MasukJoris nickte steif. „Gut.“Ohne das Eis von seiner Haut zu entfernen oder sich etwas anzuziehen, ging er mit den beiden Fischen zur provisorischen Kochstelle. Schweigend tötete Joris sie, schuppte sie und nahm sie aus. Seine Bewegungen waren steif, seine Hände zitterten unablässig.Yuna dachte an die Worte des Ältesten. In dieser Familie mussten alle Lianes Bedürfnisse über alles andere stellen. Joris kannte es von klein auf nicht anders.Trotz seiner steifen Glieder arbeitete er routiniert. Bald waren die Fische küchenfertig. Aus dem einen kochte Joris Suppe, den anderen schmorte er in Sauce. In der eisigen Luft duftete das Essen umso verlockender.Wenig später standen zwei große Schüsseln mit Fisch vor Liane. Sie legte ihr Handy beiseite, nahm die Gabel und probierte den Fisch. Nach einem zweiten Bissen legte sie das Besteck wieder hin. „Ich mag nicht mehr“, sagte Liane.Die Umstehenden stutzten. „Aber Liane, du hast doch kaum etwas gegessen …“„Ich habe genug davon.“ Sie winkte ab u
Trotzdem war Joris einfach hineingesprungen, nur um einen Fisch zu fangen.„Liane, dein Bruder verwöhnt dich wirklich.“ Die Stimme draußen klang neidisch.Yuna blickte durch den Spalt im Vorhang. Mehrere junge Frauen umringten Liane. Alle sahen voller Neid zum Eisloch hinüber.„Was heißt hier verwöhnen?“ Verena verzog den Mund und lachte verächtlich. „Er ist bloß ein Mann. Er hat ihr zu gehorchen, mehr nicht.“Die anderen stutzten, dann lachten sie.„Stimmt. Männer sollen gehorchen.“„Seit er klein ist, tut Joris alles, was Liane sagt. Er traut sich nicht einmal, Nein zu sagen.“„So muss es auch sein. Liane bestimmt, fertig. Dann gibt es keinen Ärger. Ein Mann ist schließlich nur das Anhängsel einer Frau.“Sie lachten, ohne ihre Verachtung für Joris zu verbergen.Mit übereinandergeschlagenen Beinen lag Liane entspannt in ihrem Stuhl. Sie hörte ihnen mit einem leichten Lächeln zu, ohne etwas zu sagen.Yuna runzelte unwillkürlich die Stirn. „Hier zählen Frauen mehr als Männer. Gilt das s
Adrians Miene war eisig, sein Blick mörderisch. Als er aufstehen wollte, packte Yuna seine Hand und hielt ihn zurück.„Lass es.“ Sie sah zu den Spöttern draußen und lächelte leicht. „Lass sie noch ein paar Tage ihren Spaß haben. Je mehr sie sich jetzt aufspielen, desto größer wird ihre Blamage, sobald ich mein Kräuterbad gegen die Kälte fertig habe.“Als Adrian Yunas erschöpftes Gesicht sah, wurde er nur noch zorniger.Seit dem Tag im Anatomiesaal hatte sie nichts mehr gegessen. Dort hatte sie, ohne eine Miene zu verziehen, einen sauberen, sicheren Schnitt gesetzt. Doch danach wurde Yuna schon beim bloßen Anblick von Essen übel, sodass sie seit Tagen nur ein wenig warmes Wasser trank.Es tat Adrian weh, mitanzusehen, wie sie bei den Hohenfels immer wieder leiden musste. Doch er wusste auch, dass sie jetzt vor allem sein Vertrauen und seine Unterstützung brauchte.„Gut“, sagte er mit tiefer Stimme. „Wie du möchtest.“ Adrian strich ihr die vom Wind zerzausten Strähnen hinters Ohr. „Kanns
„Wenn du mitfährst, verlieren wir Unterrichtszeit. Außerdem ist die Arbeit mit Patienten etwas ganz anderes als bloße Theorie. So weit sind wir im Unterricht noch gar nicht …“Nach kurzem Schweigen hob Yuna den Kopf. „Du wolltest mir doch ohnehin in diesen Tagen zeigen, wie man Patienten untersucht. Kannst du mir das nicht auch unterwegs beibringen?“Der Älteste sog scharf die Luft ein. „Du willst das unterwegs lernen und gleich anwenden?“„Warum nicht?“ Yuna sah ihn vollkommen gelassen an.Der Älteste setzte zu einem Einwand an, hielt dann jedoch inne. Genau das tat sie doch seit Tagen.Schon am ersten Tag lernte sie die Heilmittel kennen und stellte ganz allein drei passende Mischungen zusammen. Am zweiten Tag betrat sie den Anatomiesaal, wo sie beim ersten Schnitt sogar die herausspritzende Flüssigkeit kontrollierte. Am dritten und vierten Tag eignete Yuna sich Wissen an, für das andere Jahre brauchten. Dabei verstand sie den Stoff so gründlich, dass sie ihn sicher anwenden konnte.
