LOGINEin pochender Schmerz in der rechten Kopfhälfte riss mich ins Bewusstsein zurück. Ich zwang meine Augen auf, doch meine Sicht war verschwommen. Die Umgebung war mir fremd. Schließlich klärte sich mein Blick, und ich sah sofort drei Paar braune Augen, die mich anstarrten.
„Sie ist wach!“ Das kleinste Mädchen lächelte auf mich herab und stieß dann die anderen an, die mich noch immer voller Staunen ansahen. „Mama, sie ist wach!“ Sie rannten davon und riefen: „Mama! Die Meeresfrau hat die Augen geöffnet!“ Ich versuchte mich aufzusetzen, verwirrt von dem, was sie sagten. Was meinten sie mit „Meeresfrau“? Was machte ich hier? Das Letzte, woran ich mich erinnerte, war, wie ich auf meinem Lieblingsplatz an der Meeresklippe gesessen und geweint hatte. Der Rest war verschwommen. Als ich mich aufrichtete, spürte ich einen stechenden Schmerz im Unterleib. Ich zuckte zusammen und schloss die Augen, da der Schmerz mich fast überwältigte. Eine Frau erschien im Türrahmen – aufgrund der Ähnlichkeit eindeutig ihre Mutter. „Ganz ruhig“, sagte sie und setzte sich auf einen Stuhl. „Ich bin Fatima. Du hast sehr lange geschlafen.“ „Ich ...“ Mein Kopf drehte sich noch immer, während sie sprach; ich sah mich um, ob ich den Ort wiedererkennen würde, doch nichts kam mir bekannt vor. „Wo bin ich?“ „In Sicherheit.“ Sie goss Wasser in einen Becher und reichte ihn mir. „Trink langsam.“ Das Wasser schmeckte süß, enthielt aber mehr Salz als gewöhnliches Wasser. Da kehrte die Erinnerung zurück. „Das Meer“, keuchte ich. „Ich erinnere mich an das Meer.“ Fatimas Gesichtsausdruck wurde ernst. „Ich habe dich vor drei Monden an unserem Strand angespült gefunden. Mehr tot als lebendig.“ „Drei Monate? Ich war drei Monate lang bewusstlos?“ „Dein Körper brauchte Zeit zur Heilung. Was auch immer dir dort draußen widerfahren ist – es hätte dich beinahe getötet.“ Die Erinnerung kehrte mit einem blendenden Schmerzblitz zurück, und ich hätte beinahe den Becher umgestoßen, während ich die Zähne zusammenbiss. Fatimas Hände stützten mich. ________________________________________ Ich hatte auf meinem Lieblingsplatz an der Meeresklippe gesessen; der Wind peitschte durch mein Haar, während ich auf den endlosen Horizont hinausblickte. Die Tränen wollten einfach nicht aufhören zu fließen. Wie lange hatte man mich zum Narren gehalten? Wochen? Monate? Doch sie es heute Morgen aussprechen zu hören, fühlte sich an wie ein Messerstich in meine Brust. Meine Schwester. Mein eigenes Fleisch und Blut. Und mein Gefährte. Hinter mir waren Schritte auf dem steinigen Pfad zu hören – leicht und leise. Ich vermutete, dass es Layla war, doch ich drehte mich nicht um, als sie näher kam. Ich war zu sehr in meinen Schmerz versunken, als dass es mich interessiert hätte. „Cecelia.“ Laylas Stimme klang leise, fast sanft. So hatte sie früher gesprochen, als wir noch Kinder waren und sie mich zu irgendeinem Unfug überreden wollte. „Geh weg.“ Ich wollte ihr Gesicht nicht sehen, wollte diese perfekten Züge nicht betrachten, von denen alle immer sagten, sie seien schöner als meine. „Wir müssen reden.“ Schließlich drehte ich mich um und wischte mir die Augen. Sie stand dort in einem fließenden weißen Kleid; das goldene Sonnenlicht des Nachmittags fing sich in ihrem Haar. Selbst jetzt, selbst mit dem Wissen, das ich hatte, war sie atemberaubend schön. „Worüber? Darüber, wie du das Bett meines Gefährten geteilt hast, während du die hingebungsvolle Schwester gespielt hast? Darüber, wie du mich bei den Rudeltreffen anlächelst, während du hinter meinem Rücken Intrigen spinnst?“ Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich nicht. Genau das ließ mir einen Schauer über den Rücken laufen: das völlige Fehlen von Überraschung oder Scham. „Du verstehst die größeren Zusammenhänge nicht, Cecelia.