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Kapitel 2

last update publish date: 2026-04-02 00:27:10

Kapitel 2

AUS SICHT VON LÉA

Ich habe keine einzige Nachtruhe gefunden.

Jedes Mal, wenn ich die Augen schloss, sah ich seinen dunklen Blick auf mir ruhen, dieses raubtierhafte Lächeln, die Art, wie seine tiefe Stimme meinen Namen ausgesprochen hatte. »Léa.« Wie eine Liebkosung.

Um sechs Uhr morgens gebe ich jede Hoffnung auf Schlaf auf und schleppe mich in die Küche, um mir einen Kaffee zu machen. Der Teller vom Vorabend thront auf der Arbeitsplatte, makellos sauber. Ich muss ihn zurückgeben.

Mein Magen zieht sich bei dem Gedanken zusammen.

Reiß dich zusammen, Léa. Das ist nur ein höflicher Nachbar, der dir eine Mahlzeit angeboten hat. Nicht mehr.

Nur dass die Art, wie er mich angesehen hat, alles andere als höflich war. Es war hungrig. Raubtierhaft.

Ich schüttele den Kopf und greife nach meinem Handy. Drei Nachrichten von meiner besten Freundin Chloé.

»Na? Die neue Wohnung?«

»Hältst du durch?«

»Léa Marie Dubois, antworte oder ich steh vor der Tür!«

Ich muss lächeln und beginne, eine Antwort zu tippen, da lenkt ein Geräusch meine Aufmerksamkeit auf mich. Schritte im Treppenhaus. Schritte, die vor meiner Tür verstummen.

Mein Herz rast auf alberne Weise.

Klopf, klopf, klopf.

Ich senke den Blick auf meinen zerknitterten Pyjama – ein altes Ramones-T-Shirt und eine Baumwollshorts – und mein mit Sicherheit zerzaustes Haar. Nicht wirklich die Garderobe, um irgendjemanden zu empfangen.

Aber ich kann nicht einfach nicht öffnen.

Ich zerre an meinem T-Shirt, um es zu verlängern, und gehe zur Tür. Als ich öffne, steht Matthieu da, in all seiner morgendlichen Pracht. Er trägt eine dunkle Jeans und einen grauen Pullover, der seine Schultern auf obszöne Weise betont. Sein Haar ist noch feucht, als käme er gerade aus der Dusche.

Das Bild von ihm unter dem Wasser, tropfend, drängt sich in meinen Kopf.

Nein. Hör sofort damit auf.

»Guten Morgen«, sagt er mit diesem schiefen Lächeln, das illegal sein sollte. »Ich hoffe, ich habe Sie nicht geweckt?«

»Nein, ich … ich war schon wach.«

Sein Blick gleitet mit absichtlicher Langsamkeit meinen Körper hinunter, bleibt an meinen nackten Beinen hängen, wandert über den dünnen Stoff meines T-Shirts. Als seine Augen wieder meinen begegnen, sind sie dunkler.

»Das sehe ich.«

Ein Moment der Stille dehnt sich zwischen uns aus, elektrisch aufgeladen.

»Ich wollte meinen Teller zurückholen«, sagt er schließlich. »Wenn Sie fertig sind, natürlich.«

»Oh! Ja, natürlich. Einen Moment.«

Ich trete zurück in die Wohnung, mir schmerzlich bewusst, dass er mir beim Gehen zusieht. Meine Wangen brennen, als ich den Teller nehme und zu ihm zurückkehre.

»Es war köstlich. Nochmals vielen Dank.«

»Das Vergnügen war ganz meinerseits.«

Die Art, wie er »Vergnügen« sagt, lässt eine Wärme in meinem Unterleib aufsteigen.

Er nimmt den Teller entgegen, seine Finger streifen meine. Diese unschuldige Berührung löst einen elektrischen Schlag aus, der meinen Arm hinaufzuckt.

»Ich gebe heute Abend ein Dinner«, sagt er plötzlich. »Ein paar Freunde. Nichts Formelles. Sie sollten kommen.«

»Ich … ich möchte mich nicht aufdrängen.«

»Sie würden sich nicht aufdrängen. Ich lade Sie ein.«

Sein Blick dringt mit einer solchen Intensität in meinen, dass mir der Atem stockt.

»Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie kämen, Léa.«

Die Art, wie er meinen Namen ausspricht, lässt mich am liebsten zerfließen.

»Okay«, höre ich mich antworten, bevor mein Gehirn eingreifen kann.

Sein Lächeln wird breiter, zeigt makellos weiße Zähne.

»Perfekt. Zwanzig Uhr. Kommen Sie, wie Sie sind.«

Seine Augen wandern erneut über meinen Körper, auf eine Weise, die andeutet, dass er nichts dagegen hätte, wenn ich genau so käme, halb nackt.

