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„Guten Abend, Damian.“
Ich sage es genauso wie jeden Abend seit elf Monaten. Leise. Ein wenig müde. Wie eine Ehefrau, die nach Hause kommt und ihren Mann begrüßt, der sich nur ausruht.
Er antwortet nicht. Das tut er nie.
Ich stelle meine Tasche auf den Stuhl und überprüfe zuerst den Flüssigkeitsbeutel an seinem Infusionsständer. Er ist halb voll. Ich fahre mit dem Daumen an der Leitung entlang, um sicherzugehen, dass nichts verstopft ist. Dann ziehe ich die Decke über seiner Brust glatt, weil sie immer wieder verrutscht, und streiche sie mit beiden Händen glatt.
Die Lichter über uns flackern. Einmal. Zweimal. Dann bleiben sie an.
„Das ist heute schon das dritte Mal“, sage ich zu ihm. „Der Strom fällt ständig aus. Marcus sagt, es liegt am Sturm, aber es gibt keinen Sturm, Damian. Ich habe in den Himmel geschaut. Er ist klar.“ Ich lache leise. Es klingt schwach. „Hör mich an. Ich rede mit dir über das Wetter, als wäre es wichtig.“
Der Fernseher an der Wand ist stummgeschaltet. Eine Frau in einer roten Jacke steht vor einer Reihe Soldaten, und die Worte am unteren Bildschirmrand wechseln ständig.
STADT UNTER QUARANTÄNE. KRANKENHÄUSER ÜBERLASTET. BLEIBEN SIE ZU HAUSE.
Ich schaue weg. Den ganzen Tag habe ich die Nachrichten verfolgt und gehofft, dass jemand sagen würde, die Lage bessere sich. Aber niemand hat das getan.
In der Ferne explodiert etwas. Eine Sirene heult auf, dann stimmt eine zweite ein. Ich gehe zum hohen Fenster und ziehe den Vorhang zur Seite. Dicke graue Rauchwolken steigen über der Stadt auf. Mein Magen zieht sich zusammen. Die gesamte Ostseite sieht aus, als würde sie brennen.
„Es wird immer schlimmer“, flüstere ich. „Alle im Krankenhaus sind ...“
Mein Handy vibriert in meiner Tasche. Als ich es herausziehe, fällt es mir beinahe aus der Hand. Auf dem Display steht MARA. Ich nehme ab, noch bevor es zum zweiten Mal klingelt.
„Mara! Wo bist du? Bist du in Sicherheit?“
Ihre Stimme dringt abgehackt und zitternd durch den Lautsprecher. Im Hintergrund schreien Menschen.
„Nora. Nora, hör mir zu. Sie haben die Türen abgeschlossen. Sie haben uns zusammen mit den Kranken eingesperrt, verstehst du? Dr. Kessler ist weggelaufen. Er ist einfach abgehauen.“
„Okay. Okay, bleib ruhig.“ Ich presse meine freie Hand gegen die Fensterscheibe und versuche, mich zu beruhigen. „Gibt es einen Hinterausgang? Was ist mit der Laderampe?“
„Dort sind Menschen. So viele Menschen. Sie schreien und drängen sich gegenseitig weg. Jemand ist hingefallen, und sie sind einfach über sie hinweggelaufen.“ Ihre Stimme bricht. „Ich schaffe das nicht mehr. Ich versuche ständig, zu helfen, aber sie sterben trotzdem. Sie sterben in meinen Händen, Nora.“
Meine Augen brennen. Ich beiße mir so fest auf die Lippe, bis es wehtut.
„Mara, hör mir zu. Du bist die beste Krankenschwester, die ich kenne. Such dir einen Raum, den du abschließen kannst, und geh hinein. Sei leise. Halte dich von allen fern, die husten. Ich finde einen Weg, zu dir zu kommen und dich da rauszuholen.“
„Das kannst du nicht.“ Sie lacht, doch ihr Lachen bricht mittendrin ab. „Du bist in diesem großen, luxuriösen Haus. Dort bist du sicher. Du hast dort alles, sogar deine eigenen Geschäfte. Bitte, bleib einfach in Sicherheit. Versprich es mir.“
„Mara ...“
„Versprich mir, dass du am Leben bleibst, ja? Und sag meiner Mutter, dass ich ...“
Die Verbindung bricht ab. Drei gleichmäßige Pieptöne folgen.
