LOGINDarcy stürmte durch die überfüllten Straßen von Ironjaw, ihr weißes Hochzeitskleid zerrissen und schlammig, flatterte um ihre Beine.
Die zarte Spitze war zerrissen, die Seide mit Schmutz und Stadtschmutz befleckt. Es war ihr egal. Sie spürte weder das raue Pflaster, das sich in ihre nackten Füße schnitt, noch die neugierigen Blicke der Passanten.
Alles, was sie spürte, war der Schmerz in ihrer Brust, die erdrückende Last von Kades Verrat und das Bedürfnis zu überleben.
„Du bist nur ein wolfsloser Fehler. Du wirst niemals eine echte Luna sein.“
Die Worte hallten in ihrem Kopf wider und schürten ihre Verzweiflung. Sie drängte sich durch die Menge, die Tränen trübten ihren Blick. Sie nahm die Menschen um sich herum nicht wahr, hörte ihr Gemurmel und ihre erschrockenen Ausrufe nicht.
Von Rachegelüsten getrieben schwor Darcy, sich an allen zu rächen, die dazu beigetragen hatten, ihr das Leben zur Hölle zu machen. Sie hatte es satt, wie ein Witz behandelt zu werden.
Plötzlich umzingelte sie eine Gruppe von drei Motorrädern, deren Motoren dröhnten.
Darcy wusste, dass sie sie eingeholt hatten, und dass sie etwas unternehmen musste, sonst wäre sie erledigt.
Die Silvercrest-Brüder schwangen sich von ihren Motorrädern, ihre Bewegungen waren fließend und synchron.
Lucien, der Älteste, richtete sich zu seiner vollen Größe auf, wobei seine schwarze Lederjacke knarrte. Seine durchdringenden blauen Augen richteten sich auf Darcy, seine markanten Gesichtszüge waren zu einem strengen Ausdruck gefroren. Eine Narbe über seiner linken Augenbraue schien im Sonnenlicht zu glänzen – ein Beweis für seine Furchtlosigkeit.
Cassian, der Grübler, glitt mit einem trägen Grinsen von seinem Fahrrad, wobei ihm sein langes rotes Haar über die Stirn fiel. Seine Augen – ein tiefes, feuriges Braun – wanderten über Darcys zerzauste Gestalt, und in ihrer Tiefe entfachte sich ein Funke des Interesses. Er knackte mit den Fingerknöcheln, wobei das Geräusch durch die Luft hallte, und trat einen Schritt näher an Darcy heran.
Locke, der Jüngste, stieg mit einer ruhigen, mühelosen Haltung von seinem Motorrad, während seine strahlend blauen Augen die Szene mit gelassener Intensität beobachteten. Er deutete Lucien etwas an, wobei sich seine Hände in einer sanften, fließenden Bewegung bewegten, bevor er sich mit ausdruckslosem Gesicht an Darcy wandte. Sein zerzaustes schwarzes Haar und sein markantes Kinn verliehen ihm ein engelhaftes Aussehen, und sein ruhiges Auftreten schien zu sagen: „Ich bin nicht hier, um dir wehzutun.“ Doch Darcy wusste es besser.
Die drei Brüder bildeten einen Halbkreis um sie herum. Sie wirkten imposant, dominant und absolut fesselnd. Darcys Herz setzte einen Schlag aus, als sie das Gewicht ihrer Aufmerksamkeit spürte; ihre Haut kribbelte vor Bewusstsein.
„Na, wenn das nicht die Braut ist? Naiv von dir zu glauben, du könntest uns entkommen.“ Cassian sprach als Erster, das träge Grinsen immer noch auf seinem Gesicht.
„Mach ihr endlich den Garaus, Cassian. Wir sind nicht hier, um herumzuspielen.“ Lucien schien nicht viel Geduld zu haben. Während er sprach, runzelte er die Stirn.
Locke sagte nichts.
Darcy versuchte, sich zu verteidigen, doch ihre Stimme zitterte, als sie sprach. „Ihr seid hereingelegt worden. Ich … ich bin nicht die echte Braut von … von Alpha Kade.“
Das waren die Leute, die ihre Mutter ermordet hatten, doch sie konnte sich nicht einmal wehren. Darcy hasste es, dass sie machtlos war, hasste es, dass sie keinen Wolf hatte, und verachtete Kade dafür, dass er sie getäuscht hatte.
„Jetzt leugnst du es also?“, fragte Cassian und hob fragend eine Augenbraue.
„Mach es endlich“, zischte Lucien.
