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Kapitel 4

last update Veröffentlichungsdatum: 04.09.2026 06:34:29

ELARAS POV

Die Welt ging nicht unter, als Kael mich zurückwies.

Beinahe wünschte ich, sie hätte es getan.

Ich stand unter dem kalten, silbernen Licht des Mondes, umgeben von Hunderten Wölfen, und hatte mich noch nie in meinem Leben so allein gefühlt.

Seine Worte hallten immer wieder in meinem Kopf wider.

Die Mondgöttin hat einen Fehler gemacht.

Ich werde Elara Veyne niemals als meine Gefährtin akzeptieren.

Immer wieder.

Und wieder.

Und wieder.

Mit jeder Wiederholung grub sich die Zurückweisung tiefer in mich, bis ich kaum noch atmen konnte.

Die Gefährtenbindung in meiner Brust wand sich schmerzhaft, als wäre sie zu einem lebendigen Wesen geworden, das unter meinen Rippen gefangen war. Sie brannte, zog und schrie nach dem Mann, der mich gerade vor dem gesamten Rudel zurückgewiesen hatte.

Zitternd presste ich eine Hand gegen meine Brust.

Bitte, hör auf.

Ich wollte diese Bindung loswerden.

Ich wollte, dass der unsichtbare Faden, der mich mit Kael Draven verband, endgültig riss.

Wenn die Mondgöttin einen Fehler gemacht hatte, dann konnte sie ihn vielleicht auch korrigieren.

Alles wäre besser als das hier.

Alles wäre besser, als mitten im Pavillon zu stehen und dabei zuzusehen, wie ich vor den Augen des gesamten Rudels auseinanderbrach.

„Elara …“

Lyras Stimme erreichte mich sanft.

Ich konnte nicht antworten.

Mein Blick blieb auf dem Boden gerichtet.

Ich spürte Kaels Gegenwart noch immer.

Ich musste ihn nicht einmal ansehen, um zu wissen, wo er stand.

Neben Vivienne.

Sein Arm lag noch immer um ihre Taille, seine Haltung vollkommen entspannt, als hätte er nicht gerade die gesamte Welt eines anderen Menschen zerstört.

Als wäre ich nicht die Frau, deren Seele an seine gebunden war.

Als würde all das überhaupt keine Rolle spielen.

Dann begannen die Stimmen.

Zuerst waren sie leise.

Ein paar gedämpfte Worte.

Dann wurden es mehr.

Schon bald schien der gesamte Pavillon von Geflüster erfüllt zu sein.

„Hast du das Gesicht des Alphas gesehen?“

„Er hat seine eigene Gefährtin zurückgewiesen.“

„Eine Omega als Gefährtin des Alphas? Das konnte doch niemals funktionieren.“

„Sie hätte es besser wissen müssen.“

„Fast tut sie mir leid.“

Fast.

Dieses Wort tat mehr weh, als es sollte.

Ich war niemand, den sie bemitleideten.

Ich war jemand, den sie längst für wertlos erklärt hatten.

Und Vivienne wusste das.

Als ich es schließlich wagte, den Blick zu heben, sah ich, dass sie mich beobachtete.

Sie wirkte weder schockiert noch besorgt.

Sie sah siegreich aus.

Die Mundwinkel hoben sich zu einem zufriedenen Lächeln.

Dann kam sie näher.

„Arme Elara.“

Ihre Stimme war so süß, dass jeder, der sie nicht kannte, ihr vielleicht geglaubt hätte.

„Was für ein schreckliches Schicksal.“

Ein paar Wölfe in ihrer Nähe lachten.

Mein Magen verkrampfte sich.

Ich senkte den Blick wieder.

Ich konnte sie nicht ansehen.

Ich konnte Kael nicht ansehen.

Ich konnte niemanden ansehen.

Wenn ich noch einen Moment dort blieb, würde ich endgültig zerbrechen.

Also drehte ich mich um.

Ein Schritt.

Dann noch einer.

Ich hatte kaum zwei Schritte gemacht, als Kaels Stimme mich aufhielt.

„Elara.“

Mein Körper reagierte, bevor mein Verstand es konnte.

Ich erstarrte.

Die Gefährtenbindung schoss bei Klang seiner Stimme schmerzhaft durch meine Brust.

Für einen törichten, erniedrigenden Moment keimte Hoffnung in mir auf.

Vielleicht ruft er mich zurück.

Vielleicht bereut er es.

Vielleicht hat er erkannt, was er getan hat.

Vielleicht—

Langsam drehte ich mich um.

Die Hoffnung starb augenblicklich.

Kaels Gesicht war kalt.

Kein Bedauern.

Keine Zärtlichkeit.

Nichts, das darauf hindeutete, dass er gerade die Frau zurückgewiesen hatte, die laut Schicksal an seiner Seite stehen sollte.

Seine Augen waren hart, als er mich ansah.

„Ich rate dir, deinen Platz nicht zu vergessen.“

Die Worte trafen härter als seine Zurückweisung.

Stille legte sich über den Pavillon.

Dann begann wieder das Flüstern.

Ich schluckte den Kloß in meinem Hals hinunter.

