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KAPITEL 2

作者: Jude Vincent
last update 公開日: 2026-09-15 23:27:55

Alessias Verstand war völlig leer. Die Welt um sie herum schien stillzustehen. Die Luft im Raum fühlte sich schwer an und raubte ihr den Atem. Sie starrte mit weit aufgerissenen Augen vor Schock auf das Bett. Die nackte Frau, die neben Evander saß, war Liora – dasselbe Mädchen, das sie seit zehn Jahren ihre Schwester genannt hatte. Das Mädchen, mit dem sie all ihre Geheimnisse teilte. Das Mädchen, für das sie kochte, mit dem sie lachte und das sie von ganzem Herzen liebte.

„Liora?“ Alessias Stimme zitterte, so leise und gebrochen, dass sie kaum wie ihre eigene klang. „Wie ... wie konntest du mir das antun? Ich habe dir vertraut. Ich habe dich wie meine eigene leibliche Schwester behandelt. Wie konntest du mit meinem Mann schlafen?“

Liora sah nicht einmal beschämt aus. Sie versuchte nicht mehr, sich unter dem Bettlaken zu verstecken. Stattdessen setzte sie sich auf, richtete ihr zerzaustes Haar und stieß ein kaltes, scharfes Lachen aus, das Alessias Herz direkt durchbohrte.

„Schau dich im Spiegel an, Alessia“, sagte Liora spöttisch und zeigte mit ihrem manikürten Finger auf sie. „Schau dir deinen Körper an. Du bist dick, schwer und unförmig. Warum sollte ein gutaussehender, reicher Mann wie Evander bei einer Frau wie dir bleiben? Er verdient jemanden, der sexy ist, jemanden, der schön ist wie ich. Ich befriedige ihn auf eine Weise, wie du es niemals könntest.“

Alessia taumelte rückwärts und streckte die Hand nach dem Türrahmen aus, damit sie nicht zu Boden stürzte. Ihre Brust brannte vor einem tiefen, unerträglichen Schmerz.

Als Liora sich bewegte, fing das schwache Licht der Nachttischlampe etwas Glänzendes auf ihrer Brust ein. Alessias Augen richteten sich darauf. Es war eine silberne Diamantkette, die auf Lioras Haut hell funkelte.

Alessias Herz sank ihr in den Magen.

Vor vier Monaten hatte sie beim Waschen von Evanders Jacke eine samtige Schmuckschatulle in seiner Tasche gefunden. Als sie sie öffnete, sah sie genau diese Diamantkette. Damals hatte sich ihr Herz vor Freude erfüllt. Sie hatte gedacht: Er hat sie für mich gekauft. Er sieht, wie deprimiert ich nach dem Verlust unseres Babys bin. Er will mich überraschen. Sie hatte sie heimlich wieder zurückgelegt und auf den Tag gewartet, an dem er sie ihr um den Hals legen würde. Doch Wochen vergingen, dann Monate, und die Kette kam nie.

Jetzt, als sie sah, wie sie um den Hals ihrer besten Freundin lag, traf sie die schreckliche Wahrheit wie ein schwerer Schlag.

Evander hatte sie seit mehr als sechs Monaten betrogen. Ein halbes Jahr lang hatten ihr Ehemann und ihre beste Freundin hinter ihrem Rücken miteinander geschlafen, sie ins Gesicht belogen und sich über ihre Naivität lustig gemacht. Während sie nachts wegen ihres verlorenen Babys weinte, während sie sich selbst unter Stress setzte und zunahm, während sie sich wegen des Hirntumors ihres Vaters Sorgen machte, kaufte Evander Diamanten für Liora.

„Verlass diesen Raum, Alessia“, sagte Evander kalt, ohne auch nur einen Hauch von Reue im Gesicht. „Ich liebe Liora. Ich liebe sie schon seit langer Zeit. Also hör auf, wie eine Idiotin dazustehen, und lass uns allein.“

Alessia dachte an ihren Vater, der in einem Krankenhausbett lag, an Maschinen angeschlossen war und auf einhunderttausend Dollar für seine Operation wartete. Tränen überströmten ihre Augen und liefen wie ein Fluss über ihr Gesicht. Sie wollte schreien, alles in diesem Raum zerstören, doch ihre Kehle fühlte sich völlig trocken an.

Sie konnte in dieser Nacht nicht aus dem Haus gehen. Sie hatte nirgendwo sonst hin, kein Geld für ein Hotel, und ihr Herz war zu sehr zerbrochen, um durch die Straßen zu laufen. Also schleppte sie ihren schweren Körper den Flur entlang zum kleinen Gästezimmer. Sie schloss die Tür ab, sank auf den kalten Boden und weinte in ihre Hände, bis ihre Augen angeschwollen waren und ihr Kopf vor Schmerzen pochte.

Am nächsten Morgen ging die Sonne auf, doch in Alessia fühlte sich alles tot an. Sie wusch ihr Gesicht mit kaltem Wasser, um die Schwellungen um ihre Augen zu verbergen. Sie konnte es sich nicht leisten, im Bett zu bleiben und zu weinen. Sie musste zur Arbeit. Ihr Vater brauchte diese Gehirnoperation, und jeder Cent zählte.

Alessia arbeitete in einer belebten Bäckerei in der Innenstadt. Der Geruch von frischem Brot und Zucker erfüllte die Luft, während sie ihre Schürze um die Taille band. Ihr Körper war müde, ihre Füße waren geschwollen und ihre Seele völlig erschöpft.

