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Kapitel 4

Author: Lina
last update publish date: 2026-03-07 16:12:13

Isabella

Ich weiß nicht genau, was mich nervöser macht: die Tatsache, dass ein Polizist unten auf mich wartet, oder die Art, wie Enzo mich ansieht, als hätte er meine Entscheidung längst getroffen. Sein Blick ist ruhig, fast gleichgültig, aber darunter liegt etwas anderes. Eine Art stille Gewissheit. Als würde er genau wissen, dass ich nicht gehen werde.

Das ärgert mich mehr, als es sollte.

Ich verschränke die Arme und sehe wieder zum Fresko. Das Auge im Putz wirkt inzwischen fast lebendig, als würde der Mann darin jedes Wort unserer Unterhaltung mitanhören. „Du lässt also einfach einen Polizisten hier reinspazieren, der mich angeblich retten will“, sage ich schließlich und versuche, meine Stimme neutral klingen zu lassen. „Das ist ein ziemlich merkwürdiger Weg, jemanden hier zu behalten.“

Enzo lehnt noch immer an der Wand, als hätte er alle Zeit der Welt. Seine Haltung wirkt entspannt, aber ich habe inzwischen verstanden, dass das nichts bedeutet. Männer wie er sind nie wirklich entspannt. Sie wirken nur so. „Ich habe ihn nicht eingeladen“, antwortet er ruhig. „Rossini trifft seine eigenen Entscheidungen.“

„Und du lässt ihn einfach rein?“ frage ich und sehe ihn skeptisch an.

„Natürlich.“ Sein Mundwinkel bewegt sich kaum merklich. „Ich bin neugierig.“

Ich schnaube leise und schüttele den Kopf. „Das glaube ich dir nicht.“

Sein Blick wird für einen Moment schärfer, als hätte ich etwas getroffen, das ich nicht sehen sollte. „Es ist trotzdem die Wahrheit.“

In diesem Moment klopft Vittorio an die Tür und tritt einen Schritt in den Raum. Seine Haltung ist so gerade, dass man fast vergisst, dass er ein Mensch ist und keine Statue. „Rossini wartet“, sagt er ruhig.

Enzo nickt nur kurz, stößt sich von der Wand ab und sieht wieder zu mir. „Du kannst mit ihm sprechen“, sagt er. Seine Stimme klingt ruhig, fast schon sachlich.

„Wie großzügig“, murmele ich.

„Ich bin heute in guter Stimmung.“

Ich starre ihn einen Moment lang an und versuche herauszufinden, ob er mich provozieren will oder ob ihm das wirklich egal ist. Irgendetwas an der Situation fühlt sich falsch an. Zu einfach. „Und wenn ich mit ihm gehe?“ frage ich schließlich.

Enzo zuckt mit den Schultern, als würde ihn die Frage nicht besonders interessieren. „Dann gehst du.“

Die Antwort ist so ruhig, dass sie mich misstrauisch macht. Ich wische mir Staub von den Händen und atme einmal tief durch. „Gut“, sage ich schließlich. „Dann lass uns deinen Polizisten treffen.“

Die untere Lounge liegt auf der Rückseite der Villa. Der Raum ist groß, aber deutlich weniger prunkvoll als die Räume im oberen Teil des Hauses. Dunkles Holz, schwere Ledersessel und ein niedriger Tisch bestimmen das Bild. Durch die Fenster sieht man den Garten, der im Morgenlicht fast friedlich wirkt.

Der Mann, der am Fenster steht, dreht sich um, als wir eintreten.

Er ist größer, als ich erwartet habe, und älter, vielleicht Mitte vierzig. Dunkle Haare mit ersten grauen Strähnen an den Schläfen, ein Gesicht, das schon viele schlechte Tage gesehen hat. Sein Blick wandert zuerst zu mir und bleibt dort hängen, bevor er kurz zu Enzo geht.

„Signor Rossini“, sagt Enzo ruhig.

„De Santis“, antwortet der Mann knapp.

Dann sieht er wieder mich an. „Isabella Rossi.“

Ich nicke langsam. „Sie kennen mich?“

„Ich habe mich informiert.“ Seine Stimme ist ruhig, aber man hört sofort, dass dieser Mann es gewohnt ist, das man Fragen stellt.

Rossini tritt ein paar Schritte näher. „Ich hoffe, Sie wissen, wo Sie hier sind.“

„In einer ziemlich teuren Villa“, sage ich trocken.

Er reagiert nicht auf den Versuch von Humor. Sein Blick bleibt ernst. „Ich meine das ernst.“

Ich spüre Enzos Präsenz hinter mir, aber er sagt nichts. Er beobachtet einfach nur, und ich habe das Gefühl, dass ihm dieses Gespräch mehr gefällt, als er zugibt.

