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*Trauer klopft nicht an. Sie stellt einfach die Möbel um und wartet darauf, dass man es bemerkt.*
Die Musik hallte durch den Club, der Bass dröhnte durch den Boden und direkt in Alondras Brust. Sie kippte ihren dritten Schnaps hinunter, ihre Kehle brannte. Sie genoss den bitteren, scharfen Geschmack des Whiskys. Er betäubte den Schmerz, den sie verspürte. Neben ihr brachte Audrey Dave gerade über irgendetwas zum Lachen; sie lachte viel zu laut und stieß ihm alle paar Sekunden gegen die Schulter, als könne sie einfach nicht anders. Alondra blendete den Lärm aus und trank einen weiteren Schnaps.
„Okay, das sind drei.“ Melanies Hand schloss sich um ihr Handgelenk, bevor sie nach einem vierten greifen konnte. Seit sie hereingekommen waren – vor zwanzig Minuten und es wurden immer mehr –, hatte Melanie sie nicht aus den Augen gelassen, als könnte Alondra in Flammen aufgehen, wenn man sie unbeaufsichtigt ließe.
„Mach mal langsam, Kleine. Das ist kein Wettrennen.“
Alondra warf ihr einen unbeeindruckten Blick zu und hob trotzdem ein weiteres Gläschen an die Lippen.
„Ihr habt mich hierher geschleppt.“ Sie kippte es hinunter.
„Das Mindeste, was du tun kannst, ist, mich das genießen zu lassen.“
„Dich hierher zu schleppen ist nicht dasselbe wie zuzusehen, wie du dich in ein Koma trinkst“, sagte Audrey, wandte sich von Dave ab und zeigte mit dem Finger auf sie, das Grinsen noch immer auf den Lippen, aber mit scharfem Blick. „Es gibt einen Unterschied zwischen Spaß haben und um 2 Uhr morgens Schadensbegrenzung betreiben.“
„Ich bin eine erwachsene Frau, Audrey.“
„Erwachsene Frauen kotzen immer noch in Ubers.“
Dave beugte sich vor, entriss ihr den nächsten Shot direkt aus der Hand, bevor sie widersprechen konnte, und stellte ihn außer Reichweite ab. „Nicht, solange ich da bin. Ich trage dich nicht noch einmal hier raus.“
Sie stöhnte laut, mehr, weil sie in der Unterzahl war, als aus irgendeinem anderen Grund.
Wenn sie schon hier sein musste, wollte sie trinken, bis sie nicht mehr stehen konnte, bis in ihrem Kopf nichts mehr übrig war außer Rauschen. Melanie schüttelte missbilligend den Kopf, wobei ihr schwarzes Haar wunderschön über ihre Schultern fiel. Irgendetwas an der Art, wie es fiel, erinnerte sie an ihre Mutter.
Ihre Mutter. Ihr Vater.
Fünf Monate, und es traf sie immer noch so unerwartet, wegen nichts und wegen allem zugleich. Fünf Monate, seit sie am Rand eines Grabes gestanden hatte, in einem Kleid, das sich anfühlte wie die Haut einer anderen, seit zwei Särge langsam in den Boden gesenkt worden waren – einen Boden, der nicht wusste, dass ihr Vater unter der Dusche falsch gesummt hatte, der nicht wusste, dass ihre Mutter ihr Sofrito-Rezept auf einer Karteikarte aufbewahrte, deren Ecken schon weich geworden waren. Fünf Monate, seit sie nach Hause gekommen war und seine Lesebrille noch auf dem Beistelltisch lag und ihre Strickjacke noch über dem Küchenstuhl hing, genau dort, wo sie sie zurückgelassen hatte, weil sie gesagt hatte, es würde ihr auf dem Heimweg kalt werden, und sich dann doch dagegen entschieden hatte, sie mitzunehmen. Fünf Monate, seit eine fremde Stimme am anderen Ende eines Telefonats um 23:47 Uhr ihr ganzes Leben in weniger als einer Minute auf den Kopf gestellt hatte.
Die Trauer war nicht vorbei. Sie hatte nur ihre Form verändert, sich in alltägliche Momente wie diesen eingeschlichen – wenn das Haar von jemandem das Licht falsch einfing – und überfiel sie immer wieder von Neuem.
Sie griff nach einem weiteren Schnaps, wenn auch nur, um die Trauer wieder dorthin zu versenken, wo sie hingehörte.
Melanie kam ihr zuvor, schnappte sich den letzten und kippte ihn selbst hinunter, wobei sie ihr verschmitzt zuzwinkerte. „Der gehört mir. Du hast für heute Abend genug ‚Trauriges-Mädchen-Stunde‘ hinter dir.“
„Ich war nicht –“
„Du machst so ein Gesicht.“ Melanie tippte mit zwei Fingern unter ihr eigenes Kinn. „Genau dieses Gesicht.“
Alondra öffnete den Mund, um zu widersprechen, und stellte fest, dass ihr nichts einfiel.