Locke starrte sie nur an, als wäre sie ein Puzzle, das er zu lösen versuchte. Als könne er ihre jahrelangen Schmerzen, ihre Ausdauer und all den Herzschmerz sehen, den sie durchgemacht hatte.
„Ich … ich schwöre bei der Mondgöttin. Nur … bitte, tu mir nichts.“ Darcy flehte um ihr Leben, doch ihre Bitten amüsierten Cassian nur. Von den drei Brüdern schien er den Ausdruck der Angst auf Darcys Gesicht am meisten zu genießen.
Mit einem spöttischen Grinsen wandte er sich an seine beiden Brüder. „Wie wäre es, wenn ich zuerst mit dieser hier spiele? Wir müssen sie nicht unbedingt töten, da sie ja sagt, sie sei nicht die Braut.“
„Na gut, dann mache ich es eben selbst“, zischte Lucien.
Er zog eine Pistole hervor und richtete sie auf Darcys Stirn, während ihr Herz wie wild pochte.
Darcy, die nun kniete, starrte direkt in den Lauf der Waffe, die Lucien auf sie richtete. Ihr ganzer Körper zitterte vor Angst, und ihre Pupillen weiteten sich.
Gerade als Lucien abdrücken wollte, geschah etwas Unerwartetes. Ein blendend weißes Licht schoss aus Darcys Körper hervor und hüllte sie alle ein.
Ihre Positionen hatten sich verändert. Darcy, die zuvor gekniet hatte, stand nun auf und schwebte fast in der Luft, während die Brüder, die zuvor gestanden hatten, alle in die Knie gingen. Auch Lucien. Diese plötzliche Wendung schockierte alle, einschließlich Darcy, die keine Ahnung hatte, was gerade passiert war.
Ein Mädchen ohne Wolf hatte drei Alphas in die Knie gezwungen?
Lucien versuchte verzweifelt, aufzustehen, doch es schien, als würde das, was ihn festhielt, ihn noch nicht loslassen. Die Waffe war ihm längst aus den Händen gefallen und in ein nahegelegenes Gewässer gesunken. Er fluchte innerlich und biss die Zähne so fest zusammen, dass sie jeden Moment brechen könnten.
Cassian biss die Zähne zusammen und murmelte unverständliche, unhörbare Worte. Alle seine Versuche, aufzustehen, scheiterten kläglich.
Lockes Blick blieb auf Darcy gerichtet, während er versuchte zu entschlüsseln, wer und was sie wirklich war.
Plötzlich erfüllte ein süßer, berauschender Duft die Luft, und alle drei Brüder erstarrten augenblicklich. Sie hatten zuvor nachgesehen und festgestellt, dass Darcy keinen Wolf hatte, sodass es unmöglich war, dass sie mit ihnen gepaart war. Sie fragten sich, woher und wie der Duft kam, doch es gab etwas weitaus Beunruhigenderes.
Ihre Schwänze pochten und drückten gegen ihre Hosen. Darcy war sprachlos, als sie ihre prallen Riesenschwänze und die beunruhigten Blicke in ihren Gesichtern bemerkte. Sie hatte in Büchern über Sex gelesen, war aber noch nie mit einem Mann intim gewesen. Als sie also ihre Erregung bemerkte, färbte sich ihr Gesicht leuchtend rot.
Verwirrung stand ihnen ins Gesicht geschrieben. Alle drei Brüder fragten sich, warum sie plötzlich erregt waren. Sie wandten sich an Locke, in der Hoffnung, er könne eine Antwort geben, da er der Gelehrteste unter ihnen war.
Locke antwortete ihnen mit Gebärden, wobei sich seine Hände in sanften, fließenden Bewegungen bewegten und sein Gesichtsausdruck düster war. „Sie ist ein Kanal. Ein mächtiger.“
Es herrschte absolute Stille. Offensichtlich hatten sie damit nicht gerechnet. Cassian erholte sich als Erster von seinem Schock: „Conduits sollten doch ausgestorben sein. Wie zum Teufel kann sie ein Conduit sein? Sie hat noch nicht einmal ihren Wolf.“
Conduits sind besondere Werwölfe, die die Fähigkeit besitzen, jede Art von Bindungen, Kräften und sogar Gefühlen zu lösen oder zu erschaffen. Vor tausend Jahren wurden sie aus der Welt verbannt, nachdem sie ihre besonderen Fähigkeiten missbraucht hatten. Einen Conduit zu sehen, bereitete den drei Brüdern großes Unbehagen, doch sie atmeten erleichtert auf, als sie bemerkten, dass sie noch keinen Wolf hatte.