»Na ja, vielleicht mit ein bisschen mehr Kleidung«, fügt er mit einem Zwinkern hinzu. »Oder auch nicht. Ich überlasse die Wahl Ihnen.«

Und mit diesen Worten verschwindet er im Flur und lässt mich ein weiteres Mal zitternd und verwirrt auf der Schwelle zurück.

---

Um neunzehn Uhr dreißig stehe ich kurz vor einem Nervenzusammenbruch.

Mein Bett ist übersät mit verworfenen Outfits. Zu overdressed. Nicht genug. Zu sexy. Nicht sexy genug. Ich weiß nicht einmal, was ich bezwecken will.

»Es ist nur ein Abendessen unter Nachbarn. Beruhig dich.«

Schließlich entscheide ich mich für ein schlichtes schwarzes Kleid, das bis zur Mitte meiner Oberschenkel reicht, mit einem Ausschnitt, der tief genug ist, um interessant zu wirken, ohne provokant zu sein. Nicht zu hohe Absätze. Offenes, natürlich gewelltes Haar. Ein bisschen Make-up.

Ich betrachte mich im Spiegel. Nicht schlecht. Elegant, aber lässig.

»Wen versuchst du hier zu überzeugen?«

Punkt zwanzig Uhr stehe ich vor seiner Tür, eine Flasche Wein in der Hand, mein Herz rast. Von innen höre ich Gelächter und Musik. Wenigstens werde ich nicht allein mit ihm sein.

Ich weiß nicht, ob ich erleichtert oder enttäuscht bin.

Ich klopfe.

Die Tür öffnet sich fast sofort. Matthieu erscheint, und mir stockt der Atem. Er trägt ein weißes Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln, die muskulösen Unterarme freilegen. Die ersten Knöpfe sind offen, geben den Ansatz seiner Brust preis.

»Léa«, sagt er, und etwas in seiner Stimme lässt meinen ganzen Körper aufschrecken. »Sie sind umwerfend.«

»Danke. Sie auch. Ich meine … Ihre Wohnung. Sie ist hübsch.«

»Wirklich? Mehr fällt dir nicht ein?«

Er lacht leise und tritt zur Seite, um mich hereinzulassen.

»Kommen Sie rein. Lassen Sie mich vorstellen.«

Die Wohnung ist genau das, was ich erwartet hatte: elegant, männlich, mit einer professionellen Küche, die ins Wohnzimmer übergeht. Kochbücher türmen sich auf Regalen, blitzende Chef-Messer sind an einer Magnetleiste aufgereiht.

Drei Personen sitzen im Wohnzimmer. Ein Paar – eine Frau mit flammend rotem Haar und ein Mann mit runder Brille – und eine skulpturale Blondine in einem roten Etuikleid.

»Das ist Léa, meine neue Nachbarin. Léa, das sind Sophie und Marc, alte Freunde. Und das ist Anaïs.«

Die Blondine mustert mich mit einem Interesse, das mir Unbehagen bereitet. Ihr Blick wandert zwischen mir und Matthieu hin und her, mit einem unergründlichen Ausdruck.

»Entzückt«, sagt sie mit Honigstimme. »Matt hat uns nicht verraten, dass seine neue Nachbarin so … reizend ist.«

Da ist etwas in ihrem Tonfall. Ein Anflug von Besitzanspruch.

»Danke«, erwidere ich vorsichtig. »Freut mich, euch alle kennenzulernen.«

»Léa, ein Glas?«, fragt Matthieu und tritt näher zu mir.

Seine Hand legt sich leicht, aber besitzergreifend auf mein Kreuz und führt mich in Richtung Küche. Dieser einfache Druck lässt Schauer über meine Haut laufen.

»Rotwein, bitte.«

»Matthieu macht den besten Bordeaux in ganz Paris«, schnurrt Anaïs, während sie uns folgt. »Nicht wahr, Schatz?«

Das Wort »Schatz« trifft mich wie ein kalter Schauer. Natürlich. Ein Mann wie er kann nicht single sein. Matthieu reicht mir ein Glas, unsere Finger streifen sich erneut. Seine Augen tauchen in meine, und ich kann darin … etwas lesen. Ein Versprechen? Eine Warnung?

»Anaïs übertreibt«, sagt er, ohne sie anzusehen. »Ich wähle nur meine Flaschen mit Bedacht aus.«

Er nimmt seine Hand nicht von meinem Rücken.

»Matt ist viel zu bescheiden«, wirft Sophie vom Sofa aus ein. »Er ist Küchenchef in einem der besten Restaurants in Paris. Le Clair de Lune. Kennen Sie das?«

Mein Herz macht einen Satz.

»Das Drei-Sterne-Restaurant im 8.? Sie sind dieser Matthieu Beaumont?«

Ich hätte den Zusammenhang herstellen müssen. Matthieu Beaumont, das junge Genie der französischen Gastronomie. Ich habe Artikel über ihn gelesen. Seinen kometenhaften Aufstieg. Sein außergewöhnliches Talent. Den Ruf eines gnadenlosen Perfektionisten.