In einer menschenleeren Ecke im Flur der Lehranstalt bekam Verena eine schallende Ohrfeige.Sie hielt sich die Wange. Auf ihrer hellen Haut zeichneten sich sofort fünf rote Fingerabdrücke ab, und aus einem Mundwinkel sickerte Blut.Verena wagte nicht, sich zu rühren, geschweige denn sich zu wehren. Gebückt und mit gesenktem Kopf setzte sie ein unterwürfiges Lächeln auf.„Liane, ich habe versagt … Yuna hat einfach so viel Glück gehabt. Damit habe ich nicht gerechnet. Sie hat genau dort gestanden, wo nichts hingespritzt ist. Aber ich verspreche dir: Beim nächsten Mal … beim nächsten Mal hat sie nicht wieder so viel Glück. Ich werde ihren Ruf ruinieren! Bitte gib mir noch eine Chance, das wiedergutzumachen!“Ein Feuerzeug klickte, dann flackerte eine kleine Flamme auf.An die Wand gelehnt führte Liane eine lange, dünne Zigarette zwischen ihren schlanken Fingern an ihre roten Lippen und nahm einen Zug. Rauch quoll aus ihrem leicht geöffneten Mund. Die aufsteigenden Schwaden verhüllten ihr
Auch im Chat der Übertragung ging es jetzt hoch her.„Scheiße, scheiße, scheiße! Wie hat sie das gemacht?“„Sie kann sogar steuern, wohin das spritzt? Und das soll eine Anfängerin sein?“„Ich lerne seit dreißig Jahren und kann das nicht. Sie ist seit zwei Tagen dabei?“„So ein Talent ist ja unheimlich. Selbst Liane war am Anfang nicht so gut, oder?“„Jetzt bin ich tatsächlich gespannt auf ihre Prüfung am siebten Tag.“Ein Kommentar jagte den nächsten. Dieselben Leute, die Yuna bisher geschlossen ablehnten und ausgrenzten, staunten nun über ihr Können.Ein junger Mann hielt sich nicht länger zurück. Mit einem breiten Lächeln trat er auf Yuna zu und rieb sich die Hände.„Frau Sommer, Sie haben gerade erst angefangen und arbeiten schon mit solcher Präzision. Gibt es da einen Trick? Können Sie uns den vielleicht … zeigen?“Auch die anderen horchten auf. Natürlich musste es einen Trick geben! Sie drängten sich ebenfalls um Yuna und warteten mit geradezu flehenden Blicken auf ihre Antwort.Y
Im VIP-Luxuszimmer der Klinik.Chiara lehnte im Krankenhausbett und nippte an dem warmen Wasser, das ihr Henrik eingeschenkt hatte. „Henrik, ich habe von der Hausangestellten gehört, dass Yuna heute Morgen in einem Rolls-Royce zurückgekommen ist. Und dass sie die ganze Nacht weg war … vielleicht ist
Yuna war zurückgekommen, um ihre Sachen zu holen.Kaum hatte sie die Tür aufgestoßen, drang ein schrilles Lachen an ihr Ohr.Henrik, der sonst nie lachte, saß neben Chiara und erzählte ihr trockene Witze, um sie aufzuheitern.„Hatschi…“Chiara nieste lieblich.„Frierst du?“, fragte Henrik sofort bes
„Henrik, das Kind in ihrem Bauch – ist es deins?“Yuna war kreidebleich. Sie traute ihren eigenen Ohren nicht.Vor sieben Monaten war Henriks älterer Bruder Erwin Wolfhardt bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Aus Mitleid mit Chiara Jensen, der jungen Witwe, die zudem schwanger war, hatte Yuna s
Chiara starrte sie an. Selbst ihre gespielt verletzte Miene erstarrte mitten in der Bewegung. Die brennende Wange ließ sie für einen Moment alles vergessen.Wie konnte Yuna es wagen, wirklich zuzuschlagen?Henrik war einen Moment lang sprachlos. Dann brach seine Wut hervor.„Yuna, hast du den Versta







