LOGINIsabella
Nachdem Rossini gegangen ist, wirkt die Villa seltsam still. Vielleicht liegt es daran, dass seine Worte noch in meinem Kopf herumspuken, vielleicht aber auch daran, dass ich jetzt weiß, dass irgendwo außerhalb dieser Mauern jemand existiert, der glaubt, ich müsste hier gerettet werden. Während ich wieder vor dem Fresko stehe und den Spachtel vorsichtig an den bröckelnden Putz setze, versuche ich mich auf meine Arbeit zu konzentrieren. Trotzdem merke ich, dass meine Gedanken immer wieder abschweifen. Rossinis ernster Blick, seine Warnung und die Geschichte der verschwundenen Restauratorin lassen sich nicht so leicht abschütteln. Enzo ist ebenfalls wieder im Raum, obwohl ich nicht genau gesehen habe, wann er hereingekommen ist. Ich spüre seine Anwesenheit eher, als dass ich sie bewusst wahrnehme. hinter mir steht er im Halbdunkel des Ateliers und beobachtet mich. Der Raum ist groß, aber seine Ausstrahlung wirkt so präsent, dass es sich anfühlt, als würde er direkt hinter mir stehen. Ich arbeite weiter, obwohl ich weiß, dass er jeden Handgriff verfolgt. Der Spachtel gleitet über den Gips und löst kleine Stücke aus der alten Schicht, die dann als grauer Staub zu Boden rieseln. „Du hast Rossini ziemlich schnell abgewiesen“, sagt Enzo schließlich. Seine Stimme ist ruhig, aber sie füllt den Raum sofort aus. Ich sehe nicht zu ihm zurück, sondern konzentriere mich weiter auf die Wand vor mir. „Er hat mir nichts angeboten, was mich interessiert.“ „Er hat dir einen Ausweg angeboten.“ „Vielleicht will ich keinen.“ Ich arbeite weiter und entferne vorsichtig eine weitere dünne Schicht Putz. Unter dem Auge erscheinen langsam neue Linien. Ein Schatten, der zur Wange gehört, und ein Teil der Nase werden sichtbar. Je mehr Gips ich entferne, desto deutlicher wird der Ausdruck im Gesicht des Mannes. Das Auge wirkt inzwischen noch intensiver als vorher, als würde es den Moment seines Todes immer wieder neu erleben. Ich höre Enzos Schritte hinter mir. Sie sind langsam, aber fest genug, dass man jeden einzelnen Schritt auf dem Steinboden hört. Schließlich bleibt er direkt neben mir stehen. Seine Nähe ist sofort spürbar, weil die Luft um mich herum plötzlich wärmer wird. „Ich habe dir gesagt, dass du nur das Auge freilegen sollst“, sagt er. Seine Stimme klingt immer noch ruhig, aber darunter liegt jetzt eine Spannung, die vorher nicht da war. Ich halte kurz inne, sehe mir die Stelle an, an der der Mund des Mannes langsam unter dem Putz hervorkommt, und arbeite dann weiter. „Ich habe dir auch gesagt, dass ich Restauratorin bin. Wenn ich sehe, dass eine Schicht instabil ist, muss ich sie entfernen. Sonst zerstört sie irgendwann das ganze Bild.“ Der Spachtel löst ein größeres Stück Putz, das mit einem trockenen Geräusch zu Boden fällt. Jetzt ist ein Teil des Mundes zu sehen. Die Lippen sind leicht geöffnet, als würde der Mann gerade schreien. Neben mir bewegt sich Enzo plötzlich schneller. Seine Hand schließt sich um mein Handgelenk, bevor ich überhaupt richtig reagieren kann. Der Griff ist fest, nicht brutal, aber stark genug, dass mir der Spachtel aus der Hand rutscht und klirrend auf den Boden fällt. „Ich habe dir gesagt, du sollst aufhören“, sagt er. Ich drehe mich zu ihm um und spüre sofort, wie angespannt er ist. Seine Finger liegen noch immer um mein