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Verwandlung

Author: Crystal snow
last update publish date: 2026-07-09 13:44:59

Der nördliche Burghof lag in völliger Stille. Niemand bewegte sich. Niemand wagte es auch nur, falsch zu atmen.

Reihen von Sklaven knieten auf dem nassen Steinboden des Hofes. Ketten verbanden Handgelenke, Knöchel und Hälse, als wären sie Vieh, das zum Urteil aufgereiht worden war.

Lyra kniete zwischen ihnen, den Kopf gesenkt, die Augen jedoch geöffnet. Sie versank in ihren Gedanken. Noch nie in ihrem Leben hatte sie vor jemandem gekniet.

Eine Glocke erklang ein einziges Mal, und die Tore öffneten sich.

Lyra spürte die kalte Luft, die durch den Burghof strich. Sie bemerkte, wie sich die Wachen aufrichteten. Der ohnehin schon stille Hof fühlte sich nun wie ein Friedhof an.

Jemand – oder etwas – betrat den Hof.

Dann hallten die Worte „Alpha“ und „Luna“ durch die Menge, während die Wachen ihre Köpfe senkten und sämtliche Beamten auf die Knie gingen.

Lyra hielt den Kopf gesenkt, wie man es ihr befohlen hatte. Es fiel ihr schwer zu atmen.

Du bist auf feindlichem Gebiet, erinnerte sie sich. Eine falsche Bewegung, und du bist tot.

„Erhebt euch.“

Eine tiefe Stimme erklang, deren Klang ganz von selbst Respekt einforderte, und die Beamten erhoben sich.

Ihr Blick blieb auf den Boden gerichtet, als sie plötzlich einen Mann sah, der in die Halle gezerrt wurde.

Sofort erhob sich Gemurmel.

Die Stimme eines Mannes durchschnitt das Flüstern.

„Das Nördliche Territorium ist die Heimat für alle. Doch eines dulden wir nicht.“

„Ratten.“

Plötzlich schrie der hereingezerrte Mann auf.

Lyra hielt den Kopf gesenkt, während der Geruch von geröstetem Fleisch den Raum erfüllte.

Sein Schrei war so ohrenbetäubend, dass ein eisiger Schauer über ihren Rücken lief.

„Nessa“, hörte sie sich selbst voller Angst flüstern.

„Nicht“, zischte Nessa zurück, den Kiefer fest angespannt. „Atme nicht einmal hörbar. Zuck nicht. Sei einfach ein Schatten.“

Die Schreie gingen endlos weiter.

Schließlich wurden sie zu leisem Wimmern.

„Schafft es fort“, sagte eine Stimme.

Lyra sah, wie etwas Verkohltes hinausgeschleift wurde.

Man konnte es kaum noch einen Körper nennen.

Galle stieg ihr die Kehle hinauf, doch sie zwang sich, ruhig zu bleiben.

Lange Zeit sagte niemand etwas.

Bis schließlich eine sanfte Stimme erklang.

„Beginnt.“

Die Wachen setzten sich augenblicklich in Bewegung.

Ein Wächter trat vor.

„Alle Sklaven legen ihre Erkennungszeichen vor und weisen ihren Fähigkeitsstatus nach.“

Ketten rasselten, als die Kontrolle begann.

Einer nach dem anderen wurden die Sklaven gezwungen, sich zu verwandeln.

Knochen knackten.

Haut verschob sich.

Schmerz erfüllte die Luft.

Einige schrien.

Manche schafften die Verwandlung.

Viele scheiterten.

Diejenigen, denen es nicht gelang, wurden ohne jedes Zögern zur Seite gezerrt.

Äußerlich wirkte Lyra ruhig.

Doch ihr Herz schlug laut gegen ihre Brust.

Sie konnte sich nicht verwandeln.

Was würde mit ihr geschehen?

„Viel Glück“, flüsterte Nessa, als sie aufstand.

Lyra bemerkte, dass Nessa nach der Untersuchung nicht die Halle hinuntergeführt wurde, sondern nach hinten verschwand.

