LOGINKapitel 2 – Der König von Blackthorn
„Das ist mein Ehemann?“ Sie konnte den Blick nicht abwenden.
Nyra starrte ihn nur an, während ihre Füße sich weigerten, sich zu bewegen. Er war definitiv nicht das, was sie sich vorgestellt hatte. Der Mann vor ihr war ohne Zweifel atemberaubend.
Er war groß, einschüchternd und ausdruckslos. Es lag etwas fast Unwirkliches in der Art, wie seine Gesichtszüge zusammenpassten, das es ihr schwer machte, wegzusehen. Seine Augen fesselten sie am meisten. So dunkel und intensiv, dass sie direkt durch sie hindurchsahen.
Nyra blinzelte mehrmals, als sie jemanden im Hintergrund räuspern hörte. Plötzlich wurde ihr klar, dass sie ihn zu lange angestarrt hatte, und senkte den Blick.
Sie zwang sich, so zu wirken, als hätte sie das Gesehene nicht beeindruckt, und stellte sich neben ihn. Aus der Nähe war er noch schwieriger zu ignorieren. Sie konnte schwach etwas Sauberes und Kaltes an ihm riechen – den Geruch von Winterluft und dunklem Holz.
„Reiß dich zusammen, Nyra“, sagte sie zu sich selbst.
Der Priester sah sie beide einen Moment lang an, und als sie ihre Hand in die des Königs legte, begann die Zeremonie. Er sprach von der Vereinigung ihrer Königreiche, von Treue, Frieden und den Verantwortungen, die mit der Krone einhergingen.
„Nimmst du, Nyra von Eldermere, den König von Blackthorn zu deinem Ehemann, um in Pflicht an seiner Seite zu stehen und die Verantwortungen der Krone zu teilen?“
„Ja“, sagte Nyra. Ihre Stimme war fest, aber ihre Hände fühlten sich kalt in den Handschuhen an.
Der Priester wandte sich an ihn. „Und nimmst du, König von Blackthorn, Nyra von Eldermere zu deiner Frau, um in Pflicht an ihrer Seite zu stehen und die Verantwortungen der Krone zu teilen?“
„Ja“, antwortete er. Seine Stimme war ruhig und kontrolliert, als würden die Worte ihn nicht fürs Leben binden.
Dann kamen die letzten Worte. „Mit der mir verliehenen Autorität erkläre ich euch zu Mann und Frau.“
Applaus erfüllte die Halle und kurz darauf setzte die Musik ein. Adlige aus beiden Königreichen traten vor, um ihre Glückwünsche auszusprechen. Nyra lächelte, wenn sie sollte, nahm ihre Worte entgegen und nickte zur richtigen Zeit, aber sie nahm das meiste kaum wahr. Der einzige klare Gedanke in ihrem Kopf war, dass es vorbei war. Sie war jetzt verheiratet, und in den Augen aller Anwesenden gehörte sie ihm nun.
Die Feierlichkeiten dauerten Stunden. Essen wurde serviert, Gespräche flossen, und der Himmel hinter den hohen Fenstern färbte sich in einem dunkleren Blau. Als die letzten Gäste zu gehen begannen, fühlte sich die Halle leerer und stiller an, und Nyra bekam nur kurze Zeit, um Abschied zu nehmen.
Ihre Mutter erreichte sie zuerst. In ihren Augen waren sichtbare Tränen. Sie zog Nyra in eine enge Umarmung, eine Umarmung, die weit mehr Gewicht trug, als man sehen konnte.
„Mein Schatz“, flüsterte Königin Elena mit zitternder Stimme.
„Ich werde dich jeden Tag vermissen. Die ganze Burg wird so still sein ohne dich“, fügte ihre Mutter leise hinzu.
„Ich werde dich auch vermissen, Mutter“, sagte Nyra mit einem leichten Lachen.
„Ich weiß.“ Ihre Mutter löste sich und berührte sanft ihre Wange. „Aber vergiss nie, wer du bist. Verliere dich niemals, egal wohin das Leben dich führt. Wir werden immer für dich da sein, wann immer du uns brauchst.“ Ein trauriges Lächeln spielte auf ihrem Gesicht.
Nyra nickte, schluckte schwer und kämpfte gegen den Drang zu weinen. Dann trat ihr Vater an sie heran. König Aldric sah seine Tochter lange an, bevor er eine Hand auf ihre Schulter legte.
„Du trägst heute mehr als nur deine eigene Zukunft, Nyra“, sagte er leise. „Du trägst die Hoffnung unseres Königreichs. Vergiss nie, dass du meine Tochter bist, bevor du jemandes Königin bist.“
Nyra lächelte schwach. „Das werde ich nicht, Vater.“
„Deine Mutter, das gesamte Königreich Eldermere und ich sind stolz auf dich. Und denk daran, dass ich dich immer lieben werde.“
„Ich liebe dich auch.“ Er umarmte sie.
Dann kam der Moment, den sie gefürchtet hatte.
