FAZER LOGINCarolines Sicht
Zum ersten Mal während meiner Ehe kehre ich nicht nach Hause zurück. Ich kann es einfach nicht. Stattdessen liege ich zusammengerollt in meinem alten Kinderzimmer, umgeben von der vertrauten, aber beinahe erdrückenden Atmosphäre des Herrenhauses meines Vaters. Ich versuche, all das zu verarbeiten, was er bei meiner Ankunft zu mir gesagt hat. Die Wärme, die ich mir einst an diesem Ort vorgestellt hatte, existiert nicht. In gewisser Weise hatte er recht, auch wenn ich es nur ungern zugebe: Ich verdiene es nicht, so behandelt zu werden. Doch seine Vorwürfe verletzen mich mehr, als dass sie mich trösten. „Du bist die Erbin dieser Familie“, hatte er scharf gesagt. Seine Stimme klang eher verletzend als mitfühlend. „Hör auf, dich vor der Welt zu verstecken. Du warst eine Närrin, wenn du geglaubt hast, dass dieser Mann jemals deinen Wert erkennen würde.“ Es ist ein vertrauter Schmerz, diese unterschwellige Enttäuschung. Die Liebe meines Vaters war schon immer an Bedingungen geknüpft, an Erwartungen, denen ich nie ganz gerecht werden konnte. Ein Teil von mir hatte gewusst, dass ich mit meiner Rückkehr alte Wunden wieder aufreißen würde. Doch irgendwie gibt mir dieser Ort auch Halt. An seine Enttäuschung bin ich längst gewöhnt, und sie erinnert mich daran, warum ich Knoxx überhaupt geheiratet habe: Ich wollte fliehen, nur um festzustellen, dass ich in einer anderen Falle gelandet war. Doch in einem Punkt hat er recht: Ich verdiene mehr als das, was mir bisher zuteilgeworden ist. Diese Ehe hat mich Stück für Stück gebrochen, und es ist an der Zeit, mich dieser Wahrheit zu stellen. Ich verdiene etwas Besseres, selbst wenn ich es mir allein aufbauen muss. Am nächsten Morgen vibriert mein Handy. Zahlreiche verpasste Anrufe und Nachrichten von Knoxx erscheinen auf dem Display. Ich ignoriere sie alle und verdränge die Last dieser Benachrichtigungen aus meinen Gedanken. Ich kann mich nicht für immer verstecken, aber das bedeutet nicht, dass ich ihm sofort gegenübertreten muss. Ich starre aus dem Fenster und versuche, mich zu sammeln. Ich war schon immer jemand, der sich Problemen direkt stellte. Daran wird sich auch jetzt nichts ändern. Als ich nach meinem Handy greife, entdecke ich eine Nachricht von Adrian Wayne, einem Freund der Familie und Geschäftspartner meines Vaters. Er steht meiner Familie nahe, und mein Vater spricht stets mit großer Hochachtung von ihm. Seine Nachricht ist kurz: „Ich habe gehört, was passiert ist. Geht es dir gut?“ Ein Hauch von Überraschung huscht über mein Gesicht. Mein Vater muss es ihm erzählt haben. Allein dieser Gedanke gibt mir das Gefühl, entblößt zu sein, auch wenn ich nicht genau erklären kann, warum. Ich antworte höflich: „Mir geht es gut. Ich kümmere mich darum. Danke.“ Seine Antwort kommt fast augenblicklich: „Wenn du etwas brauchst, weißt du, dass du auf mich zählen kannst. Sag einfach Bescheid.