Handgelenk, und ich sehe, wie sich die Muskeln in seinem Unterarm bewegen. Seine Augen sind dunkler als vorher, und etwas in seinem Blick wirkt plötzlich viel weniger kontrolliert. „Du tust mir weh“, sage ich. Er reagiert sofort, lockert den Griff ein wenig, lässt mich aber nicht ganz los. Sein Blick wandert kurz zurück zum Fresko, und ich sehe, wie sich sein Kiefer anspannt, als hätte er gerade etwas gesehen, das er eigentlich vermeiden wollte. „Du verstehst nicht, womit du hier spielst“, sagt er leise. „Dann erklär es mir.“ Ich versuche mein Handgelenk zu befreien, aber er hält es noch einen Moment fest. In seinem Gesicht arbeitet etwas, als würde er gegen einen Impuls ankämpfen. Schließlich lässt er mich los und tritt einen Schritt zurück. Ich reibe automatisch über die Stelle an meinem Arm, an der seine Finger waren. Er dreht sich zum Fresko und starrt das Gesicht an, das langsam unter der Gipsschicht hervorkommt. Für ein paar Sekunden sagt er nichts, aber ich sehe, wie sich sein Brustkorb hebt und senkt, als würde er versuchen, seine Atmung zu kontrollieren. Dann passiert etwas, das ich nicht erwartet habe. Seine Hand schnellt nach vorne und trifft die Wand neben dem Fresko mit einem dumpfen Schlag. Der Knall hallt durch den Raum, und ein feiner Regen aus Staub rieselt von der alten Oberfläche nach unten. Ich zucke zusammen, weil die Bewegung so plötzlich kommt. Enzo bleibt mit der flachen Hand gegen der Wand stehen. Seine Schultern sind angespannt, und sein Kopf hängt leicht nach vorne, als müsste er sich zwingen, ruhig zu bleiben. „Verdammte Scheiße“, murmelt er. Ich habe ihn noch nie so gesehen. Der Mann, der sonst wirkt, als hätte er jede Situation unter Kontrolle, steht jetzt vor mir wie jemand, der kurz davor ist, komplett die Fassung zu verlieren. „Enzo“, sage ich vorsichtig. Er dreht langsam den Kopf zu mir. Sein Blick ist anders als vorher. Härter, roher, fast unruhig. Für einen Moment habe ich das Gefühl, dass ich einen Teil von ihm sehe, den normalerweise niemand zu Gesicht bekommt. „Du solltest das nicht sehen“, sagt er. Ich folge seinem Blick zurück zum Fresko. Der Mund des Mannes ist inzwischen fast vollständig sichtbar, und der Ausdruck darin ist so realistisch gemalt, dass es mir einen Schauer über den Rücken jagt. ,Zu spät“, sage ich leise. Enzo stößt sich von der Wand ab und geht ein paar Schritte durch den Raum, als müsste er Abstand gewinnen. Seine Hände sind zu Fäusten geballt, und ich sehe, wie sich die Muskeln in seinem Nacken bewegen. „Du verstehst nicht, was das bedeutet“, sagt er schließlich. „Dann erklär es mir.“ Er bleibt stehen und sieht mich an. Für einen Moment wirkt es, als würde er tatsächlich etwas sagen wollen, als würde er kurz davorstehen, mir endlich eine Antwort zu geben. Stattdessen geht er langsam auf mich zu. Er bleibt erst stehen, als nur noch ein paar Zentimeter zwischen uns sind. Ich kann seinen Atem spüren und den Geruch von Tabak und etwas Dunklem, das ich inzwischen sofort mit ihm verbinde. Sein Blick wandert von meinen Augen zu meinen Lippen und wieder zurück. In seinem Gesicht liegt immer noch diese Spannung, als würde er gegen etwas ankämpfen, das er nicht ganz kontrollieren kann. „Du bist geblieben“, sagt er leise. ch halte seinem Blick stand. „Ja.“ „Trotz der Warnung.“ „Ja.