LOGINIsabella
Ich weiß nicht genau, was mich nervöser macht: die Tatsache, dass ein Polizist unten auf mich wartet, oder die Art, wie Enzo mich ansieht, als hätte er meine Entscheidung längst getroffen. Sein Blick ist ruhig, fast gleichgültig, aber darunter liegt etwas anderes. Eine Art stille Gewissheit. Als würde er genau wissen, dass ich nicht gehen werde. Das ärgert mich mehr, als es sollte. Ich verschränke die Arme und sehe wieder zum Fresko. Das Auge im Putz wirkt inzwischen fast lebendig, als würde der Mann darin jedes Wort unserer Unterhaltung mitanhören. „Du lässt also einfach einen Polizisten hier reinspazieren, der mich angeblich retten will“, sage ich schließlich und versuche, meine Stimme neutral klingen zu lassen. „Das ist ein ziemlich merkwürdiger Weg, jemanden hier zu behalten.“ Enzo lehnt noch immer an der Wand, als hätte er alle Zeit der Welt. Seine Haltung wirkt entspannt, aber ich habe inzwischen verstanden, dass das nichts bedeutet. Männer wie er sind nie wirklich entspannt. Sie wirken nur so. „Ich habe ihn nicht eingeladen“, antwortet er ruhig. „Rossini trifft seine eigenen Entscheidungen.“ „Und du lässt ihn einfach rein?“ frage ich und sehe ihn skeptisch an. „Natürlich.“ Sein Mundwinkel bewegt sich kaum merklich. „Ich bin neugierig.“ Ich schnaube leise und schüttele den Kopf. „Das glaube ich dir nicht.“ Sein Blick wird für einen Moment schärfer, als hätte ich etwas getroffen, das ich nicht sehen sollte. „Es ist trotzdem die Wahrheit.“ In diesem Moment klopft Vittorio an die Tür und tritt einen Schritt in den Raum. Seine Haltung ist so gerade, dass man fast vergisst, dass er ein Mensch ist und keine Statue. „Rossini wartet“, sagt er ruhig. Enzo nickt nur kurz, stößt sich von der Wand ab und sieht wieder zu mir. „Du kannst mit ihm sprechen“, sagt er. Seine Stimme klingt ruhig, fast schon sachlich. „Wie großzügig“, murmele ich. „Ich bin heute in guter Stimmung.“ Ich starre ihn einen Moment lang an und versuche herauszufinden, ob er mich provozieren will oder ob ihm das wirklich egal ist. Irgendetwas an der Situation fühlt sich falsch an. Zu einfach. „Und wenn ich mit ihm gehe?“ frage ich schließlich. Enzo zuckt mit den Schultern, als würde ihn die Frage nicht besonders interessieren. „Dann gehst du.“ Die Antwort ist so ruhig, dass sie mich misstrauisch macht. Ich wische mir Staub von den Händen und atme einmal tief durch. „Gut“, sage ich schließlich. „Dann lass uns deinen Polizisten treffen.“ Die untere Lounge liegt auf der Rückseite der Villa. Der Raum ist groß, aber deutlich weniger prunkvoll als die Räume im oberen Teil des Hauses. Dunkles Holz, schwere Ledersessel und ein niedriger Tisch bestimmen das Bild. Durch die Fenster sieht man den Garten, der im Morgenlicht fast friedlich wirkt. Der Mann, der am Fenster steht, dreht sich um, als wir eintreten. Er ist größer, als ich erwartet habe, und älter, vielleicht Mitte vierzig. Dunkle Haare mit ersten grauen Strähnen an den Schläfen, ein Gesicht, das schon viele schlechte Tage gesehen hat. Sein Blick wandert zuerst zu mir und bleibt dort hängen, bevor er kurz zu Enzo geht. „Signor Rossini“, sagt Enzo ruhig. „De Santis“, antwortet der Mann knapp. Dann sieht er wieder mich an. „Isabella Rossi.“ Ich nicke langsam. „Sie kennen mich?“ „Ich habe mich informiert.