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Der skrupellose Verräter

Author: Artemis
last update publish date: 2026-07-06 02:37:35

June's POV

Genau in diesem Moment murmelte Seth: „Entschuldige mich kurz.“ Dann ging er einfach davon und ließ mich unbeholfen stehen, während einige Frauen, die das bemerkt hatten, anfingen, miteinander zu tuscheln. Ich war enttäuscht, versuchte mir meine Stimmung jedoch nicht verderben zu lassen. Kurz darauf brach lauter Jubel aus. Ich blickte auf und sah, dass jemand die Bühne betreten hatte.

Korra.

Sie trug ein silbernes, fließendes Kleid, das unter den Lichtern schimmerte wie Mondlicht auf Wasser. Ihr langes blondes Haar fiel in perfekten Wellen über ihre Schultern, und ihre strahlend blauen Augen waren von glitzerndem Lidschatten umrahmt. Makellos. Künstlich.

Und unten an der Treppe, den Blick auf sie gerichtet, als wäre sie von den Göttern selbst erschaffen worden ... stand Seth. Mir stockte der Atem. Mein Herz blieb stehen, als mir klar wurde, was ich da sah.

Sie trugen dieselbe Farbe. Beide waren in Silber gekleidet. Allein dieser Anblick brannte sich schmerzhaft in meine Augen. Ich ballte wütend die Hände zu Fäusten.

Woher wusste Korra, was Seth heute Abend tragen würde?

Sie musste mir einfach alles kaputtmachen.

Korra hob mit einem dramatischen Lächeln die Arme und sprach ins Mikrofon. „Vielen Dank, dass ihr alle zu meiner Geburtstagsparty gekommen seid! Ich freue mich riesig, dass ihr heute Abend hier seid, um diesen besonderen Tag mit mir zu feiern!“

Höflicher Applaus ging durch die Menge. Keine Erwähnung von mir. Nicht ein einziges Wort. Sogar auf dem Banner stand inzwischen nur noch ihr Name. Jemand hatte den verblassten goldenen Schriftzug mit meinem Namen entfernt.

Ich schluckte den Schmerz hinunter, der sich in meiner Brust ausbreitete. Beth trat neben mich und flüsterte: „Ich bringe sie um.“

Ich wusste nicht einmal, wann sie angekommen war, aber sie hatte sofort verstanden, was hier vor sich ging und war genauso wütend wie ich. Ich schüttelte nur den Kopf. Ich war nicht bereit für noch einen Streit.

Korra strahlte weiterhin und hielt das Mikrofon fest in der Hand. „Und jetzt ... haben wir eine ganz besondere Ankündigung.“ Das Licht wurde etwas gedimmt. Seth trat neben sie. Sein Lächeln wirkte ruhig und voller Stolz.

Sobald die Mädchen ihn auf der Bühne sahen, brachen sie in lautes Kreischen aus. Sie klatschten, jubelten und riefen seinen Namen. Schließlich war er der begehrteste Junggeselle der ganzen Stadt. Der Sohn des Alphas. Der Traummann jeder Frau.

Aber ... Er war meiner. Zumindest dachte ich das.

Doch als ich die beiden dort oben stehen sah, zog sich meine Brust schmerzhaft zusammen. Er sah nicht aus, als würde er zu mir gehören.

Er und Korra.

In ihren aufeinander abgestimmten Kleidern. Wie sie dicht nebeneinander standen und sich mit perfekten Lächeln ansahen ... sie wirkten wie das perfekte Paar. Seth nahm Korra das Mikrofon ab. Sie verließ stolz die Bühne. Dann begann er zu sprechen.

„Wie viele von euch wissen, werde ich schon bald die Rolle des Alphas übernehmen. Darauf habe ich mein ganzes Leben lang hingearbeitet, und es ist mir eine Ehre, dieses Rudel in seine nächste Zukunft zu führen.“

Die Menge nickte zustimmend. Applaus ertönte. Einige jubelten sogar.

