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Kapitel 4 – Élena

Author: Déesse
last update publish date: 2026-07-23 06:04:50

Die Tür schließt sich hinter mir, und ich lehne mich an die Wand des Flurs.

Ich zittere. Vom Kopf bis zu den Füßen, ohne aufhören zu können. Meine Beine sind wie Watte, meine Hände sind feucht, mein Herz schlägt so heftig, dass ich das Blut in meinen Schläfen pochen höre.

Was ist gerade passiert?

Sie kam näher zu mir. Sie war so nah. Ihr Parfüm – Sandelholz und Vanille, warm und kalt zugleich – liegt immer noch in meinen Nasenflügeln. Ihr grauer Blick, fast durchsichtig, hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Ihre tiefe, ruhige Stimme, die fragte: Können Sie gehorchen?

Und ich sagte Ja. Ohne nachzudenken. Ohne zu wissen warum. Als hätte sie die Macht, mir dieses Wort zu entreißen, es mit Gewalt zu nehmen.

— Geht es Ihnen gut?

Irina steht vor mir, einen Stapel Papiere in der Hand. Sie sieht mich mit einem Ausdruck an, den ich nicht deuten kann.

— Ja, ja, es geht.

— Sie sind weiß wie eine Wand. Kommen Sie, ich gebe Ihnen Wasser.

Sie nimmt mich am Ellenbogen – ihre Hand ist fest, beruhigend – und führt mich in einen kleinen Besprechungsraum mit Glaswänden. Ich setze mich, trinke das Wasser, das sie mir reicht. Meine Hände zittern noch.

— Herzlichen Glückwunsch. Sie sind die Erste, die länger als fünf Minuten durchhält, ohne zu stammeln.

Ich sehe sie an, ohne zu verstehen. Sie zuckt kaum mit den Schultern, aber da ist so etwas wie ein Lächeln in ihren Mundwinkeln.

— Frau Volkov testet gerne die Leute. Sie sieht sie an, lange, bis sie zusammenbrechen. Sie sind nicht zusammengebrochen. Sie haben überlebt.

Ich denke an ihren Blick auf mir, an dieses langsame Abtasten vom Kopf bis zu den Füßen, an das Gefühl, nackt, ausgeliefert, verletzlich zu sein. War das der Test?

— Und die Frage? frage ich. Die über den Gehorsam?

Irina ordnet ihre Papiere, vermeidet meinen Blick.

— Unterschreiben Sie hier, hier und hier. Sie beginnen morgen, 7:30 Uhr. Kommen Sie nicht zu spät.

Sie antwortet nicht auf meine Frage. Ich frage nicht noch einmal.

Ich unterschreibe, ohne zu lesen, mechanisch. Ich will nach draußen, Luft holen, atmen. Ich will weit weg sein von diesem Gebäude, von dieser Stille, von diesem grauen Blick, der mich immer noch verfolgt.

Draußen, auf dem Bürgersteig, atme ich tief ein. Die Luft von Paris ist verschmutzt, laut, normal. Sie tut mir gut. Ich blicke zum Glas- und Stahlgebäude hoch. Ganz oben, auf dem höchsten Stockwerk, steht vielleicht eine Frau in einem schwarzen Kostüm und sieht mich an – oder auch nicht.

Ich habe den Job. Ich habe den Job bei Adriana Volkov.

Warum habe ich Angst?

Mein Telefon vibriert. Thomas.

— Na?

— Ich habe ihn gekriegt. Die Stelle.

— Genial! Meine Freundin ist eine Chefin! Feiern wir das heute Abend?

Seine Stimme ist fröhlich, begeistert, normal. Thomas ist immer fröhlich, immer begeistert, immer normal. Wahrscheinlich bin ich deshalb mit ihm zusammen. Wegen seiner Normalität. Wegen seiner Stabilität. Weil er mir niemals Angst machen wird, mich niemals verwirren wird, mich niemals ansehen wird, als wäre ich nackt.

— Ja, natürlich. Feiern wir.

Ich lege auf. Ich denke an Thomas, an unsere Wohnung, an unser Leben. Ich denke daran, wie er mich heute Abend küssen wird, um das zu feiern, und daran, wie meine Lippen aus Gewohnheit antworten werden.

Ich denke an Adriana Volkov, die mich ansah, als würde sie durch mich hindurchsehen. Als wüsste sie Dinge, die ich selbst nicht weiß.

Und ich habe Angst. Aber ich weiß nicht wovor.

– Adriana

— Sie hat unterschrieben.

Irina legt den Vertrag auf meinen Schreibtisch. Ich sehe ihn nicht an. Ich schaue aus dem Fenster, ich schaue auf Paris, ich schaue auf die Dächer, die Häuser, die Straßen, in denen tausende Menschen ohne mich leben.

— Gut.

— Ist etwas nicht in Ordnung, Frau Volkov?

Ich drehe mich um. Irina ist die Einzige, die mir diese Frage stellen kann, ohne dass ich sie sofort entlasse. Zwanzig Jahre Loyalität geben einem gewisse Rechte.

— Warum fragen Sie das?

— Weil Sie seit diesem Vorstellungsgespräch seltsam sind. Weil Sie ins Leere starren. Weil Sie den Finanzbericht, den ich Ihnen heute Morgen gegeben habe, noch nicht kritisiert haben.

Ich sehe den Bericht an. Er liegt immer noch auf meinem Schreibtisch, nicht geöffnet.

— Ich werde ihn später lesen.

Irina nickt. Sie sagt nichts, aber ihre Augen sagen alles. Sie hat etwas verstanden. Sie versteht immer alles.

— Sie fängt morgen an, 7:30 Uhr.

— Ich weiß.

— Ich habe ihr die grundlegenden Anweisungen gegeben. Den Rest übernehmen Sie ...

— Ich weiß, Irina.

Sie geht hinaus. Ich bleibe allein mit dem Vertrag, mit dem Bericht, mit der Stille.

Warum denke ich immer noch an sie?

Es ist nicht das erste Mal, dass ich eine Assistentin einstelle. Ich hatte Dutzende, einige gute, einige schlechte, einige, die ich am Tag ihres Weggangs vergessen habe. Warum also diese?

Ihre Augen. Ihre Art, mich anzusehen, ohne zu fliehen. Ihre Stimme, als sie Ja sagte. Das Zittern ihrer Unterlippe. Der Schweißtropfen an ihrer Schläfe.

Ich mochte das. Ich mochte es, sie verletzlich zu sehen. Ich mochte es, ihre Verwirrung zu spüren, ihre Angst, ihren Wunsch zu gefallen. Ich mochte die Macht, die ich über sie hatte, diese unmittelbare, instinktive, fast tierische Macht.

Ich sollte das nicht mögen. Es ist ungesund. Es ist gefährlich.

Aber ich habe noch nie das getan, was ich tun sollte.

Ich nehme den Vertrag, lese ihn. Élena Dubois, geboren am 15. März 1995 in Paris. Adresse im neunten Arrondissement. Keine Kinder. In einer Beziehung mit Thomas Morel.

Thomas. Ein Mann. Natürlich ein Mann. Sie sieht zu normal aus, um etwas anderes zu sein. Zu sanft, zu zerbrechlich, zu ... hetero.

Ich lege den Vertrag weg. Ich kehre zu meinen Zahlen zurück. Zahlen stellen mir keine Fragen über meine Moral. Zahlen verurteilen mich nicht dafür, dass ich es mag, anderen beim Fürchten zuzusehen.

Zahlen sind sicher. Zahlen gehorchen.

So wie sie Ja sagte. So wie sie gehorchen wird.

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