MasukKapitel 123Der Mann, der weggelaufen warJONATHAN (Perspektive)Die Schritte verstummten. Niemand im Tresorraum wagte zu atmen.Dann tauchte eine Hand am Rand der Stahltür auf – blass und zitternd –, und ein Mann stolperte mit erhobenen Armen ins Licht. Er trug keine Kopfbedeckung, war unrasiert, sein Hemd war am Kragen zerrissen und ein Auge war halb zugeschwollen. Der rechte Ärmel war bis zum Ellbogen hochgeschoben, und an der Innenseite seines Handgelenks sah ich im Lichtkegel von Catalinas Taschenlampe drei kleine blaue Striche.„Daniel“, sagte Vivienne.Sie sprach den Namen aus wie jemand, der etwas benennt, das er im Dunkeln gefunden hat. Ich spürte, wie sie sich neben mir bewegte und dann innehielt, als hätte ihr eigener Körper ihr den Dienst versagt.„Nicht“, sagte Daniel heiser. „Bitte. Ich bin unbewaffnet. Ich bin nicht hier, um irgendjemandem wehzutun.“ Sein gesundes Auge suchte mich, huschte dann aber sofort wieder weg. „Ich versuche schon seit zwei Tagen, Sie zu finden,
Kapitel 122Die VerlesungJONATHAN (Perspektive)Niemand sagte ein Wort. Irgendwo unter dem Boden summte der Motor – geduldig und gleichgültig –, und die Uhr über der Tresortür tickte auf Mittag zu.Marcus machte einen Schritt in den Raum und blieb stehen, als wäre die Luft um ihn herum plötzlich zähflüssig geworden. Seine Hände hingen offen an seinen Seiten herab. Ich hatte erlebt, wie dieser Mann feindselige Führungskräfte ins Kreuzverhör nahm, ohne auch nur die Stimme zu erheben, doch jetzt wirkte er wie jemand, der in einem fremden Haus aufwacht.„Mama hat mir erzählt, du wärst gestorben“, sagte er. „Ich war elf. Sie sagte, du hättest Fieber gehabt. Es gab eine Beerdigung. Ich hielt eine Blume in der Hand.“„Es gab einen Sarg“, sagte Elena. „Er war leer.“„Warum?“„Weil sie Angst hatte.“ Elenas Stimme blieb ruhig, doch ihre Finger hatten die Goldkette an ihrem Hals gefunden und spielten nervös damit. „Nachdem Papa gestorben war, kam ein Mann zu uns an die Tür. Er drohte ihr nicht.
Kapitel 121Das Geständnis des alten MannesJONATHAN (Perspektive)Ich setzte mich. Ich kann mich nicht daran erinnern, mich dazu entschlossen zu haben. Meine Beine ließen mich einfach auf eine umgedrehte Kiste neben der offenen Box sinken, und Vivienne ließ sich vor dem Sessel ihres Vaters auf die Knie auf dem Betonboden nieder; eine Hand hielt sie sich vor den Mund.„Du kannst nicht sprechen“, sagte sie. „Marcus hat gesagt, du könntest nicht sprechen.“Die flache, synthetische Stimme antwortete an seiner Stelle. *Marcus wurde das gesagt, was ich ihm sagen lassen wollte. Der Schlaganfall war echt. Das Schweigen war nützlich. Ein Mann, der nicht sprechen kann, ist ein Mann, vor dem sich niemand in Acht nimmt.*Sein gesundes Auge wanderte zu der Pflegerin hinter ihm, und sie nickte mir kurz und förmlich zu. Mir fiel auf, dass sie kein Namensschild trug.„Du hast die Nachrichten geschickt“, sagte ich. „Das Video. Die Aufnahme. Das Gästehaus.“Seine Finger bewegten sich über das Tablet.
