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Kapitel 2

Author: Chidi
last update publish date: 2026-10-23 14:51:59

„Es tut mir so leid, Opa. Ich konnte nicht einmal deine Asche beschützen, selbst nach deinem Tod nicht. Ich bin so eine Schande“, murmelte ich vor mich hin, während ich zitternd die Tür der heruntergekommenen kleinen Wohnung öffnete.

Das war das Einzige, was mir nach dem Tod meines Großvaters geblieben war, der nur kurze Zeit nach meiner angeblichen Hochzeit verstorben war. Meine Eltern waren gestorben, als ich etwa acht Jahre alt war, als sie Julians Eltern bei einem schrecklichen Unfall das Leben gerettet hatten. Damals hatten die Stones geschworen, für mich zu sorgen, doch die Umstände hatten uns mit der Zeit immer weiter voneinander getrennt. Mein Großvater hatte jahrelang gekämpft, um mich alleine aufzuziehen, während sein Krebs immer wieder zurückkehrte und ihn Stück für Stück zehrte.

Als er nicht mehr konnte und spürte, dass seine Zeit ablief, hatte er mich zur Familie Stone gebracht. Er hatte dafür gesorgt, dass ich mit Julian verlobt wurde und wir kurz darauf eine private Hochzeit feierten. Was Julian jedoch nicht ahnte: Mein Großvater hatte mir an jenem Tag noch ein ganz besonderes Geschenk übergeben, das er sein gesamtes Leben lang im Verborgenen gesichert hatte.

In genau diesem Augenblick holte mich das schrille Klingeln meines Handys aus meinen düsteren Gedanken. Ich zog es mit klammen Fingern aus meiner Tasche und blickte auf das Display.

Es war Harper, der Anwalt, den mein Großvater persönlich mit der Verwaltung meiner anonymen zwanzig Prozent Unternehmensanteile beauftragt hatte. Er war angewiesen worden, mir erst zu helfen, wenn ich völlig in die Enge getrieben wurde.

„Audrelia? In Ordnung bei Ihnen?“, ertönte Harpers ruhige, professionelle Stimme am anderen Ende der Leitung.

„Ich lebe noch, Harper“, antwortete ich leise und wischte mir eine verbliebene Träne von der Wange. „Warum rufen Sie mich an?“

„Die Vorstandsmitglieder der Stone Group halten nächste Woche eine entscheidende Führungssitzung ab“, erklärte Harper sachlich. „Es geht um die Wahl des neuen Präsidenten des Stone-Imperiums. Als Großaktionärin müssen Sie anwesend sein, da Ihr Sitz nicht länger unbesetzt bleiben kann.“

Ich hielt inne und lehnte mich gegen die kühle Wand der schmalen Diele. „Wer wird die Wahl gewinnen, Harper?“

„Nach aktuellem Stand wird es Julian sein“, erwiderte der Anwalt ohne Zögern. „Seine eigenen Anteile zusammen mit den Anteilen seiner verstorbenen Eltern machen ihn zum Vorstandsmitglied mit dem größten Aktienpaket. Sein Onkel Christian hat zwar deutlich mehr Verbündete im Vorstand und jahrelange Erfahrung, aber seine Anteile reichen nicht an Julians Summe heran. Julian wird ohne Zweifel siegen.“

Ein bitteres Lächeln stieg auf meinen Lippen auf, als mir ein kühner Gedanke kam. „Und was passiert, wenn ich Christian unterstütze? Wenn ich meine zwanzig Prozent zu seinen Anteilen hinzufüge, hätte er dann eine Chance zu kämpfen?“

Harper schwieg für einen kurzen Moment, ehe er antwortete: „Wenn Sie sich auf Christians Seite stellen, kämpft er nicht nur mit – er gewinnt ohne jeden Widerstand. Ihre Anteile zusammen mit seinen übertreffen Julians Gesamtsumme bei Weitem.“

„Ich melde mich wieder bei Ihnen, Harper“, sagte ich bestimmt und legte auf, ehe eine verrückte Idee in meinem Kopf Gestalt annahm.

Julian war besessen von dem Gedanken gewesen, der alleinige Herrscher des Stone-Imperiums zu werden. Er hatte prahlerisch bei jeder Gelegenheit betont, wie unangreifbar seine Macht sei und wie sehr er seinen Onkel Christian verachtete.

Ich verschwendete keine Sekunde mehr, zog mir ein einfaches, aber ordentliches Kleid an und buchte mir sofort ein Taxi. Mein Ziel war das Anwesen von Christian Stone. Ich hatte den Mann in den letzten drei Jahren nur ein einziges Mal aus der Ferne gesehen – ein furchterregend kalter, unnahbarer Mann. Doch heute hatte ich meinen Entschluss gefasst: Er würde mein Partner werden, oder ich würde dieses Anwesen nicht mehr lebend verlassen.

