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Die Rache einer Erniedrigten
Die Rache einer Erniedrigten
Author: Déesse

Kapitel 1: Die Asche

Author: Déesse
last update publish date: 2026-02-06 00:54:18

Kapitel 1: Die Asche

Élianor

Der Spiegel im Flur ist mein erster Feind des Tages. Ich senke den Blick zu spät. Ich habe bereits die unförmige Masse gesehen, das zu runde Gesicht, den beigen Pullover, der an allen Stellen spannt, die ich verbergen möchte. Ich bin siebzehn Jahre alt, und mein Spiegelbild ist das eines Schattens, dick und undeutlich.

Ein Knurren hinter mir.

— Du blockierst den Durchgang, Élianor. Man kann sich in seinem eigenen Haus nicht mehr bewegen wegen dir.

Die Stimme meiner Schwester Liora ist wie ein Fallbeil. Sie zwängt sich an mir vorbei, dünn und gemein wie eine Schlange, ihr Körper als Schulsportlerin gleitet mühelos durch den Raum. Ihr Blick mustert mich von oben herab, ein höhnisches Grinsen auf den Lippen.

— Wirklich, versuch wenigstens, gerade zu stehen. Du siehst aus wie ein Kartoffelsack. Und dieser Pullover... was soll der denn verbergen? Die Schande?

Ich beiße die Zähne zusammen, das Herz rast. Jedes Wort ist ein Stich, präzise und vertraut. Ich drücke mich gegen die Wand, die kalte Farbe durch den Stoff, und wünschte, ich könnte in den Blumen der Tapete verschwinden. Ich bin zu Hause, und doch bin ich zu viel. Ein sperriges Möbelstück.

Am Tisch ist das Frühstück ein weiteres Minenfeld. Der Geruch von getoastetem Brot, der tröstlich sein sollte, riecht nach Verurteilung. Meine Mutter stößt einen theatralischen Seufzer aus, als sie mich eine Scheibe nehmen sieht.

— Schon wieder Brot, Schatz? Du weißt, mit deiner... Konstitution, solltest du vielleicht an Obst denken. Ein Apfel, das ist so erfrischend.

Sie sagt "Konstitution", wie man "schändliche Krankheit" sagen würde. Sie sieht mir nie wirklich ins Gesicht, ihr Blick gleitet über mich hinweg wie über einen hartnäckigen Fleck.

Mein Vater hinter seiner Zeitung pflichtet ihr bei, ohne auch nur aufzusehen. Seine Stimme ist ein Erlass, fern und endgültig.

— Sie hat recht, Élianor. Fettleibigkeit ist eine Krankheit. Man braucht Disziplin. Willenskraft. Sieh dir deine Schwester an.

Liora, genau, kichert und schmiert sich eine großzügige Schicht Butter und Marmelade auf ihren eigenen Toast.

— Disziplin, die kennt sie nicht. Das Einzige, was sie gut kann, ist ihren Teller füllen. Und selbst das klappt nicht immer, oft liegt neben dem Teller mehr als drauf.

Ihr schrilles Lachen durchdringt den Raum. Ich senke den Kopf, die Wangen brennen. Der Toast, den ich kaue, schmeckt nach Asche und Schuld. Jeder Bissen ist eine Sünde, jedes Kauen ein erdrückender Beweis meines mangelnden Willens. Ich bin ihr designierter Sündenbock, der Fabrikationsfehler in dieser Familie, die perfekt sein will. Ihre Verachtung ist eine Bleidecke, die mich jeden Tag ein bisschen mehr erdrückt, ein bisschen tiefer begräbt.

Die Straße, die zur Schule führt, ist ein Leidensweg, den ich jeden Morgen mit flauem Magen gehe. Ich bin siebzehn, und ich sollte von Freiheit träumen, von ersten Küssen, von Zukunft. Stattdessen träume ich von Unsichtbarkeit. Die Blicke der Passanten gleiten über mich, wenden sich ab mit grausamer Gleichgültigkeit oder schlecht verhehltem Amüsement. Geflüster, das knistert wie ein Feuer aus Zweigen. Unterdrücktes Lachen, das mir in den Nacken schneidet. Ich erkenne einige Gesichter. Ehemalige Mitschüler, die so tun, als sähen sie mich nicht. Nachbarn, die mit falschem Mitleid nicken.

— Vorsicht, da kommt was, murmelt eine Stimme aus einer Haustür.

— Beweg dich, das Schiff kommt in den Hafen, ruft ein anderer, lauter, von der anderen Straßenseite.

Ich starre auf den Bürgersteig vor meinen Füßen, den rissigen Asphalt, die zerkauten Kaugummis. Ich versuche, meinen Körper kleiner zu machen, weniger sichtbar, die Schultern einzuziehen, den Bauch einzuziehen. Vergeblich. Meine Existenz selbst ist eine Unannehmlichkeit, eine Anomalie in der ordentlichen und sauberen Landschaft dieser kleinen Provinzstadt. Ich bin die Dicke. Die dicke Élianor. Die, über die man zwischen zwei Unterrichtsstunden lacht. Die, mit der man manchmal Mitleid hat, mit einem flüchtigen und schnell abgewandten Blick, bevor man sich umdreht, um besser am allgemeinen Spott teilzunehmen.

Ich gehe, Kopf gesenkt, trage das Gewicht ihrer Blicke. Trage das Gewicht meiner Familie. Trage das Gewicht meines eigenen Fleisches, das zu einem Gefängnis geworden ist, aus dem ich nicht weiß, wie ich entkommen soll. Jeder Schritt ist eine Demütigung. Jeder Atemzug, eine Schande. Mit siebzehn bin ich bereits eine Ruine, und der Tag hat gerade erst begonnen. Das Schlimmste, das weiß ich, erwartet mich hinter den Toren der Schule.

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