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Wildblumen in Beton

Author: Cutie Juice
last update publish date: 2026-06-22 03:09:44

Emmas Sicht

Drei Tage voller Sitzungen mit Kade hatten mich ausgelaugt.

Dreißig Minuten, in denen wir drei Fuß voneinander entfernt saßen. Dreißig Minuten seines Schweigens, seiner Weigerung, mich anzusehen, seines angespannten Kiefers. Die Bindung funktionierte, sagte Dr. Hale jedes Mal und zeigte mir seine stabilisierten Vitalwerte, als wären sie der Beweis für meinen Zweck.

Ich machte meine Arbeit.

Ich war ein braves kleines Werkzeug.

Und ich hasste es.

Am vierten Tag nahm Marcus mich mit zu meinem überwachten Spaziergang. Standardprotokoll. Zwanzig Minuten über das Anwesen, immer in Reichweite der Kameras, immer unter Beobachtung.

Wir folgten dem Steinweg, der das Hauptgebäude umgab. Ich hielt den Blick gesenkt und zählte meine Schritte, bis etwas meine Aufmerksamkeit erregte.

Eine Lücke in der Hecke.

Fast verborgen, nur ein dunklerer Schatten zwischen den Zweigen.

„Was ist das?“, fragte ich.

Marcus warf einen Blick hinüber.

„Ein alter Gartenpfad. Niemand benutzt ihn mehr.“

„Wohin führt er?“

„Zu den hinteren Gärten. Sie sind inzwischen überwuchert. Lady Ashford hat sich früher darum gekümmert, bevor sie—“

Er brach abrupt ab.

„Bevor sie was?“

„Bevor sie starb.“

Seine Miene verschloss sich.

„Der Bereich ist tabu.“

Tabu.

Natürlich war er das.

Aber irgendetwas an seiner Art, es zu sagen, ließ mich die Information abspeichern.

Ein Ort, den niemand benutzte.

Vielleicht ohne Kameras.

Ein Ort, der Kades verstorbener Mutter gehört hatte.

Wir beendeten den Spaziergang schweigend.

Am nächsten Morgen kam Dr. Hale zu meiner wöchentlichen Untersuchung.

Ich saß still da, während sie meine Vitalwerte überprüfte, Blut abnahm und die Dosis der Unterdrückungsmittel anpasste.

„Sie passen sich gut an“, sagte sie und machte sich Notizen. „Herzfrequenz stabil. Minimale Anzeichen einer Bindungskorruption.“

Weil die Medikamente mich betäubten.

Mich gefügig machten.

„Kann ich um etwas bitten?“, fragte ich.

Sie blickte auf.

„Kommt darauf an, was.“

„Längere Spaziergänge. Ohne Begleitung.“

Ich hielt ihrem Blick stand.

„Ich werde nicht weglaufen. Wohin sollte ich schon gehen? Aber ich brauche Luft. Etwas Freiraum. Bitte.“

Dr. Hale musterte mich.

„Die Unterdrückungsmittel verursachen bei manchen Patienten Klaustrophobie. Bewegung hilft.“

Hoffnung flackerte in mir auf.

„Also erlauben Sie es?“

„Dreißig Minuten. Bleiben Sie auf dem Anwesen. Wenn Sie versuchen zu fliehen, löst die Manschette sofort Alarm aus.“

„Verstanden.“

Sie setzte ihre Initialen auf ihr Tablet.

„Sie können heute beginnen.“

Vor Erleichterung hätte ich beinahe geweint.

Zwanzig Minuten später stand ich allein vor der Lücke in der Hecke.

Zum ersten Mal seit der Ratssitzung war ich wirklich allein.

Meine Hände zitterten, als ich die Zweige auseinanderdrückte.

Der Pfad war schmal und voller Unkraut.

Ich folgte ihm um die Ecke des Anwesens, vorbei an den blinden Flecken der Kameras, bis er sich zu etwas öffnete, das mir den Atem raubte.

Ein Garten.

Wild.

Vergessen.

Wunderschön.

Steinwege waren von Moos durchzogen. Wildblumen drängten sich aus jeder Ritze – gelbe, violette und weiße Blüten, die ohne Pflege eigentlich nicht hätten überleben dürfen und es trotzdem taten.

Ranken umschlangen einen alten Brunnen, der trocken in der Mitte stand.

Leben.

Hartnäckig und trotzig.

Gedeihend trotz Vernachlässigung.

Langsam ging ich vorwärts und sog alles in mich auf.

Die Luft roch hier anders.

Erdig.

Lebendig.

Echt.

Der Garten meiner Mutter hatte genauso gerochen.

Bevor sie starb.

Bevor alles auseinanderfiel.

Tränen brannten in meinen Augen.

Ich blinzelte sie weg und kniete mich neben ein Beet aus violetten Blumen.

Behutsam strich ich über die Blütenblätter.

„Ich bin noch hier“, flüsterte ich.

„Sie haben mich noch nicht gebrochen.“

Am Rand des Gartens stand ein kleiner Schuppen.

Die Tür hing schief in den Angeln.

Vorsichtig öffnete ich sie.

Darin lagen Gartengeräte.

Verrostet, aber noch brauchbar.

Handschuhe, eine Kelle, leere Saatgutpäckchen.

Ich hob die Kelle auf und prüfte ihr Gewicht.

