Masuk
Der Regen trifft mich den ganzen Weg die Bergstraße hinauf seitlich. Als ich die Tore der Hollowmere-Akademie erreiche, sind meine Stiefel durchweicht und meine Finger taub. Es ist mir egal. Ich habe neunzehn Jahre darauf gewartet, hierher zu kommen.
Zwei steinerne Wölfe bewachen die Tore, doppelt so groß wie ein Mann. Dahinter liegt ein Hof voller Schüler in schwarzen Mänteln. Sie stehen unter den überdachten Gängen, sprechen leise und beobachten mich.
In der Mitte des Hofs stehen vier Statuen. Vier Gründer, aus grauem Stein gemeißelt, die auf alle herabblicken, als gehörten sie ihnen. Zwischen der dritten und der vierten Statue steht ein leerer Steinsockel. Vor langer Zeit hat jemand einen Namen davon gemeißelt und den Stein glatt geschliffen.
Ich sehe zu lange hin. Dann zwinge ich mich, wegzusehen.
Nahe den Toren steht eine schwarze Säule mit einem blauen Licht. Jeder Schüler vor mir legt eine Hand darauf. Sie erklingt, und für drei Sekunden leuchten ein Name und ein Rudelrang in der Luft auf. Dann bin ich an der Reihe.
Ich lege meine Hand auf das Glas. Nichts passiert. Das Licht wird rot und erlischt.
„Noch einmal“, sagt der Mann am Schreibtisch. Er ist dünn und hat Tinte an den Fingern.
Ich versuche es erneut. Dasselbe.
„Name?“
„Wren Vale.“
Er tippt. Der Bildschirm bleibt leer. „Rudel?“
„Keines.“
Der Hof verstummt. Irgendwo lacht ein Mädchen einmal und hört dann auf.
„Das ist unmöglich“, sagt der Mann. „Jeder Wolf hat einen Rudel-Eintrag. Selbst die Abgelehnten.“
„Dann ist eure Maschine kaputt.“
Neben dem Schreibtisch steht eine Wand aus schwarzem Stein, bedeckt mit kleinen Messingplatten. Oben steht ENTFERNT AUS DEN LISTEN. Auf jeder Platte stehen ein Name und ein Jahr. Die neueste Reihe ist glänzend. Zehn Platten vom letzten Jahr. Die Reihen darüber reichen dreihundert Jahre zurück.
„Erstklässler sollen das nicht lesen“, flüstert jemand neben mir. „Das bringt Unglück.“
Es ist ein kleines Mädchen mit Sommersprossen und einem schiefen Zopf, das eine Tasche hält, die viel zu groß für sie ist.
„Pip“, sagt sie. „Pip Tanner. Ich stehe in deiner Reihe. Naja, ich stehe in jeder Reihe. Ich habe keinen Rang.“
„Wren.“
„Ich weiß. Du bist die mit dem fehlenden Rudel.“ Sie sagt es, als wäre das etwas Gutes. „Wenn ich du wäre, würde ich den Mund halten.“
Ich sollte auf sie hören.
Ein neuer Geruch schneidet durch den Regen. Kiefer, Stahl und etwas wie Rauch. Die Schüler treten zur Seite, ohne dass man es ihnen sagen muss. Ein großer Junge bleibt drei Schritte vor mir stehen. Er trägt einen schwarzen Mantel, nasses dunkles Haar und goldene Augen.
„Torin Ashgrove“, haucht Pip. „Erbe der stärksten Familie. Sieh ihn nicht an.“
Ich sehe ihn an.
„Du stehst nicht auf der Liste“, sagt er.
„Hab ich gemerkt.“
Er tritt näher und atmet ein. Ich weiß, was er tut. Jeder Wolf hat einen Geruch, der verrät, aus welcher Familie er stammt, und er versucht, meinen zu lesen. Er runzelt die Stirn. Dann verändert sich sein Gesicht langsam, von genervt zu etwas Schlimmerem.
Hinter ihm zerbricht eine Tasse auf dem Stein.
Ein alter Mann steht oben an der Haupttreppe, Tee läuft zwischen seinen Schuhen. Sein Gesicht hat die Farbe von Asche angenommen. Er starrt mich an, als wäre ich aus einem Grab gekrochen.
