MasukDie Rückkehr zur Lichtung verlief ruhiger, als Lina erwartet hatte. Niemand sprach viel, während sie den vertrauten Pfaden durch den Wald folgten, und doch hatte sie nicht das Gefühl, dass das Schweigen aus Verdrängung entstand. Vielmehr schien jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt zu sein und versuchte, die Bedeutung dessen zu begreifen, was sie entdeckt hatten.Die kleine Lichtung mit dem alten Baum ließ Lina nicht los.Je weiter sie sich von ihr entfernten, desto stärker hatte sie das Bedürfnis, noch einmal zurückzugehen und länger zu bleiben. Nicht, weil sie glaubte, dort sofort Antworten zu finden, sondern weil dieser Ort etwas in ihr berührt hatte, das sich nur schwer in Worte fassen ließ. Die Knochen zwischen den Wurzeln hatten eine Geschichte erzählt, ohne dass jemand gesprochen hatte, und zum ersten Mal war ihr bewusst geworden, dass der Roggenwolf möglicherweise nicht nur von Einsamkeit geprägt worden war.Vielleicht war da einmal Liebe gewesen.Zugehörigkeit.Ein Ru
Niemand sprach, nachdem Lina ihre Vermutung ausgesprochen hatte. Die kleine Lichtung lag still zwischen den alten Bäumen, als hätte sie sich vor der Welt verborgen und wäre erst jetzt wiedergefunden worden. Das Sonnenlicht erreichte diesen Ort nur in schmalen Streifen, die durch die dicht verflochtenen Äste fielen und helle Muster auf den moosbedeckten Boden zeichneten. Die Spuren des Roggenwolfs waren deutlich zu erkennen. Sie verliefen nicht zufällig durch das Unterholz, sondern führten immer wieder zu derselben Stelle zurück.Lina ließ den Blick langsam über die Lichtung wandern. Je länger sie hinsah, desto stärker wurde das Gefühl, dass dieser Ort nicht nur irgendein Rastplatz gewesen war. Es lag eine Vertrautheit darin, die sie nicht erklären konnte. Der warme Schatten ihres Wolfs blieb aufmerksam und ruhig zugleich, als würde auch er versuchen, etwas zu erkennen, das sich nur knapp außerhalb ihrer Wahrnehmung befand.Darok trat einige Schritte über die Lichtung und untersuchte d
Der Morgen begann früher als gewöhnlich. Noch bevor die Sonne die Spitzen der Bäume erreichte, herrschte auf der Lichtung eine ruhige Geschäftigkeit, die Lina sofort bemerkte, als sie die Augen öffnete. Die Nacht hatte kaum Schlaf gebracht. Zu viele Gedanken hatten sie begleitet, und jedes Mal, wenn sie glaubte, endlich zur Ruhe zu kommen, erinnerte sie sich an den Wind vom Vorabend und an die unausgesprochene Gewissheit, die zwischen ihr und Kian gehangen hatte.Heute würden sie den Spuren folgen.Der warme Schatten ihres Wolfs war wach und aufmerksam, ohne Unruhe auszustrahlen. Es war dieselbe ruhige Konzentration, die Lina inzwischen von sich selbst kannte, wenn sie sich einer Herausforderung stellte, deren Ausgang sie nicht vorhersagen konnte.Als sie sich aufrichtete, bemerkte sie Kian bereits einige Meter entfernt. Er sprach mit Darok, während zwei weitere Mitglieder des Rudels ihre Ausrüstung überprüften. Die Gespräche waren leise und sachlich, doch unter der Oberfläche lag ein
Der Abend senkte sich langsam über den Wald und ließ die vertrauten Konturen der Lichtung weicher erscheinen. Das goldene Licht der untergehenden Sonne hatte sich längst zwischen den Bäumen verloren und war einem tiefen Blau gewichen, das die ersten Sterne am Himmel sichtbar werden ließ. Überall auf der Lichtung bereitete sich das Rudel auf die Nacht vor. Einige unterhielten sich noch leise miteinander, während andere bereits ihre Schlafplätze aufsuchten. Das Knistern des Feuers vermischte sich mit dem Rauschen des Flusses und dem sanften Wind, der durch die Kronen der Bäume strich.Lina saß etwas abseits auf dem großen Felsen am Flussufer und ließ den Blick über die dunkler werdende Wasseroberfläche gleiten. Die Gespräche mit Kian begleiteten sie noch immer, ebenso wie die Worte von Nalea. Es war seltsam, wie sehr sich ihre Sicht auf die Welt verändert hatte. Früher hatte sie geglaubt, dass Antworten das Ende von Unsicherheit bedeuteten. Heute verstand sie, dass manche Wahrheiten neu
Die Tage wurden kürzer, ohne dass Lina sagen konnte, wann genau sie begonnen hatte, darauf zu achten. Vielleicht lag es daran, dass der Wald sich langsam veränderte und die Wärme des Sommers einer kühleren Jahreszeit wich. Vielleicht aber auch daran, dass sie selbst sich verändert hatte und Dinge bemerkte, die ihr früher entgangen wären. Das Licht zwischen den Baumkronen fiel inzwischen flacher auf die Lichtung, und die Schatten blieben länger bestehen, selbst wenn die Sonne noch hoch am Himmel stand. An diesem Nachmittag saß Lina auf einem umgestürzten Baumstamm am Rand der Lichtung und beobachtete die anderen Mitglieder des Rudels. Einige trainierten auf einer freien Fläche zwischen den Bäumen, während andere den jüngeren Wölfen zeigten, wie man Spuren las oder die Veränderungen im Wald richtig deutete. Es war ein geschäftiges Miteinander, das dennoch ruhig wirkte, weil jeder seinen Platz darin kannte. Lina fragte sich manchmal, ob sie ihren eigenen Platz inzwischen gefunden hatte
Die Tage nach dem Regen brachten eine neue Klarheit in den Wald. Das Wasser hatte die Luft gereinigt, die Farben wirkten kräftiger, und selbst die Lichtung schien heller als zuvor. Sonnenlicht fiel durch die Baumkronen und ließ die feuchten Blätter glitzern, während sich das Leben des Rudels in seinem gewohnten Rhythmus fortsetzte. Für die anderen mochte es ein gewöhnlicher Morgen sein. Für Lina fühlte sich nichts mehr gewöhnlich an. Seit ihrem Gespräch mit Kian am Fluss und den Worten, die Nalea mit ihrer ruhigen Selbstverständlichkeit ausgesprochen hatte, schienen ihre Gedanken in eine Richtung zu drängen, die sie weder geplant noch gewollt hatte. Sie stellte sich längst nicht mehr die Frage, ob der Roggenwolf gefährlich war. Diese Antwort kannte sie bereits. Die eigentliche Unsicherheit entstand aus dem Wissen, dass Gefahr und Vergangenheit einander nicht ausschlossen. Sie saß auf dem großen Felsen nahe des Flusses, die Beine angezogen und die Arme darum geschlungen, während sie