„Komm, lass uns tanzen …“, sagte Melanie, jetzt leiser, und zog sie bereits vom Hocker herunter. „Ich liebe diesen Song.“
Sie ergriff Alondras Hand und zog sie auf die Tanzfläche. Audrey folgte sofort, während Dave wachsam danebenstand, der treue, verantwortungsbewusste große Bruder. Alondra ließ sich mitreißen.
Sie wollte nicht nachdenken.
Sie wollte nichts fühlen.
Sie wollte einfach nur frei und leicht und taub sein.
Die Mädchen wiegten ihre Körper im Takt der Musik. Ein paar Jungs kamen herüber und versuchten, mitzumachen, und eine Weile lang war es ganz einfach: nichts als Lärm und sich bewegende Körper und der Bass, der sich in ihre Knochen bohrte. Als sie genug davon hatte, löste sie sich von der Gruppe und ging zur Bar, denn sie brauchte etwas Stärkeres in der Hand.
Sie hatte kaum bestellt, als sie eine Gestalt spürte – jemanden, der sich in den Platz neben ihr schob, viel zu nah für eine Bar, die auf dieser Seite nicht einmal überfüllt war. Nach den meisten Maßstäben sah er wahrscheinlich gut aus, die Art von Gesicht, das auf Fotos gut zur Geltung kommt, aber aus der Nähe hatte er etwas Glitschiges an sich, ein einstudiertes Selbstbewusstsein, das eher geprobt als verdient wirkte. Sein Hemd war eine Knopfleiste zu weit aufgeknöpft, und er roch nach billigem Parfüm, das er mit der Absicht aufgetragen hatte, schon von der anderen Seite des Raums aus bemerkt zu werden. Sein Blick wanderte langsam über sie hinweg, von ihrem Gesicht nach unten und wieder zurück nach oben, verweilte genau dort, wo er es nicht sollte, und er machte dabei nicht einmal einen Hehl daraus, als erwarte er, dass sie sich von dieser Begutachtung geschmeichelt fühlen würde.
„Lass mich raten“, sagte er und stützte einen Ellbogen auf die Theke, als gehöre sie ihm. „Etwas ohne kleinen Schirm darin. Du hast das Gesicht einer Frau, die nichts Süßes trinkt.“
„Und du hast das Gesicht eines Mannes, der diese Sprüche in seinem Auto einübt.“ Sie sah ihn nicht an. „Spar dir das. Ich weiß schon, wie das endet.“
Er lachte, als hätte sie einen Witz gemacht. „Komm schon. Lass mich dir einen Drink spendieren.“
„Ich brauche nichts.“
„Ich bestehe darauf.“ Er winkte dem Barkeeper zu, bevor sie ihn aufhalten konnte.
„Ich sagte, ich brauche nichts.“ Ihre Stimme wurde härter, und sie drehte sich schließlich ganz zu ihm um, in der Hoffnung, dass ihr ausdrucksloser, unbeeindruckter Blick das bewirken würde, was ihre Worte nicht geschafft hatten.
Das tat er nicht. Wenn überhaupt, schien er den Widerstand zu genießen, als wäre es ein Spiel mit Regeln, bei dem er bereits entschieden hatte, dass er gewinnen würde.
„Temperamentvoll. Das gefällt mir.“ Er rückte näher an sie heran und senkte die Stimme, als würden sie etwas Intimes miteinander teilen. „Komm schon, lass uns hier verschwinden. Ich kenne einen ruhigeren Ort.“
„Ich gehe nirgendwo mit dir hin.“ Sie wandte sich wieder der Bar zu – sie hatte genug davon, ihn zu unterhalten – und griff nach ihrem Drink, sobald er vor ihr stand.
Seine Hand schloss sich um ihr Handgelenk, bevor sie es hochheben konnte.
„Sei nicht so.“ Sein Griff war nicht sanft, seine Finger drückten so fest, dass blaue Flecken entstehen konnten, und der lockere Charme war bereits von seinem Gesicht gewichen, sodass etwas Kälteres darunter zum Vorschein kam. „Ich bin nett zu dir.“ Sein Griff wurde fester, der Charme verlor an Kraft. „Du wärst klug, das zu bemerken.“
„Lass mich los“, sagte sie leise und ruhig, „oder ich breche dir etwas, das du später noch brauchen wirst.“ Sie riss ihren Arm weg, doch er hielt sie fest, und für einen Moment schien der Lärm des Clubs zu verstummen, reduziert auf nur seine Hand und die plötzliche, hässliche Gewissheit, dass er ein Nein nicht so einfach hinnehmen würde.
