MasukCassandre
Ich habe nicht geschlafen.
Ich bin dort geblieben, auf dem Boden, die Wangen brennend und die Fäuste geballt. Die Szene läuft in einer Endlosschleife in meinem Kopf ab: Lyra, diese Undankbare, dieser Schatten, von dem ich immer glaubte, ihn kontrollieren zu können, wie sie mich vor meinen Eltern ohrfeigt. Und jetzt… eine Frau in Perlen und Absätzen, Leibwächter, ein Luxusauto. Und Lyra in ihren Armen.
Das kann nicht so enden. Nicht so.
Also hebe ich den Kopf und fixiere den Mann, der in meinem heruntergekommenen Wohnzimmer steht. Er hat diesen Blick von denen, die kein "Nein" dulden. Ich kenne diese Art von Männern. Sie besitzen alles. Und wollen alles.
Aber ich kann auch spielen. Das konnte ich schon immer.
— Wenn Sie Lyra zurückhaben wollen, hauche ich mit der größten Ruhe, die ich vortäuschen kann, müssen Sie uns entschädigen. Zehnmal so viel, wie wir für sie ausgegeben haben. Nein, hundertmal.
Meine Eltern zucken zusammen. Meine Mutter wirft mir einen schockierten Blick zu, aber ich beachte es nicht. Ich sehe genau, dass dieser Mann die Mittel hat. Also kann ich genauso gut davon profitieren.
Aber er durchbohrt mich mit einem so kalten Blick, dass mir der Herzschlag stockt.
— Dein Appetit kennt keine Grenzen, sagt er mit schneidender Stimme. Ich kann dich von deinen Schulden befreien. Von deinen Wucherkrediten. Ich weiß alles, Cassandre.
Ich erbleiche.
— Aber mach dir keine Illusionen. Die Summe, die du schuldest, übersteigt bei weitem das Hundertfache der Kosten für Lyras Erziehung. Und du wirst nichts bekommen. Keinen Cent. Nicht, solange du diese Vereinbarung nicht unterschrieben hast.
Er zieht ein Dokument aus der Tasche. Hält es hin. Seine Ruhe ist unerbittlich.
— Du unterschreibst hier, sagt er, und brichst alle Bande zu Lyra ab. Du verpflichtest dich, sie niemals wieder zu kontaktieren. Du verschwindest aus ihrem Leben.
Ich erstarre.
Ich denke an mein gepfändetes Auto. An meine Gläubiger. An den Typen, der mich schon mit einem Messer bedroht hat. Ich denke an die kommenden Tage. Und ich gerate in Panik.
Ich nehme den Stift. Und ich unterschreibe.
Ohne ein Wort. Nur ein kleines Zerren in meiner Brust. Vielleicht ein Rest Stolz.
Aber es ist zu spät.
Lyra
Alles ging zu schnell.
Ich habe kaum verstanden, was Cassandre sagte. Was dieser Mann, mein Vater – dieses Wort erscheint mir unwirklich – ihr geantwortet hat. Das Dokument. Die Unterschrift.
Ich spüre meine Beine nicht mehr. Ich habe das Gefühl zu schweben.
Meine leibliche Mutter – sie sagt, ich sei ihre Tochter, sie hat dieselben Augen wie ich, wie konnte ich das nur nicht sehen? – nimmt sanft meine Hand.
— Mein Schatz, geh deine Sachen holen. Wir fahren nach Hause.
Ich schüttle den Kopf.
— Ich werde nichts mitnehmen, sage ich mit leerer Stimme. Ich will nichts von diesem Ort behalten.
Sie drückt mich an sich. Ihre Stimme ist sanft, aber voller einer Kraft, die ich nie gekannt habe.
— Sehr gut. Wir fangen ganz von vorne an.
Von vorne.
Das war ich hier schon immer.
Also ja. Ich bin bereit.
Ich folge ihr wortlos. Ich steige ins Auto. Das Leder riecht nach Lavendel. Die Scheiben sind getönt. Alles ist gedämpft. Weit weg vom Geruch nach Staub und Schimmel, den ich mein ganzes Leben lang mit mir herumgetragen habe.
Ich werfe einen letzten Blick auf das graue, schmutzige Gebäude, auf die bröckelnde Fassade, die rissigen Mauern. Auf dieses Gefängnis ohne Gitter, das mein "Zuhause" war.
Und ich habe kein Bedauern.
Während das Auto sich entfernt, hält meine Mutter meine Hand in der ihren. Sie streichelt sie sanft, als wolle sie die verlorenen Jahre mit einfachen Gesten wieder gutmachen.
— Wir haben all die Jahre nach dir gesucht, flüstert sie. Selbst als alle uns sagten, wir sollten einen Schlussstrich ziehen. Dein Vater hat Detektive engagiert, Spuren in Dutzenden von Ländern verfolgt. Und dann gab es diesen Namen… Cassandre. Und diese Adresse. Wir wussten, dass du es warst.
