Der Versteckte Wunsch meines Stiefbruders

Der Versteckte Wunsch meines Stiefbruders

last updateLast Updated : 2026-10-27
By:  NicoleUpdated just now
Language: Deutsch
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An meinem 21. Geburtstag habe ich meinen Freund beim Fremdgehen erwischt. Um Mitternacht hatte ich keinen Freund mehr, kein Zuhause und keinen anderen Ort, an den ich gehen konnte, außer das Bett meines Stiefbruders. Ezra Whitfield und ich hassen uns seit drei Jahren. Er ist gegangen, ohne ein Wort, ohne eine Erklärung, ohne auch nur ein Auf Wiedersehen, und ich habe nie verstanden, warum. Jetzt schlafe ich unter seinem Dach, trage sein altes Shirt und versuche mich genau daran zu erinnern, warum ich geschworen hatte, nie wieder mit ihm zu sprechen. Er ist kalt. Kontrollierend. Er sieht mich an wie ein Problem, das er noch nicht gelöst hat. Er ist auch der Einzige, der für mich da war, jedes einzelne Mal, wenn alle anderen in meinem Leben gegangen sind. Dann taucht auf seinem Handy ein Foto auf. Mein Vater. Ein Gerichtsgebäude. Und Ezras Gesicht wird kreidebleich, auf eine Art, die nichts mit Eifersucht zu tun hat und alles mit einem Geheimnis, das seit drei Jahren in ihm gärt. Ich dachte, meine Familie sei zufällig zerbrochen. Ich dachte, mein Stiefbruder sei gegangen, weil ihm alles egal geworden war. In beidem lag ich falsch, und die Wahrheit ist so viel schlimmer als beides. Jemand hat die Lüge, die meine Familie zerstört hat, Stück für Stück gebaut, mit Absicht. Und der Mann, in den ich mich verliebe, hat mich die ganze Zeit davor beschützt. Jetzt muss ich mich entscheiden: Alles niederbrennen, um die Wahrheit ans Licht zu bringen, oder den einen Menschen verlieren, der mich nie allein hat brennen lassen. Manche Geheimnisse sind nicht nur verborgen. Sie sind Waffen. Und meine geht gleich in meinem eigenen Haus los.

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Chapter 1

Kapitel Eins

Harpers Perspektive

Mein Handy vibrierte in meiner Hand. Es war eine Nachricht von meiner besten Freundin Mia.

Mia: Komm zum Hausmeisterraum im dritten Stock. Ich habe eine Überraschung für dich! Komm sofort!

Ich grinste wie eine Idiotin, als ich aus der Bibliothek rannte. Heute war mein einundzwanzigster Geburtstag, und Mia wusste immer, wie sie mich auf die Folter spannen konnte. Ich schwebte förmlich durch den vollen Flur, wich Rucksäcken aus, und mein Herz machte einen kleinen glücklichen Hüpfer. Was sie mir wohl besorgt hatte? Vielleicht die Konzerttickets, um die ich sie seit Ewigkeiten anbettelte.

Ich war ganz aus dem Häuschen, aber als ich um die Ecke in den dämmrigen, stillen Gang bog, in dem der Raum lag, kippte die Vorfreude in meiner Brust plötzlich um.

Ich blieb stehen. Hinter der schweren Holztür waren Geräusche zu hören. Gedämpftes Kichern. Leises Flüstern. Mein Gesicht glühte vor Verlegenheit. Igitt, dachte ich und trat einen Schritt zurück. Mia war ganz sicher nicht da drin. Irgendwer nutzte den abgelegenen Gang einfach für eine schnelle Knutscherei. Ich verdrehte die Augen und wollte mich abwenden. Ich hatte keine Lust, zwei Turteltäubchen in einer Abstellkammer zu stören.

„Psst, sonst hört uns jemand", kicherte ein Mädchen. Ich rümpfte die Nase. Das wurde wirklich peinlich, und das war eindeutig mein Zeichen zu gehen.

Dann drang eine Stimme durch den stillen Flur. Sie ließ mich auf der Stelle erstarren. Mein Blut wurde zu Eis.

„Gott, du bist so viel lustiger als sie", flüsterte ein Typ, die Stimme warm vor Lachen.