Ich rufe zurück. Es klingelt und klingelt, bis eine Stimme mir mitteilt, dass die Nummer nicht erreichbar ist. Ich versuche es erneut, aber mein Daumen zittert so stark, dass ich ständig die falsche Stelle auf dem Bildschirm berühre.
Ich versuche es noch ein letztes Mal.
„Bitte“, flüstere ich in den leeren Raum. „Bitte, geh ran.“
Hinter mir piept der Herzmonitor weiter, langsam und gleichmäßig. Damians Herz. Zum ersten Mal seit elf Monaten macht mich dieses Geräusch so wütend, dass ich am liebsten schreien würde.
Dann fliegt die Tür auf.
Marcus steht im Türrahmen und atmet schwer. Seine schwarze Jacke ist an der Schulter zerrissen, und an seinem Kiefer zieht sich eine Schürfwunde entlang. Marcus sieht sonst nie so aus. Er ist immer ordentlich, gepflegt und ruhig.
„Mrs. Voss.“ Nicht ein einziges Mal hat er mich Nora genannt. „Wir müssen sofort los. Packen Sie alles ein, was Mr. Voss braucht, um während des Fluges stabil zu bleiben. Infusionslösungen, Medikamente, einfach alles.“
„Ein Flug?“ Ich starre ihn an. „Wohin?“
„Der Hubschrauber steht auf der östlichen Rasenfläche. Er fliegt in zehn Minuten ab.“
Mein Herz macht einen Sprung, und ich hasse mich dafür, dass ich dabei Hoffnung empfinde. Ich schnappe mir die medizinische Tasche vom Stuhl und beginne, alles hineinzustopfen. Mullbinden. Kochsalzlösung. Klebeband.
„Okay. Ja. Geben Sie mir zwei Minuten.“ Ich greife nach einer weiteren Flasche Kochsalzlösung. „Meine Mutter und mein Bruder wohnen in der Alder Street. Das ist nur fünfzehn Minuten von hier entfernt. Können wir anhalten und sie abholen?“
„Nein.“
„Marcus, bitte. Es ist doch nur ...“
„Die Alder Street ist gesperrt. Die Brücke ist zerstört.“ Sein Blick weicht meinem aus. „Der Hubschrauber kann dort nicht landen.“
Mir bleibt die Luft weg. Meine Knie werden weich, und ich muss mich am Bettgitter festhalten.
„Dann finde ich nach der Landung einen anderen Weg, um zu ihnen zu gelangen.“
„Mrs. Voss.“ Seine Stimme klingt angespannt. „Ich habe den Befehl, Mr. Voss und die Leute der Familie in Sicherheit zu bringen.“
„Ich bin seine Ehefrau.“
Marcus schweigt. Ein Muskel an seinem Kiefer zuckt. Er schaut auf den Boden, dann zur Wand, überallhin, nur nicht zu mir.
Etwas Kaltes läuft mir den Rücken hinunter.
„Marcus. Was soll das bedeuten?“
Hinter mir knarrt die Matratze.
Langsam drehe ich mich um. Ich wage kaum zu glauben, was ich da sehe.
Damian sitzt aufrecht im Bett.
Seine Hände liegen flach auf der Matratze. Seine Schultern sind gerade. Seine dunklen Augen sind weit geöffnet und direkt auf mich gerichtet.
Die medizinische Tasche rutscht von meinem Arm und fällt zu Boden.
„Damian?“ Meine Stimme ist kaum mehr als ein Hauch. „Damian, oh mein Gott. Du bist wach.“
Noch bevor ich richtig begreife, was ich tue, stehe ich schon an seiner Seite. Meine Hände greifen nach seinem Gesicht und berühren seine Wangen und seine Stirn. Er ist warm. Er ist wirklich warm.
Tränen laufen mir über das Gesicht, und gleichzeitig fange ich an zu lachen und zu weinen.
