LOGINDrei Jahre später
„Mama, schau mal, was ich gemalt habe!“ Goldens aufgeregte Stimme lockte mich aus der Küche; er stürmte zur Tür herein, sein Kindergarten-Bild fest in den kleinen Händen umklammert. Mein Herz zog sich zusammen, so wie immer, wenn ich ihn ansah. Drei Jahre alt und seinem Vater schon so ähnlich: dasselbe weizenfarbene Haar, dasselbe eigensinnige Kinn und diese Augen. Gott, diese Augen waren genau wie Zekes – flüssiges Gold, das einen direkt zu durchschauen schien. „Lass mal sehen, mein Schatz.“ Ich stellte den Wasserkessel ab, hob ihn auf meinen Schoß und betrachtete sein Meisterwerk aus Wachsmalkreide. „Ist das unser Haus?“ „Jaaa! Und das bist du, und das bin ich, und das ist Tante Fatima!“ Stolz zeigte er auf die einzelnen Strichmännchen. „Frau Sarah sagt, ich bin der Beste im Malen in der ganzen Gruppe.“ „Das bist du ganz sicher.“ Ich drückte einen Kuss auf seinen Kopf und atmete seinen süßen Duft ein. „Geh doch mal und zeig es Tante Fatima. Sie ist hinten und zählt den Fang von heute.“ Golden kletterte herunter und rannte zum Lagerraum; seine kleinen Füße hämmerten auf den Holzdielen. Ich lächelte, während ich ihm nachsah; meine Brust war erfüllt von so viel Liebe für ihn. Liebe für diesen perfekten kleinen Jungen, der zu meiner ganzen Welt geworden war. „Dein Junge hat einfach zu viel Energie“, brummte Fatima, als er aus dem hinteren Raum zurückkam und sich an ihre wettergegerbte Hand klammerte. „Er erinnert mich an meine Kinder in dem Alter. Immer auf Achse, immer irgendetwas im Sinn. Nie an einem Ort zu halten.“ „Apropos“, ich warf einen Blick auf die Uhr, „ich sollte ihn langsam fürs Mittagessen fertig machen. Du weißt ja, was für ein Kampf es ist, ihn auszuziehen, damit ich ihn baden kann.“ Kaum hörte Golden das Wort „Baden“, rannte er in den hinteren Raum zurück, und Fatima und ich mussten lachen. Fatima half mir, den Tisch zu decken. „Wo sind eigentlich deine Kinder?“, fragte ich sie. „Müssten sie nicht schon aus der Schule zurück sein?“ „Ich habe sie am Ufer spielen lassen.“ „Ist das sicher, Fatima?“, fragte ich besorgt. Sie lächelte mich strahlend an. „Sie können alle schwimmen.“ Ich setzte Gemüse zum Kochen auf und setzte mich an den Esstisch; Fatima schlüpfte neben mich. „Cecelia, ich wollte dich schon lange fragen. Denkst du jemals über … nun ja, über Goldens Vater nach? Er wird bald anfangen, Fragen zu stellen.“ Ich setzte mich aufrechter hin, alarmiert durch diese Worte. „Es gibt nichts zu besprechen. Golden hat hier alles, was er braucht.“ „Ich will nicht neugierig sein, aber …“ „Mama!“ Goldens Schrei durchschnitt die Luft wie eine Klinge. „Mama, hilf mir!“ Ich wirbelte herum, doch er war verschwunden. Die Hintertür stand offen und knarrte im Hafenwind. „Golden!“ Ich rannte nach draußen, Fatima dicht hinter mir. „Golden, wo bist du?“ „Golden!“, riefen wir beide gleichzeitig. Uns empfing ohrenbetäubende Stille. Das einzige Geräusch war das Geschrei der Möwen und das Plätschern der Wellen am Steg. „Schau bei den Bootsliegeplätzen nach“, rief Fatima, und ich hörte das Zittern in ihrer Stimme. Sie ging in Richtung Markt. „Ich nehme die Straße.