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Die silberblütige Gefährtin des Alphas
Die silberblütige Gefährtin des Alphas
Author: Bless pen

Kapitel 1

Author: Bless pen
last update Petsa ng paglalathala: 2026-09-04 06:33:06

SCHWÄCHE VERDIENT KEINE GNADE

Das Erste, was ich spürte, war der Schmerz.

Das Zweite war das Lachen …

Ich lag ausgestreckt auf dem kalten Steinboden vor dem Trainingsgelände des Blackthorn-Rudels. Eine Hand presste ich gegen meine Rippen, während ich verzweifelt versuchte, richtig Luft zu bekommen. Jeder Atemzug jagte einen scharfen Schmerz durch meine Seite.

„Steh auf.“

Viviennes Stimme kam von oben.

Ich bewegte mich nicht.

Nicht, weil ich es nicht konnte.

Sondern weil ich für einen kurzen Moment einfach nicht wollte.

Wenn ich nur lange genug auf dem Boden blieb, würden sie vielleicht irgendwann das Interesse verlieren und gehen.

Vielleicht konnte ich mir einreden, dass das alles gar nicht passierte.

Ein Schatten fiel über mich.

Dann stupste Viviennes Stiefel gegen meine Seite.

„Hast du plötzlich vergessen, wie man hört?“

Einige Krieger lachten.

Ich biss die Zähne zusammen und stemmte mich hoch.

Meine Handflächen schürften über den rauen Stein, doch ich bemerkte es kaum. Ich war gut darin geworden, Schmerzen zu ignorieren.

Das war eines der ersten Dinge, die das Leben mich gelehrt hatte.

Schmerz ließ sich leichter ertragen, wenn man aufhörte zu erwarten, dass sich jemand darum kümmerte.

Ich sank zurück auf die Knie und senkte den Kopf.

Da wurde das Lachen noch lauter.

„Sie ist schon wieder zu Boden gegangen.“

„Ist das nicht schon das dritte Mal diese Woche?“

„Vielleicht sollte ihr jemand beibringen, wie man eine Kiste trägt.“

„Sie verdient es nicht einmal, Wolf genannt zu werden.“

Der letzte Satz ließ sich etwas in meiner Brust schmerzhaft zusammenziehen.

Ich schluckte das Gefühl hinunter.

Reagier nicht.

Gib ihnen niemals die Genugtuung zu wissen, dass ihre Worte dich verletzen.

Meine Finger krallten sich in meine Handflächen.

Ich spürte Dutzende Blicke auf mir.

Krieger.

Diener.

Rudelmitglieder.

Einige sahen amüsiert zu.

Andere beobachteten mich mit unangenehmem Schweigen.

Doch niemand trat vor.

Das tat nie jemand.

Dies war nicht das erste Mal, dass Vivienne mich zur Schau stellte.

Und wahrscheinlich würde es auch nicht das letzte Mal sein.

Langsam hob ich den Kopf.

Vivienne Vale stand vor mir und wirkte völlig unberührt von dem Chaos um sie herum.

Ihr dunkles Haar fiel in perfekten Wellen über ihre Schultern. Ihre Kleidung war teuer, ihre Haltung selbstbewusst, und selbst aus mehreren Metern Entfernung wehte mir der feine Duft ihres Parfüms entgegen.

Sie sah aus wie jemand, der dafür geboren worden war, bewundert zu werden.

Und jeder im Blackthorn-Rudel wusste genau, wer sie war.

Die Frau, von der erwartet wurde, dass sie die nächste Luna werden würde.

Ich dagegen war nur die Omega, die sie zu ihrem persönlichen Zeitvertreib gemacht hatte.

„Du hast die Vorräte fallen lassen“, sagte sie.

Ich blickte hinter mich.

Mehrere Holzkisten lagen verstreut auf dem Boden.

Einige waren bei meinem Sturz aufgebrochen. Kräuter, Verbandsmaterial und Trainingsausrüstung lagen über den Stein verteilt.

Ich sah wieder zu ihr.

„Sie waren zu schwer.“

Die Worte kamen kaum hörbar über meine Lippen.

Vivienne blinzelte.

Dann lachte sie.

Nicht, weil sie etwas lustig fand.

Sondern weil sie wollte, dass alle anderen mit ihr lachten.

„Zu schwer?“

Sie wandte sich der Menge zu.

„Habt ihr das gehört?“

Ein paar Wölfe kicherten.

„Unsere kleine Omega glaubt tatsächlich, Schwäche wäre eine Entschuldigung.“

Meine Wangen brannten.

„Die Kisten waren zu hoch gestapelt“, versuchte ich zu erklären. „Ich habe um Hilfe gebeten, aber—“

„Ach, hör auf.“

Vivienne winkte ab.

