LOGINDie Welt schien einzufrieren. Für einen kurzen Moment konnte Cassie sich nicht bewegen, nicht atmen, nicht denken.
Die Scheinwerfer blendeten sie. Das Auto raste direkt auf sie zu. Menschen schrien, manche rannten weg, andere standen wie erstarrt vor Schreck.
Doch Cassie konnte nur starren.
„Cassie!"
Clintons Stimme durchschnitt das Chaos. Alles geschah gleichzeitig. Seine Hand packte ihren Arm, und mit aller Kraft stieß er sie zurück. Ihre Füße verloren den Boden unter sich, und sie schlug hart auf dem Asphalt auf, während der Schmerz durch ihre Schulter explodierte.
Die Samtschachtel mit dem Ring rutschte aus Clintons Hand, glitt über den Beton und verschwand in der Dunkelheit.
Dann kam das Geräusch — ein widerlicher Aufprall. Ein Geräusch, von dem Cassie wusste, dass sie es nie vergessen würde.
Die Menge stockte der Atem.
Jemand schrie.
Cassie hob langsam den Kopf, und ihre gesamte Welt zerbrach.
„Clinton!"
Er lag mehrere Meter entfernt, regungslos.
Blut breitete sich auf dem Asphalt unter ihm aus.
Ihr Verstand weigerte sich, mit ihren Augen Schritt zu halten. „Nein..."
Sie kroch zu ihm, ohne auf den Schmerz zu achten, der durch ihren Körper schoss. „Nein... nein... nein..."
Das war nicht echt.
Das konnte nicht sein.
Nur Sekunden zuvor hatte er sie noch angelächelt.
Nur Sekunden zuvor hatte er sie gefragt, ob sie den Rest ihres Lebens mit ihm verbringen wolle.
Jetzt...
Er bewegte sich nicht mehr.
Cassie sank neben ihm zu Boden und nahm seine Hand. Sie war kalt. Viel zu kalt.
„Clinton... sieh mich an."
Nichts.
Tränen liefen über ihr Gesicht. „Bitte... sieh mich an."
Seine Augenlider zuckten. Erleichterung durchflutete sie. „So ist gut", flüsterte sie. „Bleib bei mir." Langsam fand sein Blick den ihren.
Selbst da...
Selbst während er dort lag, gebrochen und blutend...
lächelte er. Schwach und schmerzverzerrt. Aber es war noch immer ein Lächeln.
„Cassie..."
„Ich bin hier." Ihre Stimme zitterte. „Ich bin direkt hier."
Seine Finger schlossen sich um ihre. Kaum merklich. „Ich... liebe dich."
Diese drei Worte zerschmetterten den letzten Rest ihrer Kraft.
„Nicht." Sie schüttelte verzweifelt den Kopf. „Bitte, sprich nicht so."
Menschen umringten sie. Jemand rief einen Krankenwagen. Jemand anderes weinte. Die Welt um sie herum wurde zu nichts als fernem Rauschen.
Nur Clinton zählte.
„Du hast mir versprochen, dass wir zusammen alt werden", flüsterte sie unter Tränen. „Du hast es versprochen."
Seine Augen begannen sich langsam zu schließen. Angst ergriff ihr Herz. „Nein." Sie drückte seine Hand fester. „Nein, Clinton. Bleib wach."
Er kämpfte darum, die Augen offen zu halten. Für einen letzten Moment sah er sie an, so wie er es immer getan hatte, als wäre sie das Wichtigste auf der Welt. Dann wanderte sein Blick zu der Ringschachtel, die ein paar Meter entfernt lag.
Ein schwaches, herzzerreißendes Lächeln berührte seine Lippen. „Ich... schätze..." Er rang nach Atem. „Ich habe nie... meine Antwort bekommen."
Ein Schluchzen entkam Cassie. „Ja."
Sein Blick kehrte zu ihr zurück. „Ja?"
Sie nickte hastig. „Ja, Clinton." Frische Tränen liefen über ihre Wangen. „Ja. Tausendmal... ja."
