LOGINCarolines Sicht
Als ich mein Zimmer betrete, zieht sich mir beim Anblick die Magengegend zusammen. Meine Koffer stehen offen, ihr gesamter Inhalt liegt verstreut auf dem Boden. Kleidung quillt achtlos heraus, einige persönliche Gegenstände liegen offen herum, als hätte jemand mein Leben durchwühlt und jedes Detail davon auseinandergenommen. Unsere Haushälterin ist gerade dabei, meine Sachen hastig zu durchsuchen, als würde sie nach etwas Bestimmtem suchen. Und in der Ecke meines Bettes sitzt Karen, Knoxx’ Mutter, mit verschränkten Armen. „Was soll das?!“, frage ich wütend, während ich meine Sachen aufzusammeln und wieder in den Koffer zu packen beginne. Karens scharfer Blick verengt sich, als er auf mir ruht. Ihre Lippen kräuseln sich zu jenem verächtlichen Lächeln, an das ich mich längst gewöhnt habe. Ohne ein Wort kommt sie auf mich zu und reißt mir den Koffer aus der Hand. Ihr Griff ist unerbittlich. „Ich muss überprüfen, ob du etwas mitgenommen hast, das dir nicht gehört“, sagt sie. Jedes ihrer Worte trieft vor Verachtung, als würde sie erwarten, zwischen meinen Kleidern unbezahlbare Juwelen zu finden. Ich blinzle und bin für einen Moment wie vor den Kopf gestoßen. „In diesem Haus gibt es nichts, was ich mitnehmen wollen würde“, erwidere ich leise, aber bestimmt. Jahrelang habe ich mich ihretwegen auf Zehenspitzen bewegt und versucht, ihre Anerkennung zu gewinnen – alles Knoxx zuliebe. Doch jetzt fühlt es sich an, als hätten all die Jahre des stillen Erduldens genau auf diesen Moment hingeführt. Als würde endlich etwas von mir abfallen, von dem ich nicht einmal gewusst hatte, wie sehr es mich belastete. Die Worte kommen über meine Lippen, bevor ich sie zurückhalten kann, und zum ersten Mal bereue ich sie nicht. Knoxx steht ein paar Schritte entfernt und beobachtet uns mit ausdruckslosem Gesicht. Er greift nicht ein. Nicht einmal zuckt er zusammen, als seine Mutter mich verhört, als wäre ich eine Fremde, die sich in ihrem Netz verfangen hat. Er lässt das alles geschehen, genau wie er alles andere hat geschehen lassen. „Lass sie gehen, Mom“, sagt er schließlich. Doch seiner Stimme fehlt jede echte Überzeugung. Karen ignoriert ihn und verengt den Blick. „Du hast ihn doch nur wegen seines Geldes geheiratet“, höhnt sie. „Jetzt, wo du gehst, suchst du wahrscheinlich nach allem, was wertvoll ist und sich mitnehmen lässt.“ Ich lache auf. Es ist ein hartes, bitteres Lachen, das sich nicht einmal wie mein eigenes anhört. „Wertvoll? Knoxx hat mir nie etwas Wertvolles geschenkt, Karen. Das Einzige, was er getan hat, war, die Rubinkette versteigern zu lassen, von der ich dachte, sie sei für mich bestimmt, und sie dann Dolly zu überlassen. Was sollte ich hier also haben wollen?“ Ich sehe, wie Knoxx’ Gesichtsausdruck für einen Moment entgleist. Sein Kiefer spannt sich an, doch er sieht mir nicht in die Augen. Er weiß, dass ich recht habe. Ich habe ihn nie wegen seines Geldes geheiratet, ganz gleich, was sie sich immer wieder eingeredet haben. Sie haben sich ihr eigenes Bild von mir zurechtgelegt, bis daraus eine Karikatur geworden ist – eine Version von mir, die es ihnen leicht macht, mich zu verachten. Doch ich habe es satt, sie bestimmen zu lassen, wer ich bin. Karens Lippen kräuseln sich zu einem selbstgefälligen, triumphierenden Grinsen. „Du brauchst dich nicht länger zu verstellen. Wir kennen alle die Wahrheit. Eure Ehe war von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Du wolltest das Vermögen der Waynes, und das war alles.“ Ich sehe ihr direkt in die Augen. Die Wut in mir wächst wie ein heraufziehender Sturm. „Ich habe ihn nicht wegen seines Geldes geheiratet, Karen. Ich habe ihn geheiratet, weil ich ihn geliebt habe. Ich habe den Mann geliebt, für den ich ihn gehalten habe. Aber wie sich herausgestellt hat, habe ich mich geirrt.