„Elf Monate. Ich habe elf Monate lang darauf gewartet.“ Ich berühre erneut seine Wange, aus Angst, er könnte verschwinden, sobald ich ihn loslasse. „Kannst du mich hören? Weißt du, wer ich bin? Versuch noch nicht zu sprechen. Deine Kehle muss trocken sein. Ich hole dir etwas Wasser ...“
Er packt mein Handgelenk. Nicht grob, aber fest genug, um mich aufzuhalten. Dann nimmt er meine Hand von seinem Gesicht und legt sie auf die Decke, als würde er einen Krümel vom Tisch wischen.
„Das reicht, Nora.“
Seine Stimme ist rau, aber nicht schwach.
Sie ist ruhig und fest.
„Du machst mir immer wieder Angst, Nora.“Mara sagt es, noch bevor ich meinen Mantel ausziehen kann. Sie steht mitten in ihrer kleinen Küche. Beide Hände liegen flach auf der Arbeitsplatte, als könnte der Boden unter ihr zusammenbrechen. Ihre Haare sind völlig zerzaust, und unter ihren Augen liegen dunkle Schatten. Neben ihrem Handy steht eine Tasse mit kaltem Tee. Ein Blick auf sie genügt, um zu erkennen, dass sie überhaupt nicht geschlafen hat.„Mara …“„Nein. Fang nicht mit deinem ‚Mara‘ an.“ Ihre Stimme zittert. „Gestern hast du mir gesagt, dass die Welt in einundzwanzig Tagen untergeht. Einundzwanzig! Dann hast du versprochen, mir heute alles zu erklären. Und jetzt ist heute. Also wirst du dich hinsetzen und mit mir reden. Ganz in Ruhe. Was passiert hier eigentlich? Wie soll die Welt untergehen?“Ich hänge meinen Mantel über einen Stuhl. Meine Hände zittern, also stecke ich sie in die Taschen.„Setz dich erst einmal zu mir.“„Ich will mich nicht setzen.“„Bitte.“Sie starrt mich
Ben reißt sich los. Blut läuft über sein Handgelenk. Er stolpert rückwärts gegen die Wand und rutscht daran hinunter. Dabei stößt er kurze, erschrockene Atemzüge aus.„Er hat mich gebissen.“ Seine Stimme ist hoch und zittert. „Er war tot. Ich habe keinen Puls gespürt. Er war tot, Nora!“„Ich weiß. Ich weiß. Sieh mich an.“ Mit beiden Händen drücke ich die Metallstange weiter gegen Mr. Turners Brust. Meine Arme zittern. „Dr. Kessler! Rufen Sie die Sicherheitsleute! Sofort!“Kessler bewegt sich nicht.Er steht mitten im Raum wie erstarrt. Sein Tablet klemmt noch immer unter seinem Arm, sein Mund steht offen. Sein Gesicht ist völlig blass. Der berühmte Arzt mit der teuren Uhr sieht genauso verängstigt aus wie alle anderen. Seine Hände zittern.„Dr. Kessler!“Er zuckt zusammen. Dann scheint ihm wieder einzufallen, wo er ist. Hastig tastet er nach dem Rufknopf an seinem Gürtel, findet ihn und drückt dreimal darauf.„Sicherheit zu Station vier“, quietscht er. „Sicherheit sofort zu Station vi
„Nora, Gott sei Dank.“Mara packt meinen Arm, noch bevor ich überhaupt durch die Türen der Station bin.„Nicht weinen“, sagt sie. „Nicht schon wieder. Wenn du weinst, muss ich auch weinen, und dann schreit Dr. Kessler uns beide an.“„Ich weine nicht.“ Dabei tue ich es längst. Ich wische mir mit dem Handrücken über die Augen und zwinge mich, weiterzugehen. „Wo ist er?“„Bett neun. Komm.“Die Station riecht nach Bodenreiniger und altem Kaffee. Telefone klingeln. Ein Wagen rattert an uns vorbei. Alles ist so normal, dass es mir wehtut. Diese Menschen haben noch einundzwanzig Tage, und keiner von ihnen weiß es.Wir bleiben vor dem Vorhang stehen. Mara zieht ihn zur Seite.Herr Turner liegt auf einem flachen, weißen Kissen. Laut seiner Akte ist er ein einundfünfzigjähriger Busfahrer der Stadt. Seine Haut hat die Farbe von nassem Papier. Eine Maske ist über seiner Nase und seinem Mund befestigt, und jeder Atemzug rasselt darin wie eine Münze in einer Blechdose.Ich beuge mich näher zu ihm u
