登入„Ich bin der Notar von Helena Kowalska.“
Er ließ den Namen langsam fallen, als wäre er eine kalte Kette aus Metall. Ein Raunen ging durch den Raum. „Sie hat verfügt… dass ihr Testament erst gesprochen werden darf, wenn sie unter der Erde liegt.“ Einige rutschten nervös auf den Stühlen. Andere tauschten skeptische Blicke. Jeder hier hatte gedacht, dass Helena nichts hatte nichts als strenge Blicke, Schweigen und eine Sammlung alter, vergilbter Bücher. „Was für’n Testament?“, murmelte meine Cousine Marta. „Wahrscheinlich ihr altes Teeservice“, spottete jemand anderes. „Wenn überhaupt, vererbt sie uns Schulden“, murrte mein Onkel. Aber als der Notar meinen Namen verlas – laut, deutlich – „Oliwia Kowalska.“ drehte sich der ganze Raum zu mir um. Ein kollektives Murmeln erhob sich. „Was hat die denn mit dem Testament zu tun?“ „Die war doch nie da…“ „Die kommt nur, um sich was zu holen… typisch.“ „Westgör…“ Ich spürte die Blicke auf meiner Haut. „Können wir irgendwo ungestört sprechen?“ fragte der Notar. Mein Onkel nickte mürrisch. „Kommt. Ins ehemalige Schlafzimmer der Alten.“ Wir folgten ihm durch den schmalen Flur. Das Parkett knarrte unter unseren Schritten. Die Wände waren vergilbt, eine Lampe summte über uns. Die Tür quietschte, als mein Onkel sie öffnete. Der Raum war stickig, als hätte niemand seit Jahren gelüftet. Das Bett war mit einem bestickten Überwurf bezogen. Auf dem Nachttisch lag ein altes Gebetsbuch und ein Rosenkranz. Wir setzten uns. Ich blieb stehen. Ich konnte den muffigen Geruch kaum ertragen. Der Notar stellte seinen Koffer auf dem Bett ab, klickte ihn auf. Die Spannung im Raum war so dick, dass man sie hätte schneiden können. Er holte ein paar Dokumente heraus. „Die Verstorbene hat… überraschenderweise doch einige Dinge besessen. Und… sie hat ganz genau verfügt, wer was bekommt.“ Alle hielten den Atem an. Der Notar begann mit einer förmlichen Stimme, kühl und distanziert, als würde er eine Liste alter Rechnungen verlesen. „Herr Roman Kowalski – also der älteste Sohn – erhält… das ländliche Grundstück in Zabrze sowie die dazugehörige Garage. Ebenfalls: einige Ersparnisse in Höhe von 7.200 Zloty.“ Ich hörte, wie jemand leise den Atem einsog. Mein Vater der nicht mal aufgetaucht war bekam mehr als die meisten anderen. „Frau Zofia und Herr Stanislaw – also die Kinder der Verstorbenen – erhalten das Porzellanservice aus Limoges und das silberne Besteckset, das sich in der Kredenz im Wohnzimmer befindet.“ Zofias Mund verzog sich. „Was? Das ist alles?“ Ihr Mann hob nur eine Augenbraue. Man sah ihm an, dass er sich mehr erhofft hatte. Dann legte der Notar die Papiere beiseite, holte einen kleineren Umschlag hervor. Und eine Schatulle. Schwarz. Alt. Er hob den Kopf. „Oliwia?“ Meine Mutter hielt inne. Mein Onkel, meine Tante, meine Cousine sie alle drehten sich zu mir. Der Notar sagte mit leiser Stimme: „Frau Helena bat mich, Ihnen dies zu überreichen. Sie sagte… der Brief sei ausschließlich für Ihre Augen bestimmt.“ Er hielt mir den Umschlag hin. Alt. Mit Siegel. Dann die Schatulle. Kalt in meiner Hand. Schwerer, als sie aussah. „Kurwa mać! Was soll das!? Diese bitch kannte sie kaum! Und plötzlich macht sie so einen Zirkus?! Was steht in dem Drecksding?! Wir haben genauso ein Recht es zu erfahren!