“ Seine Stimme ist ruhig, aber man hört sofort, dass dieser Mann es gewohnt ist, das man Fragen stellt. Rossini tritt ein paar Schritte näher. „Ich hoffe, Sie wissen, wo Sie hier sind.“ „In einer ziemlich teuren Villa“, sage ich trocken. Er reagiert nicht auf den Versuch von Humor. Sein Blick bleibt ernst. „Ich meine das ernst.“ Ich spüre Enzos Präsenz hinter mir, aber er sagt nichts. Er beobachtet einfach nur, und ich habe das Gefühl, dass ihm dieses Gespräch mehr gefällt, als er zugibt. „Sie arbeiten an einem Fresko“, sagt Rossini schließlich. „Restaurierung.“ „Ja.“ Er atmet langsam aus, als würde er überlegen, wie viel er sagen darf. „Die letzte Restauratorin, die für diese Familie gearbeitet hat, ist verschwunden.“ Mein Magen zieht sich unwillkürlich zusammen. „Giulia Marini“, sage ich leise. Rossini hebt leicht die Augenbrauen. „Sie haben recherchiert.“ „Natürlich.“ „Gut“, sagt er. „Dann wissen Sie auch, dass ihr Fall nie aufgeklärt wurde.“ „Das beweist gar nichts“, sagt Enzo ruhig hinter mir. Rossini ignoriert ihn vollständig und sieht mich weiter an. „Sie ist hierher gekommen, genau wie Sie. Zwei Wochen später war sie weg. Keine Nachricht, kein Abschied, nichts.“ Ich spüre, wie mein Puls schneller wird, aber ich zwinge mich, ruhig zu bleiben. „Und Sie glauben, De Santis hat etwas damit zu tun?“ Rossini antwortet nicht sofort. Stattdessen sieht er kurz zu Enzo und dann wieder zu mir. „Ich glaube, dass Sie noch nicht wissen, in was Sie hier hineingeraten sind.“ Der Raum wird still. „Ich sage Ihnen das nicht, um Sie zu erschrecken“, fährt er fort. „Ich sage es, weil Sie noch gehen können.“ Ich verschränke langsam die Arme. „Und Sie wollen mich jetzt einfach mitnehmen?“ „Wenn Sie wollen, ja.“ Ich spüre Enzos Blick auf mir, aber ich sehe ihn nicht an. Stattdessen sehe ich zum Fenster hinaus in den Garten. Die Zypressen bewegen sich kaum im Wind, und für einen Moment wirkt alles draußen viel ruhiger, als es sich hier drinnen anfühlt. „Und wenn ich bleibe?“ frage ich schließlich. Rossini sieht mich lange an, als würde er versuchen, meine Gedanken zu lesen. „Dann wird es gefährlich.“ Ich lache leise, obwohl mir eigentlich nicht danach ist. „Sie sind ein bisschen spät mit der Warnung.“ „Warum?“ Ich drehe den Kopf und sehe kurz zu Enzo, der ein paar Schritte entfernt steht und uns beobachtet, als wäre das alles ein interessantes Experiment. „Weil ich bereits hier bin.“ Rossini schüttelt langsam den Kopf. „Sie verstehen nicht.“ „Doch“, sage ich ruhig. „Ich verstehe nur nicht, warum alle denken, ich würde so leicht aufgeben.“ Er runzelt die Stirn. „Sie bleiben also?“ Ich nicke. Die Stille danach fühlt sich schwer an. Rossini sieht zu Enzo, und in seinem Blick liegt etwas, das wie Wut aussieht. „Wenn ihr etwas passiert“, sagt er leise, „komme ich zurück.“ Enzos Mundwinkel hebt sich kaum sichtbar. „Ich würde nichts anderes erwarten.“ Rossini sieht mich ein letztes Mal an, dann dreht er sich um und verlässt den Raum. Die Tür fällt hinter ihm ins Schloss, und plötzlich wirkt die Villa wieder viel stiller. Ich bleibe einen Moment stehen, bevor ich mich umdrehe. Enzo sieht mich an, als hätte er gerade eine Wette gewonnen. „Du hättest gehen können“, sagt er schließlich. „Ja“, antworte ich. Er betrachtet mich einen Moment lang. „Warum bist du geblieben?