“ Knoxx sieht mich an. Sein Gesichtsausdruck ist von etwas überschattet, das Schuld oder vielleicht auch Frustration sein könnte. Doch inzwischen spielt das keine Rolle mehr. Die Worte seiner Mutter haben mir auch den letzten Rest Geduld genommen, den ich ihm gegenüber vielleicht noch aufgebracht hätte. „Mom, jetzt reicht es“, sagt Knoxx mit gereizter Stimme. „Lass sie einfach gehen.“ Doch Karen lässt nicht locker. „Natürlich geht sie jetzt, wo das Geld knapp wird. Glaubst du wirklich, dass sie dich jemals geliebt hat, mein Sohn?“, fragt sie mit unverhohlener Verachtung. Ich kann mich nicht länger zurückhalten. „Du hast nicht die geringste Ahnung, was Liebe bedeutet“, sage ich mit erhobener Stimme. „Alles, worum es dir je ging, waren sein Vermögen und sein gesellschaftlicher Status. Unsere Ehe hat dich nie interessiert. Von Anfang an hast du mich wie eine Fremde behandelt, und endlich erkenne ich, was für ein Mensch du wirklich bist.“ Ihre Augen blitzen auf, und sie macht einen Schritt auf mich zu, während sie sich bedrohlich vor mir aufbaut. „Du warst nie gut genug für ihn, Caroline. Du hast nie zu uns gehört.“ „Nicht gut genug?“, wiederhole ich. Meine Stimme zittert vor unterdrückter Wut. „Knoxx ist derjenige, der unsere Ehe verraten hat, nicht ich. Jahrelang habe ich versucht, mich zu beweisen und mir eure Anerkennung zu verdienen. Aber wofür? Damit du jetzt hierstehen und mich eine Goldgräberin nennen kannst?“ Karens Stimme trieft förmlich vor Gift. „Du hattest es schon immer auf den Namen Wayne und das Vermögen der Waynes abgesehen. Und jetzt willst du dir einfach deinen Anteil sichern.“ Ich richte mich auf und sehe ihr direkt in die Augen. „Das Einzige, was ich mitnehme, ist meine Würde. Sie ist das Einzige in diesem Haus, das mir wirklich gehört.“ Bevor sie ein weiteres Wort sagen kann, durchschneidet eine Stimme den Raum und zerschneidet die angespannte Stille wie eine Klinge. „Lass sie gehen.“Carolines SichtJeden Tag wächst meine Entschlossenheit. Meine mit Graphit verschmierten Finger fahren die feinen Linien des Entwurfs nach. Fast ist er fertig, aber noch nicht vollkommen.Das Motto des Wettbewerbs lautet „Himmlische Schönheit“ und ist von den Sternen, dem Universum und allem inspiriert, was jenseits davon liegt.Ich atme tief durch und lasse die Idee in meinem Kopf Gestalt annehmen.Sie ist perfekt. Ich habe mich schon immer für Astrologie und den Nachthimmel begeistert, und die Idee für meinen Entwurf steht bereits fest.Meine Skizzen sind noch grob, aber die Vision ist klar: eine Halskette, die von den Tierkreiszeichen inspiriert ist und deren kunstvolle Details die einzigartige Energie jedes einzelnen Zeichens widerspiegeln.Meine Finger bewegen sich beim Zeichnen beinahe wie von selbst. Mit jedem kleinen Detail erwecke ich den Entwurf mehr zum Leben.Im Mittelpunkt der Halskette soll ein Edelstein stehen, dessen Form dem jeweiligen Sternbild entspricht. Feine, fili
Carolines SichtIch betrete das Büro, und zwar mit dem festen Vorsatz, dass es das letzte Mal sein wird.Es ist seltsam, wie kalt es sich hier inzwischen anfühlt – kälter als sonst. Das Gebäude hatte schon immer diese steife, geschäftsmäßige Atmosphäre, aber heute ist sie beinahe unerträglich.Vielleicht liegt es daran, dass ich genau weiß, weshalb ich hier bin:Ich werde kündigen.Ich werde einen Schlussstrich ziehen – sowohl unter meinen Job als auch unter meine Ehe.Niemand weiß, dass ich Knoxx Wayne bin. Nicht meine Kollegen, nicht die Führungskräfte, niemand. Knoxx hatte darauf bestanden, unsere Ehe geheim zu halten. Er sagte, es gehe darum, niemanden zu bevorzugen und die Professionalität zu wahren. Ich redete mir ein, dass das vernünftig klang, und dass es nicht daran lag, dass er sich für mich schämte oder nicht bereit war, sich öffentlich zu mir zu bekennen. Doch tief im Inneren wusste ich es besser.Da unsere Ehe ohnehin kurz vor der Scheidung steht, scheint es nur logisch,