„Seraphine“, flüstert er.
Der ganze Hof hört es.
Dann spüre ich es. Ein Faden zieht sich straff unter meinen Rippen, direkt zu dem Jungen vor mir. Torins Kopf zuckt. Er spürt es ebenfalls. Sein Kiefer spannt sich an, und ich sehe, dass er es genauso hasst wie ich.
Der alte Mann kommt zu schnell die Stufen herunter. Das ist Schulleiter Aldous Ashgrove. „Bringt sie in die Verwahrungsräume. Das Reaving beginnt bei Einbruch der Dunkelheit. Sie nimmt teil, oder sie verlässt diesen Berg in einer Kiste.“
„Sie hat keinen Rang“, sagt Torin.
„Sie wird bis morgen früh einen haben.“ Die Augen des Schulleiters verlassen mein Gesicht nicht. „Oder sie wird keinen mehr brauchen.“
Bei Einbruch der Dunkelheit stehen hundert von uns in einer überfluteten Arena unter der Schule. Regen fällt durch das offene Dach. Der Schlamm zieht an meinen Stiefeln. Pip steht drei Personen von mir entfernt und zittert.
Eine Stimme liest die Regeln über die Lautsprecher. Die letzten zehn, die noch stehen, kommen weiter. Alle anderen werden danach eingestuft, wie lange sie durchhalten. Die zehn am unteren Ende werden aus den Listen gestrichen.
Niemand sagt das Wort *sterben*. Niemand muss es.
Auf dem Balkon über uns beobachten vier Personen in dunklen Mänteln. Pip flüstert ihre Namen. Torin Ashgrove. Cassian Blackthorn. Dorian Marrow. Ein blasses Mädchen namens Mara Voss.
Als die Stimme *aus den Listen gestrichen* sagt, lächelt Cassian und Dorian knackt mit den Knöcheln. Mara sieht krank aus.
Torin starrt auf den Boden.
Ich weiß nicht, warum gerade das mir auffällt.
Das Horn erklingt, und alle bewegen sich gleichzeitig.
Ich kämpfe, wie ich es immer getan habe. Schnell, leise und gemein. Ich schlage zwei Jungen mit Treffern an die Kehle nieder, bevor sie fertig verwandelt sind. Ein Mädchen mit eisgrauen Augen stürzt auf mich zu, und ich trete zur Seite und stoße ihr Gesicht voraus in den Schlamm. Ich suche keinen Auftritt. Ich suche Raum.
Es hält nicht lange.
Torin springt vom Balkon herunter und die Menge öffnet sich um ihn. Er findet mich in unter einer Minute. Den ersten Schlag blocke ich. Der zweite treibt mich drei Schritte zurück. Der dritte bringt mich zu Boden, hart genug, um mir die Luft aus den Lungen zu pressen.
Er fixiert mich mit einem Knie auf meinem Bein und dem Arm über meinem Schlüsselbein. Regen tropft von seinem Haar auf meine Wange.
„Bleib liegen“, sagt er. „Du gehörst nicht hierher.“
Etwas unter meinen Rippen pocht.
Einmal.
Zweimal.
Dreimal.
Ein dünner Streifen silbernen Lichts spaltet meine Haut unter dem Brustbein. Hitze reißt durch meine Brust. Torins Augen weiten sich, und er zuckt zurück, als wäre er verbrannt worden.
Das Licht verblasst. Es hinterlässt eine kleine erhabene Markierung.
Die Arena verstummt. Sogar der Regen scheint leiser zu werden. Und vom Balkon höre ich eine Mädchenstimme, dünn und ängstlich, so klar, als stünde sie direkt neben mir.
„Sie haben uns gesagt, es sei versiegelt.“
Ich drehe den Kopf. Es ist Mara Voss, beide Hände vor dem Mund.
Torin starrt auf die Stelle, an der das Licht war. Seine Hand schwebt über meinen Rippen, ohne sie zu berühren. Der Zug zwischen uns ist so stark, dass er schmerzt.
Ich lächle ihn an, mit allen Zähnen.
„Überraschung.“
Auf dem Balkon packt Schulleiter Ashgrove das Geländer so fest, dass der Stein kracht. Ein Mann neben ihm beugt sich vor und fragt etwas. Ich lese die Lippen des Schulleiters von der anderen Seite der Arena ab.
