MasukKades Sicht
Sie stieg ins Auto.
Ich half ihr nicht. Reichte ihr nicht die Hand. Ich stand einfach nur da, während sie auf die Rückbank kletterte, immer noch weinend, die Handgelenke blutig von den Ketten.
Marcus warf mir vom Fahrersitz aus einen Blick zu.
Ich ignorierte ihn.
Die Tür fiel ins Schloss.
Ohne mich umzudrehen, setzte ich mich auf den Beifahrersitz. Der Motor sprang an, und wir verließen die Tiefgarage hinaus auf die regennassen Straßen.
Stille erfüllte das Auto, unterbrochen nur von ihrem unregelmäßigen Atem.
Sie versuchte, leise zu weinen, als wollte sie nicht, dass wir es hörten.
Es funktionierte nicht.
Mein Wolf regte sich.
Ich spannte den Kiefer an und drängte ihn zurück.
Die Bestie in mir war seit drei Jahren ruhig gewesen. Weggesperrt. Kontrolliert. Genau so, wie es sein sollte.
Es gab keinen Grund, jetzt darauf zu reagieren.
Doch ihr Duft traf mich trotzdem.
Wildblumen und Angst.
Salz von ihren Tränen.
Und etwas Süßeres darunter, das ich nicht benennen konnte.
Mein Wolf drängte gegen meine Kontrolle, neugierig.
Nein.
Ich starrte aus dem Fenster und begann die Straßenlaternen zu zählen.
Eins.
Zwei.
Drei.
Alles, um mich von dem Mädchen abzulenken, das hinter mir weinte.
„Kade“, sagte Marcus leise.
„Fahr.“
Er fuhr.
Claires Gesicht blitzte vor meinem inneren Auge auf.
Meine erste Stabilisatorin.
Sie wurde mir zugeteilt, als ich zweiundzwanzig war, damals, als der Rat noch glaubte, man könne mich mit Standardprotokollen kontrollieren.
Sie war freundlich gewesen.
Sanft.
Sie hatte tatsächlich versucht, mit mir zu reden, als wäre ich ein Mensch und keine Waffe.
Die Bindung hatte sich falsch entwickelt.
Anstatt meine Gefühle zu unterdrücken, verstärkte ihre Anwesenheit sie.
Ich begann Dinge zu fühlen.
Wut.
Freude.
Verlangen.
Der Rat bemerkte es sofort.
Sie nannten es Korruption.
Und sie ordneten eine Trennung an.
Claire starb auf dem Tisch.
Schreiend.
Während sie versuchten, unsere Verbindung mit Silber und Magie auseinanderzureißen.
Sie sagten, meine Gefühle hätten sie getötet.
Dass sie noch leben würde, wenn ich so gefühllos geblieben wäre, wie ich es hätte sein sollen.
Ich glaubte ihnen.
Ich musste es.
Die Alternative – dass der Rat sie ermordet hatte, weil sie mich fühlen ließ – war zu gefährlich, um darüber nachzudenken.
„Wir sind da“, sagte Marcus.
Ich blinzelte.
Das Anwesen erhob sich vor uns.
Steinmauern.
Eiserne Tore.
Zuhause.
Gefängnis.
Für mich war es dasselbe.
Marcus hielt vor dem Eingang.
Das Personal wartete bereits.
Das medizinische Team.
Die Sicherheitskräfte.
Die von Victoria zugewiesenen Überwacher.
Standardprotokoll für die Aufnahme einer neuen Stabilisatorin.
Ich stieg aus, ohne darauf zu warten, dass Marcus mir die Tür öffnete.
Ich ging direkt am Personal vorbei auf den Eingang zu.
„Alpha“, rief Dr. Hale. „Wir müssen sie zuerst untersuchen.“
„Dann untersuchen Sie sie.“
Ich sah nicht zurück.
Beobachtete nicht, wie sie aus dem Auto geholt wurde.
Hörte nicht hin, welche gebrochenen Geräusche sie von sich gab.
Im Inneren wirkte das Anwesen kalt.
Wie immer.
Grauer Stein.
Marmorböden.
Hohe Decken, die jedes Geräusch verschluckten.
Ich war hier aufgewachsen.
Und ich hasste jeden einzelnen Zentimeter davon.
Mein Büro wartete im zweiten Stock.
Ich schloss die Tür.
Schenkte mir Whisky ein, den ich nicht trinken würde.
Und starrte durch das Fenster auf den Wald hinter den Toren.
Eine Stunde verging.
Vielleicht zwei.
Marcus klopfte einmal an und trat dann ein, ohne auf eine Erlaubnis zu warten.
