Share

Kapitel 5.

Author: Kester
last update publish date: 2026-08-05 13:03:38

Charlies Handy gab einen langen Summton von sich. Die Verbindung war unterbrochen.

„Verdammt!“

Wutentbrannt schleuderte Charlie das flache Gerät gegen die Wand, wo es in zahllose Einzelteile zersprang. Sein Atem ging hastig. Zum ersten Mal in seinem Leben fühlte er sich so unbedeutend wie eine Ameise. Er wurde ignoriert. Sie hatte ihn blockiert – dieselbe Frau, die früher schon beim Klang seines enttäuschten Seufzers vor Angst gezittert hatte.

Die Tür zum Raum wurde mit einem Ruck aufgestoßen. Sarah stürmte hinein, ihr Gesicht war verweint, ihre Augen gerötet.

„Charlie, was tust du da?!“, schrie Sarah mit schriller Stimme. „Du hast mich vor allen angeschrien! Und dann hast du auch noch diese Schlampe verteidigt?!“

Charlie drehte sich nicht um. Er stand weiterhin mit dem Rücken zu ihr und starrte auf sein Spiegelbild in der dunklen Fensterscheibe.

„Geh nach Hause, Sarah. Ich bin müde.“

„Nein! Das werde ich nicht!“ Sarah umklammerte ihn von hinten und hielt den Stoff seines Sakkos krampfhaft fest. „Dieses Kind ... dieses Kind ist bestimmt das Ergebnis einer Affäre, die Elena hatte, bevor sie gegangen ist! Sie will dir wieder eine Falle stellen, Charlie! Du musst mir glauben!“

Als Charlie das Wort Falle hörte, wurde er schlagartig in jene Nacht vor fünf Jahren zurückgeworfen. In derselben Nacht hatte er Elena die Scheidungspapiere ins Gesicht geworfen, weil er überzeugt gewesen war, sie hätte die Bremsen von Sarahs Auto manipuliert und damit ihre Lähmung verursacht.

Doch heute Nacht hatte er Elena aufrecht und stolz vor sich stehen sehen. Und er hatte auch Sarah gesehen – dieselbe Sarah, die behauptet hatte, erst durch ein medizinisches Wunder wieder laufen zu können –, wie sie ohne die geringste Einschränkung in sein Büro gerannt war.

Etwas stimmte nicht.

Die Schuldgefühle, die Charlie fünf Jahre lang an Sarah gefesselt hatten, fühlten sich plötzlich wie eine Kette an, die ihm selbst die Kehle zuschnürte.

Langsam drehte er sich um und löste Sarahs Umarmung mit ruhiger, aber entschlossener Kraft. Sein Blick bohrte sich direkt in ihre Augen.

„Warst du damals wirklich gelähmt, Sarah?“, fragte Charlie mit ungewöhnlich leiser Stimme, die vor dem Misstrauen bebte, das er fünf Jahre lang tief in seinem Innersten begraben hatte.

Sarahs Gesicht verlor augenblicklich jede Farbe.

„C-Charlie ... was meinst du damit? Zweifelst du etwa an mir?“

„Geh nach Hause“, unterbrach Charlie sie unmissverständlich.

Allein Sarahs Anwesenheit löste inzwischen Übelkeit in ihm aus.

Am nächsten Morgen lag über dem großen Konferenzsaal der Vane Corp eine bedrückende Spannung. Sämtliche Vorstandsmitglieder saßen mit kaltem Schweiß auf der Stirn an ihren Plätzen. Am Kopf des langen Tisches blieb der Stuhl der CEO der Aethel Corp noch leer.

Punkt neun Uhr öffnete sich die Tür.

Elena betrat den Raum in einem elfenbeinweißen Hosenanzug. Jeder ihrer Schritte war selbstbewusst und einschüchternd. Hinter ihr folgte Aria mit einem Stapel schwarzer Dokumentenmappen.

Charlie richtete sich sofort auf. Sein Blick löste sich keine Sekunde von Elenas Gesicht. Dunkle Schatten lagen unter seinen Augen – der unübersehbare Beweis dafür, dass er in der vergangenen Nacht keine einzige Minute geschlafen hatte.