Tränen sammelten sich auch in seinen Augen. Sein Lächeln wurde ein wenig breiter.
Für einen einzigen, friedvollen Moment... sah er glücklich aus. Als wäre es genug gewesen, diese Worte zu hören.
Dann... glitten seine Finger aus ihren.
Etwas in ihr riss los. „Clinton?"
Keine Antwort.
Sie packte seine Schultern. „Clinton!"
Nichts. „Nein!"
Panik überkam sie. Sie schüttelte ihn. Fester. „Wach auf!"
Immer noch nichts.
Die Menge verschwamm durch ihre Tränen. Das ferne Heulen der Sirenen wurde lauter, doch sie waren noch nicht da. Sie kamen nicht schnell genug.
„Bitte..." Ihre Stimme brach vollständig. „Bitte verlass mich nicht."
Der Mann, der sie mehr geliebt hatte als jeder andere, der Mann, den zu heiraten sie gerade zugestimmt hatte, entglitt ihr. Und es gab nichts, was sie tun konnte. Absolut nichts.
Ein gebrochener Schrei entkam ihren Lippen und hallte über den Hafen.
———
Johnson beobachtete alles aus der Ferne. Seine Brust zog sich zusammen, fester, als er erwartet hatte.
So sollte es nicht laufen. Cassie hätte diejenige sein sollen. Nicht Clinton. Niemals Clinton.
Seine Hände begannen zu zittern, während er auf die herzzerreißende Szene vor ihm starrte. Cassie weinte über Clintons Körper. Die Menge versammelte sich um sie. Die Blaulichter rasten zum Hafen.
Zum ersten Mal an diesem Abend... spürte Johnson Angst. Echte Angst. „Was habe ich getan?", flüsterte er langsam.
Die Frage traf ihn wie ein Schlag in die Magengrube. Als er zusah, wie Clinton dort lag, wie Cassie zusammenbrach, zerbrach etwas in Johnson.
Er wollte weglaufen. Verschwinden. Alles ungeschehen machen.
Stattdessen... stand er wie erstarrt da. Unfähig, sich zu bewegen. Unfähig, wegzusehen. Denn tief in seinem Inneren wusste er eines: Nichts würde je wieder so sein wie zuvor.
———
Der Krankenwagen traf wenige Augenblicke später ein. Sanitäter eilten zu ihnen. Stimmen hallten durch die Nacht, während Hände Cassie sanft von Clinton wegzogen. Sie wehrte sich gegen sie.
„Lasst mich los!" Sie streckte sich verzweifelt nach ihm. „Bitte!"
Doch sie hielten sie zurück.
Clinton wurde auf eine Trage gehoben. Cassie stieg neben ihm in den Krankenwagen.
Die Fahrt ins Krankenhaus fühlte sich an wie ein Albtraum. Geräte piepten. Sanitäter riefen medizinische Fachbegriffe, die sie nicht verstand. Menschen bewegten sich hektisch um sie herum. Doch alles, was sie sehen konnte, war Clinton. Seine Augen blieben geschlossen. Seine Hand lag regungslos da.
Zum ersten Mal, seit sie ihn kannte, konnte er ihre Stimme nicht hören.
Stunden später saß Cassie vor der Notaufnahme. Ihr Kleid war blutverschmiert. Ihr Gesicht war tränenüberströmt. Das blaue Band, das Clinton ihr geschenkt hatte, war blutgetränkt.
Die Türen der Notaufnahme öffneten sich.
Ein Arzt kam auf sie zu. Ein Blick auf sein Gesicht genügte. Ihr Magen zog sich zusammen.
„Nein..." Das Wort entkam ihr, bevor er sprechen konnte.
Der Arzt senkte den Kopf. „Es tut mir leid." Alles in ihr zerbrach. „Wir haben alles getan, was wir konnten."
Cassie starrte ihn an, unfähig zu verstehen. Unfähig, es zu akzeptieren. Unfähig zu atmen.
