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Kapitel 2 - Die erste Nacht

last update Veröffentlichungsdatum: 27.04.2026 00:44:46

Im Inneren war es kühler als draußen. Die Luft roch nach altem Holz, nach Staub in den Fugen und nach den Jahren, die hier still vergangen waren. Es war kein unangenehmer Geruch, eher der eines Hauses, das lange gelernt hatte, mit sich selbst auszukommen.

Lina stellte den Koffer ab und ließ die Tür hinter sich zufallen. Das Geräusch hallte kurz durch den Raum, als wäre das Gebäude nicht daran gewöhnt, wieder bewohnt zu werden. Danach wurde es sofort still. Keine Rohre, die knackten. Kein Kühlschrankbrummen. Kein entferntes Verkehrsrauschen, das jede Wohnung in der Stadt begleitet. Nur diese dichte Ruhe, die ihr fremder vorkam als jedes Geräusch.

Sie blieb einen Moment stehen und ließ den Blick durch das Zimmer wandern.

Es war schlicht eingerichtet. Ein schmales Bett mit sauberer Decke, ein kleiner Tisch unter dem Fenster, ein Stuhl mit gerader Lehne, ein Schrank mit stumpfen Messinggriffen und an der Wand ein Spiegel, dessen Glas an den Rändern blind geworden war. Nichts Besonderes, aber alles wirkte ordentlich. Fast so, als hätte jemand kurz vor ihrer Ankunft noch einmal kontrolliert, ob alles an seinem Platz stand.

Sie stellte ihre Tasche auf den Tisch und zog das Notizbuch heraus, das sie überallhin begleitete. Eigentlich hätte sie jetzt arbeiten müssen. Namen sammeln, Fragen notieren, den nächsten Tag planen, sich einen Vorsprung verschaffen. Das war das, was sie normalerweise tat, wenn sie irgendwo ankam.

Doch ihr Blick glitt immer wieder zum Fenster.

Der Wald stand dicht hinter dem Haus, so nah, dass Äste bei stärkerem Wind vermutlich gegen das Glas schlagen würden. Zwischen den Stämmen lag bereits Schatten, obwohl es noch nicht ganz dunkel war. Das Licht fiel nur gedämpft in den Raum, als würde der Abend hier früher beginnen als anderswo.

Lina strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und versuchte, das Gefühl abzuschütteln, das sie seit ihrer Ankunft begleitete. Es war keine Angst. Eher das stille Bewusstsein, dass dieser Ort mehr verbarg, als er zeigte.

Draußen hörte sie Schritte.

Leise, aber deutlich genug, dass sie innehielt.

Es waren nicht viele. Nur ein einzelner Gang, ruhig und gleichmäßig, der sich langsam vom Haus entfernte. Kein hastiges Gehen, kein zufälliges Vorbeikommen. Eher jemand, der wusste, wohin er wollte und keine Eile hatte.

Sie wusste sofort, dass es der Mann vom Dorfplatz war.

Ohne ihn zu sehen, war sie sich sicher. Manche Menschen hinterließen eine Präsenz, die blieb, selbst wenn sie längst außer Sicht waren.

Sie trat ans Fenster und schob den Vorhang ein Stück zur Seite.

Der kleine Weg vor dem Haus lag leer. Dahinter begann der Dorfplatz, still und beinahe verlassen. Nur in wenigen Häusern brannte Licht, warme gelbe Rechtecke in der Dunkelheit. Der Mann war nirgends zu sehen, doch die Atmosphäre hatte sich verändert, als wäre jemand noch in der Nähe und wartete.

Nicht neugierig.

Wachsam.

Lina ließ den Stoff wieder los und setzte sich aufs Bett. Die Matratze gab kaum nach. Sie war müde von der Fahrt, vom frühen Aufstehen und von der langen Anspannung, die sie sich selbst nicht eingestand. Doch Müdigkeit bedeutete nicht automatisch Schlaf. Dafür war ihr Kopf zu wach.

Sie schlug das Notizbuch auf und schrieb:

Ankunft.

Stille.

Beobachtung.

Unklar, was mich hier erwartet.

Sie sah auf die Zeilen hinab. Dann ergänzte sie nach kurzem Zögern:

Der Mann auf dem Platz kennt mich nicht. Sieht mich aber an, als wäre ich erwartet worden.

Kaum hatte sie den Stift abgesetzt, klopfte es an der Tür.

Einmal.

Kurz und fest.

Kein zögerndes Klopfen, kein vorsichtiges Fragen. Eher die sichere Ankündigung von jemandem, der davon ausging, dass geöffnet würde.

Lina erstarrte einen Moment, stand dann auf und ging zur Tür. Sie blieb davor stehen, ohne die Klinke zu berühren.

„Ja?“

Keine Antwort.

Nur Stille.

Sie legte die Hand auf die Klinke, wartete noch einen Atemzug und öffnete.

Draußen stand niemand.

Der schmale Weg vor dem Haus war leer. Der Wind strich durch die Zweige der Bäume und bewegte das Gras am Rand des Pfades. Sonst nichts.

Auf der Schwelle lag ein Umschlag.

Ohne Namen.

Lina sah sich kurz um, trat dann hinaus auf die Veranda und blickte nach links und rechts. Niemand. Kein Schritt auf dem Kies, kein Zuschlagen einer Tür, kein Schatten zwischen den Häusern.

Sie hob den Umschlag auf, trat zurück ins Haus und schloss sofort wieder ab. Diesmal drehte sie den Schlüssel zweimal herum.