„Ich kenne meinen Platz, Alpha.“

Meine Stimme klang kaum wie meine eigene.

Für den Bruchteil einer Sekunde veränderte sich Kaels Gesichtsausdruck.

Ein Flackern.

Unsicherheit.

Schmerz.

Ich wusste es nicht.

Vielleicht hatte ich es mir nur eingebildet, weil ein Teil von mir verzweifelt glauben wollte, dass er nicht vollkommen gefühllos war.

Doch bevor ich verstehen konnte, was ich gesehen hatte, legte Vivienne ihre Hand um seinen Arm.

„Komm“, murmelte sie.

Ihre Stimme war gerade laut genug, damit die Menschen in ihrer Nähe sie hören konnten.

„Die Zeremonie geht noch weiter.“

Kael sah mich nicht wieder an.

Er nickte lediglich.

Dann wandte er sich ab.

Einfach so.

Er ging mit Vivienne davon, als hätte die Mondgöttin unsere Seelen niemals miteinander verbunden.

Als hätte ich niemals eine Bedeutung für ihn gehabt.

Die Menge machte ihnen Platz.

Ich konnte nicht bleiben.

Keine Sekunde länger.

Ich drehte mich um und rannte.

Die kalte Luft schlug mir ins Gesicht, als ich den Rand der Versammlung hinter mir ließ. Meine Sicht verschwamm sofort, doch ich weigerte mich, die Tränen wegzuwischen.

Ich wollte nicht, dass irgendjemand mich weinen sah.

Sie hatten mir bereits genug genommen.

Ich rannte an den Rudelhäusern vorbei.

An Wölfen, die stehen blieben und mich anstarrten.

An vertrauten Gesichtern, die sich hastig abwandten.

Mit jedem Schritt entfernte ich mich weiter vom Pavillon, doch die Demütigung folgte mir.

Sie klebte an meiner Haut.

Sie lastete in meiner Brust.

Sie war unmöglich abzuschütteln.

Als ich schließlich den Wald am Rand des Blackthorn-Gebiets erreichte, brannten meine Lungen.

Doch ich lief weiter.

Äste kratzten über meine Arme.

Zweige knackten unter meinen Füßen.

Blätter verfingen sich in meinen Haaren.

Es war mir egal.

Ich brauchte einfach einen Ort, an dem mich niemand sehen konnte.

Irgendwann versagten meine Beine.

Ich stolperte zu einem großen Baum und sank zu Boden.

In dem Moment, in dem mein Rücken die raue Rinde berührte, brach alles zusammen, was ich die ganze Zeit zurückgehalten hatte.

Ein ersticktes Schluchzen entwich mir.

Dann noch eines.

Ich presste eine Hand vor meinen Mund, doch die Tränen wurden nur stärker.

All diese Jahre.

All diese Nächte, in denen ich mir eingeredet hatte, dass sich irgendwann etwas ändern würde.

Dass mich eines Tages vielleicht jemand als mehr als nur eine Omega sehen würde.

Dass die Mondgöttin vielleicht etwas Besseres für mich vorgesehen hatte.

Ich hatte daran geglaubt.

Ich hatte mich an diese winzige Hoffnung geklammert, weil ich nichts anderes besaß.

Und als ich endlich einen Gefährten bekam …

hatte er mir in die Augen gesehen und mich einen Fehler genannt.

Mein Wolf wimmerte in meinem Inneren.

Der Schmerz gehörte nicht nur mir.

Sie fühlte ihn ebenfalls.

Ihre Trauer presste sich gegen mein Herz, bis ich kaum noch Luft bekam.

„Wir waren nicht genug“, flüsterte ich.

Meine Stimme brach.

„Oder?“

Meine Wölfin antwortete nicht.

Nur ein leises Wimmern drang aus ihrem Inneren.

Ich zog die Knie an meine Brust.

Vielleicht war das meine Strafe dafür, dass ich gehofft hatte.

Vielleicht war ich dumm gewesen zu glauben, dass jemand wie Kael sich jemals für jemanden wie mich entscheiden würde.

Hinter mir raschelte es.

Sofort spannte ich mich an.

„Du solltest nicht allein hier draußen sein.“

Ich wirbelte herum.

Damon stand einige Schritte entfernt.

Der Beta sah überhaupt nicht mehr aus wie der selbstbewusste Krieger, der wenige Augenblicke zuvor neben Kael gestanden hatte.

Seine Schultern waren angespannt.

Sein Gesichtsausdruck wirkte unbehaglich.

Fast schuldbewusst.

„Was willst du?“, fragte ich.

Damon seufzte.

„Ich wollte nach dir sehen.“

Ich wischte mir hastig über die Wangen.

„Sehe ich aus, als müsste jemand nach mir sehen?“

Seine Augen wurden weicher.

„Nein.“

„Dann hast du deine Antwort.“

Schweigen breitete sich zwischen uns aus.

Damon steckte die Hände in die Taschen.

„Ich wusste es nicht.“

Ich runzelte die Stirn.

„Was wusstest du nicht?“

„Dass du seine Gefährtin bist.“

Ein bitteres Lachen entwich mir.