“ Ein kleiner Teil von mir fühlt sich dadurch getröstet, obwohl ich weiß, dass ich sein Angebot nicht annehmen werde. Das ist mein Kampf, und ich muss mich ihm allein stellen. Ich atme tief durch und bereite mich auf das vor, was ich tun muss. Ich muss zurück. Ich muss Knoxx gegenübertreten, mit klarem Kopf und einem festen Ziel vor Augen. Ich darf nicht zulassen, dass er oder irgendjemand sonst mich noch weiter herunterzieht. Schließlich zwinge ich mich, aufzustehen. Allein der Gedanke an das Gespräch, das mich zu Hause erwartet, bereitet mir Unbehagen. Das Haus, das Knoxx und ich teilen – auch wenn es sich längst nicht mehr wie ein Zuhause anfühlt. Als ich dort ankomme, bin ich überrascht, Knoxx bereits im Wohnzimmer vorzufinden. Er läuft unruhig auf und ab. Dass er um diese Uhrzeit zu Hause ist, ist völlig untypisch für ihn. Normalerweise würde er sich tief in die Arbeit vergraben, von einem Meeting zum nächsten eilen und sich weit von mir und den Spannungen unserer zerbrechenden Ehe fernhalten. In dem Moment, in dem ich durch die Tür trete, richtet sich sein Blick auf mich. „Wo zum Teufel warst du?“ Seine Stimme ist scharf. „Ich habe die ganze Nacht versucht, dich anzurufen.“ Ich sehe ihn an und bemühe mich, meine Stimme ruhig zu halten. „Ich war zu Hause.“ Bei meiner Antwort verzieht er verächtlich die Lippen. Ungläubigkeit steht ihm ins Gesicht geschrieben. „Zu Hause? Ich war die ganze Nacht hier, Caroline. Du bist nicht zurückgekommen. Also, wo warst du wirklich?“ Ich erwidere seinen Blick und antworte kühl: „Das hier ist nicht mein Zuhause … zumindest nicht mehr.“ Meine Worte bringen ihn zum Schweigen. Sein Gesichtsausdruck verändert sich, und die Sicherheit, mit der er mich beschuldigt hat, gerät ins Wanken. „Wovon redest du?“ Ich atme tief durch und sammle mich. Ich muss es aussprechen. Ich muss endlich loslassen. „Ich will die Scheidung, Knoxx.“ Die Worte hängen wie eine dunkle Gewitterwolke zwischen uns. Seine Augen weiten sich vor Schock. Die übliche Arroganz und Selbstbeherrschung weichen aus seinem Gesicht. „Das kann nicht dein Ernst sein.“ Seine Stimme ist nun etwas leiser, beinahe sanft, doch das spielt keine Rolle mehr. „Ich habe sie gestern gesehen“, sage ich. Die Bitterkeit steigt mir in die Kehle. „Deine Geliebte. Und ich weiß, dass sie mit deinem Kind schwanger ist.“ Knoxx wird blass, doch er leugnet es nicht. Er kann es nicht. „Ich werde gehen“, fahre ich fort. Meine Stimme zittert, aber meine Entschlossenheit bleibt ungebrochen. „Ich werde es dir leicht machen. Du kannst deine perfekte kleine Familie haben. Du hast mich schließlich sowieso nie geliebt.“ Einen Moment lang sagt er nichts. Er steht einfach nur da und starrt mich an, als könne er kaum glauben, was er gerade gehört hat. Dann verändert sich sein Gesichtsausdruck. Seine Züge verdunkeln sich. „Ist das also der Grund, warum du nicht nach Hause gekommen bist? Warst du bei ihm?“ Seine Stimme wird wieder anklagend und scharf. Ich runzle verwirrt die Stirn. „Bei wem?“ Knoxx verengt die Augen. „Bei dem Mann, mit dem du mich betrügst.“ Mir klappt der Mund auf. Wut schießt wie ein Lauffeuer durch meinen Körper. „Ich bin nicht wie du, Knoxx. Ich würde niemals fremdgehen. Nicht, solange wir noch verheiratet sind.“ Die Dreistigkeit seiner Anschuldigung ist unfassbar. Wie kann er es wagen, nachdem all das passiert ist? Er ist derjenige, der eine andere Frau geschwängert hat, und trotzdem besitzt er die Unverschämtheit, mir Untreue vorzuwerfen. Ich spüre, wie mir die Hitze in die Brust steigt. Meine Hände zittern vor Wut. „Ich bin nicht dein Spiegelbild, Knoxx. Du kannst deine Schuld nicht einfach auf mich projizieren und mich deiner eigenen Verfehlungen beschuldigen“, fahre ich ihn an. Meine Stimme bleibt fest, obwohl in mir ein Feuer lodert. „Ich werde nicht länger die Last deiner Fehler tragen.