“ Meine Wolfssinne erwachten, als Panik mich überflutete. Ich konnte Goldens Geruch wahrnehmen – schwach, aber immer schwächer werdend –, der zur Baumgrenze hinter dem Lagerhaus der Fischer führte. Mein Herz hämmerte, während ich der Spur folgte und seinen Namen rief, bis meine Stimme heiser wurde. Nichts. Mein Kind war weg. Bis zum Abend hatten wir das Rudel alarmiert, und die Hälfte der Mitglieder suchte bereits. Fatima organisierte Suchtrupps, während die Männer jeden Zentimeter des Gebiets von Seacreek durchkämmten. Ich saß im Rudelhaus und starrte auf Goldens Zeichnung; meine Hände zitterten so stark, dass ich sie kaum halten konnte. „Wir werden ihn finden“, sagte Fatima leise und legte eine warme Tasse Tee in meine Hände. „So etwas passiert manchmal. Kinder laufen weg …“ „Er ist nicht weggelaufen.“ Meine Stimme klang flach, als wäre mir mein ganzes Leben geraubt worden. „Jemand hat ihn mitgenommen. Ich spüre es.“ Fatima drückte meine Schulter. „Das Seacreek-Rudel ist nicht groß, aber wir arbeiten gründlich. Wir haben alles zweimal abgesucht. Wenn er sich in unserem Revier aufhält …“ „Das tut er nicht.“ Ich stand abrupt auf, und die Tasse klapperte zu Boden. „Wer auch immer ihn mitgenommen hat, ist längst über alle Berge.“ „Cecelia, du musst dich ausruhen. Du kannst Golden nicht helfen, wenn du vor Erschöpfung zusammenbrichst.“ Ausruhen? Wie konnte ich mich ausruhen, wenn mein Sohn – mein Goldjunge – irgendwo da draußen war, wahrscheinlich voller Angst und nach seiner Mama weinend? Ich blickte nach draußen; die Sonne war bereits untergegangen. Wäre er tatsächlich weggelaufen, wäre er längst nach Hause gekommen. Er kannte den Weg. Irgendjemand hätte ihn gesehen. Irgendjemand hätte ihn zu mir zurückgebracht. Ich schloss die Augen, und plötzlich sah ich Zekes Gesicht so deutlich vor mir, als stünde er direkt vor mir. Zeke mit seinen Mitteln und Verbindungen. Zeke, der in mehreren Revieren gleichermaßen Respekt und Furcht einflößte. Zeke, der jeden finden konnte – egal wo. Der Gedanke daran ließ mir übel werden, doch welche Wahl hatte ich? „Ich kenne jemanden, der helfen kann“, flüsterte ich und verabscheute mich für diese Worte. „Jemanden, der über die Mittel verfügt, auch außerhalb von Seacreek zu suchen.“ Fatima blickte von ihrem Tee auf, den sie lustlos löffelte. „Wer ist das?“ „Du wirst ihn nicht kennen, aber er gehörte zu dem Rudel, aus dem ich stamme.“ Sie stand auf. „Wenn du zu deinem früheren Rudel gehst, dann komme ich mit.“ Ich legte meine Hände auf ihre Schultern. „Das musst du nicht.“ In ihren Augen spiegelte sich Verwirrung wider. Ich …...erlaubt. „Das ist etwas, das ich allein tun muss.“ Fatimas Augen weiteten sich vor Verständnis. „Cecelia, nein. Du hast geschworen, dass du niemals …“ „Ich habe vieles geschworen.“ Ich nahm Goldens Zeichnung, faltete sie vorsichtig zusammen und steckte sie in meine Tasche. „Aber das Leben meines Sohnes ist mehr wert als mein Stolz.“ „Nein, Cecelia.“ Sie hielt mich fest, als ich mich abwenden wollte. „Am besten informierst du den Alpha und lässt ihn an deiner Stelle mit Zeke zusammentreffen.“ „Und welche Rolle spiele ich dann?“ Meine Stimme brach vor Tränen. „Hier herumsitzen, wo ich doch helfen könnte?