Dann kniete ich mich in die Erde und begann, den Boden aufzulockern.

Meine Muskeln schmerzten sofort.

Tage in verschlossenen Räumen hatten mich geschwächt.

Trotzdem machte ich weiter.

Lockerte die Erde.

Riss Unkraut heraus.

Und dann erinnerte ich mich.

Meine Jeans.

Die Jeans, die ich bei meiner Verhaftung getragen hatte.

Nach der Registrierung hatten sie sie mir zurückgegeben – gewaschen und ordentlich gefaltet.

Ich hatte sie ohne nachzudenken in die Kommode gestopft.

Aber in der Tasche waren Samen gewesen.

Wildblumensamen, die ich am Tag vor dem Ende meines alten Lebens gekauft hatte.

Ich hatte sie völlig vergessen.

Ich rannte zurück in mein Zimmer, vorbei an den Hauptkameras.

Mein Herz hämmerte.

Ich fand die Jeans.

Und tatsächlich.

Das kleine Päckchen steckte noch in der Tasche.

Etwas zerdrückt, aber unversehrt.

Wildblumenmischung.

Perfekt.

Ich lief zurück in den Garten und pflanzte die Samen sorgfältig ein.

Meine Hände zitterten.

Es war dumm.

Leichtsinnig.

Es waren nur Blumen.

Aber sie gehörten mir.

Meine Entscheidung.

Meine kleine Rebellion gegen dieses Gefängnis.

Die Sonne begann unterzugehen.

Ich hatte völlig die Zeit vergessen.

Schritte auf dem Pfad ließen mich erstarren.

Marcus trat durch die Hecke.

Seine Miene war unlesbar.

„Du bist nach der Ausgangssperre noch hier.“

Mir rutschte das Herz in die Hose.

„Es tut mir leid. Ich wollte nicht—“

„Die Kameras reichen nicht bis hierher.“

Langsam ließ er den Blick über den Garten schweifen.

„Das hier war Lady Ashfords Zufluchtsort. Sie starb, als Kade noch jung war. Seitdem ist er nie wieder hierher zurückgekehrt.“

Ich starrte ihn an.

„Du meldest mich nicht?“

„Wofür? Weil du in einem verlassenen Garten spazieren gehst?“

Sein Blick traf meinen.

„Jeder braucht einen Ort, der ihm gehört. Sogar Stabilisatoren.“

Die Erleichterung machte mich schwindelig.

„Danke.“

„Sorg dafür, dass ich es nicht bereue. Geh zurück, bevor es ganz dunkel wird.“

Er wandte sich zum Gehen.

Dann hielt er inne.

„Emma.“

„Ja?“

„Was immer du pflanzt – mach es schön.“

Er betrachtete den Garten noch einmal.

„Dieser Ort hat es verdient.“

Dann ging er.

Ich bedeckte die Samen rasch mit Erde und flüsterte ihnen Versprechen zu.

Wachst.

Überlebt.

Seid trotzig.

Danach lief ich zurück in mein Zimmer, bevor jemand anderes mich bemerkte.

In dieser Nacht lag ich im Bett und fühlte mich zum ersten Mal wieder ein wenig menschlich.

Meine Hände waren schmutzig.

Meine Muskeln schmerzten.

Aber ich hatte mir einen Teil von mir selbst zurückgeholt.

Durch die Wand hörte ich eine Bewegung.

Dann ein Geräusch, das mir das Blut in den Adern gefrieren ließ.

Kade.

Schmerzenslaute.

Nicht körperlicher Schmerz.

Etwas Tieferes.

Etwas Zerbrochenes.

Vielleicht ein Albtraum.

Ich setzte mich auf.

Mein Herz raste.

Die Geräusche gingen weiter.

Leise.

Gequält.

Als würde etwas ihn von innen heraus zerreißen.

Meine Hand bewegte sich, ohne dass ich darüber nachdachte.

Sie schwebte vor der Wand.

Dann legte ich die Handfläche gegen den kühlen Putz.

Sollte ich helfen?

Konnte ich überhaupt helfen?

Dr. Hale hatte gesagt, dass die Bindung funktionierte.

Meine Nähe beruhigte ihn.

Aber in sein Zimmer zu gehen?

Das war verboten.

Das überschritt jede Grenze.

Doch er klang, als würde er sterben.

Ich drückte die Hand fester gegen die Wand.

Als könnte ich durch sie hindurchgreifen.

„Ich bin hier“, flüsterte ich.

„Was immer du bekämpfst – du bist nicht allein.“

Das Geräusch verstummte abrupt.

Stille brach herein.

So plötzlich, dass es sich falsch anfühlte.

Ich hielt den Atem an und lauschte.

Nichts.

Nicht einmal Bewegung.

Hatte er mich gehört?

Stand er auf der anderen Seite der Wand und presste ebenfalls die Hand dagegen?

Mein Herz schlug so laut, dass ich sicher war, er müsse es hören.

Die Stille dehnte sich aus.

Dann hörte ich Schritte.

Sie entfernten sich von der Wand.

Eine Tür schloss sich leise.

Ich saß regungslos in der Dunkelheit.

Die Hand noch immer gegen den Putz gepresst.

Und fragte mich, ob ich gerade alles besser gemacht hatte.

Oder unendlich viel schlimmer.

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