LOGINIch setze mich auf einen Felsen, dem Meer zugewandt. Ich warte.Das Morgengrauen wird kommen. Valentina wird kommen. Und ich werde sie sehen.Nicht um mit ihr zu sprechen, nicht um mich zu zeigen. Noch nicht. Zuerst muss ich beenden, was ich begonnen habe. Ich muss die letzten Männer Humbertos beseitigen, Chiara zurücknehmen, meine Rache abschließen.Danach, erst danach, werde ich zurückkehren. Ich werde mich vor ihr auf die Knie werfen, ich werde ihr alles sagen, was mir auf dem Herzen liegt, ich werde sie anflehen, mich zurückzunehmen.Und wenn sie ablehnt... wenn sie wirklich mit Mateo glücklich ist, wenn sie wirklich die Seite umgeblättert hat...Dann gehe ich. Ich verschwinde für immer. Ich lasse sie ihr Leben leben, ihr schönes einfaches normales Leben, mit ihren Leinwänden und ihren Sonnenuntergängen.Das sage ich mir. Das will ich glauben.Aber tief in mir, im Dunkeln, in der Leere, weiß ich, dass es ei
Ich kann nicht beides haben. Ich muss wählen.Aber ich weiß nicht zu wählen. Ich habe nie zu wählen gewusst. Mein ganzes Leben lang war ich zwischen gegensätzlichen Kräften zerrissen, unfähig, ein Gleichgewicht, einen Frieden, einen Sinn zu finden.Also mache ich weiter. Ich jage die letzten Männer Humbertos, ich bereite ihren Tod mit derselben eisigen Sorgfalt vor. Und gleichzeitig suche ich Valentina, ich verfolge ihre Spur, ich nähere mich ihr jeden Tag ein wenig mehr.Die Zeit ist nicht mehr mein Verbündeter. Mit jedem Tag, der vergeht, verstärkt Humberto seine Verteidigung, wurzelt Chiara ein wenig mehr in seinem Imperium, entfernt sich Valentina ein wenig mehr von mir.Ich muss handeln. Schnell. Jetzt.Ich schließe das Notizbuch, ich schiebe es unter die Matratze. Ich stehe auf, ich nehme mein Messer, ich stecke es in meinen Gürtel. Ich verlasse den Unterschlupf, ich gehe die schmutzige Treppe hinunter, ich trete in die Nacht.
Aber ich kann nicht auf sie verzichten. Ich kann nicht. Ich verlasse das Schaufenster, ich nehme meinen Weg wieder auf. Meine Schritte tragen mich nach Norden, in das Viertel, wo der nächste Name auf meiner Liste sich versteckt. Ein weiterer Leutnant von Humberto, ein weiterer Mann, der eliminiert werden muss. Ich werde ihn töten. Wie ich alle anderen getötet habe. Kalt, methodisch, ohne Hass und ohne Vergnügen. Und wenn niemand mehr zwischen Humberto und mir steht, wenn er allein, verletzlich, auf den Knien ist, werde ich kommen, um ihn zu holen. Und ich werde Chiara zurücknehmen. Danach... danach gehe ich in den Süden. Ich finde Valentina. Ich werfe mich vor ihr auf die Knie, wie ich es auf dem Bahnsteig getan habe. Ich sage ihr, dass ich sie liebe, dass ich nie aufgehört habe, sie zu lieben, dass ich zu allem für sie bereit bin. Und ich werde sehen, was s
DiegoDrei Monate.Drei Monate, in denen ich jage, töte, verschwinde.Humbertos Männer fallen einer nach dem anderen, wie Dominosteine, wie Fliegen, wie Bauern auf einem Schachbrett. Miguel Alvarez in der Kirche von Coyoacán, eine Kugel im Nacken, während er betete, kniend vor der Jungfrau. Roberto Fuentes in seinem Bad, in seinem eigenen Blut ertränkt, die Kehle so sauber durchtrennt, dass das Wasser klar blieb. Eduardo Reyes in seinem Auto, der Schädel gegen das Lenkrad geschmettert, ein banaler Tod, der wie ein Unfall aussieht.Ich hinterlasse nichts. Keine Zeugen, keine Beweise, keine Signatur. Nur Körper, die sich anhäufen, Plätze, die leer werden, ein Imperium, das zerbröselt.Die Unterwelt von Mexico brodelt vor Gerüchten. Man flüstert einen Namen, in den illegalen Bars, in den Hinterhöfen, in den schäbigen Hotelzimmern, wo sich die treffen, die noch wissen, was wissen heißt.El Espectro.Das Gespenst.