“ „Dann klär mich auf.“ Sie trat näher, und eigentlich hätte ich zurückweichen sollen. Ich hätte auf die Warnsignale in meinem Kopf hören sollen. „Das Rudel braucht eine starke Führung. Du bist zu emotional, zu unberechenbar. Sieh dich doch an: Du weinst wie ein Kind auf einer Klippe.“ „Ich weine, weil meine Schwester mich verraten hat!“ „Ich habe getan, was nötig war.“ Ihre Stimme klang nun kalt; jede Maske war gefallen. „Zeke sieht das genauso. Du hast nicht das Zeug zur Luna. Das hattest du noch nie.“ Mein Zorn flammte auf, und meine Stimme wurde lauter. „Er ist mein Gefährte, Layla. Die Mondgöttin hat gewählt …“ „Auch die Mondgöttin macht Fehler.“ Sie war nun so nah, dass ich das boshafte Funkeln in ihren Augen sehen konnte. „Aber wir können sie korrigieren.“ Ich setzte zum Aufstehen an – ein Instinkt war endlich erwacht –, doch sie war schneller. Mit überraschender Wucht stießen ihre Hände gegen meine Brust. Einen Moment lang schwankte ich am Abgrund, ruderte mit den Armen, während die Klippenkante unter meinen Füßen wegbrach. „Layla!“, rief ich und streckte verzweifelt die Hand nach ihr aus, doch sie wich zurück. „Leb wohl, Schwester“, flüsterte sie, und in ihrer Stimme schwang fast so etwas wie Trauer mit. „Ich werde gut auf das aufpassen, was von Anfang an mir hätte gehören sollen.“ Die Welt geriet ins Wanken. Ich schrie auf, als ich das Tosen des Wassers unter mir hörte. Das Letzte, was ich sah, war ihre Silhouette vor dem Himmel; sie beobachtete, wie ich in die Tiefe stürzte. ________________________________________ „Jemand hat mich hineingeworfen. Man hat mich ins Meer gestoßen.“ Ich erinnerte mich an Hände, die mich stießen, an den Schock des kalten Wassers. „Meine Schwester hat mich von der Klippe gestoßen.“ Fatimas Augen weiteten sich. „Deine eigene Schwester? Es war kein Unfall?“ „Nein. Sie wollte mich loswerden, um meinen Platz als Luna einzunehmen.“ Diese Gewissheit breitete sich in meiner Brust aus, begleitet von einer namenlosen Trauer. Der Verrat schmerzte tiefer als die körperlichen Wunden. „Sie hatte etwas mit meinem Gefährten.“ Fatimas Gesicht verhärtete sich vor rechtschaffenem Zorn. „Blut verrät Blut. In den Augen der Meeresgeister gibt es keine schlimmere Sünde.“ „Es tut mir so leid“, sagte ich und blickte auf...ihr aschfahles Gesicht. „Du hast mir das Leben gerettet. Aber ich muss den Weg nach Hause finden, damit ich mich erinnern kann, wer ich einmal war. Ich verspreche, ich werde einen Weg finden, es dir heimzuzahlen –“ Ich versuchte aufzustehen, doch die Welt geriet ins Schwanken. Ich stürzte, bis starke Arme mich auffingen. „Ich lasse dich in deinem Zustand nicht gehen. Du musst wieder ganz zu Kräften kommen. Du hast monatelang stillgelegen; du wirst nicht so herumlaufen können, wie du es normalerweise tätest.“ Ich schloss die Augen und versuchte, wieder zu Atem zu kommen. „Nach so langer Zeit im Koma haben meine Muskeln verlernt, wie man …“ „Cecelia.“ Ihre Stimme ließ mich innehalten. „Das ist nicht der einzige Grund, warum du so schwach bist.“ Etwas in ihrem Tonfall ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. „Was meinst du?“ Sie nahm meine Hände. „Du erwartest ein Kind.“ Ich schüttelte verzweifelt den Kopf. „Das ist unmöglich.“ „Doch.“ Sie nickte. „Du bist im vierten Monat. Das Baby ist der Grund, warum dein Körper so hart ums Überleben gekämpft hat.“ Vier Monate. Goldene Augen blitzten in meiner Erinnerung auf. Zeke. Und dann das Gesicht meiner Schwester – Layla, deren perfektes Lächeln sich zu einer grausamen Fratze verzog, als sie mich in den Tod stieß. Plötzlich ergab der zeitliche Ablauf einen schrecklichen Sinn. Sie musste es gewusst haben. Sie musste die Anzeichen gesehen haben, für die ich zu naiv gewesen war. „Dann kann ich nicht zurück“, flüsterte ich. „Nicht in diesem Zustand. Nicht, wenn ich sein Kind erwarte und sie womöglich längst die Luna ist.