“ Ich denke kurz an das Fresko, an das Auge in der Wand und an das Gefühl, dass dieses Haus mehr Geheimnisse verbirgt, als irgendjemand zugibt. Dann sehe ich ihn wieder an. „Weil ich wissen will, was du verheimlichst.“ Ein langsames, gefährliches Lächeln erscheint auf seinem Gesicht. „Das könnte ein Fehler sein.“ Ich zucke mit den Schultern. „Vielleicht“, sage ich. „Aber ich war noch nie besonders gut darin, vernünftige Entscheidungen zu treffen.“ Enzo sieht mich noch einen Moment lang an, als würde er versuchen herauszufinden, ob ich bluffe oder ob ich wirklich so dumm bin, wie ich gerade klinge. Dann sagt er leise: „Das habe ich bereits bemerkt.“Die Welt war nicht über Nacht geheilt, aber sie war wieder ehrlich. Drei Monate nach dem Kollaps von CERN – dem Tag, den die Geschichtsbücher später als den „Tag der großen Stille“ bezeichnen würden – war Sizilien ein Ort zwischen den Zeiten. Ohne die künstliche Optimierung der Allianz wirkte das Land rauer, die Farben weniger gesättigt, aber die Luft... die Luft war zum ersten Mal seit Generationen frei von dem elektrischen Knistern, das wie ein statischer Vorhang über dem Leben gelegen hatte. Enzo saß auf der steinernen Brüstung der Terrasse des Messina-Anwesens. Die prächtigen Glasfassaden, die Moretti einst hatte errichten lassen, waren gesprungen; Vögel nisteten jetzt in den Ritzen der teuren Architektur. Er trug keine Designer-Kleidung mehr, sondern ein einfaches Hemd aus grobem Leinen, dessen Ärmel er hochgekrempelt hatte. Seine Hände waren schwielig vom Wiederaufbau der Wasserleitungen im Dorf. Kael trat aus dem Schatten der großen Flügeltür. Er wirkte gesünder, die nervöse
Isabella Die Kathedrale aus Stahl und Strom. Das Herz von CERN war kein Ort für Menschen; es war ein Ort für Götter und Teilchen, die kurz davor standen, sich gegenseitig zu vernichten. Die Luft in der riesigen Halle des Detektors war so hochgradig ionisiert, dass jeder Atemzug metallisch auf der Zunge schmeckte. Das Summen der supraleitenden Magnete war kein Geräusch mehr, es war ein physischer Druck, der gegen mein Trommelfell presste. In der Mitte der Halle, unter dem gewaltigen Ring des Beschleunigers, pulsierte der Kern. Er sah nicht aus wie ein Computer. Er war eine Kugel aus reinem, weißem Rauschen, gehalten in einem Käfig aus Magnetfeldern. Das war der Architect. Hier wurde das digitale Signal in die Realität eingespeist. „Isabella, bleib zurück!“, rief Enzo. Er versuchte, auf die zentrale Plattform zu klettern, doch eine unsichtbare Barriere aus statischer Energie schleuderte ihn zurück. Er schlug hart auf den Gitterboden auf. „Es hat keinen Sinn, Enzo“, sagte ich. Ich gi
Isabella Der Vakuum-Tunnel war eine Röhre aus endlosem, mattschwarzem Verbundmaterial, die sich wie die Speiseröhre eines mechanischen Gottes durch das Herz der Alpen fraß. Es gab hier kein Licht, nur die Notbeleuchtung, die in einem kränklichen Blau alle fünfzig Meter aufflackerte. Die Luft war dünn und roch nach Ozon und statisch aufgeladenem Staub. Wir saßen in einer Wartungskapsel – einem flachen, fensterlosen Metallschlitten, der auf Magnetschienen lautlos durch die Finsternis glitt. Es gab keinen Motor, kein Steuer. Nur die Trägheit und das leise Surren der Induktionsfelder. „Wir bewegen uns mit fast achthundert Kilometern pro Stunde“, flüsterte Enzo. Er starrte auf das kleine, mechanische Display an der Wand der Kapsel. „In zwanzig Minuten sind wir unter dem Genfer See.“ Kael kauerte sich in die Mitte des Schlittens. Er hatte die Arme um seine Knie geschlungen. „Er ist da oben, oder? Er wartet auf uns.“ Ich antwortete nicht. Ich konnte ihn nicht nur spüren, ich konnte ihn