“ Seine Hand hebt sich langsam und bleibt einen Moment lang in der Luft, als wäre er sich selbst nicht sicher, was er tun will. Schließlich legt er sie gegen die Wand neben meinem Kopf, genau dort, wo er vorhin zugeschlagen hat. Jetzt stehe ich praktisch zwischen ihm und dem Fresko, und sein Körper ist so nah, dass ich jede Bewegung seines Atems spüren kann. „Du solltest vorsichtiger sein, Isabella“, sagt er leise. „Menschen, die zu viele Fragen stellen, haben in diesem Haus selten lange Glück.“ Ich sehe ihn an und merke, dass mein Herz schneller schlägt, obwohl ich genau weiß, dass ich jetzt eigentlich einen Schritt zurücktreten sollte. „Dann hör auf, mir Gründe zu geben, Fragen zu stellen.“IsabellaDas Schlauchboot wirkt auf dem offenen Meer wie eine Nussschale. Die Wellen sind nicht hoch, aber langgezogen und schwarz; sie heben uns an und lassen uns mit einem harten Schlag wieder in die Täler krachen. Der Motor hustet. Er spuckt unregelmäßig blauen Qualm aus, und jedes Mal, wenn er stottert, setzt mein Herz einen Schlag aus.Ich knie im Wasser, das im Boot hin und her schwappt. Es ist eine ekelhafte Mischung aus Salzwasser, Benzin und Enzos Blut. Der Gestank ist so penetrant, dass er mir die Kehle zuschnürt.„Enzo“, sage ich. Meine Stimme ist rau vom aufgewirbelten Staub der Explosion.Er reagiert nicht. Er liegt auf dem Rücken, den Kopf gegen den Gummirand gepresst. Sein Gesicht ist jetzt so weiß, dass es in der Morgendämmerung fast leuchtet, eine Maske aus blassem Marmor. Die Hände, die er eben noch gegen seine Flanke gepresst hat, sind schlaff zur Seite gefallen. Sie treiben leblos in der roten Brühe am Boden des Bootes. Der Stoff seines Hemdes ist schwarz gesä
Isabella Das Donnern der Rotoren über dem Haus wird ist so extrem laut . Der Winddruck presst die Gischt gegen die Fensterfront, bis das Glas in den Rahmen vibriert. Vittorio packt mich am Oberarm und zerrt mich zurück in den dunklen Flur. „Der Schacht ist hinter der Küche“, schreit er gegen den Lärm an. Wir rennen durch den Wohnbereich. Enzo schwankt, eine Hand fest gegen seine blutige Flanke gepresst, das Gesicht vor Schmerz verzerrt. Er flucht bei jedem Schritt, ein abgehacktes, heiseres Keuchen. Oben auf dem Dach knallt es. Schwere Stiefel auf Beton. Sie sind da. Vittorio tritt gegen eine unscheinbare Holzverkleidung neben dem Vorratsschrank. Das Holz splittert, und eine schmale, dunkle Öffnung wird frei. Es riecht nach Moder und nassem Stein. „Isabella, zuerst! Da ist eine Leiter. Halt dich an den Seiten fest, sie ist locker.“ Ich schiebe die Glock in den Hosenbund – das kalte Metall brennt auf meiner Haut – und schwinge meine Beine in das Loch. Die Leiter ist r
Isabella Der Kaffee in der Blechtasse ist kalt und schmeckt nach verrostetem Eisen. Ich starre in die dunkle Brühe, während Vittorio am Laptop hantiert. Das einzige Geräusch im Raum ist das unregelmäßige Klicken der Tasten und das Pfeifen des Windes an den Betonecken des Hauses. Es ist ein fieser, grauer Morgen. Das Licht draußen macht alles flach und leblos. Vittorio flucht leise. „Die Datei ist korrupt. Oder verschlüsselt.“ „Mach es einfach auf“, sage ich. Meine Stimme ist belegt, ein trockenes Krächzen. Vittorio dreht den Bildschirm zu mir. Da ist kein glatter Ladebalken. Nur ein verzerrtes Fenster, das nach einem Scan verlangt. Ich beuge mich vor. Die kleine Kameralinse leuchtet kurz rot auf, spiegelt sich in meiner Iris. Ein hässliches, mechanisches Surren, dann springt ein Fenster auf. Es ist kein sauberes Video. Es ist eine Überwachungskamera, schwarz-weiß, grieselig. Man sieht einen klinischen Raum. Mein Vater steht an einem Tisch, den Rücken zur Kamera. Er bewegt si
