejagt hatte.

„Gutes Gespräch." Ezra stand auf und zog seine Manschette gerade, als hätte er nicht gerade in vier Sätzen jemandes Leben ruiniert. Dann sah er mich zum ersten Mal an, seit er sich gesetzt hatte, und sein Gesichtsausdruck wurde weicher. „Harper. Mom fragt, wo du abgeblieben bist. Der Wagen steht draußen, wann immer du so weit bist."

Er ging davon, ohne auf eine Antwort zu warten.

Ich saß einem Mann gegenüber, der plötzlich sehr klein aussah. Zwei Angestellte führten Zach aus dem Restaurant, das Gesicht rot vor Wut.

„Dafür wirst du bezahlen, Harper!", schrie er, bevor er um die Ecke verschwand.

Ich starrte den leeren Stuhl neben mir an.

Hatte Ezra mich gerade vor meinem betrügerischen Ex verteidigt?

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