“ mein Onkel schlug mit der Faust auf den Tisch. Das Glas vor ihm wackelte. Meine Mutter zuckte zusammen. Der Notar blieb ungerührt. Er blickte ihn kalt an. „Frau Helena hat es ausdrücklich verfügt. Und ich bin verpflichtet, mich an ihren Willen zu halten. Also wenn Sie mich entschuldigen.“ Er stand auf, klickte seinen Koffer zu und ging. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss. „Los!“, zischte meine Tante. „Öffne das! Lies vor!“ Ich sah sie an. Lang. „Nein.“ Ich steckte den Umschlag in meine Tasche. Die Schatulle ebenfalls. „Bestimmt nicht.“ „Du kleine Göre! Dann verschwinde aus meinem Haus!“, knurrte mein Onkel, sein Gesicht rot, die Stirn glänzend vor Zorn. Meine Mutter legte mir plötzlich eine Hand auf den Rücken. Ihre Finger zitterten leicht. „Los, Oliwia… lass uns gehen.“ Draußen war es kälter geworden. Nebel stieg über den feuchten Boden. Wir stiegen schweigend ins Auto. Meine Mutter drehte ihr Kopf an die Fenster Scheibe ich machte die Heizung an , aber die Kälte kroch trotzdem weiter unter meine Haut. (Zuhause) Mein Vater hing halb auf dem alten Sofa, ein leerer Wodkabecher in der Hand, die andere auf seinem aufgequollenen Bauch. Er schnarchte. Ein widerlicher Laut, der sich durch die stickige Wohnung zog wie Schimmel. Aus der Küche kam der vertraute Duft von Gołąbki Kohlrouladen, die meine Mutter zubereitete, wenn sie traurig war. Man hörte das leise Blubbern der Tomatensauce, das Klirren von Töpfen. Sie sagte nichts. Wir beide sagten oft nichts. Und trotzdem verstanden wir uns manchmal besser als je zuvor. Ich ging in mein Zimmer. Schloss die Tür. Setzte mich aufs Bett. Der Koffer war fast fertig gepackt. Nur noch Kleinigkeiten. Mein Herz klopfte schneller, als ich meinen Reisepass in die Handtasche legte. Morgen war der Tag. Mein Handy vibrierte. Angelika. „Girrrrlll! Wir sind in einer Stunde da – Abschiedsbesäufnis!“ Ich lachte. „Okay! Ich mach mich gleich fertig. Aber nicht lange, mein Flug ist morgen früh!“ Aufgelegt. Ich griff in meine Tasche. Der Brief. Die Schatulle. Ich öffnete die Schatulle. Ein Schlüssel. Alt. Schwarz. Eisern. Kalt in meiner Hand. Seltsam schwer. Ein Schlüssel, wie man ihn in alten Burgen fand – oder in Geschichten. „Was soll ich mit einem Schlüssel…?“, flüsterte ich. Ich legte es beiseite. Meine Finger zitterten, als ich den Brief öffnete. Das Papier war spröde, die Tinte blass. Und dann las ich. Langsam. Kochana Oliwio, jeśli czytasz ten list, to najprawdopodobniej leżę już pod ziemią. Na początek chcę cię przeprosić… za te wszystkie lata… za to, jak cię traktowałam. Musiałam to zrobić. Nie dlatego, że cię nie kochałam – ale dlatego, że tak było lepiej. Musiałaś stać się twardsza. Musiałaś stać się zimniejsza. Bo to, co cię wkrótce czeka, wystawi twój charakter na próbę. Wiesz, że nigdy nie byłam dobra w okazywaniu uczuć. Ale musisz wiedzieć – byłaś zawsze moją ulubioną wnuczką. Nawet jeśli nigdy tego nie pokazałam. Klucz w szkatułce… zachowaj go. Pilnuj go. Wkrótce dowiesz się, do czego został stworzony. Z miłością, Helena Liebe Oliwia, wenn du diesen Brief liest, bin ich wohlmöglich schon unter der Erde. Zuerst möchte ich mich für all die Jahre entschuldigen… für das, wie ich dich behandelt habe. Ich musste es tun. Nicht, weil ich dich nicht liebte – sondern weil es besser war. Du musstest härter werden. Kälter. Denn das, was bald auf dich zukommt, wird deinen