Seth sprach weiter „Doch kein Alpha steht allein. Heute Abend ... habe ich meine Gefährtin gefunden.“ Mein Herz schlug so heftig gegen meine Brust, dass es wehtat. Mein Atem stockte.

Wovon redete Seth? Er lächelte und zog hinter seinem Rücken eine einzelne Rose hervor. Dann setzte er sich in Bewegung. Über die Bühne. Die Treppe hinunter.

Auf ...

... mich zu?

Für einen kurzen Moment schien die Zeit stillzustehen. Ich dachte vielleicht ...

Nur vielleicht ...

... meinte er mich.

Dass er vor mir stehen bleiben, meine Hand nehmen würde und alles andere plötzlich keine Rolle mehr spielte. Schließlich hatte er mir versprochen, mich als seine Gefährtin zu markieren.

Doch ...

Er ging einfach an mir vorbei. Er schenkte mir nicht einmal einen Blick. Mein Herz hörte auf zu schlagen. Langsam drehte ich mich um. Mein ganzer Körper war taub. Vom Hals abwärts spürte ich nichts mehr.

Seth blieb vor Korra stehen. Behutsam steckte er ihr die Rose über das Ohr ins Haar. Sie blickte mit ihrem perfekten Schauspielerinnenlächeln zu ihm auf und hob ihm das Gesicht entgegen. Dann beugte er sich vor ...

... Und küsste sie auf den Mund.

Mir gaben beinahe die Knie nach. Meine Augen weiteten sich so sehr, als würden sie jeden Moment aus ihren Höhlen springen.

Die Menge schnappte nach Luft und brach anschließend in tosenden Applaus aus. Einige Frauen klammerten sich kreischend aneinander. Andere jubelten laut.

Ich hörte nichts davon. Alles klang dumpf. Als wäre ich unter Wasser gedrückt worden. Dann wandte Seth sich meinen Eltern zu.

„Beta Roderick, Madame Viviana ... ich bitte euch um euren Segen, eure Tochter Korra als meine Luna zu beanspruchen. Als meine Gefährtin. Als meine Ebenbürtige.“

Sie zögerten nicht einmal. Meine Mutter lächelte unter Tränen. Mein Vater nickte mit stolzem Gesichtsausdruck.

Ich stand keine anderthalb Meter von ihnen entfernt ... und sie verhielten sich, als gäbe es mich überhaupt nicht. Als wäre ich nicht einmal ihre Tochter.

Und als hätte die Welt mich nicht bereits genug zerstört ...

... ging Seth vor Korra auf die Knie.

Er zog eine kleine Schachtel aus seiner Tasche. Er öffnete sie. Ein silberner Ring. Unter den Lichtern glänzte er wie ein grausamer Hohn.

„Korra“, sagte er und lächelte zu ihr hinauf. „Willst du mich als deinen Gefährten und zukünftigen Alpha annehmen und an meiner Seite als meine Luna stehen?“

„JA!“

Sie schrie es, als würde sie für eine Filmrolle vorsprechen, und warf sich ihm um den Hals. Die Menge explodierte vor Begeisterung. Und ich? Ich konnte mich nicht bewegen.

Der silberne Ring an ihrem Finger brannte sich wie ein Brandmal in mein Gedächtnis. Ich fühlte mich leer... Zerbrochen. Auf jede nur mögliche Weise verraten.

Beth stand neben mir. Ihr Mund war vor Entsetzen leicht geöffnet. Sie sagte irgendetwas. Doch ich konnte sie nicht hören. In meinem Inneren erklang Nyas Stimme.

Ruhig..

Kühl..

„June ... du musst dich beruhigen.“

Mein Körper bewegte sich wie von selbst. Ich stürmte durch die Menge. Die Gäste machten mir Platz. Einige flüsterten. Andere schnappten erschrocken nach Luft.

