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Kapitel 3 - Der Morgen danach

Author: Lina
last update Petsa ng paglalathala: 2026-04-27 00:46:29

Die erste Nacht brachte Lina kaum Schlaf. Nicht, weil das Bett unbequem gewesen wäre oder das alte Haus bei jeder Bewegung knarrte. Es war die Stille, die sie wach hielt. Eine Stille, die nicht leer wirkte, sondern gefüllt mit etwas, das sich nicht benennen ließ. Etwas, das sich anfühlte, als würde der Wald selbst lauschen und darauf warten, dass sie etwas sagte, das er verstehen konnte.

Mehrmals war sie eingeschlafen, nur um kurz darauf wieder aufzuschrecken, überzeugt davon, Schritte vor dem Haus gehört zu haben oder das leise Kratzen an der Wand. Doch wenn sie dann lauschte, blieb nichts außer dieser tiefen Ruhe, die alles verschluckte. Irgendwann hatte sie aufgehört, auf die Uhr zu sehen.

Als der Morgen graute, stand sie auf, noch bevor der Wecker klingelte.

Das Licht war blass, kaum mehr als ein matter Schimmer, der sich durch die Bäume drückte und den Raum in ein gedämpftes Grau tauchte. Der Wald nahm selbst dem Morgen die Schärfe, als wolle er entscheiden, wie viel Helligkeit hier erlaubt war.

Lina zog sich an, band die Haare zu einem lockeren Knoten und wusch sich mit kaltem Wasser das Gesicht. Ihr Spiegelbild wirkte müder, als sie sich fühlte. Unter den Augen lagen feine Schatten, doch in ihrem Blick lag etwas anderes als Erschöpfung.

Wachsamkeit.

Sie nahm ihr Notizbuch, steckte es in die Tasche ihrer Jacke und trat hinaus auf den kleinen Vorplatz des Gästehauses.

Die Luft war kalt, aber klar. Der Wald roch nach feuchtem Moos, frischem Harz und dunkler Erde. Für einen Moment blieb sie stehen und atmete tief ein. Der Geruch beruhigte und beunruhigte zugleich, als würde er etwas versprechen, das sich noch nicht zeigte.

Das Dorf lag still da. Kein Motorengeräusch, keine Stimmen, keine offenen Fenster. Nur irgendwo in der Ferne schlug eine Tür. Selbst das klang gedämpft.

Sie wollte gerade den Weg zum Dorfplatz einschlagen, als sie ihn sah.

Er stand dort, einige Meter entfernt, am Rand des Pfades, als hätte er die ganze Nacht gewartet.

Nicht nah.

Nicht aufdringlich.

Aber präsent.

Sein Blick lag ruhig und aufmerksam auf ihr, und obwohl er sich nicht bewegte, wirkte es, als würde er den Raum zwischen ihnen kontrollieren, als wäre er derjenige, der entschied, wie nah sie kommen durfte.

Lina blieb stehen. Nicht aus Unsicherheit, sondern weil etwas in ihr spürte, dass er der Grund war, warum sie hier war, auch wenn sie das nicht erklären konnte.

Er trat einen Schritt aus dem Schatten, und das frühe Licht fiel auf sein Gesicht.

Scharf geschnittene Züge. Dunkles Haar. Augen, die mehr sahen, als sie zeigten. Seine Haltung war gelassen, aber nicht locker. In ihm lag eine Spannung, die nichts mit Nervosität zu tun hatte. Eher die Ruhe von jemandem, der jederzeit handeln konnte.

Nicht gefährlich.

Nur anders.

„Du bist die Journalistin“, sagte er.

Seine Stimme war tief und ruhig, ohne jede Eile. Sie passte zu ihm, als wäre jedes Wort etwas, das er erst sprach, wenn es notwendig war.

Lina nickte. „Lina.“

Er neigte leicht den Kopf, als würde er den Namen prüfen.

„Ich weiß.“

Eine Augenbraue hob sich. „Das Dorf ist klein, hm.“

„Klein genug.“

Keine Härte, kein Lächeln. Nur eine Feststellung.

Einen Moment standen sie einfach da. Die Stille zwischen ihnen war nicht unangenehm. Eher gespannt, wie ein Faden, der sich langsam straffte.

Lina spürte, dass er sie beobachtete, aber nicht aus Neugier. Eher so, als würde er etwas in ihr suchen, das sie selbst noch nicht kannte.

„Ich hab dich gestern gesehen“, sagte sie schließlich. „Auf dem Platz.“

„Ich weiß.“

Wieder dieser Ton, der weder entschuldigend noch kalt war. Eher selbstverständlich, als wäre es normal, dass er dort gestanden hatte.

„Beobachtest du jeden Fremden so?“

Er hielt ihrem Blick stand, ohne zu blinzeln.

„Nur die, die wichtig sind.“

Etwas zog sich in ihr zusammen. Nicht aus Angst, sondern aus dem Gefühl heraus, dass er etwas wusste, das sie nicht wusste.

„Und woher willst du wissen, dass ich wichtig bin?“

Er kam näher. Nicht viel, nur einen Schritt, aber genug, dass seine Präsenz deutlicher wurde.

Der Geruch des Waldes hing an ihm, kalt und klar, und darunter etwas Wärmeres, das sie nicht einordnen konnte. Vielleicht Rauch. Vielleicht Haut. Vielleicht etwas, das keinen Namen hatte.

„Weil der Wald auf dich reagiert hat.“

Lina blinzelte. „Der Wald.“

„Du hörst ihn nicht.“

Es klang nicht wie eine Frage.

