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Kapitel 4: Sanfte Augen

Autor: Brownieee
last update Fecha de publicación: 2026-08-24 00:01:16

Thomas – Begrenzte dritte Person

Das Klopfen an seiner Bürotür war leise.

Thomas wusste schon, wer davorstand, bevor er überhaupt etwas sagte. Er konnte Sarah durch das Holz riechen: saubere Seife, das dezente Parfüm, das sie immer trug, und darunter die schwache Spur von Sorge, die sie zu verbergen versuchte.

„Komm rein.“

Sarah trat ein und schloss die Tür hinter sich.

Sanfte Augen. Ein sanftes Lächeln. Derselbe Blick, mit dem sie ihn seit Monaten ansah.

Sie hatte zwei Becher Kaffee dabei und stellte einen vor ihm auf den Schreibtisch, beinahe wie eine kleine Friedensgabe.

„Du hast das Frühstück ausgelassen“, sagte sie. „Schon wieder.“

„Viel zu tun.“

„Du hast immer viel zu tun.“

Statt sich ihm gegenüberzusetzen, kam sie um den Schreibtisch herum. Nah genug, dass ihre Hüfte leicht den Rand seines Stuhls streifte.

„Ich habe dir den guten mitgebracht. Extra Shot. So, wie du ihn magst.“

Thomas nahm den Becher, nur damit seine Hände etwas zu tun hatten.

„Danke.“

Sarah trat nicht zurück.

Ihre Finger glitten über die Kante des Schreibtischs und dann leicht über seinen Handrücken. Die Berührung verweilte dort. Warm und vorsichtig.

„Du siehst müde aus“, sagte sie leise. „Hast du überhaupt geschlafen?“

„Ein bisschen.“

„Lügner.“

Sie lächelte sanft, fast wissend.

„Du bist anders, seit der neue Kunde hier ist. Angespannt. Abgelenkt.“ Sie zögerte kurz. „Ich könnte dir dabei helfen, weißt du.“

Thomas zog seine Hand zurück und tat so, als müsste er etwas am Monitor einstellen.

„Mir geht’s gut, Sarah.“

„Nein, tut es nicht.“

Sie trat noch näher. Ihr Oberschenkel drückte leicht gegen seinen.

„Ich kenne dich. Ich beobachte dich schon lange. Du trägst immer alles allein. Das musst du nicht.“

Ihre Hand hob sich zu seiner Schulter und glitt langsam weiter zu seinem Hals. Ihr Daumen strich über die Haut direkt unter seinem Kiefer.

Die Berührung war vorsichtig.

Zärtlich.

Voller all der Dinge, die sie ihm nie laut gesagt hatte.

Thomas spürte nichts.

Keine Hitze. Kein Ziehen. Keinen Funken.

Nur das Gewicht ihrer Hand und das drückende Bewusstsein dessen, was er vor weniger als vierundzwanzig Stunden mit ihrem Bruder getan hatte.

*Ich habe ihn auf dieser Untersuchungsliege gefickt. Ich habe ihn geschlagen. Ich bin in ihm gekommen, während er mir gesagt hat, ich soll härter machen.*

Die Erinnerung traf ihn mit voller Wucht.

Elias’ Stimme.

Elias’ Körper.

Und dieses Gefühl, endlich nicht mehr gegen sich selbst anzukämpfen.

Sarahs Daumen strich weiter über seine Haut.

„Thomas.“

Er sah sie an.

Sanfte Augen. Und darin eine Hoffnung, die sie nicht einmal mehr zu verbergen versuchte.

„Ich habe gewartet“, sagte sie. „Ich wollte dich nicht drängen. Aber ich denke immer wieder, dass du es vielleicht auch spürst. Wie ich dich ansehe. Dass ich immer wieder hier bin.“

Sie atmete leise aus.

„Ich weiß, dass du geschieden bist. Ich weiß, dass du vorsichtig bist. Aber ich bin hier. Direkt vor dir.“

Sie beugte sich vor.

Ihr Mund traf seinen.

Der Kuss war sanft. Warm. Weiche Lippen, vorsichtige Berührungen.

Ein Kuss, der nach Monaten unausgesprochenen Verlangens eigentlich etwas hätte auslösen müssen.

Thomas spürte nichts.

Kein Verlangen, kein Funke, kein Hunger.

Nur den sanften Druck ihres Mundes und den beinahe erdrückenden Kontrast zu Elias.

Zähne und Hitze. Schmutzige Worte. Und die Art, wie Thomas’ ganzer Körper aufgeflammt war, als hätte er jahrelang auf genau diese Art von Berührung gewartet.

