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Käfig aus Licht
Käfig aus Licht
Autor: Eva Jenning

1. Asche auf dem Nordwall - Alix

Autor: Eva Jenning
last update Data de publicação: 2026-09-01 19:12:16

Der Nordwall von Frostdale roch nach altem, in das Gestein gefressenen Ruß und dem beißenden Beigeschmack von gefrorenem Blut. Der Schnee fiel waagerecht in einer einzigen, ununterbrochenen weißen Flut, die die Welt auf wenige Armlängen Entfernung reduzierte. Alixandir stand an der Brüstung, den Rücken gegen die eisige Mauer gepresst, und ließ sich die Kälte in die Lungen ziehen, bis sie brannte.

 „Sie sind da!“, schrie Brant, und die Panik in seiner Stimme schnitt scharf durch die Luft.

Alixandir antwortete nicht. Er brauchte keine Worte; er spürte das Grollen der Moroi in seinen Sehnen. „Formation!“

Mit einem harten Klick bohrten sich die Spannhaken in das gefrorene Mauerwerk, als Alixandir seine Winden-Gurte zum Einsatz brachte. Er stieß sich ab. Der Wind zerrte an ihm, während die Winden kreischten und ihn in die Dunkelheit katapultierten. Er landete auf dem gefroren Boden direkt vor einem der Vampire und zog in einer fließenden Bewegung sein Schwert. Der erste Moroi fiel, warme Spritzer des Blutes färbten den Schnee rot und gefroren auf seinen Handschuhen augenblicklich zu feinen Eiskristallen. Zwei weitere der gottlosen Kreaturen stürmten auf Alixandir zu. Mit geschickten Schritten wirbelte er durch die Nacht, der Schnee um ihn herum tanzte mit ihm. mit einem kräftigen Hieb trennte er dem nächsten Monstrum den Kopf ab, machte zwei schnelle Schritte und rutschte auf den Knien zu dem nächsten Ungetüm. Wieder blitzte die Klinge im Licht der Scheinwerfer auf, wieder färbten die roten Spritzer den weißen Untergrund und Alixandirs Kleidung. 

Er aktivierte den Rückzug, die Mechanik an seinen Winden arbeitete unter der Last, als ihn das Seil zurück an die Mauer riss.

Als er auf den Wehrgang wirbelte, schlitterte er über das Gestein, bis die Bremse seiner Gurte mit einem Funkenregen zum Stillstand kam. Er stand wieder auf den Füßen, die Klinge bereits in der Halterung, als wäre er nie fort gewesen. Alixandir ließ den Blick schweifen, wo andere Kämpfer die Mauer wieder betraten oder deren Seile nun haltlos an der Mauer schlackerten, wenn sie den Gegner nicht bezwingen konnten.

Die Stille, die folgte, war schwerer als der Sturm. 

Fünfzehn Jahre.

Fünfzehn Jahre Wachdienst, und noch immer jagte ihm der Klang der Hörner in den Nächten der Wintersonnenwende einen eiskalten Schauer über die Wirbelsäule, der nichts mit der Temperatur zu tun hatte. Aber er würde es sich niemals anmerken lassen. Das war das erste Gesetz des festen Standes: Die Furcht war ein Gast, den man nicht hereinließ.

Neben ihm, drei Schritte entfernt, stand Theron, sechzehn Jahre alt, mit einem Gesicht, das noch nicht wusste, was Krieg bedeutete, und einem Kinn, das noch nie einen Bart getragen hatte. Seine Finger, die den Schaft des Halbmondspeers umklammerten, waren weiß vor Kälte. Oder vor Angst. Vielleicht beides. Alixandir sah es, registrierte es, und ließ seine Miene keine Regung zeigen.

"Fest stehen, Kadett", sagte er, und seine Stimme klang wie gefrorenes Eisen, hart und ohne jeden Nachhall. "Das Zittern ist eine Schwäche, die der Sturm spürt."

Theron hob den Kopf, die Augen zu Schlitzen zusammengekniffen gegen den Schnee, der in sein Gesicht peitschte. "Jawohl, Kommandant."

