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Das Exoskelett
„Hey, gleich geht’s den Berg hinauf“, freute sich Olaf. Olaf würde gleich den Watzmann ersteigen. Er war nie zuvor einen Berg hinaufklettern! Jedenfalls keinen Berg in dieses Kalibers. Bis jetzt hatte Olaf lediglich sanfte Hügel erklommen. Er war übergewichtig! Er brachte, bei einer Körpergröße von einem Meter neunundsechzig, einundneunzig Kilogramm auf die Waage. Olaf war eine Couchpotato, ein Sofahocker, ein Mensch der des Öfteren eine Tüte Tortillachips und Käse-Dip am Start hatte. Er war jemand, der sein Abo für eine Streamingplattform im weitesten Umfang nutzte und den Fernseher nur abschaltete, um seiner Arbeit als Programmierer nachzugehen oder um den Holzkohlegrill anzuheizen. Doch nun erfühlte er sich einen Lebenstraum. Einmal einen richtig großen Berg ersteigen!
Er wurde gerade festgeschnallt. Er steckte in einem stählernen Anzug, der mit Gestängen, Gelenken, Stellmotoren und einer Pneumatik ausgestattet war. „Dieses Baby wird mich gleich den Berg hochtragen“, freute sich Olaf.
Der Instruktor: „Das Exoskelett wird sie nicht selbsttätig hochtragen. Dieser Anzug ist lediglich dazu da, ihre Bewegungen zu unterstützen.“
Olaf: „So um die 30 Prozent soll die Muskelverstärkung betragen.“
Instruktor: „Das ist Richtig. Die Servos, die in vertikaler Richtung wirken, verstärken ihren Impuls um 30 Prozent und in horizontaler Richtung wird mit 22 Prozent verstärkt.“
Olaf [schelmisch]: „Also muss ich mich bewegen?“
Instruktor: „Sie wollen doch ein Erfolgserlebnis haben, oder nicht?“ Olaf, der in seinem Exoskelett steckte, schritt den schmalen, holprigen Pfad, der zum Gipfel des Berges führte, entlang. Er freute sich dabei wie ein Schneekönig. Er hatte es geschafft! Er war zwar noch nicht am Gipfel angekommen, aber die Tatsache, dass er die Häuser im Tal mit dem kleinen Finger seiner rechten Hand verdecken konnte, erfreute ihn.
Er fühlte eine lauwarme Brise, welche über seinen Nacken strich. Atmete die frische Luft. Schaute sich um. Genoss die Aussicht über das Bergische Land. Sorgen über einen Sturz machte er sich kaum. Die Gliedmaßen des Exoskeletts boten guten Halt auf dem teils sandigen, teils steinigen Untergrund. Drohte der Anzug, samt Träger, wegzurutschen, bohrten sich vier metallische Zähen in den Boden. Bei Bedarf konnten die Greifer sogar mit Spreizdübeln ausgerüstet werden. Dann konnte man mit dem Anzug sogar Steilwände ersteigen. Im Falle des Watzmanns war das jedoch nicht erforderlich. Ein Wanderweg führten von einem Parkplatz im Tal direkt hinauf bis zum Gipfel. Unterwegs wandelte sich der Wanderpfad von einem breiten, ebenen und mit reichlich Vegetation gesäumten Weg, zu einem engen, holprigen und steilen Trampelpfad.
Als er zwei Drittel des Weges zurückgelegt hatte, machte Olaf an einer Ladestation halt. Man hatte ein Solarpanel direkt an der Flanke des Berges angebracht. Darunter befanden sich Steckdosen. Olaf erinnerte sich daran, dass die Installation der Anlage auf den Widerstand der Einheimischen gestoßen war. Eine Steckdose an einem Berg. Wo hatte es das schon gegeben? Die Solarzellen würden die Natur verschandeln. Olaf und der Instruktor genossen ihre Brotzeit. Sie diskutierten den Arbeitsmarkt und die allgemeine wirtschaftliche Situation des berchtesgadener Land. Mit einem Piepsen kündigte das Exoskelett das Ende des Ladevorgangs und die Arbeitsbereitschaft an. „Lass uns aufbrechen“, meinte der Instruktor. „Auf geht’s“ stimmte Olaf ein.
Der Instruktor: „Olaf der Weg, der vor uns liegt, wird nun eng, steinig und kann manchmal auch glitschig sein. Bitte bewege dich mit Bedacht und nicht so hastig.“
Olaf: „Gut ich passe auf wo ich hintrete.”
Im Prinzip war diese Warnung unnötig, solange die Stromversorgung gesichert war. Die Gliedmaßen des Anzugs boten eine ausreichend große Aufstandsfläche und verfügten über vier metallische Zähen, welche sich den Untergrund anpassten. Für den Fall, dass man trotzdem hinfiele, waren die Greifer der oberen Gliedmaßen, anstelle von Fingern, mit Spreizdübeln ausgestattet. Damit liessen sich Spalten im Gestein zur Verankerung nutzen. Gingen die Akkus zur Neige, blockierte der Anzug die Spreizdübel und sorgte damit dafür, dass das Exoskelett, samt Menschlein, nicht abstürzten. Natürlich wäre dies keine Dauerlösung. Ein Rettungsteam müsste mit einem Batteriepack zum havarierten Exoskelett klettern und die Akkumulatoren wechseln. Zum Glück hatte jemand eine Steckdose am Berg angebracht. Für Olaf jedoch sollte dieser Ausflug zu einem unvergessenen Tag werden. Er war erfüllt von Tatendrang.