„Bei dir gibt es immer eine Ausrede.“

Ich schloss den Mund.

Es hatte keinen Sinn.

Das hatte es nie.

Wenn ich mich erklärte, suchte ich nach Ausreden.

Wenn ich schwieg, gestand ich meine Schuld ein.

Wenn ich mich verteidigte, war ich respektlos.

Und wenn ich mich wehrte …

Ich wollte gar nicht darüber nachdenken, was dann passieren würde.

Vivienne kam auf mich zu.

„Sieh dich nur an.“

Sie blieb direkt vor mir stehen.

„Du zitterst.“

Ihr Lächeln wurde breiter.

„Hast du Angst?“

Ich starrte auf den Boden.

„Nein.“

Es war eine Lüge.

Sie wusste es.

Jeder wusste es.

Vivienne ging leicht in die Hocke, sodass sie mein Gesicht sehen konnte.

„Das solltest du aber.“

Bevor ich reagieren konnte, stieß sie mich.

Ich taumelte rückwärts.

Die Menge lachte.

Ich fing mich gerade noch.

Dann stieß sie mich erneut.

Diesmal härter.

Meine Ferse blieb an einer der umgekippten Kisten hängen.

Ich verlor das Gleichgewicht.

Es gab keine Zeit mehr, mich abzufangen.

Mein Körper prallte auf den harten Stein.

Schmerz schoss durch meine Hüfte und Schulter.

Ein Keuchen entwich mir.

Jemand lachte laut.

Ein anderer Wolf zog sein Handy hervor.

„Nimm das auf.“

Die Demütigung brannte heißer als der Schmerz.

Ich wollte weinen.

Ich wollte schreien.

Mehr als alles andere wollte ich einfach verschwinden.

Dann durchschnitt eine vertraute Stimme das Gelächter.

„Das reicht.“

Alles veränderte sich.

Lyra bahnte sich einen Weg durch die versammelten Wölfe.

Ihr lockiges braunes Haar war etwas zerzaust, und als sie mich auf dem Boden liegen sah, flammte Zorn in ihren Augen auf.

Sie eilte zu mir.

„Bist du verletzt?“

Ich schüttelte schnell den Kopf.

„Mir geht es gut.“

Lyra sah auf meine blutigen Handflächen.

„Offensichtlich nicht.“

Dann richtete sie sich auf.

Ihr Körper stellte sich schützend zwischen Vivienne und mich.

„Lass sie in Ruhe.“

Das Lachen verstummte.

Viviennes Gesicht verhärtete sich.

„Na, na.“

Sie verschränkte die Arme.

„Die Omega-Heilerin hat also endlich ihren Mut gefunden.“

Lyras Augen verengten sich.

„Ich habe kein Interesse an deinem Unsinn.“

Einige Wölfe wechselten nervöse Blicke.

Jeder kannte Viviennes Temperament.

Und jeder wusste, dass Lyra zu den wenigen gehörte, die keine Angst vor ihr hatten.

„Du solltest vorsichtig sein“, sagte Vivienne leise.

„Bin ich.“

„Nein, bist du nicht.“

Vivienne trat näher.

„Du beschützt die falsche Person.“

Lyra rührte sich nicht.

„Sie ist meine Freundin.“

Etwas in mir zerbrach.

„Lyra“, flüsterte ich.

Sie sah über die Schulter zu mir.

Ich schüttelte den Kopf.

Bitte.

Hör auf.

Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, dass Vivienne sie als Nächstes ins Visier nehmen könnte.

Lyra verstand.

Aber sie trat trotzdem nicht zur Seite.

„Ich werde nicht zulassen, dass du so weitermachst.“

Viviennes Augen wurden hart.

Für einen Moment lag eine gefährliche Stille über dem Trainingsgelände.

Dann—

„Was geschieht hier?“

Die Stimme war nicht laut.

Das musste sie auch nicht sein.

Jeder Wolf auf dem Trainingsgelände erstarrte.

Die Menge teilte sich sofort.

Mein Herz rutschte mir in die Magengegend.

Alpha Kael Draven.

Er kam mit der unverkennbaren Autorität des Alphas des Blackthorn-Rudels auf uns zu.

Groß.

Breit gebaut.

Einschüchternd.

Sein dunkles Haar war ordentlich frisiert, und seine grauen Augen besaßen jene Kälte, die Menschen instinktiv dazu brachte, den Blick zu senken.

Die Krieger richteten sich auf.

Das Gemurmel verstummte.

Selbst Viviennes Selbstsicherheit bekam einen Riss.

Ich sank sofort auf die Knie.

Mein Körper reagierte, bevor mein Verstand es konnte.

