LOGINÉlianor
Die Tore des Lycée Saint-Exupère öffnen sich wie ein Rachen, der seine Beute verschlingt. Der Lärm ist ohrenbetäubend, ein Getöse aus Gelächter, Geschrei und zuschlagenden Spinden. Ich tauche darin unter, so klein wie möglich, meine Tasche wie einen Schild an die Brust gedrückt. Es ist eine Illusion. Hier bin ich nackt.
Der Flur ist ein Tunnel der Prüfungen. Die Blicke bleiben auf mir haften, schwer und aufdringlich. Heimliche Grinsen, Geflüster, das bei meinem Vorbeigehen abrupt verstummt. Ich starre auf die Fugenlinie des Bodens, eine imaginäre Fluchtlinie, die nirgendwohin führt.
— Hey, pass auf! Du nimmst ja den ganzen Platz ein!
Eine Schulter rammt mich, absichtlich. Es ist Matthias, der Kapitän der Fußballmannschaft, umgeben von seiner Clique. Sie kichern.
— Entschuldigung, ich hab die Wand nicht gesehen, fügt er hinzu, gespielt reumütig.
Mein Gesicht glüht. Ich murmele ein kaum hörbares "Entschuldigung" und beeile mich. Mein Zufluchtsort ist der hinterste Platz im Französischunterricht, der letzte Tisch, an der Heizung. Ein Ort, an dem ich verschmelzen, zum Möbelstück werden kann.
Aber heute stimmt etwas nicht. Das Geflüster ist zahlreicher, aufdringlicher. Unterdrücktes Lachen brandet auf, sobald ich einen Raum betrete. Blicke glänzen vor krankhafter Erregung. Liora, der ich vor den Toiletten begegne, hat ein Lächeln wie eine Katze, die den Kanarienvogel verschluckt hat. Ein Lächeln, das einem das Blut in den Adern gefrieren lässt.
— Einen schönen Tag noch, Schwesterherz, sagt sie mit einer süßlichen, zu sanften Stimme.
Die Falle schließt sich zur Mittagszeit. Die Kantine ist das schlagende Herz der Schulhierarchie, und ich habe hier nirgendwo einen Platz. Ich nehme mein Tablett, die Hände feucht, und gehe in eine ruhige Ecke, wie immer. Plötzlich erhebt sich ein Jubel in der Nähe der Türen.
Es ist Lioras Gruppe. Sie haben einen Projektor und eine zusammenklappbare Leinwand aufgestellt. Eine Menschenmenge beginnt sich zu bilden, aufgeregt.
— Was ist los? fragt jemand.
— Es ist der Wettbewerb um das Biest der Schule! verkündet Liora mit einem Lächeln auf den Lippen. Wir haben einen Zusammenschnitt gemacht, um das denkwürdigste Exemplar zu küren.
Allgemeines Gelächter erhebt sich. Mein Magen krampft sich zusammen, ein eisiger Knoten. Ich will fliehen, aber meine Füße sind wie festgeklebt. Die Leinwand leuchtet auf.
Und das bin ich.
Ein Foto von mir, in Großaufnahme, heimlich aufgenommen, als ich allein aß, das Gesicht aufgedunsen, die Wangen voll. Die Menge brüllt vor Lachen. Ein weiteres Foto erscheint: ich, von hinten, meine zu enge Jeans spannt über unproportionierten Hüften. Das Gelächter wird stärker.
— Und der große Gewinner ist... Élianor, der Wal! ruft ein Junge, mit dem ich noch nie ein Wort gewechselt habe.
Tränen steigen mir in die Augen, brennend, demütigend. Ich will schreien, aber kein Laut dringt heraus. Ich will verschwinden. In diesem Moment beginnt das Video.
Es ist ein Video, aufgenommen mit einem Handy, verwackelt. Man sieht mich, letztes Wochenende, beim alljährlichen Stadtball. Ein Abend, zu dem ich mich gezwungen hatte zu gehen, in der Hoffnung auf ein Wunder, das nie eintreten würde. Ich hatte in meiner Ecke gehockt, ein Limonade getrunken, unsichtbar. Bis Théo, ein Junge aus der Abschlussklasse, beliebt und schön wie ein Gott, auf mich zukam.
Ich erinnere mich an diesen Moment. Mein Herz hatte einen Sprung gemacht. Er hatte mich angelächelt.
— Willst du tanzen? hatte er gesagt.
Ich hatte an das Wunder geglaubt.
