LOGINDamien Blackwood
Ich runzelte die Stirn und blickte auf die Frau hinunter, die ausgestreckt auf meinem Bett lag und nichts außer Dessous trug. Warum passiert mir das ständig? Das ist längst kein Zufall mehr. Als ich das letzte Mal eine halbnackte Frau gesehen hatte, die ihre Beine auf meinen Schreibtisch in meinem Büro gelegt hatte, nur um meine Aufmerksamkeit zu erregen, war die nächste bei einem Meeting mit meinem Geschäftspartner aufgetaucht. Ihre eigene Tochter hatte ihre Beine auf meinen Schreibtisch gelegt und ebenfalls versucht, meine Aufmerksamkeit zu bekommen. Eine andere Frau hatte ich auf meinem Stuhl liegend vorgefunden. Warum sind alle Frauen gleich? Warum wollen sie unbedingt meine Aufmerksamkeit erregen? Ich wusste genau, woher das alles kam: von meinem Vater. Der alte Mann zwang jede von ihnen, mich zu verführen. Aber ich hatte kein Interesse an ihnen. Moment mal, ich habe nie behauptet, dass ich keinen Sex hatte. Ich bin schließlich immer noch ein Mann. Ich mag Intimität. Wenn mir danach ist, läuft es einfach wie eine Vereinbarung ab: Sie kommt zu mir, und wir haben gemeinsam unseren Spaß. Aber nein, mein Kind, ich war nie bereit für etwas Ernstes. Das machte meinen Vater allerdings immer wütend und brachte ihn dazu, sich ständig zu beschweren. „Sorg dafür, dass ich noch ein Enkelkind bekomme! Gib mir wenigstens ein Kind, bevor ich sterbe“, sagte er. Man musste sich nur seine Freunde ansehen. Fast alle hatten bereits Enkelkinder. Jedes Mal, wenn er sie mit ihren Enkeln im Garten spielen sah, wurde er neidisch. Ich hatte meine Frau früh verloren und seitdem keine andere geheiratet. Genau das bereitete meinem Vater ständig Kummer. Deshalb schickte er mir immer wieder Frauen, die mich verführen sollten. Ich war vierzig Jahre alt. Ich hatte meine Frau in jungen Jahren verloren, noch bevor sie mir ein Kind schenken konnte. Es war irgendwie peinlich, mein Alter zu nennen und gleichzeitig zugeben zu müssen, dass ich nicht wieder verheiratet war, keine ernsthafte Beziehung führte und nicht einmal eine Frau hatte, die ich meine Verlobte nennen konnte. Selbst wenn mein Vater jemanden aus meinem näheren Umfeld bat, mich davon zu überzeugen, endlich zu heiraten, wies ich jeden Vorschlag zurück. Ich sagte ihnen, dass ich an keiner dieser Frauen interessiert war. Manchmal bezeichnete ich sie sogar als Abschaum, weil sie nur hinter meinem Geld her waren, nicht hinter meiner Liebe. Sie interessierte lediglich, wie viel ich ihnen zahlen würde oder wie viel mein Vater ihnen versprochen hatte. Versteh mich nicht falsch. Ich hatte meinen Verlust längst überwunden. Ich konzentrierte mich einfach auf meine Geschäfte. Doch der alte Mann glaubte, dass mich der Verlust immer noch belastete. Wenn ich ihm sagte, dass ich kein Interesse hatte, nahm er an, dass ich mich nur gegen meine Trauer wehrte. Ich interessierte mich nicht für ältere Frauen. Also begann er, mir junge Mädchen zu schicken, die mich verführen sollten. Er versprach jeder von ihnen eine hohe Geldsumme, wenn es ihr gelang, mich für sich zu gewinnen und ihm ein Enkelkind zu schenken. Die Vereinbarung war jedoch ganz einfach: Ich würde eine Nacht mit ihnen verbringen und sie anschließend auszahlen. Es war nichts weiter als eine Abmachung für eine einzige Nacht. All die Bemühungen meines Vaters, mich zum Heiraten und dazu zu bringen, ihm ein Enkelkind zu schenken, waren völlig vergeblich. Ich hatte nie Interesse an den Frauen, die er mir ständig schickte. Ich betrachtete das Mädchen, das noch immer in Dessous auf meinem Bett lag und versuchte, mich zu verführen. „Ist das ein Traum?