LOGINKassian LéonIch schlafe in dieser Nacht nicht.Nicht wirklich. Ich bleibe wach in dem großen Bett, höre auf ihren Atem, sehe zu, wie das Dunkel langsam gegen die Morgendämmerung verblasst. Sie schläft, friedlich, ihr Haar auf dem Kissen verstreut wie eine Signatur. Eine Hand liegt auf meinem leeren Platz, als ob sie selbst im Schlaf die Wärme suchte, die ich mitgenommen habe.Ich sollte ruhig sein.Bin ich nicht.Es ist schlimmer als alles vorher. Schlimmer als das Warten, schlimmer als die Ungewissheit. Jetzt, wo ich weiß, wo ich gekostet habe, wo ich meinen Namen in ihrem Mund gehört habe, in dem Moment, als sie sich hingab, bin ich hungriger denn je.Ein Wolfshunger. Ein Bestienhunger.---Sechs Uhr dreißig. Ich bin in meiner Ankleide, wähle einen grauen Anthrazit-Anzug, eine nachtblaue Krawatte. Die Bewegungen mechanisch, präzise. Ich könnte es
LéonDas Abendessen verläuft in dieser seltsamen Intimität. Ich beantworte ihre Fragen, ich benenne die Gewürze, ich erkläre, warum Risotto Geduld erfordert, warum man zu Fisch nie Käse serviert. Sie hört zu, ernst, als ob jede Information kostbar wäre. Sie probiert, sie genießt, sie schließt die Augen, wenn ein Geschmack sie überrascht.Ich spreche nicht über meine Arbeit. Sie fragt nicht. Wir schweben, zeitenthoben, in dieser Küche, die nie benutzt wurde, erleuchtet von Kerzen aus jungfräulichem Wachs.Als sie ihren Teller leert, legt sie die Gabel bedächtig beiseite.— Es war perfekt, sagt sie.— Tiramisu ist im Kühlschrank.Sie schüttelt den Kopf, ihre Augen in meinen.— Ich habe keinen Hunger mehr. Nicht darauf.Der Atem der Kerze flackert zwischen uns.— Was willst du?Meine Stimme i
LéonIhre Finger um mein Handgelenk. Dieser winzige Druck, kaum bewusst. Sie schläft noch, aber ein Teil von ihr wacht, hat mich kommen gespürt, hat mich erkannt.Ich ziehe meine Hand nicht weg.Die Zeit dehnt sich, steht still. Die Lichtstreifen auf dem Bett verändern sich unmerklich, gleiten vom Kissen auf ihre nackten Schultern. Die Nacht bricht herein, das Zimmer versinkt im Blau der Abenddämmerung. Ich bewege mich nicht. Ich mache kein Licht. Atmen genügt. Sie ansehen genügt.Ihre Lider flattern. Ein langer Wimpernschlag. Ihre Augen öffnen sich, zuerst verloren, dann finden sie meine. Sie zuckt nicht zusammen. Zieht ihre Hand nicht weg. Ihre Lippen öffnen sich zu einem erwachenden, verschlafenen, hingegebenen Lächeln.— Du bist zurück, haucht sie. Es ist eine Selbstverständlichkeit. Eine frohe Feststellung.— Ich bin zurück.Meine Stimme
LéonIch gehe die Stufen der Freitreppe hinunter. Die Morgenluft ist kalt, schneidend, ein Schock nach der feuchten Wärme des Bades. Die Stadt erwacht, grau und laut, aber ihre Konturen wirken verschwommen, wie von Watte gedämpft. Meine Sinne sind betäubt, gesättigt von ihr. Der Duft ihres Shampoos auf meiner Haut unter dem Eau de Cologne. Die Erinnerung an ihre Finger, schüchtern und entschlossen, die ihre Spuren auf meinem Körper zogen.Die Tür der schwarzen Limousine öffnet sich. Ich lasse mich auf den Rücksitz fallen.— Zum Büro, Monsieur?— Zum Büro.Meine Stimme ist tiefer als sonst. Sie hallt seltsam im gedämpften Innenraum wider. Der Motor schnurrt. Die Stadt zieht vorbei, eine Kulisse ohne Substanz.Ich schaue aus dem Fenster, aber ich sehe nicht die Straße. Ich sehe ihre Augen, glänzend im Halbdunkel des Bettes, die mir folgen, w&aum