„Er hat es nicht geschafft."
Der Flur begann sich um sie zu drehen. Der Boden schien unter ihren Füßen zu verschwinden. Dunkelheit umfing sie.
Das Letzte, an das sie sich erinnerte...
War Clintons Lächeln.
Das Lächeln, das er ihr Momente vor seinem Tod geschenkt hatte.
Das Lächeln des Mannes, der endlich ihr Ja gehört hatte.
Das Lächeln des Mannes, den sie für immer lieben würde.
Die Fahrt zurück zu ihrer Wohnung verlief still. Emma war nach Hause gefahren, um sich umzuziehen, bevor sie zum Abendessen zurückkommen würde, und ließ Cassie allein mit der Fotokopie, die David ihr gegeben hatte und die noch zusammengefaltet in ihrer Tasche steckte.An diesem Abend breitete sie das Papier auf ihrem Küchentisch aus, fotografierte jede Zeile mit ihrem Handy und schickte es an Daniel mit einer kurzen Nachricht: „Kannst du diesen Namen für mich überprüfen? Keine Eile — doch, Eile."Er antwortete innerhalb einer Stunde: „Gib mir bis morgen."Sie schlief schlecht. Als ihr Handy am nächsten Nachmittag klingelte, nahm sie ab, bevor sie überhaupt gesehen hatte, wer es war.„Daniel?"„Wo bist du gerade?" Seine Stimme hatte einen Unterton, den sie noch nie gehört hatte.„Zu Hause. Warum?"„Gut. Bleib da und hör mir kurz zu." Eine Pause, Papiere raschelten auf seiner Seite. „Der Name auf diesem Kaufvertrag — Marcus Webb, richtig?"„Richtig."„Es gibt keinen Marcus Webb, der in
Cassie starrte auf den Namen auf dem Bildschirm, bis die Worte vor ihren Augen verschwammen.David Coleman.Sie las den Namen immer wieder, wünschte sich, er wäre nicht derjenige, wünschte sich, ihr Verstand und ihre Augen hätten sich geirrt.Doch der Name blieb, wie er war.Sie kannte David. Sie hatte unzählige Male ihm gegenüber bei Abendessen gesessen — er lachte immer zu laut im falschen Moment, bestellte immer dasselbe Steak, war immer der Erste, der sein Glas hob, wenn Clinton gute Neuigkeiten zu verkünden hatte. Er und Clinton hatten das Architekturbüro gemeinsam aus dem Nichts zu dem aufgebaut, was es heute war. Er war derjenige gewesen, der Clinton geholfen hatte, den Ring auszusuchen.Er war für Clinton eher wie Familie.Auch Emma las den Bildschirm und verlor sich in Gedanken. Schließlich sagte sie: „Das ergibt keinen Sinn — David? Er hat bei der Beerdigung geweint, Cassie. Ich habe es gesehen."„Ich weiß."„So etwas täuscht man nicht vor."„Ich weiß, Emma", sagte Cassie mi
von beiden sagte für den Rest der Fahrt noch etwas.Emma bog in die Einfahrt ein und ließ den Motor laufen. Beide Hände blieben am Lenkrad. Sie starrte die Garagentür an, als hätte diese Antworten parat.„Cassie." Leise. „Vielleicht sollten wir einfach zur Polizei gehen. Ihnen die Nachrichten zeigen, das Videomaterial, alles."„Und ihnen was genau erzählen?" Cassies Stimme klang dünner, als sie wollte. „Dass irgendein alter Mann denkt, ein Auto habe absichtlich gehandelt? Dass irgendwelche Überwachungsaufnahmen verschwunden sind? Damit sie es als Zufall abtun, genau wie sie den Unfall abgetan haben."„Also machst du weiter, bis derjenige, der diese Nachricht geschickt hat, entscheidet, dass ein Text nicht mehr reicht?", fragte Emma.Cassie beobachtete das Licht auf der Veranda. Es flackerte einmal, dann blieb es an. Sie atmete durch die Nase ein und langsam wieder aus.„Ich kann nicht aufhören." Sie wandte sich um. „Wenn ich aufhöre, sitze ich nur noch da und warte auf das Nächste. We