“, flüsterte sie in den Raum hinein. „Träume ich etwa?“ Ich wusste, dass mein Vater mir ständig Frauen schickte. Aber warum hatte er ausgerechnet diese Verrückte geschickt? War sie wirklich so verzweifelt, dass sie unbedingt meine Aufmerksamkeit brauchte? Ich wollte nach meinem Handy greifen. Vielleicht sollte ich meine Sekretärin oder die Rezeption anrufen. Sie sollten diesen Abschaum hier rausschaffen. Sie konnte zu meinem Vater gehen und sich den Rest des Geldes abholen, das er ihr versprochen hatte. Das Mädchen sah mich wieder an. Sie wirkte schläfrig und erschöpft. Wie sollte ich mich bloß auf jemanden wie sie einlassen? Auf keinen Fall. Sie entsprach nicht einmal meinen Ansprüchen. Ich konnte mich unmöglich mit ihr einlassen. Doch dieses Mädchen hatte einen Körper, nach dem sich Männer umdrehen würden: eine schmale Taille, eine wohlgeformte Figur, eine gerade Nase, lange Beine, funkelnde graue Augen, langes schwarzes Haar und weiche, leicht geöffnete Lippen. Sie war einfach wunderschön. Verdammt. Bevor ich es überhaupt bemerkte, ertappte ich mich dabei, wie ich sie musterte. „Habe ich etwa einen erotischen Traum?“, fragte sie und verzog die Lippen zu einem Lächeln. War sie auf den Kopf gefallen, als sie hier hereingeplatzt war? Sie lag in meinem Bett, versuchte mich zu verführen und benahm sich dabei, als wäre sie in irgendeiner Fantasie gefangen. Ich fuhr mir mit der Hand durch die Haare. Verdammt, genau das hatte ich heute Abend nicht gebraucht. Ich war nicht darauf vorbereitet, mich mit irgendjemandem herumzuschlagen. Das war ein Fehler. Ein weiteres Problem, in das ich mich nicht hineinziehen lassen wollte. Innerhalb weniger Sekunden versuchte ich erneut, mein Handy zu erreichen, um meine Sekretärin anzurufen. Sie sollte kommen, dieses Chaos beseitigen und dafür sorgen, dass das restliche Geld ausgezahlt wurde, das mein Vater dem Mädchen versprochen hatte. Doch bevor ich auch nur einen Schritt machen konnte, spürte ich ihre Hände um meine Taille. „Bitte, geh nicht weg. Das ist doch nur ein Traum, oder? Das ist nur ein Traum. Selbst in meinen Träumen will mich niemand haben. Du hast keine Ahnung, wie wertlos ich mich fühlen würde, wenn du mich nicht einmal in meinen Träumen willst. Was soll ich denn tun, wenn der Mann in meinem Traum nichts mit mir zu tun haben will?“ Ich betrachtete sie plötzlich mit anderen Augen. Sie lag auf meinem Bett, ihr Gesicht gegen meinen Unterleib gedrückt, während ihre Hände meine Taille fest umklammerten. Aus diesem Winkel war ihr Gesicht ganz nah, und ich konnte spüren, wie verzweifelt sie sich an mich klammerte. Ihr warmer Atem strich über meine Haut und löste ein unerwartetes Kribbeln in mir aus. „Bin ich etwa nicht attraktiv genug für dich?“ Sue zog ihr Gesicht zurück, sodass ich es deutlich sehen konnte – ihre grauen Augen und ihre strahlende Haut. „Warum will mich niemand? Ich bin schon dreiundzwanzig …“, flüsterte sie, als hätte sie Angst, die Worte laut auszusprechen. „Und ich hatte noch nie einen Mann, dem wirklich etwas daran lag, dass ich mich auch emotional geliebt und begehrt fühle. Dieser Arsch war mein Erster, und nicht einmal er hat mir das Gefühl gegeben, dass ich gewollt bin.