LOGINKapitel 7- Doppelleben
(Rileys Perspektive)
Der Wecker klingelte laut um 5:12 Uhr morgens.
Ich schlug ihn stumm und setzte mich schnell auf. Meine Rippen schmerzten schon im Voraus wegen unseres intensiven Trainings.Die Bandage lag auf dem Stuhl, wo ich sie am Abend zuvor abgelegt hatte – schwarz und unnachgiebig. Gegenüber zog Tyler gerade einen Hoodie über den Kopf, die Haare standen in alle Richtungen ab.
„Wir sind spät dran“, sagte er, ohne mich anzusehen.
Es war immer noch seltsam, aber auch tröstlich, zu wissen, dass er jetzt meine echte Identität kannte.
„Ich weiß“, antwortete ich mit verschlafenen Augen.Ich begann mich zu wickeln. Die Kompression biss sich in meine Haut, so wie immer – fest genug, um mir den Atem zu rauben, fest genug, damit das Geheimnis nicht wieder herausrutschte.
Jeden Morgen legte sich dieselbe stille Panik in meine Brust: Nicht ausrutschen. Nicht falsch atmen. Niemanden etwas sehen lassen.
Ich zog ein Trainingsshirt über die Bandage, stopfte dann die schwarze Perücke, ein zusammengefaltetes Paar verwaschene Jeans, ein schlichtes Top und die billige schwarze Schürze für die Caféarbeit in den Boden meines Rucksacks.
Tylers Blick fing den kurzen Blitz der Perücke ein, bevor der Reißverschluss zuging.
Er hielt inne, eine Hand noch am Schlägerbeutel. „Wofür ist das?“„Mein Job“, sagte ich leise. „Ich hab einen Job.“
Er musterte mich eine Sekunde länger, als sich sicher anfühlte. Die Stille zwischen uns hatte sich verändert, seit der Nacht, in der er die Wahrheit erfahren hatte. Sie war nicht mehr leer. Sie war vorsichtig.
„Ich frag später nach den Details“, sagte er. „Jetzt hopp hopp, lass uns gehen.“
Wir zogen uns fast schweigend an. Meine Bandage blieb unter den Schichten verborgen. Sein Schlägerbeutel wanderte über eine Schulter. Dann rannten wir.
Die Flurlichter waren noch gedämpft. Unsere Schritte klangen zu laut auf dem kalten Boden.
Eisige Kälte traf uns, sobald wir die Türen der Eisbahn aufstießen. Der Großteil des Teams sickerte bereits in die Umkleide, Gelächter, das Zuschlagen von Metalltüren, der scharfe Geruch von Tape, Schweiß und Eis erfüllten den Raum. Mein Puls stieg schon.
„Scheiße“, fluchte ich.
Jetzt musste ich mich wieder vor allen umziehen.Ich hielt den Kopf gesenkt und schnitt direkt in die hinterste Ecke, wo mein Spind stand – bei denen, die fast niemand benutzte.
Tyler postierte sich ein paar Spinde weiter und blockierte beiläufig die Sichtlinie, während ich die äußeren Schichten auszog und den Rest der Trainingsausrüstung anzog.
Meine Hände zitterten diesmal nur ein bisschen. Niemand schaute hin. Niemand fragte … vorerst.
Als ich mit Tyler aufs Eis trat, traf mich die Kälte klar und scharf – der einzige Ort, an dem die Lügen jemals leiser wirkten.
Cole war bereits da.
Er glitt herüber, sobald der Coach die Pfeife für die Partnerübungen blies. „Kane. Mit mir.“ sagte er über die Schulter.
Es war keine Bitte.
Das ganze Team sah zu, als wir uns aufstellten. Ich spürte ihre Blicke wie Gewicht auf meinen Schultern.
Cole passte sich auf den ersten Pässen meinem Tempo an, dann begann er zu drücken. Härter und schneller, als ich ihn jemals hatte machen sehen.
Jeder Puck kam wie ein Test auf mich zu. Jeder Schultercheck landete schwerer als nötig.
Ich glaubte nicht, dass er mich absichtlich in die Bande werfen wollte – jedenfalls noch nicht –, aber er maß, wie viel Druck ich aushielt, bevor etwas brach.
„Du bist heute langsam“, sagte er leise, als wir zurückkreisten.