Keiner von beiden sprach, als sie vom Kaffeestand wegliefen.Cassies Gedanken rasten; sie erinnerte sich an die Worte des alten Mannes. „Er hatte es auf jemanden abgesehen."Emma durchbrach die Stille zwischen ihnen. „Wenn das stimmt …"„Es stimmt." Cassies Stimme klang schärfer, als sie beabsichtigt hatte. Sie milderte sie ab. „In dem, was der alte Mann gesagt hat, steckt eine Wahrheit, und das weißt du."Emma nickte langsam und sagte dann: „Was machen wir jetzt?"Cassie sah sich am Hafen um, die Restaurants entlang der Uferpromenade, ihre Glasfronten fingen das Morgenlicht ein. Eine Idee kam ihr.„Wir suchen nach Überwachungskameras", sagte Cassie.„Ja — lass uns ihre Kameras überprüfen!", rief Emma aus.„Wenn hier ein Auto vorbeigefahren ist, könnte eine Überwachungskamera es erfasst haben." Cassie ging bereits auf ein nahegelegenes Restaurant zu. „Wir brauchen Aufnahmen."Sie begannen mit dem Restaurant, das dem Unfallort am nächsten lag, einem Fischrestaurant mit einer Kamera übe
Monate waren vergangen, doch jeder Tag ohne Clinton fühlte sich an wie eine Ewigkeit. Cassie verstand endlich, was Emma gemeint hatte, als sie sie einst damit aufgezogen hatte, von ihm besessen zu sein.Sie hatte recht.Ohne Clinton lebte Cassie nicht mehr — sie existierte nur noch. Die fröhliche, ehrgeizige Frau, die sie einmal gewesen war, war verschwunden. An ihrer Stelle war jemand, den sie kaum wiedererkannte. Ihre Augen waren ständig vom Weinen geschwollen, ihr Haar blieb meist ungekämmt, und selten fand sie die Energie, ihr Zimmer zu verlassen.Man sah sie immer mit dem Band, das Clinton ihr geschenkt hatte — einst blau, jetzt rot verfärbt vom Blut, das sich in jener Unfallnacht hineingesogen hatte.Emma und ihre Mutter hatten versucht, ihr zuzureden, das Band loszulassen, doch sie konnte es nicht. Es war das Einzige, was Clinton ihr hinterlassen hatte, und ob befleckt oder nicht, sie würde es nicht loslassen. Sie hielt es immer fest, als würde es verschwinden, sobald sie es lo
Die Welt hatte ihre Farbe verloren.Tage vergingen, doch Cassie bemerkte es kaum.Der Morgen kam.Die Nacht folgte.Und doch bewegte sich das Leben irgendwie weiter, während ihres am Hafen eingefroren blieb...In dem Moment, in dem Clinton starb.Sie saß auf der Kante ihres Bettes und starrte auf das verblasste blaue Band, das um ihr Handgelenk gewickelt war. Es war noch immer mit Clintons Blut befleckt; sie hatte es seit jener Nacht nicht mehr abgenommen.Ihre Finger fuhren sanft über den weichen Stoff — ein Geschenk von ihrem ersten Date, eine Erinnerung, eine Mahnung, eine Wunde, die sich weigerte zu heilen.Ein leises Klopfen ertönte an ihrer Schlafzimmertür.„Cassie?"Die Stimme ihrer Mutter war sanft.„Du musst etwas essen."„Ich habe keinen Hunger."Es war dieselbe Antwort, die sie schon seit drei Tagen gab.Stille folgte. Dann öffnete sich langsam die Tür; ihre Mutter trat ein, ein Tablett mit einer Tasse Tee und einem Sandwich in den Händen. Die Art von Dingen, die Mütter bra