Lucien rückte seine Hose zurecht – offensichtlich brauchte er eine Ablenkung. „Das ist unmöglich, Locke. Versuch’s noch mal.“
Locke deutete weiter an: „Sie hat ihren Wolf noch nicht, was bedeutet, dass ihre Kraft durch die extreme Angst ausgelöst wurde, die sie empfand, als du sie gerade töten wolltest.“ Er deutete auf Lucien.
Sein Gesichtsausdruck war ernst, während er weiter gebärdete; seine Finger bewegten sich dank jahrelanger Übung fließend. „Sie hat ihren Wolf noch nicht, was bedeutet, dass das, was wir gerade erlebt haben, nur ein kleiner Teil ihrer Kraft war. Stell dir vor, wie es erst sein wird, wenn sie ihren Wolf bekommt.“
Darcy hatte ihren kraftvollen Zustand hinter sich gelassen und keuchte nun schwer, während sie immer noch versuchte, zu begreifen, was gerade geschehen war. Sie verstand nichts von dem, was Locke gebärdete, und das trug nur noch mehr zu ihrer Verwirrung bei.
Lucien sah aus, als stünde er kurz davor, die Beherrschung zu verlieren. „Conduits sind böse Wesen und sollten den Vollstreckern des Konklaves zur Hinrichtung übergeben werden.“ Ihm gefiel es nicht, wie viel Zeit sie allein mit einer einzigen Person verbracht hatten.
Die Brüder waren sich alle einig, sie den Vollstreckern des Konklaves zu übergeben, bevor sie ihren Wolf erhielt und Chaos anrichten konnte.
Das Geräusch des Medaillons, das auf den Holztisch fiel, hallte durch den Raum. Darcy starrte auf die zerbrochenen Stücke. Einen Moment lang bewegte sich niemand.Ein helles silbernes Licht schoss aus den Fragmenten hervor. Darcy taumelte rückwärts. Locke griff sofort nach ihr.„Darcy!“„Mir geht es gut.“Aber das stimmte nicht. Ihre Brust brannte.Ein seltsamer Druck baute sich hinter ihren Augen auf und plötzlich wurde der Raum um sie herum verschwommen. Sie konnte Stimmen hören.Flüstern.Hunderte davon, dann erhob sich eine Stimme über die anderen.Finde mich. Darcys Augen weiteten sich.„Wer bist du?“Die Stimme antwortete nicht.Stattdessen blitzte eine weitere Vision vor ihren Augen auf.Ein Wald. Dunkelheit. Regen.Eine Frau rannte. Darcy erkannte sie sofort.Ihre Mutter.Sie trug dasselbe Bündel Kräuter, das Darcy zuvor gesehen hatte. Doch dieses Mal folgte ihr jemand.Drei Gestalten. Jung. Silberne Augen.Die Silvercrest-Brüder.Darcy sah hilflos zu, wie ihre Mutter stehen
Der Morgen kam schneller, als Darcy erwartet hatte.Sie hatte kaum geschlafen. Jedes Mal, wenn sie die Augen schloss, sah sie dieselben Dinge. Den Kenavara-Altar.Sarah, die daneben stand. Das seltsame Symbol und das Flüstern, das sich in ihrem Kopf immer wiederholte.Erinnere dich.Darcy saß auf der Bettkante und starrte auf das Medaillon auf dem kleinen Tisch neben ihr. Der Riss, der sich durch das Medaillon zog, war über Nacht etwas größer geworden. Sie griff danach.In dem Moment, als ihre Finger die silberne Oberfläche berührten, breitete sich eine schwache Wärme durch ihre Handfläche aus. Darcy zog ihre Hand schnell zurück.„Nicht heute.“Sie stand auf und zog sich an. Als sie das Wohnzimmer betrat, warteten die drei Brüder bereits. Cassian aß, während Locke still am Fenster saß. Lucien stand mit verschränkten Armen da.„Wir brechen jetzt auf.“Darcy nickte.„Wohin genau gehen wir?“„Zu Elara.“Cassian schluckte.„Sie ist ungefähr zwei Stunden von hier entfernt.“Darcy runzelte
Die Stille in der Wohnung fühlte sich schwerer an als zuvor. „Warum hat es auf mich reagiert?“ Lucien antwortete nicht. „Lucien.“ Er sah sie schließlich an. „Wir wissen es nicht.“ Darcy schüttelte den Kopf.„Du sagst das immer wieder.“ „Weil es wahr ist.“ „Aber du weißt etwas.“ Luciens Kiefer spannte sich an. „Ich weiß genug, um zu verstehen, dass das, was passiert, nicht gewöhnlich ist.“ Cassian hob das Medaillon vorsichtig auf. Das silberne Licht war verschwunden.„Vielleicht sollten wir es zerstören.“ Darcy schüttelte sofort den Kopf. „Nein.“ Cassian sah sie an. „Warum?“ „Ich weiß es nicht.“ Sie starrte auf das Medaillon. „Aber ich habe das Gefühl, dass ich es behalten soll.“ Locke schrieb in sein Notizbuch. Dann behalten wir es. Cassian seufzte. „Na gut.“ Er legte es zurück auf den Tisch. Darcy sah zur Uhr. Es war weit nach Mitternacht.„Wir sollten schlafen.“ Lucien nickte.