Isabella Die Stille der synchronisierten Menschen war schlimmer als jeder Schrei. Sie standen in der Bresche der Wand, ihre Körper in unnatürlicher Starre, die Augen weit geöffnet und glanzlos. Es waren Väter, Mütter, vielleicht sogar ehemalige Studenten der Academy – jetzt waren sie nur noch biologische Hüllen für den Architect. „Nicht schießen!“, rief ich, als Enzo die Waffe hob. „Das sind keine Soldaten. Das sind Gefangene!“ „Sie sind Fleischschilde, Isabella!“, konterte Enzo, die Stimme am Rand des Bruchs. „Wenn sie uns einkesseln, kommen wir hier nie wieder raus.“ Morettis Stimme hallte nicht mehr durch den Raum. Stattdessen begann die Wand selbst zu sprechen. Die Vibrationen des schwarzen Bohrkopfs modulierten die Luft zu Worten. „ISABELLA. DER SCHLÜSSEL GEHÖRT INS SCHLOSS. DER KREIS MUSS SICH SCHLIESSEN. NUR SO ENDET DER SCHMERZ DER TRENNUNG.“ „Es gibt keine Trennung, nur Auslöschung!“, schrie ich zurück. Ich presste das Papier mit der Formel fest gegen meine Brust. Ich s
Isabella Die Dunkelheit hier unten war anders als die Stille der Arktis oder die künstliche Leere im Bunker von Messina. Sie war warm, erstickend und roch nach feuchtem Kalkstein und dem Schweiß von Jahrhunderten. Wir krochen durch Tunnel, die so eng waren, dass meine Schultern ständig gegen die rauen Wände schrammten. Jeder Atemzug fühlte sich an wie Staub. „Wie weit noch?“, keuchte Kael hinter mir. Sein Atem ging flach und schnell; er stand kurz vor einer Panikattacke. „Brutus sagte, der Pfad führt drei Kilometer tief in den Berg“, antwortete Enzo vor mir. Er hielt eine altmodische Öllampe, deren kleiner, gelber Docht das einzige war, was uns vor dem absoluten Nichts bewahrte. „Dort unten gibt es eine Kammer. Etwas, das sie ‚Das Archiv der Stille‘ nennen.“ Ich sagte nichts. Ich konzentrierte mich darauf, meine Füße voneinander zu setzen. Doch in meinem Hinterkopf brannte immer noch die Stelle, an der die Drohne mich berührt hatte. Es war kein physischer Schmerz mehr, sondern ein
Isabella Die Apenninen waren in dieser Nacht eine Wand aus tiefem Indigo und bedrohlichem Schwarz. Der Wind heulte durch die Schluchten und klang wie das Klagen derer, die wir zurückgelassen hatten. Ohne die Lichtverschmutzung der Städte wirkte das Universum über uns erdrückend groß, die Sterne kalt und unbeteiligt am Schicksal der Erde. Der Motor unseres Wagens hustete, als wir die steilen Serpentinen in Richtung der Abruzzen hinaufkletterten. Der Geruch von heißem Metall und verbranntem Öl drang durch die Lüftungsschlitze. „Er schafft es nicht mehr lange“, stellte Enzo fest. Er kämpfte mit dem störrischen Lenkrad, seine Unterarme waren angespannt, die Adern traten hervor. „Die Steigung ist zu steil für diese alte Mühle.“ „Wir müssen irgendwo halten“, sagte ich. Ich presste die Hand gegen meine Stirn. Die Stille in meinem Kopf war nicht mehr leer; sie war jetzt erfüllt von einem statischen Druck, der zunahm, je weiter wir uns nach Norden bewegten. Es fühlte sich an wie ein herauf