Startseite / Romantik / Ein Geschenk zu viel / Kapitel 5 — Das Blut der Stille

Teilen

Kapitel 5 — Das Blut der Stille

last update Zuletzt aktualisiert: 30.01.2026 00:14:56

Danke

Ich sage nichts.

Kein Wort, kein Seufzer. Nicht einmal eine Träne.

Er bringt mich zu meinem schwarzen Auto, leise, warmes Leder, der Motor schnurrt sanft. Die Fenster sind getönt. Die Welt bleibt draußen.

— Wenn du irgendetwas brauchst… ruf mich an.

Er reicht mir eine Karte. Mattes Papier, gebrochenes Weiß, schlicht und fast feierlich. Eine goldene Initiale. Eine Telefonnummer. Nichts weiter. Kein Name. Nur ein schwebendes Versprechen.

Ich nehme sie, als würde ich ein Seil am Rand des Abgrunds greifen.

Er küsst mich nicht. Er berührt mich nicht. Er hält mich nicht auf.

Er sieht mich lange an, als würde er mich wirklich sehen, mich, in dem, was ich niemandem zeige. Sein Blick durchdringt mich, lässt mich nackt, und seltsamerweise macht es mir keine Angst.

Ich steige in mein Auto. Ich starte. Meine Hände zittern kaum, ich fahre.

Die Stadt ist eine Folge von verschwommenen Lichtern, fleckigen Neonlichtern, Silhouetten, die zu laut lachen. Ich höre nichts. Ich schwebte. Ich gehe, ohne wirklich voranzukommen.

Als ich vor dem Haus ankomme, steht das Tor einen Spalt offen.

Immer diese Nachlässigkeit. Dieses Laisser-faire, das mehr sagt als Worte. Ich bremse sanft, schalte den Motor aus. Und bleibe dort. Einige Sekunden. Einige Herzschläge.

Das Licht unseres Zimmers ist an. Ein sanftes Licht. Intim. Nachdenklich. Vorbereitet.

Ich steige aus dem Auto. Keine Tasche. Kein Telefon. Nichts in den Händen. Nur die Karte in meiner Tasche und das Gewicht meines Bauches, das mich daran erinnert, dass ich noch lebe.

Ich öffne die Tür.

Der Geruch trifft mich zuerst. Eine Mischung aus süßem Alkohol, weiblichem Parfüm, Schweiß. Aber vor allem… mein Parfüm. Das, das ich heute Morgen getragen habe. Das, das sie kennt. Das, das sie gestohlen hat.

Ich gehe die Treppe hinauf. Langsam. Jede Stufe ist ein Schlag. Eine Ohrfeige. Ein Aufstieg zur Hölle.

Und ich öffne die Tür.

Geräuschlos. Ohne Wut. Einfach… ich öffne.

Sie sind da.

Meine Schwester. Mein Mann. Nackt. Umarmt. Aneinandergeklebt. Sie auf ihm. Er in ihr.

Sie lacht. Ein Kehllachen. Ein Siegeslachen.

— Schau mal… die heilige Gracias.

Ihre Stimme knallt. Keine Scham. Kein Bedauern. Nur diese reine, grausame Provokation, die sie seit jeher kultiviert. Ich sehe ihre Brüste wippen. Ich sehe meine Kette zwischen ihnen. Ich sehe alles.

Er bewegt sich nicht. Er seufzt. Genervt. Als wäre ich ein Störfaktor.

— Hast du deine Schlüssel vergessen? Was willst du jetzt?

Er versteckt sich nicht einmal. Er bleibt faul liegend, den Arm um ihre Taille gelegt.

Ich sage nichts.

Mein Blick wandert über die zerwühlten Laken. Das sind meine. Ich habe diese Laken gestern gewaschen. Ich habe dieses Zimmer parfümiert. Ich habe seine Hemden in dieser dichten Stille gebügelt, dieser Stille, die mich jeden Tag ein wenig umbringt.

— Was hast du gedacht, Gracias? Dass du ihn mit einem Baby halten könntest? Dass du die gute Ehefrau spielen könntest, während er sich zu Tode langweilt?

Es ist wieder sie. Sie redet zu viel. Immer. Und jetzt genießt sie jede Silbe.

— Du tust mir leid. Wirklich. Du hast dich seit der Schule nicht verändert. Immer brav. Immer naiv. Immer bereit, gefressen zu werden.

Ich stehe da.

Ich schaue sie an.

Ich weine nicht.

Ich lächle sogar. Ein verzerrtes, schneidendes Lächeln.

— Ihr seid perfekt füreinander.

Er grummelt. Er setzt sich schließlich auf und sucht vage nach einem Laken. Aber er sagt nichts. Er leugnet nichts. Er fordert mich nicht einmal auf, zu gehen.

— Willst du hier schlafen? fragt sie, falsch sanft. Willst du dich uns anschließen? Es ist noch etwas Wein in der Küche.

Und sie bricht in schallendes Lachen aus. Ein schrilles, hässliches Lachen. Die Art von Lachen, die sicherer zerstört als ein Schrei.