Darcy starrte auf die Inschrift. Kenavara. Das Wort schien sich in ihren Verstand einzubrennen. „Warum führt alles immer wieder zu diesem Ort zurück?“ Luciens Kiefer spannte sich an. „Weil das, was mit dir geschieht, schon lange vor deiner Begegnung mit uns begonnen hat.“ Darcy sah ihn an. „Du wusstest, dass das kommen würde.“ „Nein.“ „Du hast das Symbol erkannt.“ „Weil ich es schon einmal gesehen habe.“ „Wo?“ Lucien zögerte und Cassian seufzte.„Am Altar.“ Darcys Stirn legte sich in Falten. „Was hast du gesehen?“ Cassian tauschte einen Blick mit seinen Brüdern. „Nichts Ungewöhnliches.“ Darcy schnaubte. „Das ist eine Lüge.“ Cassians lässiger Ausdruck verschwand. „Na gut.“ Er lehnte sich gegen den Tisch. „Der Kenavara-Altar ist kein Ort, den wir zum Spaß besuchen. Dort wurde unser Blutschwur besiegelt. Unter ihm gibt es eine alte Kammer, aber wir durften sie nie betreten.“ „Warum?“ „Weil unser Vater es
Deracy blieb wie erstarrt. Das Medaillon fühlte sich seltsam warm in ihrer Handfläche an. Sie sah von Lucien zu Cassian und dann zu Locke.„Das Zeichen deiner Mutter.“Lucien nickte langsam.„Ja.“„Wie?“„Ich weiß es nicht.“Darcy zog die Brauen zusammen.„Aber du hast gesagt, dass die Silvercrest-Hexen seit Jahren nicht mehr gesehen wurden.“„Wurden sie auch nicht.“„Dann wie ist das hierhergekommen?“Cassian sah sich auf der belebten Straße um.„Das müssen wir herausfinden.“Darcy starrte erneut auf das Medaillon.Sie konnte es nicht erklären, aber irgendetwas daran fühlte sich vertraut an.Nicht, weil sie das Symbol schon einmal gesehen hatte, sondern wegen des Gefühls, das es in ihr auslöste.Als wäre sie irgendwie schon lange damit verbunden gewesen, bevor sie überhaupt wusste, was es bedeutete.„Kann ich es behalten?“Lucien sah sie an.„Vorerst.“Darcy steckte es vorsichtig in ihre Tasche.„Gut.“Cassian sah zu Locke.„Du hast es auch gespürt, nicht wahr?“Locke nickte.Cassian
Der Raum blieb vollkommen still. Darcy starrte auf den Zettel in Luciens Hand, während ihre Gedanken rasten. Es konnte unmöglich sein, dass ihre Mutter noch lebte. Das wusste sie seit Jahren. Sie hatte an ihrem Grab geweint. Unzählige Nächte hatte sie sich gewünscht, die Stimme ihrer Mutter noch einmal hören zu können, doch die Nachricht hatte etwas in ihr gelöst.Die Wahrheit über deine Mutter lebt noch.Was sollte das überhaupt bedeuten?Darcy streckte langsam die Hand nach dem Zettel aus.„Gib ihn mir.“Lucien zögerte, bevor er ihn ihr reichte.Sie las die Worte immer wieder. Mehr stand dort nicht. Kein Name, keine Erklärung, nichts, was ihr verraten konnte, wer ihn geschickt hatte.„Vielleicht ist es eine Falle“, sagte Cassian.Darcy sah ihn an.„Warum dann meine Mutter erwähnen?“„Weil sie wissen, dass das der einfachste Weg ist, deine Aufmerksamkeit zu bekommen.“Er lag nicht falsch. Darcy faltete den Zettel vorsichtig zusammen.„Aber jemand weiß etwas.“Lucien nickte.„Was bede