Charakter herausfordern. Du weißt, ich war nie gut darin, Gefühle zu zeigen. Aber du sollst wissen: Du warst immer meine Lieblingsenkelin. Auch wenn ich es dir nie gezeigt habe. Der Schlüssel in der Schatulle… Bewahre ihn gut auf. Du wirst bald erfahren, wofür er geschaffen wurde. In Liebe, Helena "Tam gdzie ogieł spali święte mury, Wiesz, co musiałem widzieć przez długi czas. Ale tylko w nocy, kiedy nie jesteś mały, I serce już nie wierzy w to, co czuje.” Unter dem Brief war etwas. Ein Reim. „Dort, wo Feuer heilige Mauern fraß, wirst du finden, was ewig verloren sein sollte. Doch nur in der Nacht, wenn der Mond nicht hinsieht, und das Herz nicht mehr glaubt, was es fühlt.“ Meine Kehle war trocken. Meine Augen brannten. Ich wischte mir die Augen. Stand auf. Steckte den Brief in meine Tasche. Dann zog ich meine enge, zerrissene Jeans an, ein schwarzes, knappes Top – das, bei dem meine Mutter jedes Mal die Augen verdrehte – und schlüpfte in meine Boots. Ich warf meine Lederjacke über die Schulter, sprühte mir noch einmal Parfüm hinter die Ohren und schlich die knarrenden Treppen hinunter. Aus der Küche hörte ich das brutzelnde Geräusch von gebratenen Zwiebeln und die Stimme meiner Mutter: „Oliwia, dokąd idziesz?!“ („Oliwia, wohin gehst du?!“) Ich grinste. „Idę pić z dziewczynami, mama! I nie, nie spóźnię się na samolot, przysięgam!“ („Ich gehe trinken mit den Mädels, Mama! Und nein, keine Angst, ich werde den Flug nicht verpassen, versprochen!“) HUUUUP! Das klang, als hätten sie ein verdammtes Schiff vorgefahren. Ich stöhnte, riss die Tür auf – und da standen sie. Angelika am Steuer, oversized Sonnenbrille im Haar, obwohl es schon stockdunkel war. Neben ihr Natalia, mit einem Energy Drink in der einen und einem Lipgloss in der anderen Hand. Und hinten im Auto wackelte laut der Bass, irgendein dummer Song von Kliklok. „Bitch, steig ein! Du brauchst dringend Alkohol in deinem Leben!“ „Was bist du denn für ein trauriges Emo-Girl geworden, seit du im Testament bist?“ „Und was war in der Schatulle?! War’s ein Dildo von 1900?“ Ich warf mich auf den Rücksitz, ließ mich zwischen Chipskrümel und Kaugummipapier fallen und verdrehte dramatisch die Augen. „Mädchen… das war die cringigste Beerdigung meines Lebens. Ich schwöre bei Gott.“ Angelika startete den Motor und fuhr los, mit quietschenden Reifen wie in einem schlechten Actionfilm. „Erzähl! Gab’s wenigstens Wein oder musstest du auch noch nüchtern traurig gucken?“ Ich seufzte. „Da war ein Notar. Ein echter. Mit Anzug und Aktenkoffer und so einer Stimme wie aus ’nem Mafiafilm.“ „Uhhhhh! Sexy?“ „Alt. Und irgendwie muffig. Aber sexy auf ’ne seltsame ‘Er liest dir vor, dass du geerbt wurdest und dann stirbt er mysteriös’-Art.“ Natalia kicherte. „Und? Was hast du geerbt? Ihre Zähne? Ihre Hühneraugen? Oder ihre Sammlung gesegneter Gabeln?“ Ich zog den alten Schlüssel aus meiner Jackentasche und hielt ihn hoch. „Tadaaaa. Einen fucking Dracula-Schlüssel. Und einen Brief. Mit Reim. Und Drama. Und… sie hat sich bei mir entschuldigt.“ Stille. Für zwei Sekunden. Dann: „SIE WAR DOCH DIE, DIE DICH NIE ANGESCHAUT HAT!“ „Plot Twist, Bitch! Das ist wie bei Natflix! Du bist secretly die Prinzessin von einem verfluchten Schloss!“ „Oder du bist adoptiert und sie hat dich versteckt, weil du ein Dämonenkind bist.