Dann war Dave da, trat zwischen sie, als wäre er einfach aus dem Nichts aufgetaucht, legte seine Hand fest auf die Schulter des Mannes und drehte dessen Körper von ihr weg.
„Sie hat gesagt, du sollst loslassen.“ Daves Stimme war ruhig, aber es lag nichts Freundliches darin.
Der Typ stellte sich ihm gegenüber und musterte ihn, als würde er abwägen, ob sich der Ärger lohnen würde. Was auch immer er in Daves Gesicht sah, machte die Entscheidung leicht. Er ließ ihr Handgelenk los und hob beide Hände in einer gespielten Geste der Kapitulation.
Er hielt die Hände hoch, schon gelangweilt von ihr. „Lohnt sich nicht.“ Dann, leiser, nur für sie: „Frigide Schlampe.“
Melanie und Audrey kamen einen Augenblick später hinzu; Melanie griff bereits nach ihrem Handgelenk, um nachzuschauen, während Audrey in die Richtung, in die er verschwunden war, mörderische Blicke warf.
„Alles in Ordnung?“, fragte Melanie und strich mit dem Daumen über die roten Spuren, die sich bereits auf ihrer Haut abzeichneten.
„Mir geht’s gut.“ Das tat es ihr nicht, nicht wirklich, nicht auf eine Art, die sie erklären konnte, ohne alles andere zu entlarven, was sie die ganze Nacht über zusammengehalten hatte. Der ganze Club kam ihr plötzlich zu laut vor, zu heiß, zu voll von Händen, die glaubten, ihnen stünde etwas zu. „Ich brauche nur frische Luft.“
„Ich komme mit“, begann Audrey, doch Alondra schüttelte bereits den Kopf.
„Mir geht’s gut. Zwei Minuten.“ Sie brachte ein kleines, wenig überzeugendes Lächeln zustande und schlüpfte davon, bevor jemand widersprechen konnte, schlängelte sich durch die Menge zur Seitentür, brauchte Abstand vom Lärm und den Lichtern und der Erinnerung an seine Finger an ihrem Handgelenk. Im Vorbeigehen schnappte sie sich von einem Typen an der Bar einen Joint – der hatte schon das Feuerzeug in der Hand – und stürzte hinaus in die Nacht, bevor jemand fragen konnte, wohin sie wirklich ging.
Die Einladung kam, während Alondras Haare noch nass waren.„Don Salvatore erwartet Sie zum Frühstück“, sagte Rosa von der Tür aus. Sie sah Alondra dabei nicht ins Gesicht. „Im Terrassenzimmer.“Alondra blickte auf ihre verbundenen Füße hinunter. Während des gesamten Bades hatte sie ein einziges Wort immer wieder in Gedanken gewälzt: Wasser. Doch sie war zu keinem Ergebnis gekommen. Sie war zu müde, um sich mit einem Haus anzulegen, in dem sich alles nach dem Zeitplan anderer Leute richtete.Ihre beiden Wachen folgten ihr die Marmortreppe hinunter, eine hinter ihr und eine seitlich von ihr. Nah genug, um sie aufzufangen, weit genug entfernt, um so zu tun, als wären sie gar nicht da. Vor den Türen des Terrassenzimmers blieben sie stehen, ohne dass jemand es ihnen sagen musste. Alondra ging allein hinein.Der Raum öffnete sich zu einem steinernen Balkon hin, von dem aus man eine Aussicht hatte, die sie für einen halben Atemzug innehalten ließ. Das Meer lag glatt und blau bis zu einer sch
Dante hatte nicht geschlafen.Er war am Dock geblieben, bis alles erledigt war, und hatte auf der Rückfahrt beobachtet, wie sich der Himmel von Schwarz zu bleigrau verfärbte. Um sechs lag er in seiner Kleidung auf der Bettdecke und starrte an eine Decke, die ihm keine Antworten gab. Um halb sieben gab er auf und ging nach unten.Der Sicherheitsraum befand sich im Keller des Ostflügels, ein fensterloser Raum voller surrender Monitore und kaltem Kaffee. Der diensthabende Mitarbeiter blickte auf, sah Dantes Gesicht und fand einen Grund, die Außenanlagen zu überprüfen. Dante nahm vor der Reihe von Bildschirmen Platz. Auf dem dritten war ein körniges, graues Bild eines Korridors zu sehen: zwei Wachen vor einer geschlossenen Tür, die vollkommen reglos dastanden. Matteos Tür. Zwei weitere standen auf dem Treppenabsatz darunter, nachdem das Foto am Dock aufgetaucht war. Nichts bewegte sich. Dante hatte auch nichts anderes erwartet. Das Haus schlief noch, und er hatte eine Stunde, die er kein