Er zuckt mit gespielter Bescheidenheit die Achseln.

»Der bin ich. Aber heute Abend keine Titel. Nur Matthieu, der Nachbar, der zu viel kocht.«

»Lassen Sie sich nicht täuschen«, lacht Marc. »Er liebt es, wenn man über sein Restaurant spricht.«

Die Stimmung lockert sich, und wir lassen uns im Wohnzimmer nieder. Matthieu verschwindet in der Küche, um die letzten Vorbereitungen zu treffen, lehnt jede Hilfe ab. Ich beobachte ihn durch die Öffnung, fasziniert von der Präzision seiner Bewegungen, der Konzentration auf seinem Gesicht.

Anaïs kommt und setzt sich neben mich, mit einem Lächeln, das ihre Augen nicht erreicht.

»Also, Léa, Sie sind neu eingezogen?«

»Ja, gestern.«

»Was für ein Zufall. Matt liebt es, neue Nachbarn willkommen zu heißen.«

Da ist etwas Giftiges unter der Süße ihrer Stimme.

»Er ist sehr großzügig«, antworte ich vorsichtig.

»Oh, das ist er. Sehr … großzügig. Besonders mit hübschen Frauen.«

Sophie wirft Anaïs einen warnenden Blick zu, doch diese ignoriert ihn.

»Wissen Sie, Matt und ich haben eine Geschichte. Eine lange Geschichte. Wir kennen uns seit Jahren.«

»Anaïs«, mischt Marc sich sichtlich unwohl ein. »Das ist vielleicht nicht …«

»Was? Ich unterhalte mich doch nur.«

Matthieu kommt in diesem Moment zurück, eine große, dampfende Platte in den Händen. Sein Blick wandert von Anaïs zu mir, und sein Kiefer verhärtet sich unmerklich.

»Das Essen ist serviert«, verkündet er.

Wir setzen uns um den Tisch, und was folgt, ist ein außergewöhnliches kulinarisches Erlebnis. Jeder Gang ist ein Kunstwerk, eine Explosion der Aromen. Matthieu erklärt jede Kreation mit Leidenschaft, seine Augen leuchten auf, wenn er über Kochen spricht.

Und trotz Anaïs‘ Anwesenheit, die ihn ständig berührt – eine Hand auf seinem Arm, ein zu lautes Lachen über seine Witze – kann ich nicht anders, als völlig von ihm gefesselt zu sein.

Mehrmals treffen sich unsere Blicke über den Tisch hinweg. Jedes Mal wird die Luft dichter, schwerer.

Nach dem Dessert – einer Tarte Tatin, die mich fast vor Lust aufstöhnen lässt – verkünden Sophie und Marc, dass sie gehen müssen. Früher Arbeitsbeginn am nächsten Morgen.

»Ich sollte wohl auch gehen«, sage ich und stehe auf.

»Ich auch«, fügt Anaïs sofort hinzu. »Matt, bringst du mich noch runter?«

Sie hängt sich mit einer Vertrautheit an seinen Arm, die mir den Magen zusammenzieht.

»Ich glaube, ich bleibe noch ein bisschen«, sagt er und löst sich sanft von ihr. »Das hier aufräumen.«

»Ich kann dir helfen«, schnurrt sie.

»Nein, danke. Ich bin es gewohnt.«

Sein Ton ist bestimmt, endgültig. Anaïs erstarrt, ihre Augen sprühen Funken in meine Richtung, als wäre es meine Schuld.

»Na schön. Ruf mich an«, sagt sie eisig und geht.

Und plötzlich sind wir allein.

Die Stille nach dem Weggang der Gäste ist ohrenbetäubend. Matthieu steht neben der geschlossenen Tür und sieht mich mit dieser Intensität an, die mich erzittern lässt.

»Sie müssen nicht gehen«, sagt er leise.

»Ich möchte Sie nicht stören …«

»Sie stören nicht.«

Er kommt langsam auf mich zu, wie ein Raubtier, das sich seiner Beute nähert.

»Ehrlich gesagt, hatte ich gehofft, dass Sie noch ein bisschen bleiben. Ich habe einen außergewöhnlichen Cognac, den ich gerne mit Ihnen teilen würde.«

Ich sollte gehen. Jeder rationale Instinkt schreit es mir entgegen. Dieser Mann ist gefährlich für meine innere Ruhe. Und offenbar gibt es da noch dieses gewisse Etwas namens Anaïs.

Aber als er mir die Hand entgegenstreckt, nehme ich sie.

»In Ordnung. Ein Glas.«

Sein Lächeln ist triumphierend, fast katzenhaft.

»Ein Glas«, wiederholt er.

Aber die Art, wie sein Blick mich verschlingt, deutet darauf hin, dass ein Glas erst der Anfang sein wird.

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