Ich schließe die Tür. Sanft. Ein kurzer Klick.

Ich gehe wieder nach unten.

Ich renne nicht. Ich zittere nicht. Ich bin leer. Eiskalt. Gefroren in etwas, das ich nicht erkenne.

Ich gehe zum Gästezimmer.

Ich bin seit Monaten nicht mehr dort gewesen.

Ich öffne es. Der Geruch ist neutral. Hier ist nichts. Keine Geschichte. Keine Erinnerungen. Nur ein Bett, zugezogene Vorhänge, ein leeres Schrank.

Ich setze mich. Mechanisch. Die Hände auf den Knien. Wie ein bestraftes Kind. Ich bleibe aufrecht. Der Rücken angespannt.

Dann hole ich die Karte heraus. Die des Unbekannten. Des einzigen, der mich heute Abend ohne Verachtung angesehen hat.

Ich lege sie sanft auf den Nachttisch.

Wie eine letzte Note Musik vor der Stille.

Ich lege mich hin. Ich schließe nicht die Augen. Ich schaue an die Decke, weiß, unpersönlich. Sie verurteilt mich nicht. Sie beschuldigt mich nicht. Sie ignoriert mich. Und das ist immer noch das Sanfteste, was mir heute angeboten wurde.

In meinem Bauch bewegt sich etwas. Eine Präsenz. Eine Gewissheit.

Ich bin in Stücke zersplittert.

Aber da ist das. Dieser kleine Schlag. Dieses Leben. Diese Erinnerung.

Und ringsum, in diesem Haus, das nicht mehr mir gehört…

das Blut der Stille.

Lies dieses Buch weiterhin kostenlos
Code scannen, um die App herunterzuladen

Aktuellstes Kapitel

  • Ein Geschenk zu viel   Kapitel 12 — Das Gesicht, das man zeigen muss

    DANKEIch bleibe einen Moment im Zimmer stehen, unbeweglich vor dem Spiegel, und höre meinem eigenen Atem zu. Das Kleid gleitet über meine Haut wie eine Erinnerung, die man noch nicht erlebt hat. Es fällt perfekt, als wüsste es genau, wo es sich niederlassen soll. Aber mein Gesicht… mein Gesicht erzählt noch von der Nacht, den Schlaflosigkeiten, den Gedanken, die nagen.Also setze ich mich vor den kleinen Schminktisch. Ich habe keine Lust, mich zu verstecken, und doch… tue ich es. Ein leichter Schleier von Make-up, gerade genug, um die Müdigkeit zu verwischen. Ein wenig Puder, um die Augenringe zu mildern. Wimperntusche, aber nicht zu viel, um den Blick zu vergrößern, ohne dass man den Aufwand sieht. Ich färbe meine Lippen mit einem dezenten Rot, nicht das der Verführung, sondern das der Frau, die beschlossen hat, aufrecht zu stehen, selbst wenn sie innerlich brennt.Ich möchte so aussehen wie die, die ich in diesem Kleid werde. Eine Frau, die trotz der Risse noch aufrecht steht.

  • Ein Geschenk zu viel   Kapitel 11 — Die herannahende Stunde

    DANKEDas Feuer knistert leise. Ich höre dieses Geräusch, wie man einer Sprache lauscht, die man nicht kennt, aber deren Absichten man erahnt. Die Wärme dringt in meine tauben Finger. Ich habe immer noch das Gefühl, dass meine Haut feucht ist, selbst nach der Dusche.Ich spüre das Gewicht der Decke auf meinen Schultern, ihren dezenten Geruch, eine Mischung aus Wolle und Holz. Es ist nicht die Art von Geruch, die man bemerkt, aber es ist die Art, die beruhigt.Ich dachte nicht, dass ich heute Abend essen würde. Dennoch wartet ein Teller auf dem Couchtisch auf mich: eine dampfende Suppe, mit Brot. Nichts Spektakuläres. Aber ich glaube, das berührt mich. Kein Versuch, mich zu beeindrucken, nur… etwas, um auf den Beinen zu bleiben.Ich nehme den Löffel. Die Wärme bringt ein Seufzen über meine Lippen. Ich merke nicht, dass ich immer noch ein wenig zittere, bis er mir einen Blick über sein Buch zuwirft.— Geht es dir gut? Seine Stimme ist leise, fast vorsichtig. Ich nicke, weil es einfac