Es war mir egal. Mein Blut rauschte in meinen Ohren. Nya flehte mich an, ruhig zu bleiben. Doch ...

Ich konnte nicht.

Ich fand sie mitten auf der Bühne. Noch immer völlig versunken in ihrem selbstgefälligen, glänzenden Glück. Seth und Korra.... Mein Freund und meine Schwester.

Sie hielten immer noch Händchen, als wäre ich nicht gerade vor der halben Rudelgemeinschaft in tausend Stücke gerissen worden.

„Wie konntest du nur?“

Meine Stimme war ruhiger, als ich erwartet hatte, als ich Seth anstarrte. ”June...“

Seth seufzte, als wäre er ein Vater, der es leid war, sein Kind ständig zurechtweisen zu müssen. „Wie konntest du mir das antun, Seth?!“

Diesmal war meine Stimme laut. Sehr laut. Der gesamte Saal verstummte, und alle Augen richteten sich auf uns.

„Was genau soll ich getan haben?“, fragte er und stellte sich ahnungslos.

„Du hast mich belogen.“ Meine Stimme zitterte, scharf wie Glasscherben. „Du hast gesagt, du willst eine Zukunft mit mir!“

Er lachte trocken. „Du warst eine gute Ablenkung, June. Aber Korra... sie ist meine wahre Gefährtin. Zwischen uns besteht die Gefährtenbindung. So sollte es schon immer sein.“

Es fühlte sich an, als hätte mir jemand mit voller Wucht ins Gesicht geschlagen. „Eine... Ablenkung?“ Meine Stimme brach.

„Du hast gesagt, dass du mich liebst! Du hast mir versprochen, mich zu markieren!“

„Ich war verwirrt.“ Er zuckte mit den Schultern, als würde das alles erklären. „Du weißt doch, wie das funktioniert, June. Die Gefährtenbindung übertrumpft alles.“

„Du warst verwirrt? Wir waren vier Jahre lang zusammen!“, schrie ich ihn an.

Dann drehte ich mich mit zitterndem Körper zu Korra.

„Du wusstest es! Du wusstest das alles, Korra! Du hast schon immer das haben wollen, was mir gehörte. Du konntest es nie ertragen, dass sich jemand für mich statt für dich entschieden hat!“

Korras Augen verengten sich. Ein spöttisches Lächeln erschien auf ihren Lippen.

„Du bildest dir da etwas ein. Er hat nie dir gehört. Du hast seinen Platz nur warmgehalten, bis er zu mir kommen konnte.“

Sie stieß mich von sich, als wäre ich Müll, der auf ihrer Bühne nichts verloren hatte. Erneut gingen erschrockene Laute durch die Menge.

Meine Hände ballten sich zu Fäusten. Ich wollte schreien. Ich wollte mich verwandeln. Ich wollte Nya auf sie loslassen und sie in Stücke reißen.

Doch ich konnte mich nicht bewegen.

„Das muss ein Scherz sein.“

Ein trockenes Lachen entwich mir.

„Ihr macht euch über mich lustig... Das muss einfach ein schlechter Scherz sein.“

„Das ist so echt, wie etwas nur sein kann, June“, sagte Seth.

Dann griff er in seine Jackentasche. Er zog eine kleine Samtschachtel hervor.

Genau die Schachtel.

Diejenige, die ich vor Monaten bei ihm gesehen hatte.

Diejenige, von der er behauptet hatte, sie sei für mich.

Ich hatte ihn sogar dabei erwischt, wie er geübt hatte, was er sagen wollte, wenn er sie mir schenken würde. Wochenlang hatte ich von diesem Moment geträumt.

Er öffnete die Schachtel.

Darin lag eine filigrane silberne Halskette. In ihrer Mitte schimmerte ein irisierender Stein.

Sie war für mich bestimmt gewesen. Zumindest hatte ich das geglaubt.

„Ich möchte, dass du sie bekommst.“

Er legte die Halskette um Korras Hals.