“ Ich lachte. Zum ersten Mal an diesem Tag. „Glaubt mir, es ist weird. Aber ich fahr da heute Nacht noch hin.“ „Wohin?“ „In ’ne alte Ruine irgendwo in der Pampa. Wegen dem Reim.“ „Girl, du wirst entweder sterben oder reich nichts dazwischen.“ Angelika bog auf die Hauptstraße ein. „Aber vorher trinken wir. Und tanzen. Und dann bringen wir dich zu deinem verdammten Geister-Schloss. Mit Taschenlampe. Und Vodka. Und Pfefferspray.“ „Und wenn du eine Geheimtür findest, ruf uns an. Ich will auch verfluchten Schmuck finden.“ Ich grinste breit. Die Nacht gehörte uns. In der Bar angekommen dieser ranzige Schuppen mit neonblauem Licht, das auf klebrige Tische und schweißnasse Wände fiel roch es nach billigem Wodka, kaltem Zigarettenrauch und dem Versagen einer ganzen Generation. Der DJ spielte irgendeinen düsteren Remix aus den 2000ern, irgendwo kotzte jemand im Klo, und die Luft war so dick, dass man sie hätte schneiden können. Hier tranken Polens verlorene Seelen. Penner mit Goldketten, Mädels mit zu kurzen Röcken und Blicken, die mehr sahen, als sie sollten. Eine Bar voller gebrochener Versprechen und toxischer Exzesse genau der richtige Ort für unseren Abschied. Wir standen an der Theke, lachten, schrien uns über die Musik hinweg an und warfen billige Shots runter wie Wasser. Angelika prostete mir zu, während sie sich den Lippenstift nachzog Blutrot. „Na komm schon, Oliwia! Heute feiern wir dich weg, als wärst du nie geboren worden!“ „Warte! Ich hol noch ’ne Runde Tequila!“ Ich drehte mich halb zu Natalia, wollte gerade was Witziges sagen über die Frau mit der pinken Perücke, als plötzlich Angelikas Stimme durch die Bar schnitt – scharf, nervös: „Oh fuck…“ Ich blinzelte. „Was?“ Angelika starrte wie gebannt hinter mich. Ich wandte mich Natalia zu, die gerade etwas sagen wollte – da schrie Angelika: „Oliwia!“ „Was?!“ „Dein. Ex.“ Mein Lächeln gefror. Langsam drehte ich meinen Kopf. Und da war er. Er stand im Türrahmen wie ein schlechter Albtraum in zu teurem Parfum. Schwarze Lederjacke, Designer-Sneaker, Zigarette halb aus dem Mundwinkel hängend, als wär er gerade aus einem Musikvideo gefallen. Seine Haare perfekt gegelt, dieser arrogante Seitenscheitel, der immer wie eine Karikatur seiner selbst aussah. Die typischen schmalen Lippen leicht verzogen zu diesem selbstverliebten Grinsen, als würde er mir sagen: „Na, Baby, hast du mich vermisst?“ Sein Blick glitt über die Bar, durchbohrte die Menge – und blieb an mir hängen. Langsam. Besitzergreifend. Ein Blick wie eine kalte Hand an meinem Hals. Neben ihm seine Schlägerfreunde – glatzköpfig, breit, tätowiert, mit dieser typischen Art zu stehen, als hätten sie schon drei Menschen zerlegt und gerade überlegten, ob sie heute noch Bock auf Nummer vier hatten. Angelika flüsterte: „Wollen wir ihn gleich abstechen?“ Ich lachte – kurz, hart. „Chill, wenn er mir zu nahekommt, prügel ich ihn höchstpersönlich zurück in Mamas Gebärmutter.“ Er kam näher. Sein Gang? Breit. Aufgeblasen. Als wäre ihm die Bar untertan. Als würde er denken, er sei immer noch der König meiner Welt obwohl ich längst meinen Thron selbst gebaut hatte. Er blieb ein paar Meter vor mir stehen, blies Rauch aus. Dann sprach er. Langsam. Schmierig. Laut genug, dass alle es hören konnten. „Na, meine kleine Auswanderin… Ich dachte, du fliegst erst morgen. Oder wolltest du mich noch einmal sehen, bevor du gehst?