LéonIch hebe den Blick zu ihr. Der Dampf tropft an ihrem Gesicht herunter, vermischt mit neuen, stillen Tränen. Sie weint nicht vor Kummer. Sie weint, weil sie so gesehen wird. Weil sie gewaschen wird. Weil sie bis in diese Reinigung hinein besessen wird.— Dreh dich um, befehle ich, meine Stimme heiser vor Emotion, die ich nicht zeige.Sie gehorcht. Ich wasche ihre Beine, lang und schlank, meine Hände gleiten von den Knöcheln zu den Oberschenkeln hoch. Ich verweile an ihren Kniekehlen, an der Innenseite ihrer Schenkel. Jede Zone wird gereinigt, beansprucht.Als ihr Körper mit Schaum bedeckt ist, makellos, richte ich mich auf. Ich nehme sie um die Taille und ziehe sie weg vom Hauptstrahl. Ich bleibe unter dem Wasser, schließe für einen Moment die Augen, lasse es über mich laufen, um meinerseits die Stigmata unserer Nacht fortzutragen.— Jetzt du, sagt sie plötzlich, mit leis
LéonDas Morgenlicht ist jetzt grell, unbarmherzig. Es zeichnet jedes Detail des Desasters, das wir sind, auf das blasse Leder. Der Schweiß ist zu salzigen Schlieren auf ihrer Haut getrocknet, auf meiner. Der Geruch unserer geteilten Wut hat sich verdichtet, ist zu einem animalischen, bittersüßen Duft geworden, der den Raum erfüllt.Ich sehe sie schlafen, zusammengesackt auf meiner Brust. Ihre Züge sind glatt, fast kindlich, aber die Ringe unter ihren Augen und der leicht verzogene Mund sprechen von der Verwüstung. Meiner Verwüstung. Ein roher, primitiver Stolz steigt in mir auf. Und etwas anderes, Beunruhigenderes, das ich nicht benenne. Etwas, das einer Art heiliger Scheu ähnelt.Mein ursprünglicher Plan, dieses kleine, saubere Geschäft, scheint zu einem anderen Leben zu gehören, zu einem anderen Mann. Dieser Mann war ein Idiot. Er hatte die Schwachstelle in sich nicht gesehen, diese Lücke, die nur darauf wartete, sich mit ihr zu füllen. Jetzt ist sie darin. Und nichts wird sie jema
ElaraDie Tür des Velvet Sin schließt sich hinter mir mit einem dumpfen Klick, gedämpft vom schweren Rhythmus der Bässe, die den Boden unter meinen High Heels zum Vibrieren bringen. Zwei Minuten. Zwei verdammte Minuten zu spät, und schon spüre ich ihren Blick auf mir, seinen Blick vor allem. Die Lu
ElaraDas goldene Licht des Nachmittags filtert durch die dicken Vorhänge und zeichnet warme Streifen auf das dunkle Parkett. Ich knie bereits auf dem Bett, die Hände auf meinen Oberschenkeln abgelegt, die Haut empfindlich unter der Berührung des kühlen Bettlakens. Die Luft ist schwer, geladen mit
Elara Die Realität löst sich auf im Geschmack seines Körpers, im erstickenden Druck tief in meiner Kehle. Meine Tränen fließen lautlos und salzen meine Unterwerfung. Jeder Stoß seiner Hüften ist ein kalkuliertes Ersticken, eine Erinnerung an meinen Platz. Das Geräusch seiner Entzückung, die tiefen
ElaraDer kalte Boden weicht der Wärme und der Härte seiner Schulter. Mein Körper, eine weiche und verletzte Masse, wird wie ein Sack schmutziger Wäsche auf seine Schulter geworfen. Mein Kopf hängt in der Leere, das Blut strömt mit schmerzhaften Pulsationen dorthin. Ich schließe die Augen, unfähig