„Mir geht’s gut.“
„Du kannst mich nicht täuschen.“ Sein Schläger tippte leicht, aber absichtlich gegen meinen. „Was geht dir durch den Kopf, Kane?“
„Nur Hockey.“
„Klar.“
Wir setzten neu an. Der Coach rief Eins-gegen-Eins-Kämpfe in der Ecke aus.
Cole gewann die ersten beiden sauber, drängte mich mit kontrollierter Kraft vom Puck, sodass die Bande vibrierte. Beim dritten ging ich tief, nutzte die Kante meines Schlittschuhs so, wie Ryan es getan hatte, und nahm ihm den Puck mit einem schnellen Heben des Schlägers ab. Ein paar leise „Ooohs“ rollten durch die zuschauenden Spieler. Coles Kiefer spannte sich an.
Danach kam er härter auf mich zu.
Wir gingen von Ende zu Ende. Pass. Annehmen. Schießen. Kämpfen. Schweiß lief mir unter der Bandage den Rücken hinunter, bis der Stoff sich anfühlte, als klebte er an meiner Haut. Meine Lungen brannten. Trotzdem hielt ich mit. Ein sauberer Deke ließ ihn einen halben Schritt zurück. Ein schneller Schuss klang hart genug vom Querbalken, dass es widerhallte.Carew an der blauen Linie murmelte: „Der Junge hat Hände.“
Cole hörte es. Seine Augen verengten sich hinter dem Visier.„Wo hast du diesen Move gelernt?“, fragte er, als wir Richtung neutrale Zone drifteten, beide schwer atmend.
„Am selben Ort wie du“, schoss ich zurück. „Im Training.“
Ein Schatten eines Lächelns berührte seinen Mund, erreichte aber nicht die Augen. „Übrigens – du hast uns nicht erzählt, dass du eine Schwester hast, Kane.“
Ich wäre beinahe ausgerutscht. Die Bandage fühlte sich mit jedem Atemzug enger an. Mein Herz hämmerte dagegen, als wollte es raus.
Ich öffnete den Mund, um zu antworten, aber nichts kam heraus. Dann vibrierte sein Handy in der Tasche seiner Jacke auf der Bank.
Er warf einen Blick auf den Bildschirm, fluchte leise und glitt ohne ein Wort davon.
Ich atmete so heftig aus, dass mein Visier beschlug.Der Rest des Trainings fühlte sich danach fast sanft an. Ich absolvierte die restlichen Übungen im Autopilot, jeder Muskel zählte bereits die Minuten, bis ich gehen konnte.
Beim letzten Pfiff war ich schon in Bewegung. Ich zog die Ausrüstung wieder in der hinteren Ecke aus, stopfte alles in die Tasche, zog einen grauen Hoodie über die noch feuchte Bandage und schlüpfte durch die Seitentür, bevor die meisten überhaupt die Schnürsenkel gelöst hatten.
Ich eilte zur Dametoilette, zog mich schnell in Top und Jeans um, setzte die Perücke auf, nahm die Kontaktlinsen heraus und hielt die Schürze in der Hand.
Das Café lag etwas außerhalb des Campus. Ich joggte den größten Teil des Weges, um rechtzeitig anzukommen.
Die Vormittagsluft brannte in meinem Hals. Meine Beine und Muskeln fühlten sich nach dem Training schwer an, aber ich verlangsamte nicht.
Als ich die Tür aufstieß, klingelte das kleine Glöckchen darüber viel zu fröhlich.
Ich stieß sie mit der Schulter auf, die Lungen brannten noch vom Joggen, die Schürze schon in einer Hand.Meine Beine fühlten sich schwer und langsam an nach dem Training, jeder Muskel zählte immer noch die Minuten seit dem letzten Pfiff. Das Café roch nach verbranntem Espresso und warmem Teig. Morgenlicht schnitt in langen, blassen Streifen durch die Frontfenster über den abgewetzten Boden.
Ich bog um die Theke, ohne aufzublicken, griff bereits nach dem Band der Schürze –
und blieb wie angewurzelt stehen.Cole stand auf der anderen Seite der Theke.
Nicht in Ausrüstung, nicht im Team-Hoodie. Nur eine dunkle Jacke, am Hals offen, und eine schwarze Schürze darüber gebunden. In einer Hand hielt er einen Pappbecher, die andere stützte er leicht gegen die Theke, als hätte er gewartet.