„Sie ist in ihrem Zimmer“, sagte er. „Die Untersuchung ist abgeschlossen. Silberfesseln wurden angelegt. Die Injektionen verabreicht.“
„Hat sie sich gewehrt?“
„Nein.“
Marcus zögerte.
„Sie hat auch nicht geweint. Sie hat nur die Wand angestarrt.“
Etwas zog sich in meiner Brust zusammen.
Ich ignorierte es.
„Gut. Weniger Ärger.“
„Kade—“
„Gibt es sonst noch etwas?“
Marcus musterte mich mit diesen Augen, die immer zu viel sahen.
Wir waren seit unserer Kindheit Freunde.
Vor der Hinrichtung meines Vaters.
Vor dem Mann, zu dem ich geworden war.
„Sie hat Angst“, sagte er leise.
„Das sollte sie auch.“
„Sie ist außerdem unschuldig.“
Ich drehte mich zu ihm um.
„Hast du die Beweise geprüft?“
„Victorias Beweise.“
Marcus verschränkte die Arme.
„Was bedeutet, dass sie wertlos sind. Du weißt, dass sie solche Fälle konstruiert.“
Das wusste ich.
Jeder wusste es.
Aber niemand konnte es beweisen.
Und niemand wagte es, Victoria Vale offen herauszufordern.
„Es spielt keine Rolle, ob sie unschuldig ist“, sagte ich. „Sie ist jetzt hier. Sie hat den Vertrag unterschrieben.“
„Weil Victoria ihre Schwester bedroht hat.“
„Dann hat sie einen guten Grund, sich zu fügen.“
Ich leerte das Whiskyglas und spürte nichts.
„Das macht sie effektiv.“
Marcus schüttelte den Kopf.
„Du machst es schon wieder.“
„Was denn?“
„So zu tun, als wäre dir alles egal.“
Mein Wolf knurrte in meiner Brust.
Ich drängte ihn noch stärker zurück.
„Es ist mir egal“, sagte ich. „Sie ist eine Stabilisatorin. Ein Werkzeug. Nichts weiter.“
„War Claire auch nur ein Werkzeug?“
Der Name traf mich wie ein Faustschlag.
Vorsichtig stellte ich das Glas ab.
Präzise.
Kontrolliert.
Bevor ich es werfen konnte.
„Verschwinde.“
Marcus ging.
Ich blieb allein in meinem Büro, bis die Sonne unterging.
Dann ging ich in mein Zimmer.
Ihr Zimmer lag direkt neben meinem.
Victorias Anordnung.
Maximale Nähe für die Wirksamkeit der Bindung.
Ich hatte dagegen argumentiert.
Der Rat hatte mich überstimmt.
Durch die Wand konnte ich hören, wie sie sich bewegte.
Leise Schritte.
Das Knarren eines Bettes.
Wasser, das in ihrem Badezimmer lief.
Mein Wolf wurde aufmerksam.
Lauschte.
Ich zog den Anzug aus, duschte mit viel zu kaltem Wasser und legte mich ins Bett.
Die Bettwäsche fühlte sich steril an.
Alles in diesem Haus fühlte sich steril an.
Stille legte sich über das Anwesen.
Dann hörte ich es.
Weinen.
Leise.
Gedämpft.
Als hätte sie das Gesicht in ein Kissen gedrückt.
Mein Wolf winselte.
Ich starrte an die Decke.
Mein Kiefer war so fest angespannt, dass mir die Zähne schmerzten.
Das Geräusch legte sich um meine Brust und drückte zu.
Sie hatte Angst.
War allein.
Aus ihrem Leben gerissen und in die Knechtschaft gezwungen worden.
Wegen mir.
Nein.
Wegen des Rates.
Wegen Victoria.
Ich war nur die Waffe, auf die sie zeigten, wenn sie ein Problem beseitigen wollten.
Das Weinen ging weiter.
Leise, gebrochene Geräusche, die mich eigentlich nicht berühren sollten.
Mein Wolf drängte stärker gegen meine Kontrolle.
Er wollte etwas, das ich nicht benennen konnte.
Sie trösten.
Sie beschützen.
Zu ihr gehen.
Nein.
Ich durfte nicht fühlen.
Durfte mich nicht kümmern.
Gefühle hatten Claire getötet.
Gefühle zerstörten alles.
Aber Emmas Weinen grub sich wie Dornen unter meine Haut.
Ich drehte mich auf die Seite und presste die Handflächen auf meine Ohren.
Es half nicht.
Ich konnte sie immer noch hören.
Konnte den Duft von Wildblumen durch die Wand riechen, vermischt mit Salz und Verzweiflung.
Mein Wolf kratzte an meinem Inneren.
Minuten vergingen.
Stunden.
Irgendwann wurden aus den Schluchzern nur noch vereinzelte Hickser.