Mir wurde der Boden unter den Füßen weggezogen. Meine Brust schnürte sich so fest zusammen, dass ich kaum atmen konnte. Ich kannte diese Stimme. Ich hätte sie überall erkannt.

Es war Zach.

Mein Zach. Mein Freund seit zwei Jahren. Der Typ, der mir heute noch nicht einmal „Alles Gute zum Geburtstag" geschrieben hatte, versteckte sich gerade mit einem anderen Mädchen in einem dreckigen Hausmeisterraum.

Bevor mein Verstand den Schmerz überhaupt begreifen konnte, überrollte mich heiße Wut. Ich konnte mich nicht bremsen. Meine Hände handelten von allein. Ich stürmte vor und riss die schwere Tür auf.

Die Tür knallte gegen die Wand, aber Zach zuckte zuerst nicht einmal zusammen. Er war völlig in ihr versunken und hielt das Gesicht des Mädchens in den Händen, als wäre sie etwas Kostbares. Es fühlte sich an wie eine Ohrfeige. Zu sehen, wie er eine andere so ansah, wie er früher mich angesehen hatte, ließ einen widerlichen, erstickenden Kloß in meinem Hals wachsen.

„Du verlogener Betrüger", brachte ich hervor.

Die Worte waren kaum mehr als ein Flüstern, aber sie ließen den Raum zerbersten.

Zach erstarrte. Sein Kopf fuhr zu mir herum, und seine Augen weiteten sich in purer, nackter Panik. Er stolperte rückwärts und versuchte verzweifelt, sich vor das Mädchen zu stellen, damit ich nicht sehen konnte, wer sie war.

„Harp?", stammelte Zach, und seine Stimme brach. Er sah sich in der winzigen Kammer um, als suchte er einen Fluchtweg. „Was ... was machst du denn hier?"

Ernsthaft? Die schiere Dummheit der Frage ließ eine heiße Träne über meine Wimpern quellen und mir über die Wange rollen. Das war alles, was er zu sagen hatte?

Tränen liefen mir schon über das Gesicht, und meine Stimme zitterte bei jedem Wort. „Du betrügst mich die ganze Zeit schon?"

Ich beugte mich zur Seite, um zu sehen, wer sie war, aber er versperrte mir mit seinen breiten Schultern die Sicht. Er trat in den Flur hinaus, zupfte sein zerknittertes Hemd zurecht und fuhr sich mit der Hand durchs Haar wie ein jämmerliches Model.

„Hör zu, Süße." Seine Augen wurden weich und traurig wie bei einem Welpen. „Du warst nie da, Harp. Immer die Bibliothek, immer deine Lerngruppe, immer zu beschäftigt. Ich war einsam, also habe ich jemanden gefunden, der Zeit für mich hat. Wir sind seit zwei Jahren zusammen. Du hast mir praktisch keine andere Wahl gelassen." Er sagte das alles in einem Atemzug.

Er stand da wie ein Heiliger, wie das Opfer. Er war der Betrüger, und irgendwie sollte ich die Schuldige sein.

„Keine andere Wahl?" Ich stieß ihm den Finger gegen die Brust, und er taumelte einen Schritt zurück. „Du hast gesagt, du hättest Geduld mit mir, Zach. Du hast gesagt, du verstehst das."

Seine Stirn legte sich in Falten. „Komm schon, Harp. Du hast doch nicht ernsthaft geglaubt, dass ich das so meine."

Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen. Mein Magen verknotete sich schmerzhaft. Die Traurigkeit war verschwunden, und an ihre Stelle trat ein lodernder Zorn.

„Es ist aus, Zach", zischte ich, und meine Stimme sank zu einer tödlichen, wilden Ruhe. „Ruf mich nie wieder an. Du verlogene, betrügerische Schlange!"

Ich schubste ihn, diesmal fester, so fest, dass er gegen die Wand prallte. Dann machte ich auf dem Absatz kehrt, um zu gehen.

Er griff nach meinem Handgelenk. „Harper, warte ..."