Carolines SichtDas Morgenlicht fällt durch die Vorhänge ins Wohnzimmer. Ich sitze auf dem Sofa und schaue fern. Nach einer Weile klingelt mein Handy. Ich muss nicht einmal hinsehen, um zu wissen, wer anruft. Trotzdem werfe ich einen Blick auf das Display.Knoxx ruft an …Mein Herz setzt keinen Schlag aus. Es zerbricht nicht. Ich fühle mich einfach nur … müde. Trotzdem nehme ich ab. Das bin ich ihm zumindest noch schuldig.„Caroline.“ Knoxx' Stimme dringt durch die Leitung. Er klingt gehetzt, beinahe atemlos.„Ich habe die Scheidungspapiere gesehen … Hör zu, es tut mir leid, dass ich den Besuch bei deinem Vater abgesagt habe. Aber mit Dolly ist etwas passiert. Sie dachte … na ja, sie dachte, sie hätte eine Fehlgeburt. Ich musste für sie da sein.“Er macht eine Pause. Er erwartet, dass ich Verständnis zeige. Er erwartet, dass ich ihm verzeihe, so wie ich es immer getan habe.Ich umklammere das Handy fester und zwinge mich, ruhig zu bleiben. Meine Stimme klingt beinahe eisig.„Knoxx, gl
Carolines SichtIch betrete das Büro meines Vaters. Die schwere Holztür knarrt leise, als sie sich hinter mir schließt. Der Raum wirkt kühl und einschüchternd, genau wie ich ihn in Erinnerung habe. Hohe Bücherregale säumen die Wände, und in der Mitte steht der gewaltige Schreibtisch aus Mahagoni. Mein Vater blickt nicht sofort auf. Sein Füller kratzt über das Papier, während er die Aufgabe beendet, die ihn gerade beschäftigt.Als er schließlich den Blick hebt, trifft mich sein durchdringender Blick, der mich innerhalb eines Augenblicks zu durchschauen scheint.„Na, Caroline“, sagt er und lehnt sich in seinem Stuhl zurück. „Was verschlägt dich wieder hierher? Soll ich mein bestes Porzellan herausholen, um den feinen Herrn zu bewirten, oder bist du diesmal allein gekommen?“Ich straffe die Schultern und ignoriere den Sarkasmus in seinen Worten.„Ich habe verloren“, gestehe ich. Meine Stimme bleibt ruhig, obwohl mir dieses Eingeständnis das Herz zerreißt. „Ich werde mich von ihm scheiden
Carolines SichtEs ist Samstag, und meine Hände zittern, während ich vor dem Spiegel zum hundertsten Mal mein Kleid zurechtzupfe. Heute soll sich endlich alles ändern – Knoxx wird meinen Vater zum ersten Mal treffen. Der Knoten in meinem Magen zieht sich immer fester zusammen, doch gleichzeitig verspüre ich einen Hauch von Vorfreude. Zum ersten Mal habe ich die Chance, mich zu beweisen. Nicht nur meinem Vater, sondern auch mir selbst.Ich werfe einen Blick auf mein Handy. Eine Nachricht meines Vaters ist eingegangen:[Wann kommt denn der feine Herr? Soll ich extra mein gutes Porzellan für ihn herausholen?]Der Sarkasmus in seinen Worten tut weh. Er war noch nie ein Fan von Knoxx, und sein spöttischer Ton macht deutlich, dass er noch immer nicht viel von ihm hält.Ich presse die Zähne zusammen und tippe eine Antwort.[Wir sind bald da, Dad. Bitte gib ihm einfach eine Chance.]Ich schicke die Nachricht ab und nehme mir fest vor, mich von seinen Zweifeln nicht um diesen Tag bringen zu la
Carolines SichtIch sitze im Auto, und mein Herz rast noch immer nach allem, was Knoxx mir gerade erzählt hat. Ich kann kaum glauben, was ich eben gehört habe. Und doch lässt mich der Blick, mit dem er mich angesehen hat – verzweifelt, beinahe gebrochen –, ihm glauben wollen.Aber nach allem, was zwischen uns geschehen ist, fühlt es sich an, als würde ich mich auf dünnes Eis wagen, wenn ich ihm vertraue.„Caroline, bitte“, sagt Knoxx leise und wirft mir vom Fahrersitz aus einen Blick zu.„Ich möchte nur, dass du mich verstehst. Ich wollte dir niemals wehtun.“Ich lehne den Kopf gegen die Fensterscheibe und spiele nervös mit meinem Handy. Die Erinnerung an Dollys Artikel und die Andeutungen darin verfolgt mich wie ein Schatten, den ich einfach nicht abschütteln kann.Langsam nicke ich, unsicher, was ich sagen soll. Ein Teil von mir möchte schreien und ihn fragen, warum er mir das alles nicht schon viel früher erzählt hat. Doch ein anderer Teil von mir – der Teil, der ihn noch immer lie