“ Seine Stimme dieser tiefe, übertriebene Bass – sollte sexy klingen, war aber nur eines: falsch. Alles an ihm war Fassade. Der Geruch nach Aftershave, das er in halben Litern trug. Die goldene Kette mit seinem Initial. Sein Blick, der jede Frau ausziehn wollte – aber ohne je wirklich zu sehen. Ich trat einen Schritt auf ihn zu. Mein Blick? Eis. „Ich bin nur hergekommen, um zu feiern. Nicht, um Müll aus meiner Vergangenheit zu recyceln.“ Ein Raunen ging durch die Umstehenden. Seine Freunde kicherten nervös. Angelika starrte ihn an wie ein Raubtier. Natalia zischte: „Wenn er noch einen Spruch bringt, schütte ich ihm den Drink ins Gesicht.“ Er leckte sich über die Lippen. „Du hast mich vermisst. Gib’s zu.“ Ich trat näher. Bis unsere Gesichter sich fast berührten. Ich lächelte kalt. „Ich vermisse nur die Zeit, bevor ich dich kannte.“ Dann ließ ich ihn stehen. Drehte mich um. Und ging zurück zu meinen Mädels. „Noch ’n Shot?“ „Zwei“, sagte Angelika. „Für deinen Ex. Einer für jedes Ei.“ Wir lachten. Ich wollte gerade den nächsten Shot kippen, als ich es spürte. Seine Hand. Kalt. An meinem Nacken. Seine Finger glitten gierig runter direkt zu meiner Brust. „Oliwia…“ Seine Stimme war tief, kehlig, voll von dieser übergriffigen Selbstsicherheit, die nur Typen mit Mikropenis und Größenwahn draufhaben. „Wie sieht’s aus? Lass uns Abschiedsex haben, Baby. Nur ein letztes Mal. Komm schon… du weißt, du willst’s.“ Ich erstarrte.Für einen Moment. Dann drehte ich mich langsam zu ihm. Ich stellte mich vor ihn. Langsam. „Weißt du was?“ Er grinste schon siegessicher. „Warum nicht…“ Seine Augen weiteten sich gierig. „Oh ja, Baby, ich wusste es, komm her…“ Er kam näher. Wollte mir tatsächlich seine ekelhafte Zunge diese feuchte Schnecke in den Hals schieben. Seine Lippen öffneten sich wie ein perverser Staubsauger. Und in dem Moment, als er ansetzte… BÄM. Mein Knie traf ihn mit chirurgischer Präzision zwischen die Eier. Ein knackendes, zerquetschtes Geräusch, das mich fast zum Orgasmus brachte emotional gesehen. Er röchelte. „Uuuugh… kurwa…“ Seine Beine knickten ein wie Papierhalme. Er sank zu Boden keuchend, die Hände am Schritt, als hätte ich ihm gerade die Männlichkeit rausgeprügelt. Doch es kam noch besser. Sein Kumpel dieser Glatzkopf mit der Energy-Dose in der Hand wollte schon auf mich los, als Natalie plötzlich wie ein Engel der Zerstörung hinter der Bar auftauchte. Sie nahm die ganze Flasche Vodka und zertrümmerte sie auf seinem Kopf. KNAACK. Glas splitterte, Vodka spritzte, der Typ taumelte wie ein sterbender Elch auf Crack. Der zweite Freund rief: „Was zur Hölle?!“ Angelika , meine Heldin, schrie: „FÜR DIE SCHWESTERSCHAFT, DU MISSGEBURT!“ Und warf ein Shotglas – BOOM – mitten in sein Gesicht. Er jaulte. Wir kicherten, kreischten, griffen nach unseren Taschen – und rannten los. „RAUS, RAUS, RAUS!“ Die Bar tobte. Stühle kippten um. Einer rief: „ALARM! DIE BITCHES DREHEN DURCH!“ Draußen quietschten Reifen. Natalie saß schon am Steuer, Angelika riss die Tür hinten auf. Ich sprang rein, während hinter uns jemand schrie: „Oliwiaaaa! Kurwa!!“ „Schnappt sie euch! Reißt denen die Haare aus dem Arsch!!“ Wir lachten. Natalie gab Gas. Im Rückspiegel sah ich, wie mein Ex und seine Trottel aus der Bar stolperten. Wir zeigten ihnen synchron den Mittelfinger aus allen Fenstern. Ich rief: „CIAO, KASZANKA-PRINZ!