Ich riss meinen Arm los, als bestünden seine Finger aus Säure. Ich drehte mich um und ging davon, das Kinn hoch erhoben, auch als mir eine neue Welle heißer Tränen die Sicht nahm. Ich sah nicht zurück. Ich ging einfach weiter und ließ ihn mit seinen erbärmlichen Ausreden allein im leeren Flur stehen.

Ich konnte nicht zurück in den Kurs. Ich rannte vom Campus, verzweifelt auf der Suche nach irgendeinem Ort, der nicht mein Wohnheim war. Ich hatte es nicht einmal bis zum Haupttor geschafft, als mir ein Regentropfen auf die Wange fiel. Binnen Minuten stand ich mitten in einem Wolkenbruch.

„Na toll", zischte ich mich selbst an. Dad war auf Geschäftsreise, und meine Schlüssel lagen noch in meinem Zimmer. Ich zog mein Handy heraus, aber es gab niemanden, den ich anrufen konnte. Ich scrollte weiter, und mein Daumen blieb an einem Namen hängen. An jemandem, mit dem ich mir geschworen hatte, nie wieder zu sprechen.

Ein Blitz zuckte über den Himmel. Mein Körper zitterte im kalten Regen, und ich hatte keinen anderen Ort, an den ich gehen konnte.

Welche bessere Wahl blieb mir schon?

Dreißig Minuten später hielt mein Taxi vor einer riesigen Villa. Sie war viel größer, als ich sie in Erinnerung hatte, aber was hatte ich von dem größten Bauunternehmer der Stadt anderes erwartet? Ich öffnete die Tür, und jemand eilte mit einem Regenschirm und besorgtem Gesicht auf mich zu.

„Liebling, ich hätte dir doch einen Wagen schicken können." Sie wischte mir mit ihrem Taschentuch die Wangen ab, und ich ließ es geschehen. „Das war nicht nötig, Mom. Ich bleibe nicht lange", sagte ich ausdruckslos.

„Ich dachte nicht, dass du deinen Geburtstag mit mir verbringen willst, weil dein Vater ja ..."

„Können wir das bitte lassen? Ich bin nicht deinetwegen hier."

Ich sah auf und erblickte die Enttäuschung auf ihrem Gesicht. Vielleicht war ich ein bisschen zu hart gewesen.

Moms Gesicht fiel für einen halben Moment in sich zusammen, dann ordnete sie es zu einem warmen Lächeln, so wie immer, wenn ich etwas Verletzendes gesagt hatte. „Natürlich. Verstehe." Sie strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr, eine Angewohnheit, die ich eher als nervös denn als elegant erkannte, egal wie mühelos sie dabei aussah. „Komm erst mal rein, bevor du dich erkältest."

Sie führte mich durch die Eingangstür und durch ein Foyer, das größer war als mein ganzer Wohnheimflur. Ein Kronleuchter warf goldenes Licht auf den Marmor, auf den ich Regenwasser tropfte. Ich hätte mich fast entschuldigt, bis mir einfiel, dass es mir egal war.

„Wo ist Richard?", fragte ich. Ich hatte wirklich keine Lust, dem Mann über den Weg zu laufen, der Mom von Dad weggenommen hatte. Dafür hasste ich sie. Sie war eine schöne Frau, und ich sah ihr sehr ähnlich. Aber wir waren nicht gleich. Ich lief nicht weg, wenn es schwierig wurde, und ich gab die Menschen, die ich liebte, nicht aus Gier auf.

„Auf Geschäftsreise. In Singapur, glaube ich, oder vielleicht Seoul. Ich bringe seine Städte immer durcheinander." Sie sagte es leichthin, mit einem kleinen Lachen. Ich sah nicht, was daran so lustig sein sollte.

„Und Ezra ist ..." Sie hielt inne, als überlegte sie, wie viel sie erzählen sollte. „In seiner Wohnung in der Innenstadt. Du hast das Haus also heute Nacht für dich."

Ezra. Ich hatte diesen Namen seit drei Jahren nicht mehr laut gehört, und er traf mich immer noch wie ein Stein, der in stilles Wasser fällt. Aber wenigstens musste ich heute Nacht nur mit einem Verräter fertigwerden.

„Ich kann einfach das Gästezimmer nehmen", sagte ich schnell.