Mein Messer dringt in seine Kehle, bevor er den Satz beenden kann. Die Klinge ist fein, scharf, sie gleitet zwischen den Knorpeln wie durch Butter. Das Blut spritzt hervor, heiß, schwarz, reichlich. Es läuft über meine Hände, über mein Hemd, auf den Boden der Gasse.Carlos gibt ein Gurgeln von sich, seine Hände heben sich zu seiner Kehle, versuchen die Blutung zu stoppen. Zu spät. Viel zu spät. Seine Augen verdrehen sich, sein Körper sackt zusammen, ich stütze ihn, ich begleite ihn in seinen Fall.Ich lege ihn auf den Boden, sanft, fast zärtlich. Das Blut fließt weiter, bildet eine dunkle Lache um seinen Kopf. Seine Augen sind offen, starr, bereits leer.Ich bleibe neben ihm hocken, mein Messer in der Hand. Ich betrachte sein Gesicht, seine Züge, die erstarren, sein Leben, das entweicht. Ich fühle nichts. Weder Freude, noch Trauer, noch Befriedigung. Nur die Leere.So ist es besser. Die Leere ist effizienter als der Hass. Der Hass führt zu Fehlern
Ich weiß nicht, was sie ihm im Gegenzug gibt. Ihren Körper vielleicht. Ihren Verstand, sicher. Ihren Hass auf mich, gewiss.Aber ich weiß, dass sie dort ist. Und ich weiß, dass ich sie finden werde.Nicht jetzt. Nicht sofort. Zuerst muss ich Humberto schwächen, ihn von seinen Männern, seinen Ressourcen, seiner Macht abschneiden. Dann, wenn er verletzlich ist, wenn seine Verteidigung gefallen ist, werde ich kommen, um Chiara zu holen.Und ich werde beenden, was ich in diesem Keller begonnen habe.Ich schaue durch das schmutzige Fenster. Der Tag bricht über Mexico an, grau, verschmutzt, gleichgültig. Die Stadt, die ich beherrscht habe, die ich besessen habe, die mir gehörte.Heute bin ich nichts mehr. Ein Geist. Ein Schatten. Ein Mann ohne Imperium, ohne Männer, ohne Liebe.Aber ich lebe noch. Und solange ich atme, solange mein Herz schlägt, kann ich noch handeln. Ich kann noch kämpfen. Ich kann noch zerstören.Valent
GiuliaDie Tür meiner Wohnung schließt sich hinter mir mit einem dumpfen Klicken, einem endgültigen Geräusch, das die Dichtigkeit der Welt besiegelt. Hier gibt es keinen Lorenzo Conti mehr. Keine strahlende Chiara. Kein Büro, keine Zahlen, keine von Hass erfüllten Blicke. Es gibt nur die Stille. Ei
GiuliaDie Lüge war so gewaltig, so monströs, dass sie beinahe wahr wurde. Ihr Glück war das Einzige, woran ich mich noch klammern konnte. Die einzige Rechtfertigung, die im Trümmerfeld meines Lebens noch Bestand hatte.— Du bist die beste Schwester der Welt, flüsterte sie mit feuchten Augen. Ich m
GiuliaDie Stille im Büro nach zwanzig Uhr ist ein lebendiges Wesen. Sie senkt sich schwer auf meine Schultern, dringt in meine Lungen ein, ersetzt das Blut in meinen Adern durch eine eiskalte, stehende Flüssigkeit. Im grellen Licht meiner Lampe ist mein Gesicht im schwarzen Spiegel des Bildschirms
LorenzoDie ehrgeizige Frau, von der ich glaubte, sie zu kennen, hätte sich gewehrt. Sie hätte ihre Waffen eingesetzt – diesen Blick, dieses Lächeln, das mich um den Verstand brachte –, um ihr Los zu mildern. Sie hätte versucht, mich erneut zu verführen, die Kontrolle zurückzugewinnen.Aber Giulia