Elena nahm Platz, ohne Charlie auch nur eines Blickes zu würdigen. Stattdessen richtete sie ihre Aufmerksamkeit sofort auf den Vorstand.

„Wir beginnen“, sagte sie kühl.

„Frau Elena“, räusperte sich einer der älteren Direktoren, „wegen der gestrigen einseitigen Kündigung unserer Logistikkooperation ...“

„Ich bin nicht hier, um über Logistik zu verhandeln“, unterbrach Elena ihn scharf.

Mit einer kleinen Handbewegung gab sie Aria ein Zeichen. Sofort verteilte diese neue Dokumente an alle Anwesenden, auch an Charlie.

„Ich bin hier, um meine Rechte als neue Mehrheitsaktionärin Ihrer Tochtergesellschaft auszuüben.“

Charlie schlug die Unterlagen auf. Mit jeder Zeile, die er las, weiteten sich seine Augen. Aethel Corp hatte sämtliche Anleiheschulden von Vane Logistics heimlich von einer ausländischen Bank aufgekauft.

„Du willst meine Firma vernichten?“, fragte Charlie mit heiserer Stimme und durchbrach die bedrückende Stille.

Zum ersten Mal wandte Elena den Kopf und blickte ihm direkt in die Augen.

Darin lag kein Hass.

Nur eine Leere, die schmerzhafter war als jede Wut.

„Das ist lediglich ein Geschäft, Herr Vane“, erwiderte Elena ruhig. „Der Schwache wird verdrängt. Das haben Sie mir vor fünf Jahren selbst beigebracht.“

Ein stechender Schmerz durchzuckte Charlies Brust.

Er erinnerte sich daran, wie er Elena damals regelmäßig ihr Haushaltsgeld gekürzt oder sie im Herrenhaus hungrig gelassen hatte, wenn sie auch nur den kleinsten Fehler beging.

Nun richteten sich dieselben Worte gegen ihn.

„Die Sitzung ist beendet. Herr Vane, ich benötige jetzt sofort Ihre Unterschrift für diese Vermögensübertragung“, sagte Elena und erhob sich.

Die Direktoren verließen hektisch den Raum und ließen Charlie und Elena allein in dem weitläufigen Konferenzsaal zurück.

Charlie stand auf und trat auf Elena zu, bis nur noch ein schmaler Abstand zwischen ihnen blieb. Der elegante Duft ihres Rosenparfums erfüllte die Luft und verdrängte den billigen Jasminduft, den sie früher als seine Ehefrau immer getragen hatte.

„Elena ... um Gottes willen ... dieses Kind ...“ Charlie umklammerte die Tischkante, um sich davon abzuhalten, sie zu berühren. „Er ist mein Sohn, oder? Warum bestrafst du mich, indem du ihn vor mir versteckst?!“

Elena strich ihr weißes Jackett glatt, hob langsam den Blick und verzog die Lippen zu einem kaum wahrnehmbaren, spöttischen Lächeln.

„Er ist nicht dein Sohn, Charlie“, zischte sie leise, doch jedes Wort schnitt wie ein Messer. „Das Kind, das du einen Mörder genannt hast, ist vor fünf Jahren im Regen gestorben. Der Junge, den du gestern gesehen hast, heißt Leo. Er hat nur eine Mutter.“

„Ich bin sein Vater! Du kannst mein Blut nicht aus seinen Adern löschen!“, rief Charlie mit geröteten Augen.

Elena trat noch einen Schritt näher.

Charlie erstarrte.

Sie beugte sich leicht vor und flüsterte ihm direkt ins Gesicht:

„Und wo war dieser Vater, als ich blutüberströmt auf dem Boden deines Schlafzimmers lag, Charlie? Wo war dieser Vater, als seine eigene Schwester versuchte, mein Baby zu töten?“

Dort endeten Elenas Worte.

Noch bevor Charlie etwas erwidern konnte, hatte sie sich bereits umgedreht und den Raum verlassen.