„Das wird gerade gestrichen, Liebling. Überall Abdeckplanen." Sie stieg schon die Treppe hinauf und erwartete, dass ich ihr folgte. „Du schläfst in Ezras altem Zimmer. Es ist frisch bezogen, und er hat bestimmt nichts dagegen."

Ich wollte sagen, dass ich etwas dagegen hatte. Heraus kam nur Schweigen, denn zu streiten hieß zu erklären, und zu erklären hieß, Dinge noch einmal zu durchleben, die ich drei Jahre lang zu vergessen versucht hatte.

Seine Tür lag am Ende des Flurs, die zweite von hinten. Sie öffnete sie und trat zurück, um mich hineinzulassen, und einen Moment lang sprach keine von uns.

Es hatte sich nichts verändert. Das war das Schlimmste. Dieselbe marineblaue Bettwäsche, dasselbe Regal voller verstaubter Pokale, dasselbe gerahmte Foto auf dem Schreibtisch, das ich mich weigerte, direkt anzusehen. Es roch sogar nach ihm, oder nach meiner Erinnerung an ihn: Zedernholz und etwas Sauberes, als wäre er erst vor fünf Minuten hinausgegangen. Mein Blick fiel auf das riesige Regal über dem Bett. Es war noch genau so, wie ich es in Erinnerung hatte, nur dass mehr Andenken hinzugekommen waren.

Ezra war ein bisschen ein Reisender und brachte von seinen Abstechern immer irgendetwas mit. Ich erinnerte mich noch an die vietnamesische Teekanne, die ich zerbrochen hatte. Der Gedanke brachte mich zum Lachen. Er hatte an dem Tag so wütend ausgesehen.

„Ich bringe dir ein Handtuch und etwas Trockenes zum Schlafen", sagte Mom und riss mich aus meinen Gedanken. „Ich hab dich lieb, Harper. Alles Gute zum Geburtstag."

Ja, danke für die Erinnerung, dachte ich. Die Tür klickte ins Schloss, und ich war allein in einem riesigen Zimmer mit fragwürdigem Einrichtungsgeschmack.

Ich duschte in seinem Bad und zog eines seiner alten T-Shirts an, das Einzige in der Schublade, das kein steifes Businesshemd und kein Kapuzenpulli von der Größe eines Zelts war. Es reichte mir trotzdem bis zu den Knien. Ich versuchte sehr, nicht darüber nachzudenken, dass es nach ihm roch.

Schlaf kam nicht leicht. Ich lag da und starrte seine Zimmerdecke an und spielte die Szene im Hausmeisterraum wieder und wieder ab. Zachs dämliches, selbstzufriedenes Gesicht. Die zwei Jahre, die ich damit verschwendet hatte, jemandem treu zu sein, der die Tage gezählt hatte, bis er endlich nicht mehr so tun musste. Jedes Mal, wenn ich die Augen schloss, sah ich es wieder: seine Hände in ihrem Haar, ihr Lachen, die beiläufige Grausamkeit von „du bist so viel lustiger als sie", als wäre ich nicht einmal eine richtige Beleidigung wert.

Ich weiß nicht, wann ich endlich eindöste. Ich weiß nur, dass ich vom Geräusch der Tür aufwachte. Es klopfte nicht. Sie wurde einfach leise geöffnet. Ich kniff die Augen zu. Mom dachte ganz bestimmt nicht, dass Frühstück im Bett uns einander näherbringen würde.

Dann räusperte sich jemand.

Ich fuhr hoch, die Decke an die Brust gepresst, mein Herz schlug mir bis zum Hals. Ich blickte direkt in ein Paar Augen, die ich seit drei Jahren nicht gesehen hatte. Sie weiteten sich, nur ein wenig. Er stand da in einem schwarzen Hemd und Bundfaltenhosen, eine Hand an einem Koffer, an die Wand gelehnt. Er sah älter und schärfer aus, als ich ihn in Erinnerung hatte, und ich hasste es, dass mir das auffiel.

„Nun", sagte Ezra, die Stimme rau vor Belustigung. „Das ist nicht die Person, die ich in meinem Bett erwartet hätte."

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