Ich hatte vor Kael nicht auf dieselbe Weise Angst wie vor Vivienne.

Es war etwas anderes.

Er war der Alpha.

Seine Anerkennung konnte über alles in meinem Leben entscheiden.

Über meinen Platz.

Meine Sicherheit.

Meine Zukunft.

Und trotzdem wollte ein törichter Teil von mir noch immer, dass er mich sah.

Nicht als Omega.

Nicht als Dienerin.

Sondern als Mensch.

Kael blieb einige Schritte entfernt stehen.

Sein Blick glitt über das Trainingsgelände.

Die verstreuten Kisten.

Die versammelten Wölfe.

Lyra, die schützend neben mir stand.

Dann blieb sein Blick an mir hängen.

Für einen Herzschlag trafen sich unsere Augen.

Ich senkte sofort den Blick.

„Was ist passiert?“

Schweigen.

Kaels Stimme wurde härter.

„Ich habe eine Frage gestellt.“

Vivienne trat sofort vor.

„Elara war dafür verantwortlich, die Vorräte zu bringen.“

Ihre Stimme wurde sanfter, beinahe unschuldig.

„Sie hat sie fallen lassen, weil sie nicht vorsichtig genug war.“

Ich starrte auf den Boden.

Die Lüge hing zwischen uns.

Meine Finger verkrampften sich.

Sag es ihm.

Nur dieses eine Mal, sag die Wahrheit.

Ich hatte jedes Recht dazu.

Die Kisten waren überladen gewesen.

Ich hatte Vivienne gesagt, dass sie zu schwer waren.

Sie hatte mich ignoriert.

Ich konnte ihm alles erklären.

Ich hob den Kopf.

Kael sah mich an.

„Ist es so passiert?“

Mein Herz hämmerte.

Das war meine Chance.

Ein einziger Satz konnte alles verändern.

Ich öffnete den Mund.

Nichts.

Erinnerungen schossen durch meinen Kopf.

An das letzte Mal, als ich mich gegen jemanden gestellt hatte, der stärker war.

Die Bestrafung.

Die Beleidigungen.

Das Gelächter.

Die Erinnerung daran, dass eine Omega wie ich kein Recht hatte, jemanden über sich infrage zu stellen.

Mein Mut verschwand.

„Ja, Alpha.“

Die Worte kamen kaum hörbar über meine Lippen.

Lyra wandte sich zu mir.

„Elara!“

Ich schüttelte hastig den Kopf.

Nein.

Bitte nicht.

Kael musterte mich.

Etwas in seinem Gesicht war nicht zu deuten.

Enttäuschung vielleicht.

Oder vielleicht war dort überhaupt nichts.

„Räum das auf.“

Meine Schultern sanken.

„Ja, Alpha.“

Er wandte sich ab.

Ich sah ihm nach, als er einige Schritte ging.

Aus irgendeinem Grund konnte ich nicht aufhören, ihn anzusehen.

Dann blieb er stehen.

Ohne sich umzudrehen, sagte er:

„Schwäche ist keine Entschuldigung für Versagen.“

Seine Worte trafen eine Stelle, die tiefer lag als der Schmerz unter meinen Rippen.

„Streng dich mehr an.“

Dann ging er weiter.

In dem Moment, in dem er das Trainingsgelände verließ, kehrte der Lärm zurück.

Vivienne lächelte.

Sie ging in die Hocke neben mir.

„Du hast ihn gehört.“

Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

„Auch er interessiert sich nicht für dich.“

Ich wandte den Blick ab.

Sie erhob sich und folgte Kael.

Ich blieb zurück.

Mehrere Sekunden lang konnte ich mich nicht bewegen.

Die Worte des Alphas hallten immer wieder in meinem Kopf wider.

Schwäche ist keine Entschuldigung.

Vielleicht hatte er recht.

Vielleicht war Schwäche tatsächlich meine größte Sünde.

Vielleicht würden die Menschen mich nicht so behandeln, wenn ich stärker wäre.

Vielleicht hätte mich jemand gewählt, wenn ich mit einem stärkeren Wolf, einem höheren Rang oder in einer anderen Familie geboren worden wäre …

Jemand hätte sich für mich entschieden.

„Elara.“

Lyras Stimme wurde sanfter.

Sie kniete sich neben mich.

„Du hättest es ihm sagen sollen.“

Ich hob eine der Kisten auf.

„Was hätte das geändert?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Vielleicht hätte er dir zugehört.“

Ich lachte leise.

Es war ein freudloses Lachen.

„Hätte er das?“

„Ja.“

Ich schüttelte den Kopf.

