LOGINBereits als Schülerin hatte Yuna in medizinischen Büchern geblättert. Als sie sich nach dem Abitur für ein Studienfach entscheiden musste, nahm sie einige einfache Einführungen zur Hand, legte sie aber nach wenigen Seiten wieder weg.Heilkräuter, ihre Wirkungen, unzulässige Kombinationen – all das bereitete ihr schon beim Lesen Kopfzerbrechen. Programmcode interessierte sie viel mehr.Dieses Buch wirkte noch älter, noch komplizierter. Die Lektüre versprach anstrengend zu werden. Trotzdem nahm Yuna es höflich entgegen und schlug es auf.Wie erwartet ging es um schwierige Fragen der Arzneikunde: um süßlich schmeckende, wärmende Arzneien, ihre Zuordnung zu bestimmten Organen, ihre aufsteigende oder absinkende, nach außen oder innen gerichtete Wirkung. Es ging um die Rollen der Hauptwirkstoffe, der unterstützenden, ausgleichenden oder lenkenden Bestandteile einer Arznei. Das Buch beschrieb außerdem die sieben Arten, Arzneien einzeln oder in Kombination einzusetzen. Die dicht gedrängten Zei
Die Matriarchin erkannte offenbar, was Yuna beschäftigte. Langsam antwortete sie: „Für andere gilt das. Für dich nicht.“Sie hob ihre dürre Hand und umfasste Yunas Handgelenk.„Mit deinem besonderen Blut bist du zur Heilerin geboren. Dieses Wissen schlummert längst in deiner Seele. Du musst es nicht von Grund auf erlernen, sondern nur wieder wachrufen.“Kaum hatte sie das gesagt, spürte Yuna einen stechenden Schmerz in der Handfläche.Sie sah hinab. Ohne dass sie es bemerkt hatte, waren ihre Handfläche und die der Matriarchin aufgeschnitten worden. Blut quoll hervor und vermischte sich. Es war nicht mehr zu erkennen, was von wem stammte.Unwillkürlich wollte Yuna die Hand zurückziehen. Die Matriarchin hielt sie fest. In ihren knochigen Fingern steckte erstaunlich viel Kraft.„Hab keine Angst, mein Kind. Die Kraft unseres Blutes lässt sich ähnlich wie ein Virus übertragen. Es genügt, dass sich unser Blut vermischt.“Yuna betrachtete das Blut. Sie wusste nicht recht, was sie dabei empfan
Die Stimme der Matriarchin war kaum mehr als ein Seufzen. „Es gibt noch viele unglaubliche Dinge. Wenn du die Führung übernimmst, wirst du immer mehr davon kennenlernen.“Sie sah Yuna an. Plötzlich lag großer Ernst in ihrem Blick.„Als Oberhaupt der Hohenfels musst du mit deinem Blut unsere Heilpflanzen nähren, Yuna. Bist du bereit, diese Verantwortung zu tragen?“Yuna betrachtete ihre Handfläche. Ihre Hände waren schmal, die Haut hell. Nur an den Fingerkuppen zeigten sich leichte Schwielen vom vielen Tippen. Andere Spuren körperlicher Arbeit gab es nicht.Schon die Vorstellung, sich jeden Tag die Haut aufzuschneiden und Blut abzugeben, tat ihr weh.Sie sah wieder auf. Nach längerem Zögern fragte sie: „Wie oft muss ich Blut abgeben? Und wie viel? Wenn das zu häufig ist, zu schmerzhaft … Es tut mir leid, aber zu solchen Opfern bin ich vermutlich nicht bereit.“Die Matriarchin stutzte. Dann lächelte sie. Auf ihrem ausgemergelten Gesicht wirkte das etwas unheimlich, doch ihr Blick wurde s
Auch Ottilies Miene verfinsterte sich. Sie zog die Brauen zusammen.„Dieses Kind …“ Ihre Stimme war voller Enttäuschung und Missbilligung. „Warum ist sie nur so kurzsichtig?“Unter dem Tisch ballte Liane die Fäuste, bis ihre Knöchel knackten. Sie hielt den Kopf gesenkt. Ihre Wimpern verbargen die Bosheit und Wut in ihren Augen.Dieser verdammten Yuna war einfach nicht beizukommen. Weder gutes Zureden noch Drohungen halfen. Nichts drang zu ihr durch. Wie konnte sie es wagen?Liane holte tief Luft. Als sie wieder aufsah, setzte sie erneut ihre gekränkte, duldsame Miene auf.„Wenn Yuna nicht verzichten will, lassen wir es eben“, sagte sie mit brüchiger Stimme. „Es ist wohl mein Schicksal. Ich hatte eben nicht das Glück, als eure leibliche Tochter zur Welt zu kommen … Ich hoffe nur, dass sie die Familie im Griff behält, wenn sie die Führung übernimmt. Dass sie nicht zerstört, was die Hohenfels in tausend Jahren aufgebaut haben …“Ein Becher wurde mit Wucht auf den Boden geschleudert. Die S