Wer hat sie hierhergebracht?
Die silberne Markierung unter meinen Rippen leuchtet nicht mehr, aber sie ist immer noch warm, wie eine Kohle unter Asche. Torin hat seine Hand immer noch nicht wegbewegt. Er sieht aus, als wollte er sich zurückziehen und könne es nicht.
Dann bewegt sich etwas in mir.
Diesmal ist es kein Pochen. Es ist eine Stimme. Ruhig und weich, und sie gehört nicht mir. Sie sitzt direkt hinter meinem Brustbein.
*Lächle noch einmal, kleiner Wolf. Lass sie sehen, dass du keine Angst hast.*
Mein Blut wird kalt. Ich war neunzehn Jahre lang allein in meinem eigenen Kopf.
Die Stimme spricht erneut, näher.
Sie haben mich neunzehn Jahre hier eingesperrt. Ich kann noch ein wenig länger warten.
Und ich merke, dass sie lächelt.
Die dritte Prüfung heißt die Bindung, und der Rektor paart uns persönlich.Ich glaube nicht an Zufälle, also bin ich nicht einmal überrascht, als er das erste Paar vorliest und es Wren Vale und Torin Ashgrove sind.Torin ist es. Er erstarrt, als wäre er geohrfeigt worden. „Vater…“„Eine Bindungsprüfung“, sagt Aldous angenehm, „für jene, die bereits eine haben. Ich würde sie ungern verschwenden.“Irgendwo in der Menge erklingt ein Lachen. Ich will herausfinden, wer es war, und zuschlagen.Die Regeln kommen über die Lautsprecher. Wir werden die Ertrunkene Höhle unter der Schule zu zweit durchqueren, die Handgelenke mit einer silbernen Schnur zusammengebunden. Die Schnur verbrennt den, der loslässt. Das Paar, das zuerst hinüberkommt, erhält die höchste Punktzahl. Paare, die ins schwarze Wasser fallen, kommen nicht wieder heraus.Pip ist mit einem Jungen aus der hinteren Reihe gepaart. Cassian und Dorian wurden zusammengebracht, was beinahe komisch ist. Mara hat ein stilles Mädchen aus de
Niemand warnt einen davor, dass die Leute aufhören, Angst vor einem zu haben, und anfangen, unhöflich zu werden, wenn man vom ersten Platz auf den achtzigsten fällt.Es ist der dritte Tag nach der Jagd. Ich sitze in der hinteren Reihe von Rudelgesetz an einem gesprungenen Pult und mit Kopfschmerzen, während Lady Marrow über Loyalität doziert. Sie schaut mich kein einziges Mal an. Zwei Studenten hinter mir flüstern, dass Rang Eins ein Zufall war. Ein Dritter sagt, es sei ein Trick gewesen. Ein Vierter meint, man solle mich entfernen, bevor ich „die Listen anstecke“.Ich lasse sie reden. Ich habe eine Liste von Dingen, die ich heute tue, und wütend zu werden steht nicht darauf.Die Liste ist kurz. Den Kessel nah halten. An dem Lied festhalten, das Nell sang. Niemanden das Licht sehen lassen.Ich bin gerade beim Lied, als sich jemand neben mich fallen lässt.„Du machst das falsch“, sagt Mara Voss. „Alle sitzen am Fenster. Die hintere Reihe ist der Platz, an dem man beobachtet wird.“„Vie
Ich sollte nicht hinuntergehen. Das weiß ich. Ich gehe trotzdem.Der Innenhof ist kalt und still. Torin dreht sich nicht um, als ich aus der Seitentür trete, aber seine Schultern spannen sich an, und ich weiß, dass er mich gespürt hat, bevor er mich hörte. Der Zug unter meinen Rippen sitzt dort wie ein Haken. Ich hasse ihn.„Du solltest auf der Krankenstation sein“, sagt er.„Du solltest im Bett sein.“„Ich kann nicht schlafen.“„Ich auch nicht.“Schließlich sieht er mich an. Er hat Schatten unter den Augen, und sein Haar ist zerzaust. Ohne den schwarzen Mantel wirkt er jünger, nur zweiundzwanzig und müde. Ich erlaube mir nicht, das zu bemerken.Der Riss im Sockel ist jetzt länger. Er verläuft quer über die Oberseite und eine Seite hinunter und ist breit genug, dass ich eine Hand hineinlegen könnte.„Er hat angefangen zu wachsen in der Nacht, als du angekommen bist“, sagt er. „Jedes Mal, wenn du das Silber benutzt, wird er breiter.“„Ich habe das Silber nicht erbeten.“„Ich weiß.“ Er