“ Ich sah ihr in die Augen und erkannte meine eigene Verzweiflung darin widergespiegelt. „Aber wer könnte ihn mitgenommen haben? Warum?“ Ich schüttelte den Kopf; die Tränen drohten über meine Wangen zu kullern. Und nun würde ich der einen Person begegnen, der ich – so hatte ich gehofft – nie wieder gegenübertreten müsste.Aus Cecelias SichtWir saßen in behaglichem Schweigen da, während ich alles auf mich wirken ließ. Eine echte Zeremonie zur Besiegelung unserer Verbindung, die offizielle Ernennung zur Luna, das gemeinsame Großziehen von Golden als Familie. Vor drei Monaten hätte das noch unmöglich gewirkt, doch jetzt fühlte es sich unvermeidlich an – als wäre es genau das Ziel gewesen, auf das wir schon immer zugesteuert waren.„Ich möchte noch mehr Kinder“, sagte ich plötzlich; der Gedanke war schon eine Weile in mir gereift. „Nicht sofort, aber irgendwann. Golden sollte Geschwister haben.“Zekes Arm legte sich fester um mich, und über unsere Verbindung spürte ich seine sofortige Zustimmung. „Von wie vielen sprechen wir da?“„Vielleicht noch zwei oder drei?“, schlug ich vor und legte den Kopf schief, um ihn anzusehen. „Genug, damit Golden nicht einsam ist, aber nicht so viele, dass wir völlig überfordert sind.“„Das gefällt mir“, sagte Zeke, während seine Hand auf meinen Bauch wanderte, als könnte er
Cecelias SichtweiseGolden schlief schon seit einer Stunde, als Zeke leise an unsere Schlafzimmertür klopfte. Ich hatte in dem Sessel neben Goldens kleinem Bett gesessen, gelesen und ihm dabei zugesehen, wie ruhig er atmete, als Zeke den Kopf zur Tür hereinsteckte.„Komm mit“, flüsterte er und deutete in den Flur. „Ich habe etwas geplant.“Ich stand vorsichtig auf, um Golden nicht zu wecken. Er hatte heute einen guten Tag gehabt; seine Gesichtsfarbe war besser, und das blaue Leuchten unter seiner Haut hatte kaum geflackert. Der Arzt hatte gesagt, dass die Behandlungen mit Alpha-Essenz anschlugen und sich Goldens Körper stabilisierte.Zeke nahm meine Hand und führte mich durch unsere Räumlichkeiten auf den privaten Balkon, den ich seit meinem Wiedereinzug kaum genutzt hatte. Als er die Tür öffnete, stockte mir der Atem, denn der Ort hatte sich völlig verwandelt.Überall standen Kerzen, deren warmer Schein alles weich wirken ließ. Ein kleiner Tisch war mit echtem Geschirr und Besteck ge
Aus Cecelias SichtDer Krankenhausflur wirkte viel zu hell, während ich Goldens Rollstuhl in Richtung des Besucherraums schob, wo Layla darauf wartete, sich von Cameron zu verabschieden. Golden saß still da, in eine Decke gehüllt, und seine kleinen Hände umklammerten die Armlehnen. Er war endlich stark genug, um für kurze Zeit das Bett zu verlassen – ein Fortschritt, den der Arzt sehr begrüßte.„Warum gehen wir zu ihr?“, fragte Golden und blickte zu mir auf – mit diesen großen Augen, die mich so sehr an Zeke erinnerten.„Weil sie sich von ihrem Sohn verabschieden muss“, erklärte ich mit sanfter Stimme. „Und Papa dachte, es könnte dir helfen zu verstehen, was passiert ist, wenn du siehst, dass selbst schlechte Menschen Familien haben, die ihnen am Herzen liegen.“Zeke ging neben uns her; seine Hand ruhte auf meiner Schulter. Über unsere Verbindung spürte ich seine Anspannung; auch er war von diesem Besuch nicht begeistert, hatte aber zugestimmt, dass er um Camerons willen notwendig war