Während ihrer Nachmittagspause betrat ihre Kollegin und Freundin Tessa den Pausenraum und hielt zwei kalte Getränke in den Händen. Tessa war Mutter von drei Kindern, aber sie war schlank, sah jung aus und war mühelos wunderschön.

„Hi, Liebes“, sagte Tessa sanft und stellte ein Getränk vor Alessia ab. „Du siehst heute so traurig aus. Was ist los? Ist alles in Ordnung?“

Alessia zwang schnell ein Lächeln auf ihr Gesicht und wischte ihre Handflächen an ihrer Schürze ab. „Mir geht es gut, Tessa. Ich bin nur ein bisschen müde von der Arbeit.“

Tessa kicherte und lehnte sich mit geröteten Wangen gegen den Tisch. „Mädchen, ich bin auch müde, aber aus einem völlig anderen Grund! Mein Mann hat mich letzte Nacht überhaupt nicht ausruhen lassen. Obwohl ich vom ganzen Tag auf den Beinen so müde war, kam er ins Schlafzimmer und wurde wild mit mir. Er küsste mich überall, saugte an meinen Brüsten und gab mir das Gefühl, so feucht und lebendig zu sein. Wir hatten die ganze Nacht Sex! Ich schwöre, dieser Mann kann nicht genug von mir bekommen.“

Alessia blickte auf ihre Hände hinunter, während sich ihr Herz schmerzhaft in ihrer Brust zusammenzog. Sie sah auf Tessas schlanke Taille und ihren flachen Bauch.

Natürlich will ihr Mann sie jede Nacht, dachte Alessia verbittert. Sie ist schlank. Sie ist schön. Sie hat kein Baby verloren und ist dadurch dick geworden. Kein Mann will eine schwere, nutzlose Frau wie mich.

Tessa stieß sie spielerisch mit dem Arm an und lächelte. „Und wie ist es bei dir, Alessia? Ich weiß, Evander muss sich im Bett auch gut um dich kümmern, oder? Ein so gutaussehender Mann wie er muss jede Nacht verrückt nach dir sein!“

Alessia spürte, wie sich ein Kloß in ihrer Kehle bildete. Tief in ihrem Inneren schrie sie. Ihr Mann hatte sie seit vier langen Monaten nicht berührt. Er betrachtete ihren Körper mit Ekel. Er schlief mit ihrer besten Freundin, während sie nach Zuneigung hungerte. Aber sie konnte es Tessa nicht erzählen. Sie konnte ihre beschämenden Familienprobleme nicht in die Welt hinaustragen. Sie konnte niemanden wissen lassen, wie zerbrochen ihr Leben wirklich war.

Alessia zwang sich zu einem weiteren strahlenden, falschen Lächeln und sah Tessa in die Augen.

„Ja“, log Alessia, wobei ihre Stimme nur ein wenig zitterte. „Er kümmert sich sehr gut um mich. Er küsst mich, berührt mich und gibt mir jeden Abend das Gefühl, eine richtige Frau zu sein.“

Tessa lächelte glücklich, glaubte die Lüge vollkommen und ging zurück zum Verkaufstresen, um die Kunden zu bedienen.

Sobald sich die Tür schloss, verschwand das falsche Lächeln von Alessias Gesicht. Sie saß allein im stillen Pausenraum und starrte auf den Boden. Die Erinnerungen an die vergangenen Monate liefen in ihrem Kopf wie ein schlechter Film ab.

Sie erinnerte sich daran, wie Evander ihre Hände wegstieß, wann immer sie versuchte, ihn zu halten. Sie erinnerte sich daran, wie er sie dick, hässlich und nutzlos genannt hatte. Sie erinnerte sich an Lioras bösartiges Lachen, die Diamantkette an ihrem Hals und die heimlichen Stöhngeräusche aus ihrem eigenen Schlafzimmer. Sie erinnerte sich daran, wie er versprochen hatte, die Gehirnoperation ihres Vaters zu bezahlen, nur um stattdessen Millionen für ein brandneues Auto für seine Geliebte auszugeben.

Ich habe ihm meine Jugend gegeben, dachte sie, während sich ihre Hände zu festen Fäusten ballten. Ich habe ihm meine Liebe gegeben. Ich habe sein Kind ausgetragen und es verloren, und er hat mich allein leiden lassen. Er behandelt mich wie Müll, weil er glaubt, dass ich schwach bin. Er glaubt, dass ich bleiben werde, weil ich nirgendwo sonst hingehen kann.

Ein kaltes, hartes Gefühl breitete sich tief in ihrer Brust aus und ersetzte die Traurigkeit durch pure Entschlossenheit. Sie war fertig mit dem Weinen. Sie war fertig damit, seinen Ruf zu schützen, indem sie log.

Als ihre Schicht endete, lief Alessia nicht davon. Sie ging direkt zurück zu ihrem Haus, den Kopf hoch erhoben. Sie schloss die Haustür auf und stieß sie auf. Evander saß auf dem Sofa im Wohnzimmer und betrachtete sein Handy, völlig unberührt von dem Schaden, den er angerichtet hatte.

Er blickte mit einem kalten, höhnischen Lächeln zu ihr auf. „Oh, du bist zurück? Ich dachte, du hättest deine Sachen gepackt und wärst inzwischen aus meinem Haus verschwunden.“

Alessia weinte nicht. Sie zitterte nicht. Sie sah ihm direkt in die Augen und sprach mit klarer, scharfer Stimme.

„Ich will die Scheidung.“

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