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Der Fremde am Altar

last update Veröffentlichungsdatum: 25.10.2026 22:52:24

Kapitel 1 – Der Fremde am Altar

„Vertrau ihm niemals ganz, meine Prinzessin“, flüsterte ihre Zofe, während sie mit zitternden Händen die Schnüre ihres Kleides zuzog, sodass es sich zu eng um ihre Brust legte.

„Man sagt, er ist nicht… ganz ein Mann.“

Nyra lachte leise darüber hinweg.

Sie glaubte, sie ginge einer Ehe entgegen, einem Ehemann.  

Sie hatte keine Ahnung, dass sie einem Biest entgegenlief.

.

.

.

Nur noch wenige Schritte trennten sie von der Ehe mit einem Fremden. Nyra hielt den Blick gesenkt, während sie den Gang hinunterging und verzweifelt gegen den Drang ankämpfte, sich umzudrehen und aus dieser erdrückenden Umgebung zu fliehen. Die Türen der Burg waren bereits mit einem lauten Knall hinter ihr zugefallen, und Adlige aus beiden Königreichen beobachteten sie schweigend von den Seiten der Halle aus. Ihre Flüsterworte wurden von der leisen Musik übertönt, die den Raum erfüllte. Es gab kein Entkommen mehr. Das war endgültig.

Mit jedem Schritt ballten sich ihre Finger fester um die voluminösen Falten ihres Kleides, während sie an den neuen Titel dachte, den sie nun trug.

„Die zukünftige Königin von Blackthorn.“ Der Titel fühlte sich immer noch sehr fremd an.

Als sie weiterging, erblickte sie ihren Vater am Ende des Ganges neben dem Altar. Sein Ausdruck war stolz, aber Nyra wusste, dass darunter echte Sorge und Unruhe lagen. Ihre Mutter stand neben ihm, gefasst wie immer. Königin Elena fing den Blick ihrer Tochter auf, und für ein paar Sekunden sahen sie sich nicht voneinander ab.

Die tröstenden Worte ihrer Mutter kehrten langsam zu ihr zurück.

„Ich will das nicht tun.“

„Ich weiß, dass du es nicht willst.“

„Warum dann?“ Ihre Stimme war kaum hörbar.

„Nyra, in den Adel geboren zu sein bringt Verantwortungen mit sich, um die wir nie gebeten haben – Dinge, die unvermeidlich sind.“ Nyra hatte diese Worte gehasst, aber noch mehr hasste sie, dass sie verstand, was ihre Mutter meinte.

„Also bin ich die Allianz?“ Eine schwere Stille folgte.

„Unser Königreich geht die Möglichkeiten aus.“ Sie verstand, dass eine Krone manchmal Opfer verlangt, die ein Herz nie bringen würde.

„Und wenn wir uns nicht mögen?“ fragte Nyra, was ihre Mutter schwach lächeln ließ.

„Vielleicht werdet ihr es lernen.“

„Du musst ihn heute nicht lieben.“ Die Stimme ihrer Mutter war sanft gewesen. „Du musst ihm heute nicht einmal vertrauen.“ Während sie weitersprach, richtete sie die goldenen Blumenstecker in Nyras Haar.

Nyra starrte sie mit gerunzelter Stirn an. „Was genau soll ich dann tun?“

Ihre Mutter hatte nicht sofort geantwortet. Stattdessen hatte sie einfach nach Nyras Händen gegriffen.

„Tu, was nur du tun kannst. Du wirst nicht fortgeschickt, weil wir dich nicht lieben. Du tust das um deines Volkes willen.“ Damals hatte Nyra es nicht verstanden, aber jetzt tat sie es.

Eine politische Ehe zwischen ihr und dem König von Blackthorn. Eine Prinzessin, die über die Grenze geschickt wurde, im Tausch für eine Allianz, die stark genug war, um ihr Volk zu schützen. Zuerst hatte sie sich vor dem Gedanken gesträubt, einem völligen Fremden anverlobt zu werden. Andere Prinzessinnen heirateten Männer ihrer Wahl, und hier war sie, gezwungen, ein Leben mit jemandem zu teilen, über den sie fast nichts wusste.

Während sie ging, strich der Saum ihres saphirblauen Kleides bei jedem Schritt über den polierten Boden. Sie sah heute wirklich schön aus – vielleicht zu schön für jemanden, der gegen ihren Willen zu etwas gezwungen wurde.

Als sie dem Altar nahe war, griff ihr Vater nach ihrer Hand und sie legte sie in die seine.  

Seine Finger schlossen sich für einen kurzen Moment um ihre.  

„Du musst keine Angst haben“, murmelte er.

Nyra hätte fast gelacht. In diesem Moment spürte sie nur Angst und Druck, aber sie konnte nur nicken. Ihr Volk brauchte Schutz, und wenn das bedeutete, eine Allianz zu werden, um Stabilität zu bringen, dann würde sie es tun.

Es basierte nur auf Pflicht und nichts anderem.

„Sei stark, Nyra, um deiner Familie und Eldermere willen“, erinnerte sie sich selbst.

Ihr Vater sah sie noch eine Sekunde lang an, bevor er sie zum Altar führte.

Nyra spürte, wie sich ihre Brust zusammenzog, als sie merkte, dass er ihre Hand losgelassen hatte und niemand mehr zwischen ihr und dem Fremden stand, der auf sie wartete. Als sie die letzten Schritte machte, blieb ihr Blick gesenkt und fest auf den Boden gerichtet.

Sie versuchte so sehr wie möglich, sich auf alles andere zu konzentrieren außer auf den Mann vor ihr, doch die Neugier gewann langsam. Seit dem ersten Tag, an dem man ihr von der arrangierten Ehe erzählt hatte, hatte sie sich immer gefragt, wie ihr vorgesehener Ehemann aussehen würde.

„War er alt? War er streng? Würde er sie überhaupt wollen?“

Sie schluckte nervös, während Millionen von Fragen durch ihren Kopf rasten. Nur noch wenige Schritte, und sie stand direkt vor ihm.

Schließlich hob sie den Blick, und als sich ihre Augen trafen, hörte sie instinktiv auf zu atmen. Alles in ihr erstarrte. Ihre Lippen öffneten sich, doch keine Worte kamen heraus. Sie starrte einfach nur…

Der Mann, der vor ihr stand, war nichts wie das Bild, das sie sich in ihrem Kopf gemacht hatte – nicht einmal annähernd.

Ihre Finger lösten sich aus dem engen Griff um ihr Kleid und fielen an ihre Seiten. Zum ersten Mal an diesem Tag dachte Nyra weder an Eldermere, die Allianz, ihre Pflicht noch an die Flucht. Sie konnte nur den Fremden anstarren, der vor ihr stand.

Dann kam endlich der Gedanke…

„Das ist mein Ehemann?“

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