  • Ein Geschenk zu viel   Kapitel 10 — Wasser, Feuer, Asche

    DANKEDas Wasser fließt.Warm, dick, fast brennend.Es schlägt mir auf den Nacken, dann auf den Rücken, wie eine unsichtbare Hand. Eine sanfte, aber feste Hand. Eine Hand, die keine Fragen stellt. Die nicht versucht zu verstehen. Die nicht urteilt.Ich wünschte, ich könnte sagen, dass ich mich entspanne.Aber nein. Ich bleibe aufrecht, steif, angespannt wie ein Seil, das bereit ist, zu reißen. Meine Schultern, meine Trapezmuskeln, meine Schulterblätter schmerzen. Als ob ich seit Monaten etwas Unsichtbares, Unerträgliches getragen hätte. Vielleicht seit Jahren.Vielleicht mein ganzes Leben.Meine Arme sind verkrampft, meine Finger zittern. Ich schaue sie an. Sie sind rot, mit heißem Wasser angeschwollen, aber kalt im Herzen. Sie wissen nicht mehr, wie man berührt. Sie wissen nicht mehr, wie man berührt wird. Sie wissen nicht mehr, wie man sich öffnet.Ich bin nackt in dieser fremden Dusche. In diesem Haus, das zu schön für mich ist. Und doch… ich bin hier.Stehend. Das ist schon ein Wu

  • Ein Geschenk zu viel   Kapitel 9 — Was die Monster Glück nennen

    INÈSIch lache, während ich in einen grünen Apfel beiße.Er ist sauer, saftig, scharf. Perfekt.Ich bin nackt unter Marius' Hemd, sitze auf der Arbeitsplatte in der Küche. Meine Beine schwingen sanft in der Luft, während er Rühreier zubereitet. Normalerweise kocht er nie. Aber heute Morgen will er "sich um mich kümmern". Er will den zärtlichen Mann, den fürsorglichen zukünftigen Vater spielen. Es amüsiert ihn, es gibt ihm die Illusion, ein guter Typ zu sein.Und ich finde es gut, dass wir so spielen.Das Falsche ist oft köstlicher als das Wahre.— Wirst du Käse hinzufügen? frage ich, während ich ihn beobachte.— Natürlich, Madame ist wählerisch, sagt er mit diesem schiefen Lächeln, das er mir gibt, wenn er mich glauben lassen will, dass er noch ironisch sein kann.Das ist er nicht mehr. Nicht wirklich.Seit sie gegangen ist, ist er sanft geworden. Eine Art Hund, der zu lange geschlagen wurde und schließlich die Hand des Peinigers leckt.Und dieses Lächeln habe ich von Gracias gestohle

  • Ein Geschenk zu viel   Kapitel 8— Der Geschmack der Leere

    MARIUSDer Kaffee ist zu heiß. Ich trinke ihn trotzdem. Es brennt, aber ich finde es fast angenehm. Es ist das Einzige, was mich heute Morgen lebendig fühlen lässt.Am Küchentisch sitze ich und schaue sie an, ohne sie wirklich zu sehen. Meine Mutter ist da, souverän, in ihren Seidenbademantel gehüllt wie eine im Exil lebende Kaiserin. Ihr Gesicht ist bereits perfekt geschminkt. Man könnte denken, sie schläft geschminkt. Sie hasst es, schwach gesehen zu werden. Inès sitzt wie eine andere Art von Königin auf dem Stuhl: Beine übereinander, durchsichtiger Negligé, ein grausames Lächeln auf den Lippen, und diese Art, sich die Finger abzulecken, während sie eine Erdbeere isst, als wäre alles um sie herum sexuell.— Du hättest es sehen sollen, sagt meine Mutter mit einem Glanz in den Augen, zwischen zwei Bissen. Als sie aufwachte, durchnässt, zitternd, halb tot… Ein wahres Vergnügen.— Sie hat sich nicht einmal getraut, den Mund aufzumachen, fügt Inès hinzu, während sie in eine weite

  • Ein Geschenk zu viel   Kapitel 7 — Dort, wo die Straße beginnt

    DankeIch weiß nicht mehr genau, ob ich wirklich seine Stimme gehört habe, die sagt "Ich komme dich holen", oder ob es mein erschöpfter Geist war, der diesen Satz wie einen Rettungsring gesponnen hat, ein letzter Faden, der in meiner Brust hängt, bereit zu brechen, aber einige Minuten später vibriert das Telefon in meiner kalten Handfläche und meinen mit Wasser und Nacht verklebten Fingern.SMS: "Ich bin in zwanzig Minuten da. Bewege dich nicht. Bleib sichtbar. Ich fahre ein graues Auto."Bleib sichtbar.Diese beiden Worte brennen mich ebenso wie der Regen, der meine Knochen frisst, denn ich weiß nicht mehr, wie man das macht, sichtbar sein, existieren, im Blick eines anderen stehen, ohne sofort in Verlegenheit oder Scham zu verschwinden. Also drücke ich mich gegen einen anonymen Vorbau, den eines schmutzigen Gebäudes mit einem rissigen Eingang, und warte, die Arme um mich geschlungen, das Herz in der Kehle, meine Beine wie zwei gefrorene Pfähle unter diesem Schlafanzug, der so schwer

Weitere Kapitel
Entdecke und lies gute Romane kostenlos
Kostenloser Zugriff auf zahlreiche Romane in der GoodNovel-App. Lade deine Lieblingsbücher herunter und lies jederzeit und überall.
Bücher in der App kostenlos lesen
CODE SCANNEN, UM IN DER APP ZU LESEN
DMCA.com Protection Status