Sie halten mich einen ganzen Tag lang hier auf der Krankenstation. Niemand muss das eine Strafe nennen.Aber ich bin jetzt sauber. Die Heilerin hat meine Hände gereinigt, während ich an die Decke starrte und mich weigerte, an das Blut zu denken, das einmal an meinen Händen war. Dorian liegt in einem Zimmer zwei Türen von meinem entfernt, mit dem Arm im Gips und drei gebrochenen Rippen. Jedes Mal, wenn eine Krankenschwester an meinem Zimmer vorbeigeht, schaut sie hinein, als erwarte sie, dass ich auf sie lospringe.Die Luft im Zimmer riecht nach Wolfsbann und scharfer Seife. Regentropfen schlagen gegen die hohen Fenster. Irgendwo den Flur hinunter stöhnt ein Junge im Schlaf. Ich liege still und erinnere mich an das, was mir noch geblieben ist: Nells Name. Die Form der Küche. Der blaue Kessel. Der Tisch mit den Rissen. Das falsch gestimmte Lied, das sie singt, wann immer das Brot anbrennt. Es gibt kein Gesicht mehr, aber der Rest ist noch da, wenn ich ihn richtig festhalten kann.Als es
Die zweite Prüfung heißt die Jagd, und sie beginnt um Mitternacht.Neunzig von uns stehen am Rand des Waldes unterhalb der Schule, in der Dunkelheit und der Kälte. Die Zehn, die nach der ersten Prüfung genommen wurden, sind einfach weg. Niemand spricht ihre Namen aus. Wir halten ein einziges Seil in einer langen Reihe und warten darauf, dass das Tor geöffnet wird.Die Regeln knistern erneut aus den Lautsprechern. Ein wilder Wolf wurde in den Wald freigelassen. Ein silbernes Zeichen hängt an seinem Halsband. Wer das Zeichen als Erster zu den Toren zurückbringt, erhält Rang Eins. Alle anderen werden nach der Reihenfolge ihres Zurückkehrens gerankt. Wer bei Tagesanbruch noch fehlt, wird von den Listen gestrichen.„Einander wehzutun ist erlaubt“, flüstert Pip neben mir. „Offensichtlich.“„Offensichtlich.“Die Erben stehen weiter vorne. Cassian fängt meinen Blick und zwinkert. Dorian sieht mich an, als wolle er mich schon tot sehen. Mara ist blass und still und reibt immer wieder mit dem D
Ich verbringe die Nacht in einem Haftraum mit einem Bett, einem Eimer und einem Schloss von außen.Die Stimme bleibt still. Fast vermisse ich sie, was ein dummer Gedanke ist.Bei Tagesanbruch öffnet ein Wächter die Tür, und Pip kommt an ihm vorbei herein, als gehöre ihr der Ort. Sie trägt zwei Brötchen und eine zusammengefaltete Uniform in den Armen.„Sie haben gesagt, ich dürfe dir Frühstück bringen“, sagt sie. „Ich habe erzählt, ich sei deine Cousine.“„Wir sehen uns überhaupt nicht ähnlich.“„Ich habe gesagt, entfernte.“ Sie gibt mir ein Brötchen. „Iss. Rang Eins isst im großen Saal mit den Erben, also solltest du besser aussehen, als hättest du Übung.“Ich esse. Pip hockt sich auf die Bettkante und redet; ich nehme an, sie kann nicht anders. Sie erzählt mir, dass es an ihrer Schule zwei Glocken, drei geheime Treppen und einen beißenden Lehrer gibt. Sie erzählt mir, dass es fünf Prüfungen im Reaving gibt und die nächste morgen Abend stattfindet.„Schau nicht wieder auf die Entfernu