Ich huste und ziehe meinen Ärmel über die Nase. Meine Augen brennen. Ich wähle die Nummer meiner Mutter, aber der Anruf kommt nicht durch. Dann rufe ich Eli an. Es klingelt einmal, bevor die Mailbox rangeht.Dann höre ich die fröhliche aufgezeichnete Stimme meines kleinen Bruders.„Yo, hier ist Eli. Sag, was du zu sagen hast. Oh, nein, das war unhöflich. Bitte hinterlass eine Nachricht, ich schlafe nämlich gerade. Oder etwa nicht? Wenn ich schlafe, wie kann ich dann reden?“Ein Lachen entkommt mir. Natürlich. Selbst seine Mailbox ist lächerlich.Dann erinnere ich mich daran, warum ich anrufe, und mir schnürt es die Kehle zu.„Eli“, sage ich. Meine Stimme ist leise. „Ich bin's. Deine Schwester. Hör mir zu, nimm Mummy und geh zur Kirche in der Alder Street. Bleibt zusammen. Wartet nicht auf mich. Mir geht es gut. Mir geht es gut, das verspreche ich. Ich liebe euch beide. Ich liebe euch so sehr.“Ich lege auf. Der Rauch ist inzwischen dichter geworden. Er brennt in meinem Hals, und ich f
„Deine Stimme. Wie kann deine Stimme so ...?“„Ich bin seit acht Monaten wach.“Niemand sagt etwas. Der Monitor piept weiter. Ich starre in sein Gesicht und warte darauf, dass er lächelt oder mir sagt, dass das ein Scherz ist. Ich warte darauf, dass irgendetwas mir zeigt, dass ich ihn falsch verstanden habe.Doch nichts ändert sich.„Acht Monate“, wiederhole ich. Meine Lippen fühlen sich taub an. „Aber ich saß jede Nacht hier. Ich habe dir vorgelesen. Ich habe deine Hände gewaschen. Ich habe mit dir geredet, bis ich auf diesem Stuhl eingeschlafen bin.“„Ich weiß.“ Er schwingt die Beine aus dem Bett. „Ich habe alles gehört.“Ein hässliches, ersticktes Geräusch entweicht meiner Kehle. Ich presse die Faust gegen meine Brust.„Warum dann? Warum hast du es niemandem gesagt? Warum hast du es mir nicht gesagt?“„Weil meine Familie mich beobachtet hat.“ Er kreist den Hals und greift nach dem Hemd auf dem Stuhl, das ich heute Morgen gebügelt habe. „Solange sie glaubten, ich wäre nur ein Körper
„Guten Abend, Damian.“Ich sage es genauso wie jeden Abend seit elf Monaten. Leise. Ein wenig müde. Wie eine Ehefrau, die nach Hause kommt und ihren Mann begrüßt, der sich nur ausruht.Er antwortet nicht. Das tut er nie.Ich stelle meine Tasche auf den Stuhl und überprüfe zuerst den Flüssigkeitsbeutel an seinem Infusionsständer. Er ist halb voll. Ich fahre mit dem Daumen an der Leitung entlang, um sicherzugehen, dass nichts verstopft ist. Dann ziehe ich die Decke über seiner Brust glatt, weil sie immer wieder verrutscht, und streiche sie mit beiden Händen glatt.Die Lichter über uns flackern. Einmal. Zweimal. Dann bleiben sie an.„Das ist heute schon das dritte Mal“, sage ich zu ihm. „Der Strom fällt ständig aus. Marcus sagt, es liegt am Sturm, aber es gibt keinen Sturm, Damian. Ich habe in den Himmel geschaut. Er ist klar.“ Ich lache leise. Es klingt schwach. „Hör mich an. Ich rede mit dir über das Wetter, als wäre es wichtig.“Der Fernseher an der Wand ist stummgeschaltet. Eine Frau