Sarah machte ein leises Geräusch an seinen Lippen und vertiefte den Kuss. Ihre Hand glitt in sein Haar.

Thomas blieb reglos.

Als sie sich schließlich zurückzog, waren ihre Wangen gerötet. Ihre Augen suchten sein Gesicht.

„Hast du … das gespürt?“, fragte sie leise.

Thomas öffnete den Mund.

Die Wahrheit lag ihm bereits auf der Zunge.

*Ich habe nichts gespürt.*

*Bei dir habe ich noch nie das gespürt, was ich fühle, wenn dein Bruder mich nur ansieht.*

*Ich habe ihn gestern gefickt. Und morgen werde ich es wieder tun.*

Nichts davon konnte er sagen.

„Sarah …“

„Du musst jetzt noch nichts sagen.“

Sie lächelte wieder, sanft und hoffnungsvoll, und legte für einen Moment ihre Stirn an seine.

„Nur … stoß mich nicht weg. Bitte.“

Ihre Hand steckte noch immer in seinem Haar. Ihr Körper war noch immer dicht vor seinem.

Der Kaffee auf dem Schreibtisch wurde langsam kalt.

Dann vibrierte Thomas’ Handy.

Er blickte hinunter.

Eine neue Nachricht.

Von Elias.

*Tag 3. Ich bin im Trainingsraum. Die Tür ist offen. Lass mich nicht warten.*

Hitze schoss so heftig durch Thomas’ Bauch, dass er den Blick vom Display reißen musste.

Sarah bemerkte die Veränderung in seinem Gesicht.

„Wer ist das?“

„Arbeit.“

„Der neue Klient?“

Ihre Stimme blieb weich, doch etwas Angespannteres lag plötzlich darunter.

„Du verbringst ziemlich viel Zeit mit ihm.“

„Das gehört zum Vertrag. Für diese dreißig Tage ist das mein Job.“

„Ich weiß.“

Sie machte einen halben Schritt zurück, ohne den Blick von ihm zu nehmen.

„Sei nur vorsichtig, okay? Manche Klienten werden schnell anhänglich. Besonders die jüngeren.“

*Anhänglich.*

Thomas hätte beinahe gelacht.

Elias war nicht anhänglich geworden.

Elias war hereingekommen, hatte den Vertrag unterschrieben, war vor ihm auf die Knie gegangen und hatte innerhalb weniger Stunden alles zerstört, was Thomas sich jahrelang über sich selbst eingeredet hatte.

Thomas stand auf. Der Stuhl rollte hinter ihm zurück.

„Ich muss los.“

Sarah griff nach seinem Handgelenk.

„Thomas.“

Er sah sie an.

Diese sanften Augen.

Immer noch voller Hoffnung.

„Ich meinte, was ich gesagt habe“, flüsterte sie. „Ich bin hier. Wann immer du bereit bist.“

Thomas nickte nur, weil er seiner eigenen Stimme nicht traute.

Dann löste er vorsichtig sein Handgelenk aus ihrem Griff und verließ das Büro, bevor sie noch etwas sagen konnte.

Der Flur schien endlos.

Mit jedem Schritt in Richtung Trainingsflügel wurde der Unterschied deutlicher.

Sarahs sanfter Kuss lag noch auf seinen Lippen wie etwas, das dort nicht hingehörte.

Und darunter war die Erinnerung an Elias.

An seine Zähne.

An seine Stimme, die Thomas gesagt hatte, er solle härter zuschlagen.

An seinen Körper, der jeden Zentimeter von Thomas aufgenommen und sich ihm entgegenbewegt hatte, als gäbe es in diesem Moment nichts anderes auf der Welt.

*Ich habe nichts gespürt.*

Der Gedanke wiederholte sich immer wieder.

Schließlich erreichte Thomas die Tür zum Trainingsraum.

Sie war unverschlossen, genau wie Elias geschrieben hatte.

Thomas drückte sie auf.

Elias war bereits da. Er saß barfuß am Rand der Matte und trug nichts außer einer lockeren schwarzen Trainingshose.

Als die Tür aufging, hob er den Kopf.

Dasselbe scharfe, dreckige kleine Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus.

„Du bist zu spät“, sagte Elias.

Thomas trat hinein und schloss die Tür hinter sich.

Sarahs sanfte Augen brannten noch irgendwo in seinem Hinterkopf.

Doch in dem Moment, in dem Elias aufstand und auf ihn zukam, war von all dieser Sanftheit nichts mehr übrig.

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