“ Er verstummt. „Du hast kein Recht dazu!“, stoße ich hervor. Dann wirble ich herum und gehe auf die Treppe zu. Ich muss hier raus. Ich muss meine Sachen packen und ihn hinter mir lassen. Doch gerade als ich die Treppe hinaufgehe, öffnet sich knarrend die Haustür, und ich bleibe wie angewurzelt stehen. „Was ist hier los?“Carolines SichtJeden Tag wächst meine Entschlossenheit. Meine mit Graphit verschmierten Finger fahren die feinen Linien des Entwurfs nach. Fast ist er fertig, aber noch nicht vollkommen.Das Motto des Wettbewerbs lautet „Himmlische Schönheit“ und ist von den Sternen, dem Universum und allem inspiriert, was jenseits davon liegt.Ich atme tief durch und lasse die Idee in meinem Kopf Gestalt annehmen.Sie ist perfekt. Ich habe mich schon immer für Astrologie und den Nachthimmel begeistert, und die Idee für meinen Entwurf steht bereits fest.Meine Skizzen sind noch grob, aber die Vision ist klar: eine Halskette, die von den Tierkreiszeichen inspiriert ist und deren kunstvolle Details die einzigartige Energie jedes einzelnen Zeichens widerspiegeln.Meine Finger bewegen sich beim Zeichnen beinahe wie von selbst. Mit jedem kleinen Detail erwecke ich den Entwurf mehr zum Leben.Im Mittelpunkt der Halskette soll ein Edelstein stehen, dessen Form dem jeweiligen Sternbild entspricht. Feine, fili
Carolines SichtIch betrete das Büro, und zwar mit dem festen Vorsatz, dass es das letzte Mal sein wird.Es ist seltsam, wie kalt es sich hier inzwischen anfühlt – kälter als sonst. Das Gebäude hatte schon immer diese steife, geschäftsmäßige Atmosphäre, aber heute ist sie beinahe unerträglich.Vielleicht liegt es daran, dass ich genau weiß, weshalb ich hier bin:Ich werde kündigen.Ich werde einen Schlussstrich ziehen – sowohl unter meinen Job als auch unter meine Ehe.Niemand weiß, dass ich Knoxx Wayne bin. Nicht meine Kollegen, nicht die Führungskräfte, niemand. Knoxx hatte darauf bestanden, unsere Ehe geheim zu halten. Er sagte, es gehe darum, niemanden zu bevorzugen und die Professionalität zu wahren. Ich redete mir ein, dass das vernünftig klang, und dass es nicht daran lag, dass er sich für mich schämte oder nicht bereit war, sich öffentlich zu mir zu bekennen. Doch tief im Inneren wusste ich es besser.Da unsere Ehe ohnehin kurz vor der Scheidung steht, scheint es nur logisch,
Carolines SichtDas Morgenlicht fällt durch die Vorhänge ins Wohnzimmer. Ich sitze auf dem Sofa und schaue fern. Nach einer Weile klingelt mein Handy. Ich muss nicht einmal hinsehen, um zu wissen, wer anruft. Trotzdem werfe ich einen Blick auf das Display.Knoxx ruft an …Mein Herz setzt keinen Schlag aus. Es zerbricht nicht. Ich fühle mich einfach nur … müde. Trotzdem nehme ich ab. Das bin ich ihm zumindest noch schuldig.„Caroline.“ Knoxx' Stimme dringt durch die Leitung. Er klingt gehetzt, beinahe atemlos.„Ich habe die Scheidungspapiere gesehen … Hör zu, es tut mir leid, dass ich den Besuch bei deinem Vater abgesagt habe. Aber mit Dolly ist etwas passiert. Sie dachte … na ja, sie dachte, sie hätte eine Fehlgeburt. Ich musste für sie da sein.“Er macht eine Pause. Er erwartet, dass ich Verständnis zeige. Er erwartet, dass ich ihm verzeihe, so wie ich es immer getan habe.Ich umklammere das Handy fester und zwinge mich, ruhig zu bleiben. Meine Stimme klingt beinahe eisig.„Knoxx, gl