Mein Körper verriegelte sich.
Die Schürze rutschte einen halben Zentimeter in meinen Fingern. Die schwarze Perücke fühlte sich plötzlich zu auffällig und zu schwer an. Meine echten Augen starrten ihn direkt an.
Er kam ohne Eile vorwärts.
Ein Schritt. Dann noch einer. Langsam schloss er den letzten Abstand zwischen uns, bis er nah genug war, dass ich den schwachen, sauberen Geruch der Seife riechen konnte, die er nach dem Training benutzt hatte.
Ich versuchte mich zu bewegen, aber meine Beine wollten nicht mitmachen.Cole schloss schließlich den Abstand und griff hoch.
Seine Finger waren vorsichtig, als sie ein kleines trockenes Blatt von der Seite meiner Perücke streiften – eines, das ich mir wahrscheinlich eingefangen hatte, als ich durch die Bäume abgekürzt war.Er hielt es eine Sekunde zwischen zwei Fingern, dann ließ er es zu Boden fallen.
„Du bist spät“, sagte er mit demselben Ton, den er an meinem ersten Trainingstag benutzt hatte.
Kapitel 7- Doppelleben(Rileys Perspektive)Der Wecker klingelte laut um 5:12 Uhr morgens.Ich schlug ihn stumm und setzte mich schnell auf. Meine Rippen schmerzten schon im Voraus wegen unseres intensiven Trainings.Die Bandage lag auf dem Stuhl, wo ich sie am Abend zuvor abgelegt hatte – schwarz und unnachgiebig. Gegenüber zog Tyler gerade einen Hoodie über den Kopf, die Haare standen in alle Richtungen ab.„Wir sind spät dran“, sagte er, ohne mich anzusehen.Es war immer noch seltsam, aber auch tröstlich, zu wissen, dass er jetzt meine echte Identität kannte.„Ich weiß“, antwortete ich mit verschlafenen Augen.Ich begann mich zu wickeln. Die Kompression biss sich in meine Haut, so wie immer – fest genug, um mir den Atem zu rauben, fest genug, damit das Geheimnis nicht wieder herausrutschte.Jeden Morgen legte sich dieselbe stille Panik in meine Brust: Nicht ausrutschen. Nicht falsch atmen. Niemanden etwas sehen lassen.Ich zog ein Trainingsshirt über die Bandage, stopfte dann die s
Kapitel 6 – Das Geheimnis(Rileys Perspektive)Ich senkte langsam meine Hand, nachdem ich sichergestellt hatte, dass er nicht schreien würde – aber vor allem, weil das Handtuch um meine Brust anfing zu rutschen.Tyler starrte mich ausdruckslos an. Ich hoffte, er würde das nicht tun und wenigstens etwas sagen.„Wirst du nicht—“„What the fuck, Ryan.“ Er unterbrach mich.„Falls Ryan wirklich dein Name ist.“ Seine Augen verengten sich.Die Worte hingen in dem kleinen Raum zwischen uns. Wasser tropfte immer noch vom Duschkopf. Mein Herz hämmerte so heftig, dass ich sicher war, er konnte es hören.„Es ist nicht“, flüsterte ich. „Und wir können hier nicht reden.“Als wollte es den Punkt beweisen, erklangen irgendwo im Flur Schritte – entfernt, aber näher kommend.Tylers Kopf schnellte zur Badezimmertür. Sein Ausdruck wechselte von Schock zu etwas, das ich nicht deuten konnte.„Ich erzähl dir alles, versprochen. Bitte, lass uns einfach zurück ins Zimmer gehen“, bat ich.„Zieh dich an“, sagte
Kapitel 5 – Entdeckt(Rileys Perspektive)Die Busfahrt zurück vom Krankenhaus fühlte sich länger an als sonst. Ryans Worte kreisten immer wieder in meinem Kopf – Er jagt uns.Jeder Schatten draußen vor dem Fenster sah aus, als könnte er Derek sein. Als ich endlich das Wohnheim erreicht und die Treppen zu unserer Etage hinaufgestiegen war, schmerzten meine Schultern davon, dass ich mich zu sehr verspannt hatte. Die Bandage unter meinem Shirt machte es schwer zu atmen.Ich stieß die Zimmertür auf und erstarrte.Tyler lag auf seinem Bett, verschlungen mit einem Typen, den ich nicht kannte. Sie küssten sich, als ob der Rest der Welt nicht existierte. Eine von Tylers Händen war unter dem Shirt des anderen, und die Hand des anderen war in Tylers Hose. Keiner von beiden bemerkte mich zuerst.Ich räusperte mich.Tyler zuckte so heftig zurück, dass er beinahe von der Matratze fiel. Der andere Typ richtete sich hastig auf, die Wangen gerötet.„Shit—Ryan. Ich dachte nicht, dass du schon zurück b