Wir erreichten die Hauptebene, und ich ging zu meinem Wagen. Die Fahrt zurück ins Krankenhaus gab mir Zeit, all das zu verarbeiten, was Layla gestanden hatte. Das Ausmaß ihres Wahns und ihrer Manipulationen war erschütternd, und ich konnte kaum fassen, dass mir die Anzeichen so lange entgangen waren.Doch darüber zu grübeln, half niemandem weiter; ich musste mich auf die Zukunft mit Cecelia und Golden konzentrieren, anstatt auf die Vergangenheit, die Layla vergiftet hatte.Am nächsten Morgen stand ich vor dem Rat des Rudels, als Layla in Fesseln hereingeführt wurde. Sie wirkte irgendwie kleiner; ihr ganzer Trotz vom Vortag war verflogen. Die Ratsmitglieder betrachteten sie mit Mienen, die von Abscheu bis Enttäuschung reichten – viele von ihnen kannten sie schon seit Jahren.„Layla Winters, Sie sind angeklagt wegen Verschwörung zur Entführung, Gefährdung eines Kindes und Verrats an der Familie des Alpha“, verlas das Ratsmitglied die formelle Anklageschrift. „Wie lautet Ihr Plädoyer?“„
Zekes SichtweiseGolden war seit vierundzwanzig Stunden stabil, und der Arzt hatte gesagt, dass Cecelia nun für kurze Zeiträume Kontakt zu ihm haben durfte. Ihre Berührung würde zwar nicht – wie meine – das Hervortreten des Wolfes unterdrücken, aber sie würde Golden ruhig und entspannt halten, während ich mich um Rudelangelegenheiten kümmerte, die keinen Aufschub mehr duldeten.„Bist du dir sicher?“, fragte Cecelia. Sie wirkte nervös bei dem Gedanken, mit Golden allein gelassen zu werden, obwohl sich Arzt und Pflegepersonal direkt vor der Tür aufhielten.„Du schaffst das schon“, versicherte ich ihr und beugte mich vor, um ihr einen Kuss auf die Stirn zu geben. „Lass einfach deine Hand auf seiner Brust liegen, so wie ich es getan habe. Sollte sich etwas ändern, schlagen die Monitore sofort Alarm und benachrichtigen das medizinische Personal.“„Wie lange wirst du weg sein?“, fragte sie, während ihre Hand meine auf Goldens kleiner Brust ablöste.„Höchstens ein paar Stunden“, sagte ich. I
CECELIAS PERSPEKTIVEIch widersprach nicht, da ich wusste, dass er seine Meinung ohnehin nicht ändern würde. Stattdessen blieb ich in seiner Nähe und wechselte mich mit Zeke dabei ab, in kurzen Etappen zu schlafen. Wenn ich wach war, beobachtete ich die beiden, während sich mein Herz gleichzeitig übervoll und zerbrochen anfühlte.Während einer meiner Wachphasen betrachtete ich Zeke, der auf seinem Stuhl schlief, die Hand noch immer auf Goldens Brust. Seine große Hand bedeckte Goldens kleinen Oberkörper vollständig; der Größenunterschied wirkte fast schon komisch. Doch sie so verbunden zu sehen – Vater und Sohn, vereint –, ließ etwas in meiner Brust zur Ruhe kommen, das drei Jahre lang unruhig gewesen war.Mir wurde mit plötzlicher Klarheit bewusst, dass ich nie aufgehört hatte, ihn zu lieben. Ich war wütend und verletzt gewesen und fest entschlossen, mit meinem Leben weiterzumachen, doch tief in mir drin liebte ich Zeke noch immer mit derselben Intensität wie während unserer Ehe. Viel