Isabella Der Sand knirscht unter meinen Stiefeln, als ich Enzo vom Boot auf den Strand hieve. Er ist schwer, ein nasser Klotz, der nach Eisen und Salzwasser riecht. Sein Arm liegt schwer um meinen Nacken, und jedes Mal, wenn er ausatmet, spüre ich die feuchte Hitze seines Atems an meiner Schläfe. Vittorio geht vor, ohne ein Wort zu sagen, die Stiefel fest im weichen Boden. Oben an der Klippe wartet das Haus – ein dunkler Block aus Beton und Glas. Drinnen ist es klamm. Die Luft steht. Vittorio verschwindet sofort wieder nach draußen, die Tür fällt mit einem trockenen Klicken ins Schloss. Wir sind allein. Im Schlafzimmer drücke ich Enzo auf die Matratze. Das Laken ist kühl und riecht nach Staub. Er sitzt auf der Kante, den Kopf tief zwischen die Schultern gezogen. Sein Hemd ist eine Ruine, der Stoff steif und dunkel verfärbt. Ich trete zwischen seine Knie. Meine Finger sind taub von der Kälte draußen, und die kleinen Knöpfe seines Hemdes gleiten mir immer wieder weg. Sie sind
Isabella Der Motor dröhnt in einem tiefen, mahlenden Rhythmus, der mir bis in die Zähne vibriert. In der Kabine ist es eng und stickig; es riecht nach Diesel, altem Fisch und diesem stechenden Wodka-Geruch, der von Enzos Haut aufsteigt. Das Boot schlägt hart auf die Wellen auf, und bei jedem Aufprall knackt es im Gebälk. Ich knie im Dreck auf dem Boden. Enzo hat den Kopf gegen die Wand gelehnt, seine Haut ist nass und glänzt im fiesen, grünlichen Licht des Radars. Seine Augen sind nur noch schmale Schlitze. Als ich den Verband zur Seite schiebe, sehe ich, dass das Blut mit dem Stoff verkrustet ist. Ich reiße es vorsichtig ab. Das Geräusch, als sich die Fasern von der Wunde lösen, ist ekelhaft. Enzo atmet scharf ein und seine Finger graben sich in mein Handgelenk. Sein Griff ist feucht und heiß. Er sagt nichts, aber seine Knöchel treten weiß hervor. Ich tupfe mit einem nassen Lappen über den Riss in seiner Schulter. Das Wasser verfärbt sich sofort dunkel. In diesem Moment gibt es
Isabella Vittorio tritt das Gaspedal bis zum Boden durch. Der Wagen macht einen Satz, die Reifen kreischen auf dem Asphalt, und mein Kopf knallt gegen die Seitenscheibe. Ein stechender Schmerz schießt mir durch den Nacken. Auf meinem Schoß liegt Enzo. Er ist eine glühende, schwere Last. Sein Atem geht stoßweise, ein feuchtes Rasseln, das bei jeder scharfen Kurve lauter wird. Ich kralle meine Finger in sein Hemd, das an meinen Händen klebt. Es riecht im Auto nach Schweiß, altem Polster und dem metallischen Dunst von frischem Blut. „Wie weit noch?“, presse ich hervor. Meine Zunge klebt am Gaumen. „Halt den Mund und halt ihn fest“, knurrt Vittorio. Er starrt starr auf die Fahrbahn, seine Unterarme vibrieren vom harten Griff am Lenkrad. Im Rückspiegel tauchen zwei Lichtpunkte auf. Sie tanzen über die dunklen Baumstämme am Straßenrand, kommen näher, werden größer. „Sie sind dran“, sage ich. Mein Puls hämmert gegen meine Schläfen wie ein gefangener Vogel. Vittorio antwortet ni