„Ich höre nur Stille.“

„Dann hörst du nicht richtig.“

Sie hätte darüber lachen können, wenn er es spöttisch gesagt hätte. Tat er aber nicht. In seiner Stimme lag kein Spiel, kein Versuch, geheimnisvoll zu wirken. Nur Überzeugung.

„Und wie hört man richtig?“

Zum ersten Mal veränderte sich etwas in seinem Gesicht. Kein Lächeln, eher der Anflug davon.

„Indem man aufhört, nur nach Geräuschen zu suchen.“

Sie wollte antworten, doch in diesem Moment raschelte es im Unterholz.

Ein kurzer Laut, tief und kehlig, der nicht wie ein zufälliges Tier klang.

Lina drehte sich sofort um, sah jedoch nur Bäume, Farn und Schatten. Nichts bewegte sich.

Als sie wieder zu ihm blickte, war sein Gesicht unverändert ruhig, doch seine Augen waren schärfer geworden.

Wachsam.

Bereit.

„Was war das?“

„Nichts, das dich jetzt etwas angeht.“

„Das klingt nicht beruhigend.“

„Soll es auch nicht.“

Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Du redest gern in Rätseln, oder?“

„Nein. Ich rede nur nicht mehr als nötig.“

„Dann sag mir etwas Nützliches.“

Er schwieg einen Moment, sah kurz an ihr vorbei in den Wald und dann zurück zu ihr.

„Du solltest heute nicht allein in den Wald gehen“, sagte er ruhig.

„Warum nicht?“

„Weil er dich noch nicht kennt.“

„Wer? Der Wald?“

„Ja.“

„Das ist Unsinn.“

„Vielleicht.“

Er sagte es so gelassen, dass es sie mehr irritierte, als wenn er widersprochen hätte.

„Und wenn ich trotzdem gehe?“

„Dann gehst du ohne mich.“

„Und das wäre schlimm?“

Sein Blick wurde für einen Augenblick dunkler.

„Möglich.“

Lina wusste nicht, ob sie sich über seine Art ärgern oder über sich selbst wundern sollte, weil sie ihn trotzdem weiterreden hören wollte.

„Du kennst mich nicht“, sagte sie.

„Genug.“

„Das bezweifle ich.“

„Du bist hierhergekommen, obwohl dir etwas daran nicht geheuer war. Du hast den Zettel nicht ignoriert. Und du bist heute Morgen trotzdem rausgegangen.“

Sie starrte ihn an. „Woher weißt du vom Zettel?“

Er antwortete nicht sofort.

„Weil in diesem Dorf selten etwas unbemerkt bleibt.“

Das war keine echte Antwort, und sie wusste es.

„Hast du ihn gebracht?“

„Nein.“

„Weißt du, wer es war?“

„Vielleicht.“

„Du bist wirklich anstrengend.“

Diesmal war das Lächeln deutlicher. Kurz. Fast widerwillig.

„Das sagen viele.“

Wieder raschelte es im Wald, diesmal weiter entfernt. Ein Ast knackte trocken.

Kian drehte den Kopf nur leicht, doch seine Aufmerksamkeit war sofort dort.

Lina bemerkte, wie sich seine Haltung veränderte. Kaum sichtbar, aber eindeutig. Der Mann vor ihr war plötzlich nicht mehr nur ruhig. Er war bereit.

„Du solltest wieder hineingehen“, sagte er.

„Ganz sicher nicht.“

„Lina.“

Es war das erste Mal, dass er ihren Namen sagte. Tief und ruhig, und seltsamerweise wirkte das eindringlicher als jede Warnung.

„Wenn hier etwas Gefährliches herumläuft, wäre das vielleicht eine Information, die ich als Fremde gebrauchen könnte.“

„Es läuft immer etwas Gefährliches herum“, sagte er. „Heute meine ich etwas anderes.“

Sie spürte, wie sich ihr Puls beschleunigte. Nicht aus Panik. Eher aus dem Gefühl, dass sich hinter jedem Satz eine Wahrheit verbarg, die er ihr bewusst vorenthielt.

„Ich bring dich später zum Ältestenhaus“, sagte er dann. „Du wolltest doch Antworten.“

„Und du gibst mir keine.“

„Nicht heute.“

„Warum nicht?“

„Weil du noch nicht weißt, welche Fragen du stellen musst.“

Das war so überheblich, dass sie fast etwas erwiderte. Doch bevor sie sprechen konnte, trat er bereits einen Schritt zurück, wieder halb im Schatten, als wäre er dort mehr zu Hause als im Licht.

„Wie heißt du überhaupt?“

Er hielt inne, als hätte er erwartet, dass diese Frage kommen würde, und als müsste er entscheiden, ob er sie beantworten wollte.

Dann sah er sie direkt an.

„Kian“, sagte er schließlich.

Der Name hing einen Moment in der Luft, schwerer, als ein Name sein sollte.

Bevor sie etwas erwidern konnte, wandte er sich ab und ging den schmalen Pfad entlang zum Waldrand. Seine Schritte waren fast lautlos. Als er die ersten Bäume erreichte, schien er mit den Schatten zu verschwimmen, bis Lina nicht mehr sagen konnte, wann genau er verschwunden war.

Sie blieb zurück, die Kälte im Nacken, seinen Namen auf der Zunge und das Gefühl, gerade den ersten Schritt in etwas getan zu haben, das größer war als ein einfacher Auftrag.

Noch lange stand sie dort und starrte auf die Stelle, an der er verschwunden war.

Dann schlug sie ihr Notizbuch auf und schrieb nur ein einziges Wort hinein:

Kian

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