Zurück blieb Charlie – gefangen in einem Strudel aus Panik und Reue, der langsam begann, seinen Verstand zu verschlingen.

Continue to read this book for free
Scan code to download App

Latest chapter

  • Seine Größte Reue War Ich   Kapitel 96.

    Die beiden Augenpaare waren in einem Strudel der Stille ineinander verschlungen, der zunehmend beklemmender wurde. Der Abstand zwischen ihnen war vollständig verschwunden. Charlies Atemhauch drang sogar durch den dünnen Stoff von Elenas Patientenkleid und löste ein schwaches, fremdartiges Kribbeln entlang ihrer Nerven aus. Gleichzeitig donnerte Charlies Herzschlag heftig in seiner Brust und raste in einem wilden Rhythmus, den er nicht länger verbergen konnte. Charlie war der Erste, der aus dem Bann erwachte, der ihm beinahe die Kontrolle über seinen eigenen Verstand geraubt hätte. Mit dem letzten Rest Selbstbeherrschung, der ihm geblieben war, lockerte er langsam seine Umarmung und stützte anschließend Elenas beide Arme, damit sie nicht das Gleichgewicht verlor. „Madam Elena … geht es Ihnen gut?“, fragte Charlie. Seine Stimme klang rau und schwer. Elena zuckte zusammen. Die plötzlich aufsteigende Hitze, die ihre beiden Wangen verbrannte, ließ sie hastig ihre Haltung korrigieren. Sie

  • Seine Größte Reue War Ich   Kapitel 95.

    Charlie seufzte leise und versuchte, das Gefühlschaos zu beruhigen, das in seiner Brust brannte. Er zog den Stuhl neben der Trage heran und setzte sich, nachdem er tief durchgeatmet hatte. Sein Blick ruhte auf Elenas blassem Gesicht und verriet zugleich tiefes Mitgefühl und eine überwältigende Sehnsucht.„William Vanguard ist Ihr Geschäftspartner, Madam“, erklärte Charlie ruhig und achtete darauf, seine Stimme weiterhin professionell klingen zu lassen. „Er ist der CEO der Vanguard Group.“Elena nickte langsam. Doch die leichte Falte auf ihrer Stirn verriet ihre Unzufriedenheit mit der Antwort, die sie als zu allgemein empfand.„Und dann ... welche persönliche Beziehung besteht zwischen uns?“ hakte Elena erneut nach und sah Charlie direkt an. „Ich meine ... unsere Beziehung, die etwas genauer ins Detail geht, Charlie.“„Keine“, antwortete Charlie ohne zu zögern.Er musste eine Lüge erfinden, um die Ruhe der Frau vor ihm zu schützen.„Ihre Verbindung zu ihm beschränkt sich ausschließlic

  • Seine Größte Reue War Ich   Kapitel 94.

    Die Tür zu Williams VIP-Krankenzimmer war fest verschlossen und schirmte das geheime Gespräch zwischen den beiden Nachkommen des Vanguard-Clans von der Außenwelt ab.Stevani schlug elegant die Beine übereinander und saß auf dem Ledersofa. Ihr scharfer Blick war auf William gerichtet, der noch immer steif in seinem Rollstuhl saß.„Du wirst überrascht sein, wenn du diese Nachricht hörst, William“, sagte Stevani. Ihre Stimme klang ruhig, doch darin lag eine Überraschung, die sie absichtlich verbarg.„Was für eine Nachricht?“, drängte William ungeduldig. Seine Stirn legte sich tief in Falten, ein Zeichen dafür, dass seine Neugier allmählich von Unruhe durchsetzt wurde.„Charlie Vane … der Mann, der dir in letzter Zeit nicht aus dem Kopf geht, ist Elenas Ex-Mann. Die Frau, um deren Liebe du verzweifelt kämpfst.“Augenblicklich legte sich Stille über den luxuriösen Raum.Williams Augen weiteten sich. Er brauchte einige Sekunden, um die Tatsache zu verarbeiten, die seine jüngere Cousine ihm

  • Seine Größte Reue War Ich   Kapitel 93.