“ Angelika schrie: „DEIN SCHWANZ WAR EH NIE DER REDE WERT!“ Und fuchtelte mit einem Tampon aus ihrer Handtasche. Natalie rief: „Gott, ich liebe uns!!“ Wir kreischten fast vor Lachen, alle mit Smokey Eyes und Vodka in der Stimme. Dann plötzlich… Stille. Die Art von Stille, die sich wie ein Kloß im Hals anfühlt. Ich schluckte. „Ich werd euch vermissen.“ Angelika: „Sei still, kurwa… ich heul gleich, Alter…“ Natalie schniefte dramatisch: „Wir besuchen dich. Und dann, Girl, werden wir zusammen Britische und amerikanische Schwänze lutschen… MIT GLITTER-LIPGLOSS UND Fisch und Chips in der Hand, VERDAMMT!“ „Hahaha!“ Wir brüllten los, so laut, dass Natalie fast das Lenkrad verlor. Ich griff in meine Tasche. Der Schlüssel. Alt, schwer, fast schwarz von der Zeit. „Mädels… los. Wir machen’s jetzt. Die Sache.“ Natalie drehte den Kopf. Ihre Augen blitzten. „Auf das Abenteuer… unser letztes in Polen.“ „YES, BITCHES!“ „Also…“ Ich zog den zerknitterten Zettel aus meiner Jeansjacke. Der Reim. Ich las laut vor: „Kiedy cień padnie na starą ścianę, I wiatr szepcze imię zapomniane, Tam, gdzie ruiny w księżycu drżą – Zaczyna się to, co nie zna snu.“ „Wenn der Schatten auf die alte Wand fällt, Und der Wind einen vergessenen Namen flüstert, Dort, wo Ruinen im Mondlicht beben – Beginnt das, was keinen Schlaf kennt.“. „Okay… wo gibt’s alte Ruinen?“ Wir dachten nach. Angelika googelte. Natalie kratzte sich den Eyeliner weg. Ich starrte in die Dunkelheit. Und dann… „Wartet mal…“ Meine Stimme zitterte. Ich erinnerte mich. An ein Kinderlied. Meine Mutter sang es immer… wenn sie traurig war. Ein Lied, das meine Oma ihr vorgesungen hatte. Damals, als ich noch auf ihrem Schoß saß und dachte, Monster wohnen nur unter Betten – nicht in der Familie. Die Melodie kam zurück wie ein Geist: „Tam, gdzie stare cegły śpią, pod koroną mgły…“ (Dort, wo alte Ziegel schlafen, unter einer Krone aus Nebel…) „Oh mein Gott…“ Ich starrte Natalie an. „Ich weiß, wo es ist.“ Angelika: „WO?!“ Ich: „Das alte Gutshaus bei Grochowce. Total abgelegen. Verfallen. Kein Netz. Meine Oma hat’s immer das ‚verlorene Haus‘ genannt…“ Natalie trat aufs Gas. „Dann bringen wir diesen verfluchten Schlüssel dahin, bevor wir alt, hässlich und verheiratet sind!“ (Ruinen von Grochowce – 3:08 Uhr Temperatur: 2 Grad. Alkoholspektrum: 120% Vol.) Wir standen vor dem verfallenen Herrenhaus wie drei halbverweste Disney-Prinzessinnen auf Acid. Nebel kroch aus dem Boden. Das Gemäuer stank nach Schimmel, altem Blut und polnischem Männerparfüm aus den 80ern. „Was sollen wir hier finden? Ein Geist mit Navi?“ Angelika schnaubte, während sie versuchte, nicht in einen Krater zu fallen. Wir stolperten lachend durch den riesigen, eingefallenen Eingang. Handytaschenlampen an. Schuhe zu teuer. Stolz zu betrunken. „AH!“ „Was?!“ „Ich bin gegen die Wand gelaufen, kurwa!“ Natalie rieb sich die Stirn und grinste. Lachen. Tränen. Hysterie. Dann… „Seit still, Alter… hier gibt’s bestimmt Leichen!“ Angelikas Stimme hallte durch die toten Flure. „Oder so ein Geist fickt uns von hinten.“ „Ich hoff, er hat ’nen großen Geister-Schwanz.