Ich senke den Blick. Meine Kehle ist zugeschnürt.
— Ich kann mich an nichts erinnern, sage ich. An nichts vor meinem sechsten Lebensjahr.
— Du warst erst drei, als du verschwandest, haucht sie. Wir glauben, dass dein Kindermädchen dich mitgenommen hat… Wir haben nie erfahren, warum. Sie wurde Jahre später tot aufgefunden. Und du… du warst verschwunden.
Sie verstummt. Ich höre ihre Tränen auf ihr Kleid fallen. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Also flüstere ich, ohne selbst zu verstehen, warum:
— Ich habe oft geträumt… von einem weißen Klavier. Von einem Zimmer mit blauen Vorhängen. Und von einem Hund… einem Labrador.
Sie bricht in Schluchzen aus.
— Das war bei uns. All das. Das war bei uns.
Ich schließe die Augen. Die Leere beginnt sich zu füllen.
Alexandre
Ich fahre wie verrückt.
Mein Herz schlägt zu schnell. Meine Finger umklammern das Lenkrad, bis sie weiß hervortreten.
Mein Assistent hat endlich die Adresse für mich gefunden. Cassandre Lefèvre. Eine gewisse "Schwester". Eine fragile Spur, aber es ist alles, was ich habe. Und wenn ich sie heute nicht wiedersehe, habe ich das Gefühl, sie für immer zu verlieren.
Sie verfolgt mich. Ihre Abwesenheit hat mich ausgelaugt. Ich schlafe nicht mehr. Ich lebe nicht mehr.
Und dann, an einer roten Ampel, bleibt mein Herz stehen.
Ich sehe sie.
In einem schwarzen Auto, nur wenige Meter entfernt.
Sie ist es.
Lyra.
Sie sieht mich nicht.
Ich biege sofort an der nächsten Kreuzung ab. Eine wilde Lenkbewegung. Ich gebe Gas, das Blut kochend.
Aber kaum bin ich in die Straße eingebogen, trifft mich der Schock.
Ein anderes Auto überfährt ein Stoppschild und rammt mich mit voller Wucht.
Ich habe keine Zeit zu begreifen. Mein Körper prallt gegen die Windschutzscheibe. Mein Kopf schlägt heftig auf. Ein dumpfer Schmerz. Blut. Entfernte Schreie. Die Hupen vermischen sich mit dem Krachen.
Alles wird verschwommen.
Im letzten Bewusstseinsblitz denke ich an sie. An ihre Augen. An ihre Stimme.
Geh nicht weg. Ich werde dich finden.
Lyra
Das Geräusch ist dumpf, brutal. Ich zucke zusammen.
Der Fahrer verlangsamt. Beugt sich vor, schaut in den Rückspiegel.
— Sieht aus, als gäbe es da hinten einen Unfall, Madame.
Ich drehe ein wenig den Kopf. Blaulichter. Eine Menschenansammlung.
Ich runzele die Stirn.
Ein Stechen. Ein Unbehagen, ohne zu wissen, warum.
— Ich hoffe, es geht ihm gut… murmele ich.
Dann schweige ich.
Nicht ahnend, dass das Schicksal bereits wieder beginnt, seine Fäden zu spinnen. Dass dies nicht das Ende ist.
Nur… der Anfang von etwas anderem.
CASSANDREDas Erwachen im Gefängnis ist niemals sanft. Das fahle Licht dringt kaum durch das hohe kleine Fenster, aber die Geräusche des Morgens treffen mich bereits wie Schläge: zuschlagende Türen, quietschende Ketten, das Gebrüll der Wärterinnen und das spöttische Gelächter der Insassinnen. Jedes Geräusch ist eine klatschende Ohrfeige, eine Erklärung: Du existierst hier nicht mehr, Cassandre.Ich versuche mich aufzurichten, aber eine Hand stößt mich heftig zur Seite, bringt mich aus dem Gleichgewicht.— He! röchelt eine schrille Stimme, die der kleinsten Insassin, die ich am Vortag gesehen hatte.Ich beiße die Zähne zusammen und spüre, wie ein eisiger Schauer meinen Rücken hinabrinnt. Innerlich brodelt es vor purer Wut. Meine gedemütigte Prinzessin schwankt bereits, zertrampelt von diesen Monstern, die über ihr Unglück lächeln.