Vielleicht gab es auch für sie Hoffnung.

Sie betete.

Ein Junge, kaum älter als fünfzehn, wurde nach vorn gestoßen.

„Verwandle dich“, befahl der Beamte.

Der Junge zitterte.

Seine Knochen begannen zu knacken und zu springen, während er die Verwandlung erzwang.

Innerhalb weniger Sekunden stand ein kleiner grauer Wolf keuchend auf dem Obsidianboden.

„Schwach“, hörte Lyra eine Stimme sagen.

Sie war tief, vibrierend, ein Knurren, das bis in ihre Rippen zu dröhnen schien.

Der Junge, wieder in menschlicher Gestalt, begann zu weinen, während man ihn fortzerrte.

Lyras Magen krampfte sich zusammen.

Als Nächste war sie an der Reihe.

Sie stand auf und zwang sich zur Ruhe, während sie die Halle entlangging.

Vorsichtig hob sie den Blick.

Und sah sie.

Am anderen Ende der Halle, auf Thronen, die direkt aus dem Fels des Berges gehauen worden waren.

Darius Morvain.

Sein dunkles Haar fiel achtlos um ein Gesicht, das viel zu schön war, als dass man glauben konnte, es gehöre einem Menschen.

Sie sagte sich, sie müsse den Blick senken.

Doch seine Schönheit war von jener gefährlichen Art, die Menschen zum Hinsehen zwang, selbst wenn sie wussten, dass sie es nicht sollten.

Mit einer Hand stützte er sein Kinn und beobachtete die Reihe der Sklaven mit gelangweilter Miene.

Dann wanderten seine silbernen Augen zu ihr.

Sie spürte den Wolf in diesem Blick, ohne ihn sehen zu müssen.

Sofort senkte sie die Augen.

Neben ihm saß Elira kerzengerade.

Ihr Haar war schneeweiß und so straff zurückgesteckt, dass es schmerzhaft aussah.

Sie war wunderschön.

Eine Schönheit, geschmiedet aus der schärfsten polierten Klinge.

„Du.“

Der Wächter stieß Lyra nach vorne.

Sie stolperte, ihre Ketten klirrten.

Nun stand sie am Fuß des Podests.

„Name“, bellte der Beamte.

„Nyra“, sagte sie.

Ihre Stimme stockte.

Sie räusperte sich.

„Nyra.“

„Aus den Südländern?“

„Ein Dorf an der Grenze“, log sie.

„Meine Eltern waren Bauern.“

Endlich hob Elira den Blick.

Sein Gewicht war erdrückend.

Sie beugte sich leicht nach vorne.

„Du riechst nicht wie eine Bäuerin“, murmelte sie.

Lyra erstarrte.

Sie sagte nichts, während der Blick der Luna sie förmlich durchdrang.

Elira summte leise.

„Verwandle dich. Zeig uns deinen Wolf.“

„Ich ... ich kann nicht“, flüsterte Lyra.

Panik schoss durch ihre Adern.

Der Beamte runzelte die Stirn.

„Was soll das heißen, du kannst nicht? Bist du verletzt?“

„Ich habe keinen Wolf“, sagte Lyra, und ihre Stimme gewann mit der Lüge an Kraft.

„Ich bin ein Mensch.“

Totenstille legte sich über die Halle.

Lyra spürte, wie ihr das Herz bis zum Hals schlug.

Elira lächelte.

„Ein Mensch also?“

Ihr Blick glitt zu Darius.

Er hob leicht den Kopf.

„Durchgefallen“, verkündete der Wächter und begann, Lyra rückwärts fortzuziehen.

Lyras Gedanken überschlugen sich.

Sie versuchte, nach jener Kraft zu greifen – oder was immer es gewesen war, das sie zuvor ausgelöst hatte.

Nichts geschah.

Und gerade als sie glaubte, alles sei vorbei …

„Wartet.“

Die Stimme durchschnitt alles.