Als das Taxi vor den gewaltigen, eisernen Toren des Stone-Anwesens hielt, wurde mir der Weg sofort von zwei massiven Sicherheitskräften versperrt.

„Stop. Wer sind Sie und was wollen Sie hier?“, schnauzte mich einer der Wächter unfreundlich an.

„Ich möchte zu Christian Stone“, erwiderte ich mit festem Blick und verschränkte die Arme vor der Brust.

Der Mann verzog keine Miene. „Haben Sie einen Termin mit Herrn Stone?“

„Nein, habe ich nicht“, antwortete ich ehrlich. „Aber es ist von äußerster Dringlichkeit.“

„Ohne Termin kommen Sie hier nicht rein. Machen Sie, dass Sie wegkommen“, wies er mich schroff ab und machte eine abschätzige Handbewegung.

Ich trat einen Schritt näher an ihn heran und sah ihm direkt in die Augen. „Hören Sie mir gut zu. Entweder melden Sie Ihrem Chef jetzt augenblicklich, dass er Besuch hat, oder ich fange hier vor den Toren an, wie eine Irre zu randalieren. Ich verspreche Ihnen, das wird für Sie beide nicht besonders gut aussehen, wenn er herauskommt.“

Die beiden Wachen wechselten verunsicherte Blicke. Widerwillig griff der Ältere von ihnen schließlich zu seinem Funkgerät und tätigte einen kurzen Anruf.

Nur wenige Minuten später öffnete sich die schwere Eingangstür des Haupthauses. Ein Mann schritt mit ruhigen, mächtigen Schritten auf das Tor zu. Er trug lediglich eine graue Shorts und ein ärmelloses Shirt, was seinen athletischen, makellos gebauten Körper offenlegte.

Obwohl Christian Stone bereits über vierzig Jahre alt war, raubte sein Anblick mir für einen Moment schlichtweg den Atem. Er besaß eine scharf geschnittene Kieferpartie, stechend dunkle Augen und eine Aura von reiner, ungezähmter Dominanz, die die Luft um ihn herum gefrieren ließ. Er war so atemberaubend attraktiv, dass ich für einige Sekunden vergaß, wie man atmete.

Christian blieb vor dem Gitter stehen, verengte die Augen und sah mich spöttisch an. „Hast du vor meinem Tor etwa eine Show abgezogen, nur um mich anzustarrn, oder was soll der Zirkus?“

Seine raue, tiefe Stimme riss mich schlagartig in die Realität zurück. Ich schüttelte rasch den Kopf und zwang mich zu absoluter Haltung.

„Nein!“, rief ich hastig. „Ich bin hier, um Ihnen ein Geschäft anzubieten, Herr Stone.“

Christian zog eine Braue hoch und musterte mich langsam von Kopf bis Fuß. In seinen Augen blitzte ein Funke des Wiedererkennens auf. „Bist du nicht Julians kleine Ehefrau?“

„Ich war einmal seine Frau“, antwortete ich mit eiskalter Festigkeit in der Stimme. „Aber das ist vorbei.“

Christian schnaubte verächtlich und wandte sich ab. „Ich habe keinerlei Geschäfte mit Julian und erst recht nicht mit dir. Und ich bin mir verdammt sicher, dass du nichts zu bieten hast, was mich auch nur ansatzweise interessieren könnte. Verschwende nicht meine Zeit und verschwinde.“

Er drehte sich um und ging langsam zurück in Richtung des Hauses.

„Ich weiß, wer die anonyme Person ist, die zwanzig Prozent der Aktien der Stone Group besitzt!“, schrie ich ihm mit voller Kraft hinterher. „Die Person, nach der Sie und der gesamte Vorstand seit Jahren vergeblich suchen!“

Christian blieb wie angewurzelt stehen. Die Stille, die darauf folgte, war erdrückend.

Er drehte sich langsam um, und sein Gesichtsausdruck war nun gefährlich dunkel. Seine Augen fixierten mich wie die eines Raubtiers, das seine Beute ins Visier nimmt. Er schritt langsam zurück ans Tor und sah mich eindringlich an.

„Was willst du als Gegenleistung dafür?“, fragte er mit einer Stimme, die vor Zorn und Ehrgeiz bebte.

Ich sah ihm direkt in die kalten, faszinierenden Augen und sprach mein Todesurteil aus.

„Ich will, dass Sie mich auf dem Papier zu Ihrer Frau machen und mir Ihren vollständigen Schutz gewähren.“

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