Die Worte klangen gequetscht, fast erstickt. Alixandir wandte den Blick ab, bevor das nutzlose, verräterische Mitleid in ihm aufsteigen konnte. Er kannte das Muster. In drei Tagen, wenn Theron die erste richtige Nachtschicht übernommen hatte und die ersten Schreie der Moroi durch den Sturm drangen, würde das Zittern aufhören. Entweder, weil der Kadett gelernt hatte, sich zu beherrschen. Oder weil er tot war.

Es gab keine dritte Möglichkeit.

"Schichtwechsel", rief die Stimme des Ablösungskommandanten aus dem Schnee, kaum dreißig Schritt entfernt. Alixandir erkannte sie: Offizier Durand. Sechs Jahre Wachdienst, zwei Narben im Gesicht, eine davon noch rot und frisch von der letzten Offensive im Frühjahr. Durand war zuverlässig. Durand hatte überlebt.

Alixandir richtete sich aus dem Schutz der Brüstung auf und trat in den vollen Sturm. Der Wind traf ihn wie ein Schlag, riss an seinem schwarzen Mantel, der aus Wolle und geflochtenen Stahlfäden bestand. Er spürte die Kälte nicht mehr, nicht wirklich. Das war das zweite Gesetz: Der Körper lernte zu vergessen. Oder er starb.

"Durand", sagte er, als die Silhouette des Offiziers vor ihm aus dem Schnee auftauchte. "Der Kadett Theron hat den Nordsektor unter deiner Obhut zu übernehmen. Zwei Stunden, dann wird er von der dritten Wache abgelöst." 

Durands Gesicht war rot, die Augenbrauen mit Eis bedeckt. Er warf einen kurzen Blick auf Theron, messend, abschätzend, und nickte. "Verstanden, Kommandant."

Alixandir wandte sich ab, ohne ein weiteres Wort zu verlieren. Fünfzehn Jahre. Er hatte gelernt, dass Worte im Sturm verschwendet waren. Dass die einzige Sprache, die die Männer verstanden, die Kälte seiner Befehle war. Die Hitze der Kräuter in seiner Kehle. Das harte Knacken von Knochen, wenn ein Moroi-Späher endlich seine heulende Kehle auf dem Eis verlor.

Er überquerte den Wehrgang, die Schritte sicher und gewohnt, obwohl der Schnee unter seinen Stiefeln glatt wie Glas war. Der Nordwall war sein Zuhause, mehr als die engen, rußigen Unterkünfte hinter dem inneren Ring, mehr als die elenden Slums, in denen die Arbeiter in ihren eigenen Exkrementen hockten. Hier oben, im Wind, in der Nähe des Lichts, war die Welt klar. Die Sonnenstrahler, hoch auf ihren Türmen thronend, tauchten den Wall in ein fahles, flackerndes Licht, das den Schnee in tausend gleißende Splitter verwandelte. Es war das Licht des Sol, das Göttliche, das die Menschen von den Bestien der Frostwüste schied. 

Alixandir murmelte das erste Mantra des festen Standes, während er an der nächsten Zinne vorbeiging, die Worte unhörbar zwischen seinen Lippen: Der Sol gibt mir Stand. Die Kälte gibt mir Härte. Das Licht gibt mir die Kraft, zu sehen.

Er griff in den Beutel an seinem Gürtel, holte eine Handvoll getrockneter Kräuter hervor und schob sie in den Mund. Die Bitterkeit explodierte auf seiner Zunge, gefolgt von einem stechenden Schmerz, der bis in seinen Kiefer zog. Dann verebbte das Zittern in seinen Muskeln, das seit der letzten Offensive nicht mehr aufgehört hatte, zu einem kaum spürbaren Summen. Seine Finger hörten auf zu zucken. Seine Augen wurden klarer. Er kaute und kaute, bis die Kräuter zu einem grauen Brei wurden, den er hinunterschluckte. Es schmeckte nach Fäulnis abgestandener Erde. Nach Verzweiflung. Aber es hielt ihn am Leben.

