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Der Weg nach Blackthorn

Author: dee🕊️
last update publish date: 2026-10-25 22:57:59

Kapitel 3 – Der Weg nach Blackthorn

„Hast du Angst?“ Seine tiefe Stimme hallte in der Kutsche wider und ließ die bereits angespannte Nyra zusammenzucken. Mit absichtlicher Langsamkeit drehte sie sich zu ihm um. Als sie ihn ansah, waren seine Augen geöffnet und starrten direkt in ihre.

Während der gesamten Fahrt hatte Nyra mit geradem Rücken gesessen, die Hände fest im Schoß gefaltet. Draußen am Fenster gab es nichts als schwarze Bäume und fallenden Schnee. Sie zuckte ab und zu zusammen, wenn die Räder der Kutsche in tiefe Löcher der unebenen Straße fielen. Sie hatte ihren Umhang eng um sich gezogen, aber die Kälte drang trotzdem durch die Lücken.

Sie versuchte so gut wie möglich, den Mann nicht anzusehen, der ihr gegenüber saß. Er hatte seit dem Verlassen der Burg nicht gesprochen. Seine Augen waren geschlossen, ein Arm ruhte an der Seite der Kutsche, als wäre die Reise nichts weiter als eine leichte Unannehmlichkeit. Das Schweigen zwischen ihnen fühlte sich dicker an als die Winterluft, und jetzt, da er endlich sprach, fand sie nicht einmal die richtigen Worte für eine Antwort.

„N-nein, Eure Hoheit“, stammelte sie und nahm den Blick von ihm. Sie musste sich entspannen. Dieser Mann war kein Fremder mehr. Er war ihr Ehemann.

„Nyra“, rief er, und sie wusste nicht warum, aber ihr stockte der Atem. Der Klang ihres Namens aus seinem Mund schickte ein seltsames Gefühl durch sie. „Kennst du meinen Namen?“ fragte er.

„N-natürlich kenne ich ihn.“

„Dann benutze ihn, wenn wir allein sind.“

„Ja, Eure… äh, ich meine, König Kael.“

Seine Brauen runzelten sich, was Nyra zusammenzucken ließ. „Lass den Titel weg, Nyra.“

„K-Kael“, sagte sie gehorsam, während ihre Augen umherwanderten. Überraschenderweise war es nicht so schwer, wie sie sich vorgestellt hatte.

Nyra biss sich auf die Lippe, aber bevor sie etwas sagen konnte, fuhr er fort.

„Ich bin jetzt dein Ehemann, Nyra.“ Seine Stimme war leiser, aber fester als zuvor. Er beugte sich leicht vor, genug, dass der Raum zwischen ihnen kleiner wirkte. Sein dunkler Blick hielt den ihren und wich nicht ab.

„Ich habe dieser Ehe zugestimmt, und das bedeutet, dass deine Sicherheit meine Verantwortung ist. Also hör auf, dich jedes Mal anzuspannen, wenn ich mit dir spreche.“ Er hielt inne, seine Hand hob sich leicht, als wolle er ihr Gesicht berühren, und nach kurzem Überlegen legte er sie wieder auf sein Knie.

„Ich mag es nicht, wenn meine Frau mich ansieht, als würde ich ihr gleich etwas antun.“ Nyra schluckte. Ihr Herz schlug zu schnell, aber sie zwang sich zu nicken. Erst dann lehnte er sich zurück und schloss wieder die Augen.

Sie löste langsam den Blick von seinem Gesicht und heftete ihn wieder an das Fenster. Egal wie sehr sie versuchte, sich auf die Aussicht zu konzentrieren, ihre Gedanken drifteten immer wieder zu ihm.

„Was für ein Ehemann wollte er sein?“  

Bestimmt nicht der Typ, den sie sich immer gewünscht hatte. Sein kaltes und unzugängliches Wesen ließ keine Hoffnung auf einen warmen und liebevollen zu.

„Er war ein König – warum reiste er allein und unbewacht?“  

Andere Könige bewegten sich mit einer Schar von Wachen zur Sicherheit.

„Was erwartete sie in seiner Burg?“ Blackthorn war ein verborgenes Königreich, seine Geschichte war fast allen unbekannt, nur wenigen bekannt.

Immer noch in ihren Gedanken verloren, machte die Kutsche plötzlich einen Ruck. Nyras Schulter stieß gegen die Wand, und bevor sie sich fangen konnte, schloss sich eine ruhige Hand um ihren Oberarm und hielt sie fest.