Carolines SichtIch betrete das Büro meines Vaters. Die schwere Holztür knarrt leise, als sie sich hinter mir schließt. Der Raum wirkt kühl und einschüchternd, genau wie ich ihn in Erinnerung habe. Hohe Bücherregale säumen die Wände, und in der Mitte steht der gewaltige Schreibtisch aus Mahagoni. Mein Vater blickt nicht sofort auf. Sein Füller kratzt über das Papier, während er die Aufgabe beendet, die ihn gerade beschäftigt.Als er schließlich den Blick hebt, trifft mich sein durchdringender Blick, der mich innerhalb eines Augenblicks zu durchschauen scheint.„Na, Caroline“, sagt er und lehnt sich in seinem Stuhl zurück. „Was verschlägt dich wieder hierher? Soll ich mein bestes Porzellan herausholen, um den feinen Herrn zu bewirten, oder bist du diesmal allein gekommen?“Ich straffe die Schultern und ignoriere den Sarkasmus in seinen Worten.„Ich habe verloren“, gestehe ich. Meine Stimme bleibt ruhig, obwohl mir dieses Eingeständnis das Herz zerreißt. „Ich werde mich von ihm scheiden
Carolines SichtEs ist Samstag, und meine Hände zittern, während ich vor dem Spiegel zum hundertsten Mal mein Kleid zurechtzupfe. Heute soll sich endlich alles ändern – Knoxx wird meinen Vater zum ersten Mal treffen. Der Knoten in meinem Magen zieht sich immer fester zusammen, doch gleichzeitig verspüre ich einen Hauch von Vorfreude. Zum ersten Mal habe ich die Chance, mich zu beweisen. Nicht nur meinem Vater, sondern auch mir selbst.Ich werfe einen Blick auf mein Handy. Eine Nachricht meines Vaters ist eingegangen:[Wann kommt denn der feine Herr? Soll ich extra mein gutes Porzellan für ihn herausholen?]Der Sarkasmus in seinen Worten tut weh. Er war noch nie ein Fan von Knoxx, und sein spöttischer Ton macht deutlich, dass er noch immer nicht viel von ihm hält.Ich presse die Zähne zusammen und tippe eine Antwort.[Wir sind bald da, Dad. Bitte gib ihm einfach eine Chance.]Ich schicke die Nachricht ab und nehme mir fest vor, mich von seinen Zweifeln nicht um diesen Tag bringen zu la
Carolines SichtIch sitze im Auto, und mein Herz rast noch immer nach allem, was Knoxx mir gerade erzählt hat. Ich kann kaum glauben, was ich eben gehört habe. Und doch lässt mich der Blick, mit dem er mich angesehen hat – verzweifelt, beinahe gebrochen –, ihm glauben wollen.Aber nach allem, was zwischen uns geschehen ist, fühlt es sich an, als würde ich mich auf dünnes Eis wagen, wenn ich ihm vertraue.„Caroline, bitte“, sagt Knoxx leise und wirft mir vom Fahrersitz aus einen Blick zu.„Ich möchte nur, dass du mich verstehst. Ich wollte dir niemals wehtun.“Ich lehne den Kopf gegen die Fensterscheibe und spiele nervös mit meinem Handy. Die Erinnerung an Dollys Artikel und die Andeutungen darin verfolgt mich wie ein Schatten, den ich einfach nicht abschütteln kann.Langsam nicke ich, unsicher, was ich sagen soll. Ein Teil von mir möchte schreien und ihn fragen, warum er mir das alles nicht schon viel früher erzählt hat. Doch ein anderer Teil von mir – der Teil, der ihn noch immer lie