Alondra erwachte im Sonnenlicht, das auf eine fremde Decke fiel.Heller Stein, ein meerblauer Lichtschein, der darüberglitt, und für einen einzigen gnädigen Moment erinnerte sie sich an überhaupt nichts. Dann pochten ihre Füße in den Verbänden, und die Nacht kehrte in der richtigen Reihenfolge zurück: der Hafen, das Wasser, seine Hände, die ihre Knöchel verbunden hatten, als wäre sie aus Glas.Sie drehte den Kopf.Matteo saß auf dem Stuhl am Fenster.Er war nicht ins Bett gegangen. Er trug noch immer das ruinierte Hemd vom Vorabend, die Ärmel bis zu den Ellbogen hochgeschoben, den Kragen offen, an einer Manschette ein eingetrockneter brauner Fleck. Sein Kopf war gegen die Seitenlehne des Sessels gesunken, und eine Hand hing locker über der Armlehne. Im Schlaf waren die harten Linien seines Gesichts beinahe jugendlich geworden. Er sah aus wie ein Mann, der sich hingesetzt hatte, um Wache zu halten, und den Kampf gegen den eigenen Körper verloren hatte.Er hatte die Tür unverschlossen g
Alondra erwachte, als die Reifen über Kies knirschten und sie den Geruch seiner Jacke wahrnahm: Zedernholz, Rauch und etwas Wärmeres darunter.Einen Moment lang wusste sie nicht, wo sie war. Dann spürte sie den Arm unter ihren Knien, die ruhige Hand an ihrem Rücken, und erinnerte sich schlagartig an alles: den Hafen, die beiden Männer auf den Knien, das Wasser, ihren eigenen abgehackten Atem. Lucio fuhr mit den Augen fest auf die Straße gerichtet, und zweimal sah sie, wie sein Blick zum Rückspiegel huschte. Matteos Kiefer war so fest angespannt wie eine Faust.Sie bewegte sich nicht. Sie war sich nicht sicher, ob sie es überhaupt gekonnt hätte.Der Wagen hielt an. Noch bevor der Motor verstummte, hatte Matteo bereits die Tür geöffnet. Seine andere Hand lag an seinem Hosenbund, während sein Blick die schwarze Linie der Bäume absuchte. Erst als Lucio kurz nickte, hob Matteo sie wieder hoch und stieg aus.Ohne ein Wort zu sagen, trug er sie durch die Eingangstüren und die Treppe hinauf.
Dante sah den Rücklichtern von Matteos Wagen nach, bis sie auf der Küstenstraße verschwanden. Erst dann erlaubte er sich, richtig auszuatmen.Bring es zu Ende. Kümmere dich um sie. Zwei Befehle, und keiner davon sprach das aus, worüber Dante bereits nachgrübelte. Matteo hatte es nicht aussprechen müssen. Jemand hatte gewusst, dass die Ostpiers nur schwach bewacht sein würden, während die ganze Familie in einem Ballsaal stand. Jemand hatte sich ausgerechnet diese Nacht ausgesucht. Die Lieferung, die Gala, das Mädchen – alles auf einmal. Und Matteo glaubte nicht an Glück.Dante ebenso wenig. Es reichte nicht, herauszufinden, wer die beiden Männer und den Lieferwagen geschickt hatte. Er musste wissen, warum ausgerechnet jetzt.Er war müde, und zwar auf eine Weise, die sich nicht durch Schlaf beheben ließ. Drei Jahre lang hatte er einer Wahrheit nachgejagt, die sich jedes Mal auflöste, sobald er glaubte, sie in den Händen zu halten. Ein Informant, dem man in einem leeren Haus die Kehle au
Der Motor tickte, während er abkühlte, und Alondra saß allein auf dem Rücksitz, Matteos Jacke fest um ihre Schultern gezogen, und beobachtete durch die Windschutzscheibe den Hafen.Dante hatte sie hergefahren. Er hatte geparkt, die Scheinwerfer ausgeschaltet und war mit Matteo in Richtung der Flutlichter gegangen, ohne sich auch nur einmal nach ihr umzudrehen, als wäre es das Natürlichste auf der Welt, sie mitten im Nirgendwo in einem verschlossenen Wagen zurückzulassen. Vielleicht war es das für ihn auch.Eigentlich hätte sie sich sicherer fühlen müssen, mit verriegelten Türen und seinen Männern, die sich über den Parkplatz verteilt hatten wie eine Mauer zwischen ihr und allem, was in der Dunkelheit lauerte. Stattdessen drückte die Stille immer schwerer auf sie, schwerer als der Lärm im Ballsaal es je getan hatte, und sie merkte, dass sie es darin nicht länger aushielt.In der Ferne erkannte sie die Umrisse zweier Männer, die auf dem Beton knieten und vom grellen, weißen Licht angest