Sie blickte auf. Er ließ sie los, sobald sie wieder fest saß, als wäre der Kontakt rein praktisch gewesen.

„Du solltest dich festhalten“, sagte er. Seine Stimme war tief und gleichmäßig. „Die Straße wird ab hier schlechter.“

„Ich werde.“ Sie zog ihren Arm zurück und richtete ihren Umhang. „Danke.“

Er nickte kurz und sah weg.

Nyra starrte auf die Stelle, wo seine Hand gewesen war, und schaute dann ebenfalls schnell weg. Sie krallte ihre Finger in ihr Kleid und zwang sich, wieder aus dem Fenster zu sehen.

Die Zeit verging langsam. Die einzigen Geräusche waren das Knarren der Räder und das gelegentliche Schnauben der Pferde.

„Du bist still“, sagte Kael plötzlich.

Sie drehte den Kopf. Seine Augen waren wieder geöffnet und beobachteten sie mit demselben undurchschaubaren Ausdruck.

„Ich schätze, ich habe nicht viel zu sagen“, antwortete sie.

„Die meisten Menschen in deiner Position hätten Fragen.“

Nyra zögerte. „Würdest du sie beantworten, wenn ich sie stellte?“

Ein schwacher Anflug von etwas, das nicht ganz Amüsement war, huschte durch seine Augen. „Einige davon.“

Sie bedachte das einen Moment. „Blackthorn – wie ist es dort?“

„Kalt, still, anders als das, was du gewohnt bist.“

„Wie anders?“

„Du wirst es sehen, wenn du dort ankommst.“ Es war keine große Antwort, aber genug, dass sie wusste, Blackthorn war mehr, als sie erwartet hatte.

„Du bist… du bist sehr jung König geworden“, stammelte sie.

„Das bin ich.“ Seine Antwort war kurz.

„Warum ist niemand aus deiner Familie zur Hochzeit gekommen?“

Kaels Augen blieben auf ihr. „Das spielt keine Rolle.“ Aus seinem Ton war klar, dass er nicht weiter erklären würde.

Nyra blickte auf ihre Hände. Sie wusste, dass sie in diese Richtung nicht weiter bohren sollte. „Werde ich erwartet, an Versammlungen teilzunehmen und mich zu zeigen?“

„Wenn nötig“, antwortete er. „Vorerst wirst du Zeit haben, dich einzugewöhnen.“

Die Art, wie er es sagte, klang eher nach einem Befehl als nach Güte. Sie nickte einmal und ließ das Gespräch dort enden.

Die Kutsche fuhr weiter. Schnee hatte sich an den Rändern des Fensters abgesetzt, und Nyras Füße waren in den Schuhen taub vor Kälte. Sie rückte leicht, um etwas Wärme zu erzeugen, und die Bewegung ließ den Sitz knarren.

„Dir ist kalt“, bemerkte er.

„Mir geht’s gut.“

Er musterte sie einen Moment, dann griff er nach einer dunklen Decke, die neben ihm zusammengefaltet lag. Er hielt sie ihr wortlos hin.

Nyra starrte darauf. Die Decke anzunehmen, fühlte sich seltsam intim an für zwei Menschen, die nur wenige Sätze miteinander gesprochen hatten, aber sie abzulehnen wäre kindisch, und außerdem fror sie zu Tode. Also nahm sie die Decke und breitete sie über ihre Beine.

„Danke“, sagte sie leise.

Kael gab keine Antwort. Er lehnte den Kopf zurück und schloss wieder die Augen, als sei die Sache erledigt.

Nyra saß unter der Decke, das schwere Tuch trug einen schwachen Hauch desselben kalten, sauberen Geruchs, den sie am Altar bemerkt hatte. Sie sah den Bäumen zu und versuchte, nicht zu sehr über den Mann nachzudenken, der ihr gegenüber saß.

Hohe, dunkle Bäume standen zu beiden Seiten der Straße, ihre Äste schwer von Schnee, bewegten sich langsam im Winterwind. Irgendwo dahinter lag Blackthorn, ihr neues Zuhause.

Nyra lehnte den Kopf an die Wand der Kutsche. Sie fragte sich, was am Ende der Straße auf sie wartete, und aus Gründen, die sie nicht erklären konnte, hatte sie das unbehagliche Gefühl, dass Blackthorn sehr anders sein würde als alles, was sie sich vorgestellt hatte.

Langsam, immer noch in Gedanken verloren, konnte Nyra die Augenlider nicht mehr offen halten und schlief ein.

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