Das Video zeigt die Szene. Man sieht mich, rot, zögernd, zustimmen. Dann, auf der Tanzfläche, als langsame Musik einsetzt, beugt er sich zu meinem Ohr. Das Mikrofon des Telefons muss seine Stimme aufgefangen haben. Seine wahre Stimme.
— Weißt du, Élianor, niemand wird dich jemals wollen. Du bist fett, du bist hässlich, und du stinkst nach Einsamkeit. Mit dir zu tanzen ist der Preis, den ich für eine Wette bezahlt habe. Du bist nur ein Witz.
Stille senkt sich über die Kantine. Eine Totenstille. Dann explodiert das Lachen. Ein entfesseltes, hysterisches Lachen, das die Wände zum Beben zu bringen scheint. Hunderte Augenpaare sind auf mich gerichtet. Ich sehe sie, diese Augen, die vor Bosheit und Genugtuung glänzen. Ich sehe das Gesicht meiner Schwester, strahlend, in der ersten Reihe.
Ich bin der Witz. Die Pointe. Das Biest.
Mein ganzer Körper zittert. Die Tränen fließen jetzt, warm und salzig über meine Lippen. Ich lasse mein Tablett fallen. Es zerschellt auf dem Boden mit einem Geräusch von zerbrechendem Geschirr, das im Gelächter untergeht. Ich drehe mich um und renne. Ich renne wie verrückt, rempele Leute an, blind vor Tränen.
Das Lachen verfolgt mich, hallt im Flur wider, klebt an meiner Haut wie Pech.
— Bravo, du Wal!
— Sie weint! Seht her, sie weint!
— Lauf, du Fettsack, lauf!
Ich stoße die schwere Tür der Schule auf und stürme die Stufen hinunter. Die Scham ist kein Gefühl mehr. Sie ist eine Substanz, dick, schwarz, die meine Lungen füllt, die meine Kehle verstopft. Sie fließt anstelle von Blut durch meine Adern. Die ganze Stadt hat es gesehen. Die ganze Stadt hat gelacht. Meine Familie, meine Mitschüler, meine Nachbarn.
Ich renne, ohne zu wissen wohin, die Wangen überströmt, das Herz in tausend Scherben. Jedes Lachen ist ein Messerstich. Jeder Blick ein Gift. Ich bin nackt. Ich bin befleckt. Ich bin nichts mehr.
Der Fall ist total. Und tief in diesem Abgrund wird etwas geboren. Ein Funke. Winzig, ertrunken im Ozean der Scham. Eine kalte Wut, die nur auf ihre Stunde wartet.
MARCUSDer Kaffee rinnt mir die Kehle hinunter, heiß, bitter. Ein Bollwerk gegen die Schlaflosigkeit und die Erinnerungen, die noch hinter meinen Augenlidern tanzen. Ich sitze auf der Terrasse des Gästehauses, im Schutz der Blicke, und beobachte, wie das große Haus erwacht. Die frische Morgenluft schafft es nicht, die zurückbleibende Wärme des Traums abzuwaschen.Dann sehe ich sie.Auf der sonnigen Veranda des Haupthauses, zwei kleine Gestalten. Ein Junge und ein Mädchen. Sie müssen fünf Jahre alt sein. Der Junge spricht mit seiner Schwester, lebhaft, und zeigt mit dem Finger in den Garten.Und mein Herz bleibt stehen.Der Junge… es ist, als würde ich auf ein vergilbtes Foto von mir selbst in diesem Alter blicken. Dieselben unordentlichen kastanienbraunen Haare. Dieselbe eigensinnige Kinnpartie. Dieselbe Art, sich hinzustellen, leicht trotzig, selbst in der Entspannung.Das
MARCUSDie Nacht im Gästehaus ist dicht, porös. Sie lässt Erinnerungen durchsickern, aber das Wesentliche fließt hindurch: die Empfindung. Es ist nicht ein Bild, das zuerst kommt, es ist eine Stimmung. Die schwüle Hitze einer Sommernacht. Leise Musik, von irgendwoher. Das scharfe, berauschende Gefühl des Verbotenen.Vor sechs Jahren. Ein anonymes Hotel. Ich, dort gestrandet, ausgelaugt von der Müdigkeit. Sie…Im Traum hat sie kein Gesicht. Nur eine Präsenz. Die Rundung einer Hüfte unter Seide. Ein dargebotener Nacken. Ein ersticktes Lachen an meiner Schulter. Eine Fremde. Eine Flucht. Mein Verlangen und meine Einsamkeit, die sich in einem anderen Körper zu vernichten suchen.Ich sehe, wie ich sie an mich ziehe. Mund auf Mund, im Fahrstuhl mit seinen endlosen Spiegeln. Der Geschmack eines süßen Cocktails auf ihren Lippen. Die Dringlichkeit. Dieses viszerale Bedürfnis, m