Auf Lianes Blick hin legte Joris sofort sein Besteck ab. Eiskalt sah er Yuna an.„Die bewaffneten Einheiten der Hohenfels unterstehen mir. Als Oberhaupt brauchst du für alles, was du vorhast, Leute. Von dir nehme ich keine Befehle entgegen, Yuna. Selbst wenn du die Führung übernimmst, gehorcht dir keiner meiner Männer. Du hast dann nur einen Titel, keinerlei Macht. Du gewinnst nichts, machst dich aber zur Zielscheibe für alle. Wenn du klug bist, hörst du jetzt auf uns und verzichtest auf die Nachfolge.“Er starrte sie an und betonte jedes Wort seiner kalten Warnung: „Zwing mich nicht, zu anderen Mitteln zu greifen.“Adrians Blick wurde schlagartig eisig. Er sah Joris so durchdringend an, dass die Stimmung im ganzen Raum umschlug. Die Anspannung war beklemmend.Joris versteifte sich leicht. Seit Jahren befehligte er die bewaffneten Einheiten der Familie, war mit Blutvergießen und Tod vertraut. Er hielt sich für unerschütterlich. Doch jetzt lief ihm unter Adrians Blick ein kalter Schauer
Als die beiden sich fertig gemacht hatten, verließen sie das Zimmer.Auf dem Flur wartete bereits der Mann mit dem schwarzen Gürtel. Sofort verneigte er sich vor ihnen.„Frau Wolfhardt, Herr Wolfhardt, das Essen ist fertig. Bitte folgen Sie mir.“„Gut. Danke.“Yuna folgte ihm die Treppe hinunter. Als sie das Esszimmer betrat, hielt sie kurz inne.Am langen Tisch saßen bereits vier Personen: Anselm, Ottilie und Liane, dazu ein junger Mann, der kaum älter als zwanzig wirkte. Er sah Anselm auffallend ähnlich.Er hatte markante Brauen, einen klaren Blick und eine gerade Nase. Seine schmalen Lippen waren fest zusammengepresst. Das scharf geschnittene Gesicht wirkte kühl und streng, seine ganze Erscheinung abweisend.Als Ottilie Yuna sah, lächelte sie sanft und deutete auf ihn.„Da bist du ja, Yuna. Setz dich. Das ist dein älterer Bruder, Joris Hohenfels.“Joris sah kurz auf und musterte Yuna mit kühler Gleichgültigkeit, wie eine völlig unbedeutende Fremde. Nach einem flüchtigen Nicken zur B
Am nächsten Tag im Vorstandsbüro des Wolfhardt-Konzerns warf Henrik gereizt die Akten auf den Tisch und trommelte mit den Fingernägeln auf die teure Nussbaumplatte. „Ist Yuna immer noch nicht zur Arbeit erschienen?“Der Assistent senkte den Kopf. „Nein, Herr Wolfhardt. Frau Sommer fehlt seit drei Ta
Im VIP-Luxuszimmer der Klinik.Chiara lehnte im Krankenhausbett und nippte an dem warmen Wasser, das ihr Henrik eingeschenkt hatte. „Henrik, ich habe von der Hausangestellten gehört, dass Yuna heute Morgen in einem Rolls-Royce zurückgekommen ist. Und dass sie die ganze Nacht weg war … vielleicht ist
Yuna war zurückgekommen, um ihre Sachen zu holen.Kaum hatte sie die Tür aufgestoßen, drang ein schrilles Lachen an ihr Ohr.Henrik, der sonst nie lachte, saß neben Chiara und erzählte ihr trockene Witze, um sie aufzuheitern.„Hatschi…“Chiara nieste lieblich.„Frierst du?“, fragte Henrik sofort bes
„Henrik, das Kind in ihrem Bauch – ist es deins?“Yuna war kreidebleich. Sie traute ihren eigenen Ohren nicht.Vor sieben Monaten war Henriks älterer Bruder Erwin Wolfhardt bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Aus Mitleid mit Chiara Jensen, der jungen Witwe, die zudem schwanger war, hatte Yuna s