Der Wächter erstarrte augenblicklich.

Darius erhob sich von seinem Thron und schritt die Stufen hinunter.

Sein Blick fiel sofort auf Lyra.

Kalt.

Unlesbar.

„Sie hat sich nicht verwandelt“, sagte er.

Der Wächter verbeugte sich sofort.

„Ja, Alpha.“

Darius betrachtete Lyra länger.

Als suche er nach etwas.

Lyra konnte den Blick nicht abwenden.

Es fühlte sich an, als würde ihr Kopf langsam zusammengedrückt.

Sie merkte, wie sie zitterte, während sie verzweifelt versuchte, sich zu beherrschen.

Ihre Blicke trafen sich.

Etwas veränderte sich darin.

Doch ihm in die Augen zu sehen, war ein Fehler.

Von der Seite schnellte eine Hand heran.

Der Wächter schlug sie.

„Senk den Kopf, Abschaum.“

Sie zuckte zusammen.

Ihr Blick wurde hart.

Langsam senkte sie den Kopf, während sich ihre Hände an den Seiten zu Fäusten ballten.

Darius legte den Kopf leicht schief.

Sein Blick fiel auf ihre geballten Fäuste.

„Nehmt sie aus der Reihe“, sagte er schließlich.

Lyras Magen sank in die Tiefe.

Der Wächter nickte hastig.

„Verstanden …“

„Schafft sie fort“, fügte Darius hinzu.

Einige der Sklaven schnappten hörbar nach Luft.

Das ist also das Ende, dachte Lyra, als der Wächter ihre Kette erneut packte.

„Einen Moment.“

Eine sanfte Stimme erklang mit einem leisen Seufzen, während jemand nach vorne trat.

Darius wandte den Blick leicht zu seiner Luna.

„Warum?“, fragte er.

Elira antwortete nicht sofort.

Sie betrachtete Lyra.

„Sie riecht nicht menschlich“, sagte sie leise.

Der Wächter zögerte.

„Luna, sie hat den Verwandlungstest nicht bestanden …“

„Das sehe ich“, erwiderte Elira.

Ihre Stimme blieb ruhig.

Doch der Wächter senkte sofort den Kopf.

Sie ging vorwärts, bis sie unmittelbar vor Lyra stehen blieb.

„Wo habt ihr diese hier gefunden?“

Der Wächter antwortete:

„Unter den Kriegsgefangenen aus dem Süden, Luna.“

Bei diesen Worten setzte Lyras Herz beinahe aus.

Doch Elira zeigte keinerlei Reaktion.

Stattdessen beugte sie sich leicht vor und musterte Lyras Gesicht aufmerksam.

„Ah“, sagte sie.

Ihr Ausdruck veränderte sich leicht.

Sie wandte sich zu Darius.

„Sie sieht den Statuen erstaunlich ähnlich.“

Darius hob eine Augenbraue.

„Den alten“, ergänzte Elira.

Der Burghof verstummte.

Darius runzelte die Stirn.

Seine Augen verengten sich leicht.

Elira sah Lyra erneut an.

Dann sagte sie klar und deutlich:

„Ich nehme sie.“

Lyra schnappte nach Luft.

Sie wusste nicht, ob sie Erleichterung empfinden sollte oder nicht.

Darius sah seine Luna an, als hätte sie den Verstand verloren.

„Elira“, warnte er leise.

Ihre Blicke trafen sich.

Es fühlte sich an, als führten sie ein Gespräch, das niemand sonst hören konnte.

Und Lyra stand daneben und wünschte sich nichts sehnlicher, als unsichtbar zu werden.

Plötzlich verhärtete sich Darius' Miene.

Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und verließ die Halle.

Langsam wandte Elira sich Lyra zu.

Dann lächelte sie.

Und zum ersten Mal, seit sie im Norden angekommen war, fragte Lyra sich, ob etwas, das weit schlimmer als der Tod war, sie gerade bemerkt hatte.

Worauf hatte sie sich nur eingelassen?

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