Das tat der Glaube auch.

Alixandir erreichte die südliche Treppe, die in die unteren Ebenen der Festung führte. Die Stufen waren aus schwarzem Stein, glattgeschliffen von tausend Stiefeln, und der Schnee hatte sich in den Ritzen zu gefrorenen Bächen verewigt. Er stieg hinab, jede Bewegung einstudiert,  und dachte an die letzte Schicht. An die Wachen, die er zurückgelassen hatte. An Durands Gesicht, das zu vertraut wirkte. Und zu müde.

Müdigkeit war der Feind. Das wusste er besser als jeder andere. Müdigkeit brachte Tod. Müdigkeit brachte die Moroi herein, durch eine Lücke, die man übersehen hatte, durch eine Wache, die eingenickt war. Müdigkeit hatte ihm vor drei Jahren seinen Freund gekostet. Takis, mit seinem schiefen Lächeln und seiner Art, in der Schlacht zu lachen. Alixandir schloss die Augen und öffnete sie sofort wieder. Er durfte nicht denken. Nicht jetzt. Nicht, bevor er die Kräuter in seinem Blut hatte.

Auf halber Treppe, wo der Wind nicht mehr so heftig pfiff, blieb er stehen. Eine Gestalt lag zusammengesunken in der Ecke, halb verborgen von Schnee. Ein Wachposten? Ein Arbeiter? Alixandir ging näher, sein Griff um den Schaft seiner Waffe fest. Aber dann sah er die schwarze Robe. Das junge, blasse Gesicht. Einen Novizen des Klerus, nicht älter als Theron. Die Augen offen, starr, eine dünne Eisschicht über den Pupillen.

Tot. Erfroren. Vielleicht seit Stunden.

Alixandir starrte auf den Körper. Dann kniete er sich hin, berührte die Wange des Toten. Kalt. Hart. Der Schnee hatte sich auf den Wimpern festgesetzt. Er hatte sich nicht einmal mehr zum unteren Tor schleppen können.

"Verflucht", flüsterte Alixandir, und es war das erste Mal in dieser Nacht, dass seine Stimme einen Hauch von Menschlichkeit bekam. Nur einen Hauch. Dann stand er auf, machte kehrt und kehrte zum Wehrgang zurück.

"Durand", rief er, und der Offizier drehte sich um, mitten in der Übergabe an die nächste Wache. "Auf dem Treppenabsatz. Ein Novize. Tot. Hol ihn herunter, bedecke sein Gesicht, bring ihn zum Schrein."

Durands Gesicht zeigte keine Überraschung. Auch keine Trauer. Nur ein kurzes Nicken, das den Befehl bestätigte. "Soll ich die Gebete sprechen, Kommandant?"

Wozu? dachte Alixandir, und die Bitterkeit der Kräuter stieg in seiner Kehle auf. Der Sol hat ihn doch schon. Aber er sagte: "Wir erweisen jedem Toten seine Ehre."

Alixandir drehte sich um, bevor Durand etwas erwidern konnte. Er wusste, dass er hart wirkte. Kalt, fast unmenschlich. Aber er konnte es sich nicht leisten, weich zu sein. Wenn er anfing, um jeden Toten zu trauern, würde er in tausend Stücke zerbrechen. Und die Männer brauchten einen Kommandanten, nicht ein Häufchen Elend. 

Er stieg die Treppe weiter hinab, durch die eisige Stille, die der Wind in den unteren Ebenen ließ. Die Luft roch hier anders – nach verbrauchtem Öl, nach Schweiß und kaltem Talg. Die Kerzen flackerten in ihren Laternen, warfen lange, zuckende Schatten an die Wände. Die Erinnerungen, die er so sorgfältig weggeschlossen hatte, drängten sich an den Rändern seines Bewusstseins.