“ „Zurück wohin?“ „Zum Brooke-Rudel. Meine Schwester … sie ist jetzt wahrscheinlich die Luna. Ich kann nicht mehr gegen sie antreten. Nicht mit einem Baby.“ Das Gefühl der Ungerechtigkeit brannte in mir. Sie hatte versucht, mich zu töten, und doch alles bekommen, was sie wollte. „Ich hatte jedes Recht auf diese Position.“ „Dann tritt nicht gegen sie an“, sagte Fatima. „Entscheide dich für etwas anderes. Entscheide dich für dein Kind.“ „Warum hilfst du mir?“ „Ich glaube, das Meer hat dich aus einem bestimmten Grund zu uns gebracht. Und jeder verdient eine zweite Chance.“ Sie ging auf die Tür zu. „Was ist das hier für ein Ort?“, fragte ich. „Das ist das Seacreek-Rudel. Die meisten von uns sind Fischer und Bauern. Wir sind einfache Leute, aber gute Menschen.“ Sie hielt inne. „Ruh dich jetzt aus. Wenn du bereit bist, stelle ich dich richtig vor.“ Ich lehnte mich zurück, eine Hand auf meinem kaum sichtbaren Bauch. Das Kind des Mannes, der mich verraten hatte – doch unschuldig an den Sünden seines Vaters, ebenso unschuldig an den mörderischen Ambitionen seiner Tante. Der Schmerz in meinem Herzen begann nachzulassen, wenn auch nur ein wenig. „Nur du und ich jetzt“, flüsterte ich dem winzigen Leben in mir zu. „Wir werden unseren eigenen Weg gehen.“Aus Cecelias SichtWir saßen in behaglichem Schweigen da, während ich alles auf mich wirken ließ. Eine echte Zeremonie zur Besiegelung unserer Verbindung, die offizielle Ernennung zur Luna, das gemeinsame Großziehen von Golden als Familie. Vor drei Monaten hätte das noch unmöglich gewirkt, doch jetzt fühlte es sich unvermeidlich an – als wäre es genau das Ziel gewesen, auf das wir schon immer zugesteuert waren.„Ich möchte noch mehr Kinder“, sagte ich plötzlich; der Gedanke war schon eine Weile in mir gereift. „Nicht sofort, aber irgendwann. Golden sollte Geschwister haben.“Zekes Arm legte sich fester um mich, und über unsere Verbindung spürte ich seine sofortige Zustimmung. „Von wie vielen sprechen wir da?“„Vielleicht noch zwei oder drei?“, schlug ich vor und legte den Kopf schief, um ihn anzusehen. „Genug, damit Golden nicht einsam ist, aber nicht so viele, dass wir völlig überfordert sind.“„Das gefällt mir“, sagte Zeke, während seine Hand auf meinen Bauch wanderte, als könnte er
Cecelias SichtweiseGolden schlief schon seit einer Stunde, als Zeke leise an unsere Schlafzimmertür klopfte. Ich hatte in dem Sessel neben Goldens kleinem Bett gesessen, gelesen und ihm dabei zugesehen, wie ruhig er atmete, als Zeke den Kopf zur Tür hereinsteckte.„Komm mit“, flüsterte er und deutete in den Flur. „Ich habe etwas geplant.“Ich stand vorsichtig auf, um Golden nicht zu wecken. Er hatte heute einen guten Tag gehabt; seine Gesichtsfarbe war besser, und das blaue Leuchten unter seiner Haut hatte kaum geflackert. Der Arzt hatte gesagt, dass die Behandlungen mit Alpha-Essenz anschlugen und sich Goldens Körper stabilisierte.Zeke nahm meine Hand und führte mich durch unsere Räumlichkeiten auf den privaten Balkon, den ich seit meinem Wiedereinzug kaum genutzt hatte. Als er die Tür öffnete, stockte mir der Atem, denn der Ort hatte sich völlig verwandelt.Überall standen Kerzen, deren warmer Schein alles weich wirken ließ. Ein kleiner Tisch war mit echtem Geschirr und Besteck ge