“ Natalie zwinkerte und wir kreischten vor Lachen. Mein Atem stockte plötzlich. Aus dem Augenwinkel. Wieder. DIE FRAU. Die, die ich auf der Beerdigung gesehen hatte. Dachte, ich hätte sie mir eingebildet. Dachte, es war Alkohol + Trauer + Familienhass. Aber sie stand da. Weißer Mantel. Schwarzes Haar. Keine Augen. Einfach… da. Direkt am Fuß einer Statue. Ein heiliger Engel mit zerbrochenen Flügeln, die aussahen, als hätten sie mal Seelen zerrissen. „Omg… habt ihr das gesehen?!“ „Hör auf mit dem Scheiß, Oliwia.“ Natalie war genervt. Angelika zitterte. Ich? Ich lief los. Wie hypnotisiert. Die Frau verschwand – wie Rauch im Wind. Ich blieb vor der Statue stehen. Sie war riesig. Grün von Moos, blutrot an den Lippen. Ein Dolch in der Hand. Ein Name am Sockel: „Helena.“ Mein Herz raste. Ich schaute auf den Boden. Spürte es. Genau hier. „Was tust du?!“ Angelika. „Keine Ahnung… habt ihr nie amerikanische Horrorfilme gesehen?! Ich grab, okay?!“ Meine Nägel voller Matsch. Dann…„KLONG.“ Ein dumpfer Schlag. Ich hatte was getroffen. „Helft mir, ihr Huren!“ „Mit Liebe.“ Wir zogen gemeinsam eine große, moosige Schatulle aus der Erde. Sie war aus dunklem Holz, eingraviert mit okkulten Zeichen – einer Eule, einer Sonne, einem Totenschädel mit Krone. Staub rieselte wie Asche vom Deckel. Ich holte den Schlüssel hervor. Er passte. „Omg…“ Drinnen lag… Eine Halskette. Aber keine normale. Sie war schwer. Aus dunklem, fast schwarzem Gold. Verziert mit einem blutroten Rubin in Form eines Auges. Das Auge… pulsierte leicht. Darum herum Gravuren: alte Schrift, die aussah wie Runen, die heulen könnten. Der Anhänger war eingefasst in ein Spinnennetz aus silbernen Fäden – so fein, dass es aussah, als würde es gleich zerreißen… aber du wusstest: Wenn du’s berührst, bist du gefangen. Die Kette roch nach Rosen. Und Eisen. Und einer Vergangenheit, die dich irgendwann einholen wird. „Omg, du bist reich! Verkauf den Scheiß, girl!“ Natalie glotzte das Ding an, als wär’s ein Lotto-Gewinn mit Beipackfluch. Ich zog sie mir um. „Leute… seh ich aus wie Omi?“ Meine Stimme brannte. „Nein…“ Angelika grinste. „Du siehst aus wie Omi auf Crack.“ Wir lachten. Wieder. Aber anders. Es war… dieses Lachen, das in Filmen kommt, kurz bevor jemand stirbt. Wir fuhren zurück. Ich stieg aus. Das Haus war dunkel. Mein Vater schnarchte wahrscheinlich irgendwo nackt auf der Couch. „Oliwia!“ Natalie beugte sich raus. „Morgen 7 Uhr – wir holen dich ab zum Flughafen! Und wehe, du verpasst’s, du Hexe!“ „Versprochen.“ Ich grinste. Der Schlüssel… die Kette… der Brief.(Oliwia)Ein Zittern. Ein Pochen im Kopf. Der dumpfe Nachhall von Musik, Stimmen, Schwärze.Dann Licht. Gedämpft. Warm. Verflucht warm.Ich öffnete die Augen. Langsam. Wie durch Honig. Ein Bett. Mein Bett.Ich lag auf dem Rücken – halb. Oder… nein.Nicht ganz.Meine Hand … lag auf etwas. Etwas festem. Warmem. Lebendigem. Haut. Meine Finger zuckten reflexhaft – spürten Muskel. Hart.Durchtrainiert. Langsam wanderte mein Blick an meiner Hand hoch, über die Adern auf dem Arm, die sehnigen Linien, bis mein Herz kurz aussetzte.Brust. Männerbrust. Ich lag – auf einer Männerbrust. Ich drehte langsam meinen Kopf. Und da war er.Aiden.Ich hatte noch meine Kleidung von gestern an. Er auch.Sein Gesicht seitlich gedreht. Seine Lippen leicht geöffnet. Seine Wimpern verdammt lang. Der typische Ausdruck von Arroganz selbst im Schlaf. Schwarzes Shirt verrutscht.Ich konnte den Ansatz seiner V-Kerbe sehen. Und die Tätowierung auf seinem Schlüsselbein. Fuck.Meine Knie wurden weich, obwohl ich lag.