Kapitel 120Der Meridian-AnbauJONATHAN (Perspektive)Catalina fuhr, als hätte sie ihr ganzes Leben lang nur auf die Erlaubnis dazu gewartet.Sie nahm die Ausfahrt des Parkhauses mit einer Geschwindigkeit, für die die Schranke nicht ausgelegt war; der Schrankenbaum klapperte hinter uns hoch. Als wir die Hauptstraße erreichten, hatte sich der Sonntagsverkehr bereits auf Lieferwagen und ein paar frühe Jogger reduziert; sie schlängelte sich mit festem Griff am Lenkrad und zusammengebissenen Kiefern hindurch.Ich saß auf dem Beifahrersitz, den Eisenschlüssel in der einen Tasche und Viviennes goldenen Schlüssel in der anderen. Vivienne saß hinten. Ich spürte ihre Anwesenheit dort, wie man einen Luftzug wahrnimmt – eine kalte, beständige Präsenz am Rande von allem. Die Taschenuhr lag tickend auf meinem Schoß, und jedes Mal, wenn ich auf sie hinunterblickte, befand sich der Sekundenzeiger genau dort, wo er sein sollte.„Sie ist zweiundzwanzig Jahre lang nicht gelaufen“, sagte ich, mehr zu mi
Kapitel 119. Zwei SchlüsselJONATHAN (Perspektive)Einen Moment lang wagte niemand im Raum zu atmen.Vivienne stand im Türrahmen, das Handy wie einen Dienstausweis erhoben, und mir wurde klar, dass sie mir gefolgt war. Nicht durch das Gebäude – für das sie keine Zutrittsberechtigung hatte –, sondern mithilfe der Standortfreigabe, die ich nie deaktiviert hatte. Natürlich. In diesem ganzen Desaster war ich derjenige gewesen, der jede Tür offen gelassen hatte.„Wie bist du hier heraufgekommen?“, fragte ich.„Ich habe dem Wachmann unten erzählt, mein Mann hätte seine Medikamente im Büro vergessen.“ Sie versuchte zu lächeln, doch es gelang ihr nicht recht. „Er erinnerte sich an mich von der Weihnachtsfeier. Er fragte nicht, warum ich weinte.“Catalina war einen halben Schritt vom Schreibtisch zurückgewichen. Ich sah, wie ihr Blick zu Viviennes linker Hand wanderte – auf den Diamanten –, um sich dann bewusst abzuwenden. Es war eine Art der Zurückhaltung, die Kraft kostete, und plötzlich s
Kapitel 118. Woran sich die Uhr erinnerteJONATHAN (Perspektive)Ich kannte die Nummer, noch bevor meine Augen sie zu Ende gelesen hatten. Sieben Ziffern und ein Buchstabe, eingeprägt in das Gehäuse einer Taschenuhr, die ich seit der Woche, in der mein Vater gestorben war, bei mir trug. Tausendmal war ich mit dem Daumen über diese Zeichen gefahren – in Sitzungssälen und auf Krankenhausfluren –, ohne mich je zu fragen, warum eine Uhr ein Autokennzeichen tragen sollte.„Das ist die Uhr meines Vaters“, sagte ich.Niemand rührte sich.„Es ist in die Innenseite des Deckels eingraviert. Ich bin immer davon ausgegangen, dass es sich um eine Seriennummer handelt.“ Ich legte das Foto vorsichtig auf den Couchtisch, als könnte es jeden Moment zerreißen. „Mein Vater hat mir einmal erzählt, sie stamme von seinem eigenen Vater. Dass sie einen *langen Weg mit ihm zurückgelegt* habe. Mehr hat er nie dazu gesagt.“Marcus starrte auf das Foto; seine Fassung war dahin, die Hände lagen flach auf seine
Kapitel 2Catalina„Das Essen ist fertig, Rodrigo“, sagte ich, meine Stimme durchdrang die Stille des Esszimmers.Ich stand am Kopfende des langen Mahagonitisches, meine Finger berührten sanft den Rand des makellosen Keramiktellers, den ich gerade zurechtgerückt hatte. Ich hatte alles genau so gede
Kapitel 1Catalina„Du musst sofort zum Anwesen kommen, Catalina. Sie lebt.“„Was?“, platzte es aus mir heraus, bevor ich es verhindern konnte. Wer lebte?„Deine Schwester, sie lebt.“Die Stimme meines Vaters klang durch den Telefonlautsprecher so sanft wie seit drei Jahren nicht mehr. Er wartete n
Kapitel 5Catalina„Gehen Sie zurück und lassen Sie mich herein. Nur sie kann mich richtig verarzten.“„Boss, Ihr Vater hat uns strenge Anweisungen gegeben. Sie dürfen diesen Flügel nicht ohne Catalinas Erlaubnis betreten.“„Ich bin immer noch der Boss dieses Anwesens. Gehen Sie mir aus dem Weg, be
Kapitel 4Catalina„Catalina? Bitte öffne deine Augen. Sieh mich einfach an. Versuch, dich zu konzentrieren.“Ich öffnete die Augen. Das Erste, was ich sah, war eine blendend weiße Decke. Das gleichmäßige Piepen eines Herzmonitors hallte laut in dem kleinen Zimmer wider. Ich drehte den Kopf leicht