    Der zarte, unverwechselbare Duft eines Babys, der an Leos Körper haftete, lag schwach in der Luft. Obwohl die Hälfte der Erinnerungen in ihrem Gehirn infolge der schweren Kopfverletzung vollständig ausgelöscht worden war, ließ sich der reine Instinkt einer Mutter niemals täuschen.Elena schenkte ihm ein zutiefst aufrichtiges, gerührtes Lächeln. Immer wieder küsste sie Leo auf den Scheitel, bevor sie den kleinen Körper noch fester an sich drückte und ihn warm in ihren Armen hielt.„Ich habe das Gefühl, als wäre ich gerade erst wiedergeboren worden“, flüsterte Elena leise. Ihr Blick wanderte zur Decke des VIP-Zimmers, während ihre klaren Augen vor tiefen Gefühlen glänzten. „Ich weiß nicht, wie dunkel oder wie schön mein früheres Leben war. Aber eines steht fest … Ich bin unendlich dankbar, ein Kind wie dich zu haben, Leo.“Leo, der auf ihrem Schoß saß, hob den Kopf. Seine klaren Augen blickten seine Mutter mit unbeschwerter, kindlicher Unschuld an.„Ich erinnere mich!“, rief der kleine

  • Seine Größte Reue War Ich   Kapitel 92.

    Charlie zog den Stuhl gegenüber von Stevani hervor und setzte sich mit aufrechter Haltung hinter den kleinen runden Tisch aus Mahagoniholz. Der Mann rührte nicht einmal die Tasse mit dem Getränk an, die vor ihm stand. Ohne auch nur die geringste Höflichkeitsfloskel zu verlieren, richtete er seinen scharfen Blick direkt auf Stevani.„Sag mir, was du willst“, fuhr Charlie sie an. Seine Stimme klang kalt und war von einer Bedrohung erfüllt, die er mit aller Kraft zurückhielt.Stevani lächelte leicht. Mit einer eleganten Bewegung nahm sie einen Schluck von ihrem Kaffee, als wäre diese bewusst darauf ausgelegt, die Geduld des Mannes ihr gegenüber auf die Probe zu stellen. Ihr schönes Gesicht strahlte Zufriedenheit aus, als wäre sie nun diejenige, die dieses Spiel vollständig kontrollierte.„Beruhigen Sie sich erst einmal, Mr. Vane. Sie müssen sich nicht so beeilen“, erwiderte Stevani mit einem unterschwellig spöttischen Ton.„Ich habe noch viele andere Angelegenheiten zu erledigen, die wei

  • Seine Größte Reue War Ich   Kapitel 91.

    Die schweren Schritte von Charlie und Aria hallten durch den kalten Krankenhausflur. Die Gesichter der beiden Männer waren schwer zu deuten, beide überschattet von düsteren Gedanken, nachdem sie die medizinische Erklärung des Facharztes gehört hatten.Wenn Elenas Erinnerungen noch immer nicht vollständig zurückgekehrt waren, bedeutete das, dass ein neues, weitaus komplizierteres Drama ihr Leben bedrohte. Aria wollte auf keinen Fall, dass ihr Boss erneut in den Strudel jener Konflikte hineingezogen wurde, die ihr Leben bereits so sehr zerstört hatten.Sie gingen langsam weiter, mit leeren, ins Nichts gerichteten Blicken. Schließlich drehte Aria den Kopf und durchbrach damit die Stille, die zunehmend erdrückender wurde.„Mr. Vane.“Charlie blieb stehen. Sein kräftiger Körper drehte sich zu seiner Assistentin um.„Was ist, Assistant Aria?“„Ich bin sehr besorgt“, gestand Aria mit leicht zitternder Stimme. „Wenn Madams Elena Zustand langfristig so bleibt, was wird dann aus der Aethel Corp

More Chapters
Explore and read good novels for free
Free access to a vast number of good novels on GoodNovel app. Download the books you like and read anywhere & anytime.
Read books for free on the app
SCAN CODE TO READ ON APP
DMCA.com Protection Status