„Du hast sein Gesicht gesehen.“

„Das bedeutet nicht—“

„Doch.“

Ich sah zu dem Weg, auf dem Kael verschwunden war.

„Er hat längst entschieden, was ich bin.“

Lyra runzelte die Stirn.

„Und was bist du?“

Ich zögerte.

Die Antwort tat zu weh, um sie laut auszusprechen.

Schwach.

Nutzlos.

Vergessenswert.

Eine Omega.

Stattdessen flüsterte ich: „Jemand, um den er sich nicht kümmern muss.“

Lyras Gesicht wurde weich.

„Du irrst dich.“

Ich wünschte, ich könnte ihr glauben.

Doch Hoffnung war gefährlich.

Besonders für jemanden wie mich.

---

Als ich schließlich das Trainingsgelände gereinigt und auch die anderen Aufgaben erledigt hatte, die Vivienne mir aufgetragen hatte, verschwand die Sonne bereits hinter den Bäumen.

Mein ganzer Körper fühlte sich schwer an.

Meine Rippen schmerzten bei jedem tieferen Atemzug, und meine Handflächen brannten unter der dünnen Schicht getrockneten Blutes.

Ich wollte nur noch in mein Bett.

Mehr nicht.

Ich ging allein durch das Gebiet des Blackthorn-Rudels, während der Abend langsam hereinbrach.

Der vertraute Geruch von Kiefern und feuchter Erde erfüllte die Luft.

In der Ferne heulten Wölfe.

Normalerweise gaben mir ihre Stimmen das Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein.

Heute Abend erinnerten sie mich nur daran, wie allein ich war.

Morgen würden die Vorbereitungen für die jährliche Paarungszeremonie beginnen.

Das wichtigste Ereignis des Jahres für unverpaarte Wölfe.

Seit Wochen sprach jeder darüber.

Wer würde seinen Gefährten finden?

Welche Paare würden vom Segen der Mondgöttin erfüllt werden?

Wer würde das nächste Gefährtenpaar bilden?

Ich hatte so getan, als wäre es mir egal.

Doch die Wahrheit sah anders aus.

Seit meiner Kindheit träumte ich davon.

Ich stellte mir vor, jemanden zu treffen, der mich ansehen und etwas Schönes in mir erkennen würde.

Jemanden, dem mein Rang egal wäre.

Jemanden, der meinen Wert nicht daran messen würde, wie stark mein Wolf war.

Jemanden, der sich ohne zu zögern für mich entscheiden würde.

Manchmal fragte ich mich, ob ein solcher Mensch überhaupt existierte.

Ein anderes Mal fragte ich mich, ob die Mondgöttin meinen Namen einfach vergessen hatte.

Ich erreichte die Räume der Dienerschaft und öffnete die Tür zu meinem Zimmer.

Der vertraute kleine Raum empfing mich.

Schlichte Wände.

Ein schmales Bett.

Ein kleiner Holztisch.

Nichts, was wirklich mir gehörte.

Ich schloss die Tür hinter mir und atmete aus.

Endlich.

Stille.

Ich ging zwei Schritte auf mein Bett zu.

Dann blieb ich stehen.

Etwas lag auf meiner Decke.

Ein Umschlag.

Ich runzelte die Stirn.

Ich erwartete keinen Brief.

Langsam ging ich darauf zu.

Mein Name stand auf der Vorderseite.

Elara Veyne.

Mein Herz machte einen seltsamen kleinen Sprung.

Ich berührte das Papier.

Niemand schrieb mir.

Nicht hier.

Niemals.

Ich nahm den Umschlag.

Es gab keinen Absender.

Kein Siegel.

Nichts, das erklärte, wie er in mein Zimmer gelangt war.

Ein kalter Schauer kroch über meinen Rücken.

Ich zögerte, bevor ich ihn öffnete.

Dann siegte meine Neugier.

Ich faltete das Papier auseinander.

Dort stand nur eine einzige Nachricht.

Ein einziger Satz.

Doch in dem Moment, in dem meine Augen die letzten Worte erreichten, verschwand jede Spur von Erschöpfung.

Meine Finger wurden kalt.

Mein Herz begann zu rasen.

Ich las die Nachricht noch einmal.

Und noch einmal.

„Die Paarungszeremonie wird eine Wahrheit enthüllen, die Blackthorn seit zweiundzwanzig Jahren verborgen hält … und jemand ist bereit zu töten, damit sie niemals ans Licht kommt.“

Ich starrte auf die Nachricht.

Zweiundzwanzig Jahre.

Was konnte Blackthorn so lange verborgen haben?

Und warum wäre jemand bereit, dafür zu töten?

Zum ersten Mal in meinem Leben fragte ich mich, ob alles, was ich über mich selbst wusste …

eine Lüge war.

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