Der Umschlag war alt, leicht vergilbt und mit rotem Faden verschlossen. Kein billiger Scherz aus dem Schreibwarenladen. Eher etwas, das aus einer Schublade gezogen worden war, in der man Dinge aufhob, die man nicht wegwarf.

Sie zog den Faden vorsichtig ab und nahm das Blatt heraus.

Darauf stand nur ein Satz.

Frag nicht nach den Vermissten.

Sie las die Worte zweimal.

Kein Gruß. Keine Erklärung. Keine Unterschrift.

Nur diese Warnung.

Ihr erster Gedanke war Ärger. Irgendjemand wollte Eindruck machen. Vielleicht hielt man die Journalistin aus der Stadt für leicht einzuschüchtern. Vielleicht war das hier eine Form von Dorfhumor, den niemand außerhalb verstand.

Doch unter dem Ärger lag ein anderes Gefühl.

Denn die Schrift wirkte unruhig. Nicht künstlich verstellt, sondern zittrig, als hätte die Person beim Schreiben Angst gehabt.

Lina ging langsam zurück zum Fenster.

Draußen war der Wald inzwischen fast schwarz. Zwischen den Stämmen hing Nebel, flach über dem Boden, als würde er sich lautlos durch die Bäume schieben. Die letzten Konturen verschwammen bereits.

Sie dachte an den anonymen Anruf.

Wenn du wirklich wissen willst, was hier passiert, komm jetzt.

Dann an den Zettel in ihrer Hand.

Frag nicht nach den Vermissten.

Von Vermissten hatte sie nichts gehört. Nicht von ihrem Chef, nicht in den Unterlagen, nicht bei ihrer kurzen Recherche. Das Dorf war zu klein für große Schlagzeilen und zu abgelegen für dauerhafte Aufmerksamkeit. Genau deshalb konnten hier Dinge geschehen, ohne dass jemand außerhalb davon erfuhr.

Ein kratzendes Geräusch an der Außenwand ließ sie zusammenzucken.

Es zog sich langsam nach oben, als würde etwas mit Bedacht über das Holz fahren. Kein hektisches Scharren, eher eine prüfende Bewegung. Dann verstummte es so plötzlich, dass die anschließende Stille noch schwerer wirkte.

Lina griff nach ihrem Handy.

Kein Netz.

„Natürlich“, murmelte sie.

Sie steckte das Telefon wieder ein, legte den Zettel in ihr Notizbuch und überprüfte das Schloss. Danach zog sie die Vorhänge zu und setzte sich erneut aufs Bett.

Was sie störte, war nicht die Nacht. Auch nicht die Einsamkeit des Hauses.

Es war das Gefühl, dass der eigentliche Auftrag gerade erst begonnen hatte und sie längst tiefer darin steckte, als ihr lieb war.

Später löschte sie das Licht.

Das Zimmer versank in Dunkelheit. Nur durch einen schmalen Spalt im Vorhang fiel ein Streifen Mondlicht auf den Boden und zog sich bis an das Bett heran.

Sie legte sich hin, verschränkte die Arme unter dem Kopf und versuchte, ihren Atem ruhig werden zu lassen. In der Stadt half ihr das oft. Dort war Schlaf etwas, das man sich nahm, wenn man lange genug still lag.

Hier schien er nicht kommen zu wollen.

Irgendwann müssen ihre Gedanken doch langsamer geworden sein, denn als sie das Kratzen wieder hörte, war sie sich nicht sicher, ob Minuten oder Stunden vergangen waren.

Diesmal kam es direkt vom Fenster.

Näher als zuvor.

So deutlich, dass jede Müdigkeit augenblicklich aus ihrem Körper wich.

Lina setzte sich auf, ohne ein Geräusch zu machen, und lauschte in die Dunkelheit. Das Kratzen verstummte sofort, als hätte etwas dort draußen bemerkt, dass sie wach war.

Langsam stand sie auf.

Der Holzboden knarrte unter ihrem Gewicht. Sie trat zum Fenster, hob die Hand und zog den Vorhang nur einen schmalen Spalt zur Seite.

Draußen lag der Wald reglos vor ihr.

Nebel hing zwischen den Stämmen. Schatten verschmolzen mit dem Unterholz. Kein Zweig bewegte sich. Alles wirkte leer, und doch hatte sie das sichere Gefühl, nicht allein zu sein.

Es war, als würde jemand zwischen den Bäumen stehen und geduldig beobachten, ob sie mutig genug war, hinauszusehen.

Dann erschienen weit hinten im Dunkel für einen einzigen Augenblick zwei helle Punkte.

Reglos.

Beinahe auf Höhe eines menschlichen Blicks.

Sie schimmerten zwischen den Stämmen, ehe sie ebenso lautlos wieder verschwanden.

Lina ließ den Vorhang sinken und trat langsam zurück.

Ihr Herz schlug schneller, doch nicht nur aus Angst. Etwas daran kam ihr falsch vor. Zu bewusst. Zu ruhig. Kein Tier, das erschrocken floh. Eher jemand oder etwas, das gesehen werden wollte.

Sie setzte sich auf das Bett, ohne sich hinzulegen.

Morgen würde sie anfangen zu fragen. Ganz gleich, wen sie damit störte.

Und irgendwo dort draußen wusste bereits jemand, dass sie nicht wieder abreisen würde, bevor sie Antworten bekam.

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