„Sie hat schon immer dir gehört.“

Etwas in mir zerbrach.

Ich stand reglos da. Atemlos.

Und sah dabei zu, wie Korra meinen Mann küsste.

Dann drehte sie sich zu mir um und schenkte mir ein boshaftes Lächeln.

„Ach, und nur damit deine kleine Traumwelt endgültig zerplatzt...“, sagte sie süßlich. „Ich werde diejenige sein, die bei Seth einzieht.“

Noch bevor ich darüber nachdenken konnte, setzten sich meine Beine von selbst in Bewegung.

Ich hörte Beth nicht, die meinen Namen rief. Es war mir egal, wer mich beobachtete.

Ich rannte. Durch den Hinterausgang. Am Garten vorbei. Durch das Seitentor.

Ich machte mir nicht einmal die Mühe, meine High Heels auszuziehen. Im Vorbeilaufen griff ich nach meinen Autoschlüsseln, die auf dem Tisch im Eingangsbereich lagen.

Ich blickte kein einziges Mal zurück. Als ich mein Auto erreichte, liefen mir bereits die Tränen übers Gesicht.

Meine Hände zitterten am Lenkrad, während ich losfuhr. Die Lichter der Stadt verschwammen vor meinen Augen, als Tränen unaufhörlich über meine Wangen liefen.

Ich umklammerte das Lenkrad so fest, dass meine Finger schmerzten. Ich wünschte, es wäre Korras Hals.

Seth.... Vier ganze Jahre. Alles war vorbei.

Alles...

Seth hatte mich die ganze Zeit belogen. Und ausgerechnet an meinem Geburtstag hatten sie beschlossen, mir das anzutun. Ich biss mir fest auf die Unterlippe, um nicht laut aufzuschreien. Ich würde ihnen niemals verzeihen.

Niemals.

Am Straßenrand tauchte das leuchtende Schild einer Bar auf. Ich dachte nicht nach. Ich bog einfach ab.

Die Bar war schummrig beleuchtete..Laut... Warm.. Es war mir egal.

Ich setzte mich an den Tresen, bestellte etwas Starkes und leerte das erste Glas in einem Zug. Das Brennen in meiner Kehle kümmerte mich nicht.

Dann folgte das zweite. Und das dritte.

Ich wusste nicht einmal mehr, was ich eigentlich auslöschen wollte. Mein Herz? Meine Erinnerungen? Oder mich selbst?

Meine Ellbogen ruhten auf der klebrigen Theke.

Ich konnte nicht aufhören zu weinen. Es war mir egal, wer mich sah. Die Musik war zu laut und das Licht zu dunkel, als dass sich überhaupt jemand dafür interessiert hätte.

Ich war einfach nur ein Mädchen in einem Partykleid. Mit gebrochenem Herzen. Und verschmierter Wimperntusche.

Doch dann...

Ein Duft, Süß, Erdig.. Warm. Wie Kiefernwald und süße Erdbeeren. Nya regte sich plötzlich in meinem Inneren.

„Riechst du das?“, flüsterte sie plötzlich alarmiert. Benommen hob ich den Kopf.

Auf der anderen Seite des Raumes stand ein Mann, den ich noch nie zuvor gesehen hatte. Durch meinen tränenverschleierten Blick wirkte alles verschwommen. Er war groß. Breitschultrig. Ganz in Schwarz gekleidet.

Seine dunklen Augen waren unergründlich. Doch sie waren direkt auf mich gerichtet. Mein Herz setzte einen Schlag aus.

Ich blinzelte und versuchte, scharf zu sehen. Doch der Alkohol und meine aufgewühlten Gefühle waren zu viel.

Mir wurde schwindelig. Meine Glieder wurden schwer. Ich wollte fragen, wer er war. Doch stattdessen sackte ich nach vorne. Die Tränen waren noch immer auf meinen Wangen.

Und dann...

...wurde alles schwarz.

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