Die Kutsche wartete bereits im Hof. Blackthorn lag weit entfernt, und sie mussten noch in der Nacht aufbrechen, wenn sie bis zum nächsten Abend ankommen wollten. Ihre Mutter stand neben ihrem Vater am Eingang der Burg.Ihre Familie, ihr Zuhause, alles, was sie je gekannt hatte.
Sie hatte Wochen damit verbracht, sich selbst daran zu erinnern, dass dies der einzige Weg war, ihrem Volk zu helfen, aber keine der Erinnerungen reichte aus, um das Zurücklassen ihres Volkes leicht zu machen.
„Es ist Zeit.“ Sie schluckte schwer, als ihr Ehemann ihre Hand nahm und sie zur Kutsche führte. Nyra blickte ein letztes Mal zurück. Sie schenkte ihnen ein kleines Lächeln und hob die Hand zum Abschied. Ihre Augen brannten, aber sie ließ die Tränen nicht fallen.
Er half ihr hinein und stieg dann hinter ihr ein. Die Tür schloss sich, und einen Moment später begannen die Pferde sich zu bewegen.
Nyra wandte sich dem Fenster zu und sah zu, wie ihr Zuhause hinter ihnen schrumpfte. Die Lichter im Burgturm brannten noch, und einige Menschen standen dort und sahen zu, wie sie fortfuhr – alles glitt in die Dunkelheit. Sie schaute nicht weg, bis alles hinter den Bäumen verborgen war.
Sie wusste nicht, was für ein Leben auf sie wartete oder was die Zukunft dort für sie bereithielt. Alles, was sie wusste, war, dass sie alles zurückließ, was sie je gekannt hatte.
Und dass sie fast nichts über den Mann an ihrer Seite wusste, der den Titel „ihr Ehemann“ trug, machte sie angespannt und unruhig. Er saß schweigend da, die Augen geschlossen, sein Gesicht undurchschaubar.
Was sich noch seltsamer anfühlte, war die Luft um ihn herum. Sie war anders, schwerer, als sie sein sollte. Sie spürte etwas Unnatürliches an seiner Gegenwart, das Schauer über ihren Rücken jagte.
Nyra blickte auf ihre Hände und sah, dass sie ihr Kleid so fest umklammert hatte, dass ihre Knöchel fast weiß waren. Sie wollte die Warnung in ihrem Bauch so sehr ignorieren, aber es war bereits geschehen und es gab kein Zurück. Sie hoffte nur, dass sie es nicht bereuen würde.
Kapitel 8 – Sein letztes WortIn dem Moment, als sich die großen Doppeltüren öffneten, wandten sich alle Blicke im Raum ihm zu.Kael betrat den Ratssaal mit ruhigen, un hastigen Schritten. Seine Stiefel hinterließen leise Klickgeräusche auf dem Boden. Sein schwarzer Mantel, bestickt mit Gold und schwachen Wolfs-Motiven, fing das Licht ein, während er sich bewegte. Sein Gesicht zeigte kein Lächeln, sondern blieb kalt und undurchdringlich. Die Atmosphäre im Raum veränderte sich, sobald er eintrat.Alle erhoben sich zugleich. Er schritt zur erhöhten Plattform und setzte sich auf den Thron. Erst danach nahmen die anderen ihre Plätze ein. Eine schwere Stille legte sich über den Saal, bevor die Versammlung offiziell begann.Torin, Kaels rechte Hand, ergriff als Erster das Wort.„Eure Majestät, diese Zusammenkunft wurde wegen der Prophezeiung … und der Entscheidung, die daraus folgte, einberufen.“Das Wort „Prophezeiung“ löste leises Gemurmel im Raum aus. Einige Ratsmitglieder verrückten sic
Kapitel 7 – Manche Dinge bleiben besser ungesagtEin leises Klopfen an der Tür riss Nyra aus ihren Gedanken. Zwei junge Frauen, fast in ihrem Alter, traten mit gesenkten Köpfen ein. Da bemerkte Nyra die auffallende Schönheit, die beide besaßen – etwas, das sie an Kael erinnerte.Sie trugen ähnliche dunkle Kleidung. Eine trug einen Korb, die andere hielt Lotionen und duftende Seifen.„Guten Morgen, Eure Hoheit“, begrüßten sie sie.„Ich bin Lydia, und das ist Vera. Wir wurden von Seiner Majestät als Ihre persönlichen Zofen eingeteilt. Wir sind immer da, wenn Sie etwas brauchen“, sagte die größere. Sie hatte blutrotes Haar und leuchtend braune Augen. Vera wirkte ruhiger, mit dunklen Locken und ähnlich hellbraunen Augen.Nyra stand vom Bett auf und ging auf sie zu. Sie war nicht in der Stimmung für ein Gespräch.„Ich möchte jetzt baden“, sagte sie und zwang sich zu einem kleinen Lächeln.„Wir bereiten es sofort vor“, antwortete Lydia und ging ins Bad.„Während sie dein Bad vorbereitet, he