CASSANDREDie drückende Stille der Zelle wird von einem metallischen Knall und einem unterdrückten Schrei aus dem hinteren Teil des Ganges durchbrochen. Ich halte den Atem an, die Hände verkrampft auf meinen Knien. Die Schatten tanzen an der Wand, geworfen vom schwachen Licht der an der Decke hängenden Lampen, und jedes Geräusch wird zu einer Note in einer Sinfonie der Angst. Hier dehnt sich die Zeit, und jede Sekunde scheint mich daran zu erinnern, dass ich allein bin, allein auf der Welt, allein angesichts meines Zusammenbruchs.Die Tigerin, regungslos auf ihrem Bett, wirft mir einen vielsagenden Blick zu. Ich lächle schwach, ein halb ironisches, halb sadistisches Lächeln, aber innerlich zittert mein Herz. In diesem Theater des Elends wird sie sowohl Richterin als auch Verbündete sein … oder vielleicht nur ein bedrohlicher Schatten unter vielen.— Erste Runde, sagt sie mit tiefer Stimme. Die W&
CASSANDREDie Tür knallt mit einem metallischen Krachen hinter mir zu, das bis in meine Knochen hallt. Eine Nummer, ein Code, ein von der Welt vergessener Name: Cassandre existiert nicht mehr. Übrig bleibt nur, was das System sehen will. Eine Zelle. Eine Stange. Ein Eisenbett. Und dieser Geruch … eine Mischung aus ranzigem Desinfektionsmittel und Muff, der mir in der Nase brennt und an der Haut klebt.Ich trete vor, steif wie eine Nadel. Der Wärter deutet mit einer knappen Geste auf das Bett, das der Wand am nächsten ist. Ich setze mich, die Hände verkrampft auf den Knien. Meine Absätze klacken auf dem Boden, jedes Geräusch eine grausame Erinnerung: Die Außenwelt geht ohne mich weiter, und ich … ich stecke hier fest.Drei andere Frauen teilen die Zelle. Die erste kaut nervös auf etwas herum, das wie Papier aussieht, irrer Blick, scheinbar den Untergang der Menschheit planend. Die zweite schnarcht wie ein Bär im Winterschlaf, ein seliges Lächeln auf den Lippen, gleichgültig gegenüber m
TANIAIch klebe an ihm, jeder Zentimeter meines Körpers brennt von seiner Nähe. Sein warmer Atem an meinem Nacken, seine Hände, die über meine Arme und Schultern gleiten – alles überwältigt mich. Meine Knie geben leicht nach, aber er stützt mich, solide und unerbittlich, und ich fühle mich zugleich beschützt und völlig verletzlich.— Du schauderst … murmelt er, ein zynisches Lächeln in der Stimme. Und jedes Schaudern macht mich noch … neugieriger.Mir entfährt ein kurzer Atemzug, fast ein Stöhnen, und er lacht leise, ein tiefer, samtiger Klang, der mich noch mehr erschauern lässt.— Hörst du dein eigenes Verlangen? murmelt er, seine Stimme streift mein Ohr. Selbst dein Atem verrät dich.TANIA (Gedanke)Jeder Atemzug, jedes Schaudern, jedes kleine Geräusch verrät mich … und doch will ich mich nicht entfernen. Ich will ihn. Ich will seine Gegenwart spüren, seine Kraft, seine Beherrschung.Lucas senkt seine Lippen auf meine Schulter, nur eine Berührung, und ein stärkerer Schauer durchfäh
TANIALucas' Wärme umhüllt mich völlig, wie ein Hauch, der mich ergreift und mir den Atem raubt. Jede seiner Gesten scheint darauf ausgelegt, mich zu fesseln, jede Berührung berechnet, um in mir ein Verlangen zu wecken, das ich nicht zu benennen wagte. Sein Atem auf meiner Haut brennt, seine Hände wandern mit hypnotischer Präzision über meine Arme und Schultern, erforschen mein Schaudern, mein Zögern, meine Reaktionen auf jede Berührung.— Lass dich fallen … murmelt er, die Stimme tief, samtig, eisig und provozierend. Heute Nacht wirst du nicht denken … du wirst fühlen.Mein Herz rast, meine Brust hebt sich bei jedem Atemzug. Ich versuche, den Blick abzuwenden, aber seine Augen fangen mich ein, lesen in mir, verschlingen mich ganz. Ich spüre, wie mein Körper trotz mir auf jede seiner Liebkosungen, auf jede seiner Nuancen reagiert.Er beugt sich zu mir, und unsere
TANIAIch spüre jeden Atemzug von Lucas, jede Mikrobewegung seines Körpers darauf berechnet, mich in Alarmbereitschaft zu halten. Sein Blick lässt nicht von mir ab, mustert meine Reaktionen wie ein Schachmeister, wägt jedes Zögern, jedes Schaudern ab. Mein Herz rast, meine Muskeln weigern sich manchmal zu gehorchen, und mir wird klar, dass ich vollständig von seiner Gegenwart gefangen bin.— Atme … murmelt er, seine Stimme tief und eisig unter der offensichtlichen Sanftheit. Lass dich fallen … ich werde dir Lust bereiten … die ganze Nacht.Ich zucke fast bei seinen Worten zusammen, eine Mischung aus Überraschung und Erwartung durchläuft meinen Körper. Mein Atem stockt, und doch kann ich den Blick nicht von ihm abwenden. Jede Geste, jede Nuance seiner Stimme, jedes berechnete Lächeln verunsichert und zieht mich an.— Lucas … ich … ich sollte &hell