“ Sie biss sich auf die Lippe und wandte den Blick ab. Ihre Finger zitterten leicht. „Selbst wenn es nur ein Traum ist“, flüsterte sie, „werde ich ihn annehmen. Ich habe noch nie erlebt, wie sich echte Zuneigung anfühlt. Ich muss wissen, wie es ist, von jemandem begehrt zu werden.“ Mein Blick verdunkelte sich. Ich wusste nicht, ob es ihre Worte waren oder die Tatsache, dass es mir trotz meiner Verärgerung – trotz all der vernünftigen Gedanken, die mir zuriefen, dass ich damit aufhören sollte – zunehmend schwerfiel, ihre Anwesenheit zu ignorieren. „Verdammt.“Sophias SichtKaum hatten sich die Türen des Gerichtsgebäudes geöffnet, richteten sich sämtliche Kameras auf uns.Ich hatte gewusst, dass sie dort sein würden. Doch das machte die Wand aus Objektiven und Stimmen nicht weniger überwältigend. Von allen Seiten prasselten Fragen auf mich ein. Sie überschnitten sich, klangen scharf und mein Name hallte zwischen ihnen wider, als würde er der Öffentlichkeit gehören.„Sophia! Wie fühlen Sie sich nach diesem Urteil?“„Haben Sie damit gerechnet, dass das Gericht zu Ihren Gunsten entscheiden würde?“„Möchten Sie etwas zu Isabellas Anschuldigungen sagen, nachdem diese nun zurückgewiesen wurden?“„Werden Sie und Damien trotzdem heiraten?“Damiens Hand lag wie gewohnt beruhigend an meinem Rücken. Er war bereit, mich durch die Menschenmenge zu führen, so wie er mich während der vergangenen Wochen durch jede schwierige Situation begleitet hatte.Einen Moment lang war ich versucht, ihn einfach machen zu lassen.Es wäre leichter gewesen. Das Auto stand
Sophias SichtIch hatte in der Nacht zuvor kaum geschlafen.Das Warten war zu einer eigenen Art von Belastung geworden. In gewisser Weise lastete es sogar schwerer auf mir als die Kameras und die Schlagzeilen, denn es gab nichts mehr, was ich tun konnte, außer damit zu leben. Damien blieb lange mit mir wach. Er sagte nicht viel, aber er war einfach da. Als ich gegen Morgen schließlich ein wenig einschlief, hielt ich seine Hand noch immer locker umschlossen.Als wir beim Gerichtsgebäude ankamen, fühlte sich alles anders an. Nicht unbedingt ruhiger, sondern angespannter, als wüsste sogar die Luft, dass etwas kurz davorstand, endgültig abgeschlossen zu werden.Reporter säumten die Treppen. Einige riefen meinen Namen. Damiens Hand lag an meinem Rücken, während wir an ihnen vorbeigingen und das Gebäude betraten. Seine Berührung war beruhigend, seine Stille ebenso.Im Inneren roch der Flur zum Gerichtssaal nach Papier, poliertem Holz und der metallischen Schärfe zu vieler angespannter Nerve
Sophias POVIsabella wartete, bis sich der Gerichtssaal vollständig beruhigt hatte, bevor sie aufstand.Ihre Bewegungen wirkten keineswegs theatralisch. Und genau das machte es beinahe noch schlimmer. Sie ging nach vorn wie jemand, der bereits jede sanftere Strategie ausgeschöpft hatte und nun nur noch die schärfste Version der Geschichte übrig hatte, an die das Gericht glauben sollte.Ihr Anwalt versuchte, ihre Aussagen in einen bestimmten Rahmen zu setzen, doch Isabella bat darum, selbst sprechen zu dürfen. Der Richter gestattete es ihr, solange sie sich an gewisse Grenzen hielt.Ich spürte, wie Damien neben mir erstarrte, sobald sie sich dem freien Platz vor dem Gericht zuwandte.„Ich weiß, was in den Unterlagen steht“, begann Isabella. Ihre Stimme war ruhig und klar, laut genug, dass jeder sie hören konnte. „Ich weiß, welche zeitlichen Abläufe hier dargestellt wurden und was manche Menschen diesem Gericht als die vollständige Wahrheit verkaufen möchten. Aber Dokumente können euch