Dann Stille.
Ich lag wach in der Dunkelheit.
Die Fäuste gegen meine Brust gepresst.
Und spürte etwas, das ich seit drei Jahren nicht mehr gespürt hatte.
Den Drang, jemanden zu trösten.
Das Bedürfnis, sicherzugehen, dass es ihr gut ging.
Diese beängstigende Anziehung zu diesem Zimmer.
Zu diesem Mädchen.
Zu dieser verängstigten Menschenfrau, die nach Wildblumen und Gefahr roch.
Meine Kontrolle bekam einen Riss.
Nur einen kleinen.
Gerade groß genug, um zu erkennen, dass das zu einem Problem werden würde.
Emmas PovDie Zeremonie fand unter einem Himmel statt, der so klar war, dass er unmöglich schien.Angesichts all der Schwierigkeiten, die wir überlebt haben, um diesen besonderen Moment zu erreichen. Hunderte versammelten sich über das Gelände. Vertreter aus jedem Gebiet, das sich unserer Rebellion angeschlossen hatte. Gesichter, die ich aus Monaten des gemeinsamen Kampfes erkannt habe, lächeln jetzt mit echtem Feiern statt mit grimmiger Entschlossenheit."Bereit?" Fragte Lily. Sie hat mein Kleid ein letztes Mal angepasst."So bereit, wie ich es nie sein werde.""Großmutter wäre so stolz." Tränen haben sich bereits in ihren Augen aufgebaut."Apropos Großmutter. Hast du ihren Brief?""Genau hier." Lily tätschelte die Tasche, in der sie das gealterte Papier sorgfältig aufbewahrt hatte.Maeve und Rowan näherten sich. Beide trugen zeremonielle Kleidung, die für diese wichtige Gelegenheit geeignet ist."Du siehst strahlend aus. Bereit zu beginnen?""Bereit."Die Zeremonie wurde mit traditi
Kade's PovSechs Monate waren vergangen, seit die Festung gefallen war.Das Anwesen fühlte sich endlich wieder wie etwas an, das dem normalen Leben ähnelte. Die Reparaturen waren abgeschlossen. Das gerissene Pflaster war ersetzt worden. Neue Fenster glänzten im Nachmittagslicht. Das Personal bewegte sich durch die Korridore ohne die Spannung, die jede Interaktion während des Konflikts geprägt hatte."Dorians Bericht ist gerade angekommen." Marcus fand mich in der Studie, in der ich den Papierkram des Territoriums überprüft hatte. Er trug einen Ordner voller Dokumente. "Der Name des Nordens auf dieser Schläferliste.""Und?" Ich habe meinen Stift abgelegt."Wiederherstellbar. Sie haben sie aufgespürt. Verwendete die Umkehrmethode, die Serena und Tomas mit Sarah entwickelt haben. Sie ist jetzt frei. Wieder ganz sie selbst.""Das sind gute Nachrichten." Erleichterung legte sich durch meine Brust. "Wie viele insgesamt, an allen Standorten?""Jeder einzelne. Auch die menschlichen Bevölkerun
Emmas PovLily fand mich in der Nähe der medizinischen Zelte.Trotz allem, was wir beide in letzter Zeit durchgemacht hatten, war die Aufregung in ihrem Gesichtsausdruck offensichtlich. Sie hüpfte praktisch auf ihren Fersen."Ich habe nachgedacht. Über den Blumenladen.""Was ist damit?""Ich öffne es wieder. Jetzt, wo wir etwas tatsächliche Stabilität haben. Jetzt, wo sich die unmittelbaren Krisen zu beruhigen scheinen."Ich habe ihren Vorschlag sorgfältig geprüft. Unsicherheit baute sich auf, obwohl ich ihren echten Enthusiasmus verstand."Ich weiß es nicht. Nach allem, was wir überlebt haben, zu etwas So Gewöhnlichem zurückzukehren, fühlt sich seltsam an.""Genau deshalb könnte es helfen. Etwas Normales zurückfordern. Etwas ganz uns. Getrennt von Ratspolitik oder Rudelallianzen.""Der Laden ist wahrscheinlich beschädigt. Wir haben nicht mehr besucht, seit alles angefangen hat.""Dann lass es uns herausfinden. Zusammen."Wir arrangierten den Transport am nächsten Tag. Wir waren beide