Kapitel 4 – Zwilling(Rileys Perspektive)„Ryan?“Cole Harrington starrte mich direkt an.Die Espressomaschine zischte hinter der Theke. Ein Kunde lachte an einem Tisch in der Ecke. Nichts davon registrierte ich. Alles, was ich sah, war der Captain der Northridge Wolves, der mitten im Café stand und mich anstarrte.Ich war so vorsichtig gewesen.Ich hatte mich nur auf Jobs außerhalb des Campus beworben, weit weg von den Augen irgendwelcher Teamkameraden, die herumschleichen könnten.Schließlich hatte ich ein ruhiges Café außerhalb des Campus gefunden, das perfekt zu meinem Zeitplan passte.Ich trug eine einfache schwarze Perücke über meinem kurzen Haar, ließ die grünen Kontaktlinsen weg und benutzte meine echte Stimme. Hier war ich einfach nur Riley – ohne Bandage.Aber trotz all meiner Maßnahmen stand Cole Harrington direkt vor mir.„Ryan?“ rief er noch einmal und kniff die Augen in meine Richtung zusammen.Mein Puls hämmerte gegen meine Rippen. Was sollte ich tun? So tun, als würde
Kapitel 3 – Etwas stimmt nicht(Coles Perspektive)„Ahhh… fuck“, stöhnte sie.Das Mädchen unter mir gab einen leisen Laut von sich, als sie den Rücken durchbog, aber ich registrierte es kaum.Meine Gedanken waren immer noch auf dem Eis.Wir hatten Westbridge zum ersten Mal seit vier Jahren geschlagen. Ein Freundschaftsspiel, nichts Offizielles, aber das spielte keine Rolle.Die Umkleidekabine danach war pure Feier – Geschrei, jemand kippte einen Kühler voll Wasser über die Freshman-Reihe, und Coach lächelte sogar einmal.Westbridge hatte uns beherrscht, seit ich selbst Freshman gewesen war. Heute Abend war diese Serie zu Ende, und die Hälfte des Grundes war der neue Typ, der trotz seiner Statur irre Skills auf dem Eis hatte.Ryan Kane.Ich rollte von dem Mädchen herunter – sie war jemand von der Business School, deren Namen ich nicht einmal erfragt hatte – und setzte mich auf die Bettkante.Die Musik von der Party dröhnte immer noch durch die Dielen im Erdgeschoss. Bass, Gelächter, ab
Kapitel 2(Rileys Perspektive)Das Klimpern von Schlüsseln klickte im Schloss.Einen Moment lang wusste ich nicht, wo ich war. Die Decke war falsch. Die Matratze zu fest. Dann kamen die Erinnerungen an den Vortag über mich.Ich war jetzt Ryan Kane.Die Tür öffnete sich, bevor ich mich vollständig aufrichten konnte. Ich riss die Decke höher, um meine ungebundene Brust zu verdecken, und drückte mich an die Wand, gerade als ein Typ mit zwei Reisetaschen und einem Rucksack über der Schulter hereinkam.Er wirkte etwa zwanzig, mittelgroß, mit einem leichten Grinsen und hellen Augen, die den Raum schnell erfassten.„Du musst der Freshman sein“, sagte er. „Ryan, richtig? Ich bin Tyler. Tyler Brooks. Wir sind Mitbewohner.“Ich nickte einmal.Er warf seine Taschen auf das leere Bett und redete weiter. „Ich spiele Verteidigung. Sophomore. Du bist Forward, oder? Hab deinen Namen auf der Liste gesehen. Du bist früh. Die meisten Neuen kommen mit der Gruppe.“Ich gab ein weiteres kurzes Nicken und b