Takis' Gesicht, das sich im Schnee verlor, als der Moroi ihn in die Frostwüste schleifte. Renas Lächeln, bevor die Weiße Schwindsucht ihre Haut grau und ihre Knochen zerbrechlich gemacht hatte. Seine eigene Mutter, die er mit zwölf Jahren in den Slums zurückgelassen hatte, um in die Wachschule aufgenommen zu werden.

Halt den Mund, befahl er sich. Denk nicht. Beweg dich. Überlebe.

Der unterste Treppenabsatz mündete in die innere Halle, in der eine Gruppe von Arbeitern in rußgeschwärzten Kitteln an den Öfen hantierte. Sie sahen auf, als er vorbeikam, und senkten sofort den Blick. Männer und Frauen, mit hohlen Wangen, unter den Augen schwarze Ringe und überall dieser charakteristische graue Teint der Weißen Schwindsucht, die unter den Arbeitern grassierte. Alixandir sah es, registrierte es, und drängte es weg. Die Krankheit war ein Makel des Fleisches, eine Prüfung des Sol. Die Priester sagten das. Er musste es glauben. 

Der Kommandat verließ die Halle und drang tiefer in das Innere von Frostdale vor. Der Lärm des Sturms verblasste zu einem fernen Grollen. Hier roch es nach verbrauchtem Öl, Schweiß und dem beißenden Talg, der in den ewigen Kerzen brannte.

Er erreichte die Kaserne im äußersten Ring. Sein Raum war von der Größe einer Zelle, in dem jeder Gegenstand seinen exakten Platz hatte. Seine Rüstungsteile lagen auf der Bank, poliert, die Schnallen in einer perfekten Reihe ausgerichtet. Alixandir trat ein und schloss die Tür. Er spürte das Pochen in seinem Kiefer, das Nachwirken der Kräuter, das seinen Verstand in Watte packte. Mit langsamen Schritten ging er zu dem kleinen Wandvorsprung, der als Schrein diente. Dort stand eine handgeschnitzte Figur, grob, aber mit der Hingabe eines Lebens, das nichts anderes als Gehorsam kannte. Er kniete sich nieder. Der Steinboden war eiskalt, doch er spürte es nicht mehr. Er legte die Hände flach aneinander, die Fingerkuppen weiß, die Sehnen gespannt.

Sol, gib mir den Stand, dachte er. Er sprach es nicht aus. Lass meine Hand nicht zittern. Lass meinen Blick nicht schwanken. Lass mich die Linie halten, auch wenn die Welt in Asche zerfällt.

Er betrachtete das fahle, gelbliche Licht der einzigen Kerze, die vor dem Schrein flackerte. Sie war die einzige Wärme in diesem Raum, doch sie erreichte ihn nicht. Sie erinnerte ihn nur an die Kälte, die vor der Tür wartete. Er hielt inne, die Augen starr auf den Docht gerichtet, bis seine Augen brannten. Er betete nicht für Erlösung. Er betete für die Fähigkeit, keine Fragen zu stellen. Er betete darum, dass die Leere in ihm groß genug blieb, um das Gewicht der Toten zu tragen, ohne daran zu ersticken.

Nach einer langen Zeit der Regungslosigkeit stand er auf. Er legte seine Rüstungsteile in der exakt gleichen Anordnung ab, wie er sie am Morgen angelegt hatte. Er strich über das Leder der Handschuhe, glättete die winzigen Falten, bis die Oberfläche makellos war.

Wenn er das Chaos in seinem eigenen Raum besiegen konnte, dann konnte er vielleicht, nur vielleicht, auch die Linie halten, wenn der Sturm morgen wieder das Fleisch der Männer forderte.

Er löschte die Kerze.

Die Dunkelheit legte sich sofort über ihn, schwer und vertraut. Er legte sich auf das schmale Bett, die Augen weit geöffnet in den Schatten. Er schlief nicht sofort ein. Er lag da, die Hände auf der Brust verschränkt, den Blick auf die unsichtbare Decke gerichtet, und wartete auf das Zittern, das erst kam, wenn die Kräuter ihre Wirkung verloren und sein Körper sich an die Stille erinnerte, die er den ganzen Tag so mühsam verleugnet hatte.

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