Kade's PovIch fand Marcus, der Dokumente an seiner üblichen Station überprüfte.Die Farbe war zum ersten Mal seit seinen Verletzungen bei der Explosion des sicheren Hauses vollständig auf sein Gesicht zurückgekehrt. Er sah gesünder aus, als ich ihn seit Wochen gesehen hatte. Seine Hände waren ruhig, als er Papiere durchsuchte, und als er zu meiner Annäherung aufblickte, waren seine Augen klar und wachsam."Du siehst wirklich gesund aus", sagte ich und ließ mich auf dem Stuhl gegenüber von ihm nieder."Fühlt sich komisch an, es nach allem zu sagen." Er legte die Papiere beiseite. "Aber ja, anscheinend hat mein Herz beschlossen, dieses Mal weiterhin richtig zu arbeiten.""Gut. Ich bin es leid, dich immer wieder fast sterben zu sehen.""Du und ich beide. Obwohl ich denke, dass das passend ist, wenn man bedenkt, wie viel Zeit wir seit unserer Kindheit fast zusammen gestorben sind."Ich lachte. Echte Wärme in meiner Brust bei der Erinnerung, trotz aller Schwierigkeiten, die wir nebeneinan
Emmas PovNachdem sich die unmittelbaren Krisen endlich in etwas niedergelassen haben, das einer überschaubaren Ruhe ähnelt, haben Kade und ich endlich Zeit gefunden, den Zustand unserer Bindung richtig einzuschätzen."Nach dem Flein, dem Besitz, der Rückkopplungsschleife, deinem Beinahe-Tod", sagte Serena und richtete ihre Überwachungsausrüstung sorgfältig ein. "Wir brauchen eine gründliche Bewertung.""Ich fühle mich gut", sagte Kade. Obwohl sein Ton trotz der Beruhigung auf echte Unsicherheit hindeutete."Sich gut zu fühlen und tatsächlich stabil zu sein sind nicht immer dasselbe." Tomas hat sich Serenas Bewertungsprozess angeschlossen.Wir haben uns vorsichtig positioniert. Die Hände schlossen sich an, während Serena und Tomas verschiedene Messwerte durch Ausrüstung überwachten, die sie aus der geborgenen Festungstechnologie zusammengebaut hatten. Kabel, die mit Displays verbunden sind. Displays, die mit Computern verbunden sind. Computer summten mit leiser Intensität."Die Unters
Kade's Pov"Wir kümmern uns zuerst um die Geiseln", sagte Reyes. Seine Stimme trug Dringlichkeit. "Dann gehen wir auf die Forderungen dieser falschen Behörde ein.""Gefälscht?" Fragte jemand von hinten im Zelt."Niemand mit echter Ratsmacht würde immer noch durch solche groben Bedrohungen operieren. Das stinkt nach Verzweiflung, nicht nach Autorität."Marcus kam kurz darauf an. Er hatte bereits begonnen, den Ursprung der Nachricht über Kanäle zu untersuchen, die während unserer früheren Geheimdienstversammlung eingerichtet wurden."Bestätigt", sagte er leicht außer Atem. "Der Absender ist ein Administrator für kleinere Aufzeichnungen. Keine tatsächliche Befehlsbefugnis. Keine Vollstrecker-Loyalität. Nichts jenseits des Zugangs zu alten Kommunikationskanälen.""Wie hat er dann Geiseln genommen?" Fragte ich."Verzweiflung und eine Handvoll verbleibender Loyalisten. Insgesamt drei, vielleicht vier Personen, basierend auf dem, was wir verfolgen.""Das ist überschaubar." Reyes nickte, sich
Emmas SichtDrei Tage voller Sitzungen mit Kade hatten mich ausgelaugt.Dreißig Minuten, in denen wir drei Fuß voneinander entfernt saßen. Dreißig Minuten seines Schweigens, seiner Weigerung, mich anzusehen, seines angespannten Kiefers. Die Bindung funktionierte, sagte Dr. Hale jedes Mal und zeigte
Kades SichtDas Besprechungszimmer fühlte sich kleiner an, als es sein sollte.Ich war schon tausendmal hier gewesen.Schallisolierte Wände.Cremefarbene Möbel.Kameras in drei Ecken.Der Rat hatte diesen Raum speziell für Stabilisator-Sitzungen entworfen – neutral, überwacht und unmöglich zu verla
Emmas SichtIch wachte auf, als in der Ecke des Zimmers ein rotes Licht blinkte.Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen, bevor mir wieder einfiel, wo ich war.Das Anwesen.Kades Anwesen.Mein Gefängnis.Die Kamera starrte von der Decke auf mich herab.Langsam setzte ich mich auf. Jeder Muskel schmer
Emmas SichtIch glaubte nicht an Werwölfe, bis sie mich in Ketten vor ihren Rat schleppten.Meine Hände hörten nicht auf zu zittern, während die Metallfesseln sich schmerzhaft in meine Handgelenke gruben. Der Raum roch nach poliertem Holz und Leder. Glaswände umgaben uns und gaben den Blick auf die