Aus Cecelias SichtDer Krankenhausflur wirkte viel zu hell, während ich Goldens Rollstuhl in Richtung des Besucherraums schob, wo Layla darauf wartete, sich von Cameron zu verabschieden. Golden saß still da, in eine Decke gehüllt, und seine kleinen Hände umklammerten die Armlehnen. Er war endlich stark genug, um für kurze Zeit das Bett zu verlassen – ein Fortschritt, den der Arzt sehr begrüßte.„Warum gehen wir zu ihr?“, fragte Golden und blickte zu mir auf – mit diesen großen Augen, die mich so sehr an Zeke erinnerten.„Weil sie sich von ihrem Sohn verabschieden muss“, erklärte ich mit sanfter Stimme. „Und Papa dachte, es könnte dir helfen zu verstehen, was passiert ist, wenn du siehst, dass selbst schlechte Menschen Familien haben, die ihnen am Herzen liegen.“Zeke ging neben uns her; seine Hand ruhte auf meiner Schulter. Über unsere Verbindung spürte ich seine Anspannung; auch er war von diesem Besuch nicht begeistert, hatte aber zugestimmt, dass er um Camerons willen notwendig war
Wir erreichten die Hauptebene, und ich ging zu meinem Wagen. Die Fahrt zurück ins Krankenhaus gab mir Zeit, all das zu verarbeiten, was Layla gestanden hatte. Das Ausmaß ihres Wahns und ihrer Manipulationen war erschütternd, und ich konnte kaum fassen, dass mir die Anzeichen so lange entgangen waren.Doch darüber zu grübeln, half niemandem weiter; ich musste mich auf die Zukunft mit Cecelia und Golden konzentrieren, anstatt auf die Vergangenheit, die Layla vergiftet hatte.Am nächsten Morgen stand ich vor dem Rat des Rudels, als Layla in Fesseln hereingeführt wurde. Sie wirkte irgendwie kleiner; ihr ganzer Trotz vom Vortag war verflogen. Die Ratsmitglieder betrachteten sie mit Mienen, die von Abscheu bis Enttäuschung reichten – viele von ihnen kannten sie schon seit Jahren.„Layla Winters, Sie sind angeklagt wegen Verschwörung zur Entführung, Gefährdung eines Kindes und Verrats an der Familie des Alpha“, verlas das Ratsmitglied die formelle Anklageschrift. „Wie lautet Ihr Plädoyer?“„
Zekes SichtweiseGolden war seit vierundzwanzig Stunden stabil, und der Arzt hatte gesagt, dass Cecelia nun für kurze Zeiträume Kontakt zu ihm haben durfte. Ihre Berührung würde zwar nicht – wie meine – das Hervortreten des Wolfes unterdrücken, aber sie würde Golden ruhig und entspannt halten, während ich mich um Rudelangelegenheiten kümmerte, die keinen Aufschub mehr duldeten.„Bist du dir sicher?“, fragte Cecelia. Sie wirkte nervös bei dem Gedanken, mit Golden allein gelassen zu werden, obwohl sich Arzt und Pflegepersonal direkt vor der Tür aufhielten.„Du schaffst das schon“, versicherte ich ihr und beugte mich vor, um ihr einen Kuss auf die Stirn zu geben. „Lass einfach deine Hand auf seiner Brust liegen, so wie ich es getan habe. Sollte sich etwas ändern, schlagen die Monitore sofort Alarm und benachrichtigen das medizinische Personal.“„Wie lange wirst du weg sein?“, fragte sie, während ihre Hand meine auf Goldens kleiner Brust ablöste.„Höchstens ein paar Stunden“, sagte ich. I
CECELIAS PERSPEKTIVEIch widersprach nicht, da ich wusste, dass er seine Meinung ohnehin nicht ändern würde. Stattdessen blieb ich in seiner Nähe und wechselte mich mit Zeke dabei ab, in kurzen Etappen zu schlafen. Wenn ich wach war, beobachtete ich die beiden, während sich mein Herz gleichzeitig übervoll und zerbrochen anfühlte.Während einer meiner Wachphasen betrachtete ich Zeke, der auf seinem Stuhl schlief, die Hand noch immer auf Goldens Brust. Seine große Hand bedeckte Goldens kleinen Oberkörper vollständig; der Größenunterschied wirkte fast schon komisch. Doch sie so verbunden zu sehen – Vater und Sohn, vereint –, ließ etwas in meiner Brust zur Ruhe kommen, das drei Jahre lang unruhig gewesen war.Mir wurde mit plötzlicher Klarheit bewusst, dass ich nie aufgehört hatte, ihn zu lieben. Ich war wütend und verletzt gewesen und fest entschlossen, mit meinem Leben weiterzumachen, doch tief in mir drin liebte ich Zeke noch immer mit derselben Intensität wie während unserer Ehe. Viel