Sophias POVDer Gerichtssaal war kälter, als ich erwartet hatte.Nicht von der Temperatur her, sondern von der Atmosphäre. Alles in diesem Raum war darauf ausgelegt, eine Geschichte auf das zu reduzieren, was sich beweisen ließ. Und zum ersten Mal, seit Isabellas Anschuldigungen in der Presse aufgetaucht waren, hatte ich das Gefühl, dass uns genau das zugutekommen könnte.Damien saß neben mir, in einem dunklen Anzug, ruhig und schweigsam. Unsere Anwälte hatten am Tisch zu unserer Linken Platz genommen. Auf der anderen Seite des Ganges hielt Isabella den Blick nach vorn gerichtet. Sie wirkte gefasst, auf dieselbe sorgfältig kontrollierte Weise, die sie bei jedem öffentlichen Auftritt seit Beginn dieser Angelegenheit an den Tag gelegt hatte.Ich zwang mich, gleichmäßig zu atmen. Wegen meiner Schwangerschaft fiel es mir inzwischen schwerer, längere Zeit still zu sitzen. Trotzdem würde ich niemandem in diesem Saal das Bild einer zerbrechlichen Frau liefern.Zuerst trat Sophias Anwaltsteam
Damiens POVIch hatte lange genug gewartet.Die Stellungnahmen hatten nicht ausgereicht. Auch die veröffentlichten Dokumente hatten nichts geändert. Isabellas Version der Ereignisse verbreitete sich noch immer in zu vielen Köpfen, und Sophia war diejenige, die den Preis dafür zahlte. Jedes Mal, wenn ich sah, wie sie nach einer neuen Welle von Berichten verstummte, wurde mir dieselbe Erkenntnis schmerzhafter bewusst. Wenn sich die Geschichte ändern sollte, musste ich mich selbst ins Zentrum stellen. Nicht durch Anwälte. Nicht durch sorgfältig formulierte Erklärungen. Sondern direkt.Ich organisierte den Auftritt selbst.Eine kurze Pressekonferenz. Kein Podium mit mehreren Teilnehmern. Keine ausgedehnte Fragerunde, die den Medien noch mehr Stoff liefern würde. Eine klare Stellungnahme, offiziell und vor laufenden Kameras. Austin hielt das für riskant. Die PR-Abteilung wollte mehr Zeit, um alles auszuarbeiten. Ich sagte beiden dasselbe: Sophia würde nicht länger allein unter einer Lüge l
Sophias POVDie zweite Welle traf mich härter als die erste.Isabella wartete nicht darauf, dass das Gerichtsverfahren die Arbeit erledigte. Sie ging an die Öffentlichkeit. Nicht mit einer sorgfältig formulierten Erklärung über ihren Anwalt, sondern mit ihrer eigenen, emotional aufgeladenen Version der Ereignisse, die sie jedem Medium anbot, das bereit war, ihr zuzuhören. Ihrer Darstellung zufolge waren Damien und sie noch verheiratet gewesen, als ich ins Spiel kam. Ihre Beziehung sei nie wirklich zu Ende gegangen. Sie sei schwierig, privat und ungeklärt gewesen. Und ich hätte mich sehenden Auges zwischen sie gedrängt.In einem der Interviews weinte sie.Nicht laut. Gerade so sehr, dass die Kamera das Glitzern in ihren Augen einfangen konnte, während sie davon erzählte, wie schockiert sie gewesen sei, als sie von der Schwangerschaft erfahren hatte. Sie benutzte mehr als einmal das Wort Ehefrau. Sie sprach von unserer Ehe. Sie sagte, sie habe versucht, etwas Echtes wieder aufzubauen, a