MARCUSDie Nacht im Gästehaus ist dicht, porös. Sie lässt Erinnerungen durchsickern, aber das Wesentliche fließt hindurch: die Empfindung. Es ist nicht ein Bild, das zuerst kommt, es ist eine Stimmung. Die schwüle Hitze einer Sommernacht. Leise Musik, von irgendwoher. Das scharfe, berauschende Gefühl des Verbotenen.Vor sechs Jahren. Ein anonymes Hotel. Ich, dort gestrandet, ausgelaugt von der Müdigkeit. Sie…Im Traum hat sie kein Gesicht. Nur eine Präsenz. Die Rundung einer Hüfte unter Seide. Ein dargebotener Nacken. Ein ersticktes Lachen an meiner Schulter. Eine Fremde. Eine Flucht. Mein Verlangen und meine Einsamkeit, die sich in einem anderen Körper zu vernichten suchen.Ich sehe, wie ich sie an mich ziehe. Mund auf Mund, im Fahrstuhl mit seinen endlosen Spiegeln. Der Geschmack eines süßen Cocktails auf ihren Lippen. Die Dringlichkeit. Dieses viszerale Bedürfnis, m
ÉLIANORSie errötet leicht, verraten. Wir wissen beide, dass »verwirrt« ein schwaches Wort ist, um die elektrisierende Wirkung zu beschreiben, die zwischen ihnen im Garten hin- und hergefahren ist.— Und wenn du erwischt wirst?— Ich werde nicht erwischt. Das ist unser Haus. Unser Garten. Ich bin eine harmlose alte Dame, die nachschaut, ob für ihren Mieter alles in Ordnung ist.— Martha…— Es ist entschieden, Élianor. Ich bitte nicht um deine Zustimmung. Ich bitte dich, nichts zu sagen. Tu, als ob nichts wäre. Beobachte ihn. Ich kümmere mich um den Beweis.Sie schüttelt den Kopf, erschöpft, besiegt von der Entschlossenheit, die in meinen Augen leuchten muss.— Ich will es nicht wissen. Ich will nichts vom Ergebnis wissen, hörst du? Wenn du das tust… tu es für dich. Nicht für mich.Sie dreht sich um un
ÉLIANORDas Kinderzimmer ist ein Heiligtum der Sanftheit und des Friedens, das mich zerreißt. Léon, mein Engel mit den dunklen Locken, schläft bereits, eine Hand unter die Wange gelegt. Lilou, sein Zwilling, etwas zurückhaltender, atmet sanft, ihr Kuscheltier fest ans Herz gedrückt. Zwei Gesichter, so ähnlich, so verschieden. Zwei Wunder, geboren aus dem Vergessen.Ich beuge mich über jedes von ihnen, hinterlasse einen so leichten Kuss auf ihrer Stirn, als könnte ein stärkerer Druck sie in eine zu brutale Welt wecken. Mein Herz zieht sich zusammen. An sie denke ich. Immer an sie. Der Rest – die Angst, die Verwirrung, diese zerreißende Anziehung zu dem Fremden im Garten – ist nur Lärm. Gefährlicher Lärm.Ich verlasse das Zimmer auf Zehenspitzen, schließe die Tür mit der Stille einer Diebin. Der Flur ist dunkel. Das Haus, zu still. Jeder Schritt zum Bad
MARTHADas Schweigen dauert eine Ewigkeit. Ich sehe die Gedanken in den Augen meiner Tochter wirbeln, ich sehe die stumme Wiedererkennung, den Schock, die schreckliche Anziehung, die zwischen ihnen hin- und herfährt wie ein Funke in trockenem Pulver. Ich muss eingreifen. Jetzt.— Élianor, mein Schatz, sage ich mit erzwungener, falsch klingender Normalität. Das ist Mr. Thorne. Marcus Thorne. Er… er wird das Gästehaus für einige Zeit mieten.Ich halte das Geld leicht hoch, wie einen Beweis, eine armselige Rechtfertigung.Élianor blinzelt, durch meine Stimme zurück an die Oberfläche geholt. Sie wendet endlich ihren Blick von Marcus ab und richtet ihn auf mich. Er ist voller stummer Fragen, Vorwürfe, Verwirrung.— Das Gästehaus? wiederholt sie mit erloschener Stimme.Dann, bevor ich etwas hinzufügen kann, dreht sie sich zu mir um, und ihre Stimme, plö