Kapitel 6 – Das Gold in seinen AugenNyra stand unbeweglich im Türrahmen der Kutsche. Ihr Blick war auf den Mann gerichtet, der mitten auf der Straße stand.Kael.Der Schnee um ihn herum war blutrot gefärbt. Tote Wölfe lagen überall um ihn; einigen fehlten Gliedmaßen, anderen war die Kehle aufgeschlitzt.Seine Hände waren rot, Blut tropfte langsam von ihnen auf den Boden. Eine kleine, aber sichtbare Narbe nahe seinem linken Auge war ihr nicht entgangen. Er wirkte unerwartet ruhig für jemanden, der mitten in einem Gemetzel stand, nach einem Angriff wilder Wölfe.Dann hob er den Kopf, und seine Augen fingen für einen Moment das Licht ein. Ein goldener Schimmer blitzte auf, bevor sie wieder ihre übliche dunkle Farbe annahmen.Nyra blinzelte mehrmals. Sie wusste, dass ihre Augen sie in diesem entscheidenden Moment nicht täuschen würden. Sie hatte es gesehen – goldene Funken in seinen Augen.Und sie konnte es nicht verstehen. Etwas an ihm fühlte sich zutiefst falsch an.„Kael…“ Sein Name e
Kapitel 5 – Blut im SchneeNyra saß auf dem Boden der Kutsche, die Knie fest an die Brust gezogen.Knochenerstarrende Knurrlaute füllten ihre Ohren, Geräusche kamen aus mehr als einer Richtung. Bevor sie vollständig begreifen konnte, was geschah, ertönte ein scharfer Schrei von der Vorderseite der Kutsche. In diesem Moment wurde ihr klar, dass der Kutscher draußen war mit dem, was sie angriff. Seine Stimme wurde plötzlich von einem kurzen, erstickten Schrei abgeschnitten, und danach hörte sie nichts mehr von ihm.Klauen schabten über das Holz der Kutsche, während Körper im Schnee aufeinanderprallten, gefolgt von lauten Schreien, die sie jedes Mal zusammenzucken ließen. Sie kniff die Augen zusammen und presste beide Hände über die Ohren, um den Lärm auszublenden.Ein weiterer Aufprall erschütterte die Kutsche so heftig, dass sie den Rand des Sitzes greifen musste, um nicht flach auf den Boden zu fallen. Ihr Atem wurde flach, während sie dem Chaos draußen lauschte.Es gab ein weiteres K
Kapitel 4 – Der GasthofIn dem Moment, als Nyras Augen aufgingen, erstarrte sie.Sie war langsam erwacht wegen des Geräuschs der Räder, die über Steine ratterten, aber sie hielt die Augen geschlossen. Sie fühlte sich unerwartet warm, wärmer als während des größten Teils der Reise.Die sanfte Bewegung der Kutsche hätte sie beinahe wieder einschlafen lassen. Als sie sich bewegte, um bequemer zu liegen, spürte sie etwas Festes an ihrer Seite. Als Nyras Augen sich schließlich öffneten, war das Erste, was sie sah, ein gutaussehendes Gesicht direkt über ihr.Kaels Augen waren geöffnet und blickten auf sie herab. Ihre Wange hatte auf seiner Schulter gelegen, während sie an ihn gelehnt geschlafen hatte. Ein Arm war lose um sie gelegt, um sie zu halten, wann immer die Kutsche sich bewegte.Panik erfasste sie sofort, und sie stieß sich so heftig von ihm weg, dass sie mit dem Rücken gegen die gegenüberliegende Wand der Kutsche prallte. Ihr Herz raste unkontrolliert gegen ihren Brustkorb.Kaels A
Kapitel 3 – Der Weg nach Blackthorn„Hast du Angst?“ Seine tiefe Stimme hallte in der Kutsche wider und ließ die bereits angespannte Nyra zusammenzucken. Mit absichtlicher Langsamkeit drehte sie sich zu ihm um. Als sie ihn ansah, waren seine Augen geöffnet und starrten direkt in ihre.Während der gesamten Fahrt hatte Nyra mit geradem Rücken gesessen, die Hände fest im Schoß gefaltet. Draußen am Fenster gab es nichts als schwarze Bäume und fallenden Schnee. Sie zuckte ab und zu zusammen, wenn die Räder der Kutsche in tiefe Löcher der unebenen Straße fielen. Sie hatte ihren Umhang eng um sich gezogen, aber die Kälte drang trotzdem durch die Lücken.Sie versuchte so gut wie möglich, den Mann nicht anzusehen, der ihr gegenüber saß. Er hatte seit dem Verlassen der Burg nicht gesprochen. Seine Augen waren geschlossen, ein Arm ruhte an der Seite der Kutsche, als wäre die Reise nichts weiter als eine leichte Unannehmlichkeit. Das Schweigen zwischen ihnen fühlte sich dicker an als die Winterlu