(Aiden)Ich lehnte mich mit verschränkten Armen an die Wand und musterte die Jungs.Sie sahen aus wie die reinsten studenten-Ficker – Viktor im tief aufgeknöpften Hemd, Elijah trug sein Grinsen wie ‘nen Schwanz auf der Stirn, und Kyle hatte die Sonnenbrille noch drinnen auf. Warum auch nicht? Wir sind ja keine Philosophiestudenten.Viktor murmelte: „Ich würd was dafür geben, Oliwia nochmal zu sehen …“Elijah: „Bro, auf der Party gibt’s hundert Oliwias!“Kyle: „Allein in diesem Raum laufen mindestens drei rum, die deinen Daddy-Issues gerecht werden, Alter.“Ich schmunzelte. Der Geruch von billigem Parfum, Wodka-Red Bull und gebratenem Chicken-Nugget-Schwanz lag in der Luft. Überall glitzernde Kleider, Mädchen, die aussahen wie sie gleich ’nen Sozialmedia-Tanz aufführen würden, und Typen, die aussahen, als hätten sie zu viel „Alpha-Coach“-Videos gesehen.studente-Vibes deluxe.Wir liefen zur Aula – buntes Licht, Bässe, die in den Magen hämmerten, ein DJ, der aussah, als wäre er auf Spee
Flughafen Rzeszów – 06:41 UhrIch stand da.Mit meiner Handtasche, meinen Augenringen und meinem verkorksten Leben.Der Koffer war schon weg – hoffentlich kam der wenigstens heil an, auch wenn’s mein Gehirn heute nicht tat.Neben mir:Natalie, die nach Vodka roch.Angelika, die versuchte, nicht zu weinen und dabei aussah wie ein verprügelter Waschbär.Und meine Mutter, die mich mit diesem „Ich liebe dich, aber sag es nie laut, sonst wein ich“-Blick ansah.„Oliwia…“„Mama, bitte… sag nix, sonst fang ich an zu heulen wie’n polnischer Chorknabe.“Und ich tat’s.Ich umarmte sie alle.Tränen. Mascara. Abschiedsschmerz. Alkoholgeruch.Dann kam die Durchsage.„Final boarding call to Oxford.“Ich trat durch das Gate.Im FlugzeugMeine enge Jeans zwickte.Mein Kopf hämmerte.Kater-Level: 3000.Ich trug eine übergroße Sonnenbrille wie eine Paparazzi-geplagte B-Promi-Polin.Ich setzte mich. Fensterplatz.Und da saß er.Neben mir:Ein Business-Man, schätzungsweise Mitte 40, der aussah wie ein ge
„Ich bin der Notar von Helena Kowalska.“Er ließ den Namen langsam fallen, als wäre er eine kalte Kette aus Metall.Ein Raunen ging durch den Raum. „Sie hat verfügt… dass ihr Testament erst gesprochen werden darf, wenn sie unter der Erde liegt.“Einige rutschten nervös auf den Stühlen. Andere tauschten skeptische Blicke.Jeder hier hatte gedacht, dass Helena nichts hatte nichts als strenge Blicke, Schweigen und eine Sammlung alter, vergilbter Bücher. „Was für’n Testament?“, murmelte meine Cousine Marta.„Wahrscheinlich ihr altes Teeservice“, spottete jemand anderes.„Wenn überhaupt, vererbt sie uns Schulden“, murrte mein Onkel.Aber als der Notar meinen Namen verlas – laut, deutlich – „Oliwia Kowalska.“drehte sich der ganze Raum zu mir um.Ein kollektives Murmeln erhob sich. „Was hat die denn mit dem Testament zu tun?“ „Die war doch nie da…“„Die kommt nur, um sich was zu holen… typisch.“„Westgör…“Ich spürte die Blicke auf meiner Haut. „Können wir irgendwo ungestört sprechen?“
„LOS wir kommen sonst zu spät Kurwa“! Ich hörte meine Mutter neben an schreien und murmeln. „Kurwa ta dziewczyna zabiera mnie do grobu“ („Verdammt, dieses Mädchen bringt mich ins Grab.“) Ich mochte meine Großmutter nicht.Ich weis wie herzlos das klingt aber ich hätte mehr erwartet. Vielleicht lag es daran, dass sie mich nie wirklich ansah, wenn wir uns trafen, oder daran, dass ihre Augen immer so wirkten, als würde sie in mir nach etwas suchen – und es nicht finden. Vielleicht lag es auch einfach daran, dass sie mich nie so behandelt hatte, wie eine Großmutter ihr Enkelin behandeln sollte. Keine warmen Umarmungen, keine liebevollen Worte. Nur dieses strenge, prüfende Schweigen. Doch trotzdem stand ich jetzt hier, in meinem kleinen Zimmer in einer winzigen Wohnung in Polen, und zog mich für ihre Beerdigung an. Ich war nur noch für ein paar Tage hier. In 2 Tage würde ich in die Vereinigten Königreich fliegen. Mein Visum lag sorgfältig zwischen den Seiten eines Buches auf meinem