„Glückwunsch.“

Er blinzelte.

„Wozu?“

Ich wandte den Blick ab.

„Du hast genau das bekommen, was du wolltest.“

Seine Stirn legte sich in Falten.

„Ich verstehe nicht.“

„Du hast immer an seiner Seite gestanden.“

Meine Stimme wurde leiser.

„Du verteidigst ihn. Du folgst ihm. Du stimmst ihm zu.“

Damons Gesicht verhärtete sich.

„Er ist mein Alpha.“

„Und ich bin sein Fehler.“

Die Worte waren heraus, bevor ich sie zurückhalten konnte.

Damon schwieg.

Mehrere Herzschläge lang sagte keiner von uns etwas.

Dann schüttelte er schließlich den Kopf.

„Du bist kein Fehler, Elara.“

Ich sah ihn an.

Ein trauriges Lächeln berührte meine Lippen.

„Das ist leicht gesagt.“

„Nur weil es leicht zu sagen ist, macht es das nicht unwahr.“

„Dafür ist es jetzt ein wenig spät.“

Damon öffnete den Mund.

Doch kein Wort kam heraus.

Was hätte er auch sagen sollen?

Dass Kael es nicht so gemeint hatte?

Dass ich ihm vergeben sollte?

Dass irgendwie alles wieder gut werden würde?

Es gab keine Worte, die rückgängig machen konnten, was geschehen war.

Bevor einer von uns erneut sprechen konnte, zerriss ein Heulen die Stille des Waldes.

Damons Kopf schnellte in Richtung Blackthorn.

Ein weiteres Heulen folgte.

Dann noch eines.

Sein Gesichtsausdruck veränderte sich augenblicklich.

Die Sanftheit verschwand aus seinen Augen.

„Was ist das?“, fragte ich.

„Signale der Rudelpatrouille.“

„Warum rufen sie?“

„Ich weiß es nicht.“

Er starrte auf die fernen Lichter des Rudelgebiets.

Etwas Unruhiges lag plötzlich in seinem Blick.

Dann sah er wieder zu mir.

„Du musst zurück.“

Ich schüttelte den Kopf.

„Nein.“

„Elara—“

„Nein.“

Zum ersten Mal war mir egal, wer mich darum bat.

Ich war müde.

Müde davon, zu gehorchen.

Müde davon, mich kleiner zu machen.

Müde davon, ständig gesagt zu bekommen, wohin ich gehörte.

Damon machte einen Schritt auf mich zu.

„Elara, jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt, stur zu sein.“

„Ich sagte nein.“

Sein Kiefer spannte sich an.

„Elara!“

Ich zuckte bei der Schärfe in seiner Stimme zusammen.

Dann zerriss ein weiteres Heulen die Bäume.

Doch dieses war anders.

Es war nicht der organisierte Ruf einer Patrouille.

Es lag Dringlichkeit darin.

Angst.

Damons gesamte Haltung versteifte sich.

„Was ist passiert?“, flüsterte ich.

Er antwortete nicht.

Sein Blick blieb auf die Bäume gerichtet.

Dann knackten Äste.

Eine Gestalt brach aus der Dunkelheit hervor.

Ein Krieger stolperte auf die Lichtung. Seine Kleidung war zerrissen und mit Erde bedeckt. Seine Brust hob und senkte sich heftig, während er verzweifelt um Atem rang.

„Beta!“

Damon eilte auf ihn zu.

„Was ist passiert?“

Der Krieger beugte sich vor und stützte die Hände auf seine Knie.

Er versuchte zu sprechen, doch seine Lunge ließ es nicht zu.

„Langsam“, befahl Damon. „Sag mir, was passiert ist.“

Der Krieger richtete sich schließlich auf.

Sein Gesicht war kreidebleich.

„Die Luna …“

Mein Herz setzte aus.

Damons Gesicht veränderte sich.

„Was ist mit Luna Isolde?“

Der Krieger schluckte.

„Sie ist wieder zusammengebrochen.“

Mein Blut gefror.

Er sah zwischen uns hin und her.

„Und diesmal …“

Seine Stimme brach.

„Die Heiler können sie nicht aufwecken.“

Für einen Moment wurde alles still.

Ich starrte ihn an.

Nein.

Nicht Isolde.

Nicht die Frau, die mir Freundlichkeit gezeigt hatte, obwohl fast alle anderen mir Verachtung entgegengebracht hatten.

Die Frau, die mich angesehen hatte, als wäre ich etwas wert.

Meine Brust zog sich zusammen.

Der Schmerz in mir verschwand unter einer anderen, viel größeren Angst.

Ich stemmte mich auf die Beine.

„Wir gehen zurück.“

Damon sah mich scharf an.

„Elara—“

„Ich sagte, wir gehen zurück.“

Diesmal wartete ich nicht auf seine Erlaubnis.

Was zwischen Kael und mir geschehen war, konnte warten.

Die Demütigung, die ich erlitten hatte, konnte warten.

Denn Isolde lag irgendwo in diesem Rudel und kämpfte um ihr Leben.

Und tief in meinem Inneren wusste ich, dass ich sie dort nicht allein lassen konnte.

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