„Sie arbeiten an einem Fresko“, sagt Rossini schließlich. „Restaurierung.“

„Ja.“

Er atmet langsam aus, als würde er überlegen, wie viel er sagen darf. „Die letzte Restauratorin, die für diese Familie gearbeitet hat, ist verschwunden.“

Mein Magen zieht sich unwillkürlich zusammen. „Giulia Marini“, sage ich leise.

Rossini hebt leicht die Augenbrauen. „Sie haben recherchiert.“

„Natürlich.“

„Gut“, sagt er. „Dann wissen Sie auch, dass ihr Fall nie aufgeklärt wurde.“

„Das beweist gar nichts“, sagt Enzo ruhig hinter mir.

Rossini ignoriert ihn vollständig und sieht mich weiter an. „Sie ist hierher gekommen, genau wie Sie. Zwei Wochen später war sie weg. Keine Nachricht, kein Abschied, nichts.“

Ich spüre, wie mein Puls schneller wird, aber ich zwinge mich, ruhig zu bleiben. „Und Sie glauben, De Santis hat etwas damit zu tun?“

Rossini antwortet nicht sofort. Stattdessen sieht er kurz zu Enzo und dann wieder zu mir. „Ich glaube, dass Sie noch nicht wissen, in was Sie hier hineingeraten sind.“

Der Raum wird still.

„Ich sage Ihnen das nicht, um Sie zu erschrecken“, fährt er fort. „Ich sage es, weil Sie noch gehen können.“

Ich verschränke langsam die Arme. „Und Sie wollen mich jetzt einfach mitnehmen?“

„Wenn Sie wollen, ja.“

Ich spüre Enzos Blick auf mir, aber ich sehe ihn nicht an. Stattdessen sehe ich zum Fenster hinaus in den Garten. Die Zypressen bewegen sich kaum im Wind, und für einen Moment wirkt alles draußen viel ruhiger, als es sich hier drinnen anfühlt.

„Und wenn ich bleibe?“ frage ich schließlich.

Rossini sieht mich lange an, als würde er versuchen, meine Gedanken zu lesen. „Dann wird es gefährlich.“

Ich lache leise, obwohl mir eigentlich nicht danach ist. „Sie sind ein bisschen spät mit der Warnung.“

„Warum?“

Ich drehe den Kopf und sehe kurz zu Enzo, der ein paar Schritte entfernt steht und uns beobachtet, als wäre das alles ein interessantes Experiment.

„Weil ich bereits hier bin.“

Rossini schüttelt langsam den Kopf. „Sie verstehen nicht.“

„Doch“, sage ich ruhig. „Ich verstehe nur nicht, warum alle denken, ich würde so leicht aufgeben.“

Er runzelt die Stirn. „Sie bleiben also?“

Ich nicke.

Die Stille danach fühlt sich schwer an. Rossini sieht zu Enzo, und in seinem Blick liegt etwas, das wie Wut aussieht.

„Wenn ihr etwas passiert“, sagt er leise, „komme ich zurück.“

Enzos Mundwinkel hebt sich kaum sichtbar. „Ich würde nichts anderes erwarten.“

Rossini sieht mich ein letztes Mal an, dann dreht er sich um und verlässt den Raum. Die Tür fällt hinter ihm ins Schloss, und plötzlich wirkt die Villa wieder viel stiller.

Ich bleibe einen Moment stehen, bevor ich mich umdrehe. Enzo sieht mich an, als hätte er gerade eine Wette gewonnen.

„Du hättest gehen können“, sagt er schließlich.

„Ja“, antworte ich.

Er betrachtet mich einen Moment lang. „Warum bist du geblieben?“

Ich denke kurz an das Fresko, an das Auge in der Wand und an das Gefühl, dass dieses Haus mehr Geheimnisse verbirgt, als irgendjemand zugibt.

Dann sehe ich ihn wieder an.

„Weil ich wissen will, was du verheimlichst.“

Ein langsames, gefährliches Lächeln erscheint auf seinem Gesicht.

„Das könnte ein Fehler sein.“

Ich zucke mit den Schultern.

„Vielleicht“, sage ich. „Aber ich war noch nie besonders gut darin, vernünftige Entscheidungen zu treffen.“

Enzo sieht mich noch einen Moment lang an, als würde er versuchen herauszufinden, ob ich bluffe oder ob ich wirklich so dumm bin, wie ich gerade klinge.

Dann sagt er leise: „Das habe ich bereits bemerkt.“

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