Mannheim, den 3. Februar 2023
Das GelenkflugzeugNeulich hörte ich von einem Traum. Eine Podcasterin träumte, in einem Passagierflugzeug zu sitzen, das etwa in der Mitte des Rumpfes ein Gelenk aufwies, ähnlich einem Gelenkbus. Bei einem Gelenkbus, umgangssprachlich auch Knickbus genannt, verbindet ein flexibler, witterungsfester Faltenbalg den Vorder- und Hinterwagen. In dem Traum der Podcasterin befand sich der Faltenbalg etwa zehn Meter hinter dem Tragflügel, jedoch noch deutlich vor dem Höhen- und Seitenleitwerk. Der hintere Teil des Flugzeugs musste demnach über eine Deichsel-Konstruktion mit dem vorderen Teil verbunden sein, wobei die Verbindung durch einen Drehkranz und Gleitlager erfolgte. Mein erster Eindruck war, dass Passagiere im hinteren Teil des Flugzeugs den Korridor beim Durchfliegen von Radien abknicken sehen müssten. Das erinnert an den Gelenkbus, bei dem die Passagiere aus ihrer Perspektive hin- und herschaukeln. Eine amüsante Vorstellung, wie ich finde. Auch mit meinen dreiundvierzig Lenzen
Wendekinder IIMusikkassettenBandsalat quillt aus quadratischen Öffnungen. Hat sich das Magnetband einmal unbeabsichtigt von den Spulen abgewickelt, behilft man sich mit einem Bleistift. T-Shirts, welche unlängst in Online-Stores angeboten werden und ein Paar aus Musikkassette und Bleistift zeigen, vermitteln ein schiefes Bild. Ein Bleistift ist viel zu dünn, um die kleinen Rädchen zuverlässig und rutschfrei drehen zu können. Eine bessere Methode, das Band wieder aufzuspulen, ist, einen BIC Cristal in das Löchlein zu stecken und zu drehen. Der BIC Cristal ist der Klassiker unter den Kugelschreibern. Mit dem durchsichtigen und sechskantigen Schaft kann man die Zähne des Kassettenrädchens am besten anschubsen. Dieser Tipp kommt zu spät, meinen Sie? Viele Tipps kommen zu spät. Dass Kassetten auf der Oberseite zwei Aussparungen haben, die dem Kopierschutz dienen, habe ich erst erfahren, als die Compact Disc der Music Cassette so langsam den Garaus machte. Das war ungefähr Mitte der N
Passepartouts BeobachtungDie Teleskope Fogg und Passepartout waren auf denselben Punkt gerichtet. Ein roter Zwergstern im Sternbild Widder:Teegardens Stern.Unspektakulär. Fast unsichtbar. Seit Jahrzehnten waren seine Koordinaten vermessen und katalogisiert — Rektaszension¹ 2 Stunden 53 Minuten, Deklination² +17 Grad. Ein Stern, etwas abseits der Ekliptik. Mit einer scheinbaren Magnitude³ von 15,1 war Teegardens Stern kaum mehr als ein dunkler Stecknadelkopf im noch dunkleren Sternenhimmel. Doch Instrumente wie Fogg, ein irdisches Teleskop, machten ihn auffindbar. „Mehr Kontrast“, sagte Kuno leise, als seine Kollegin von Fogg auf Passepartout, ein Teleskop im Orbit um Teegardens Stern, umschaltete. Mara reagierte, ohne zu antworten. Filter griffen ineinander, Algorithmen zogen Konturen aus dem Rauschen. Auf den Monitoren verdichtete sich das Bild. Eine Röhre trat hervor. Kuno und Mara saßen reglos vor dem Monitor, während Passepartout ihre Blicke führte. Vier astronomische E
Staub und StilleArtur saß auf einem Klappstuhl im Vorzelt der Mondstation. Den Helm hatte er abgenommen; das Vorzelt war luftdicht mit der Station verbunden, wurde jedoch mit vergleichsweise niedrigem Luftdruck beaufschlagt. Es diente als Staubfänger zwischen Außenwelt und Habitat. Trotzdem trug er eine eng anliegende Schutzmaske. Der feine Mondregolith schwebte als grauer Schleier in der Luft. Er kannte die Folgen einer Inhalation. Lunare Pneumokoniose – eine Erkrankung, die niemand lange genug untersucht hatte, um ihre Langzeitfolgen wirklich zu verstehen. Vor ihm auf dem Tisch lag die Leiterplatte des Energiemanagementsystems, versiegelt in einer Kassette – einem metallischen Rahmen mit Kontaktleisten an der Stirnseite. „Die muss rein“, murmelte Artur. „Die ist völlig zugesetzt.“ Er sprach vor sich hin. Er war allein auf der Station. Das Funkgerät hatte er abgeschaltet. Nach dem Ende der letzten Mission war er zurückgeblieben, um die Anlage betriebsbereit zu halten, bis die
Die selbstreinigende KücheTobi kletterte aus seinem Katzenkörbchen. Der Kater streckte sich. Er bog den Rücken durch, reckte das Hinterteil in die Luft und hob den Kopf empor. Die Vorderläufe zog er dabei an. Tobi hatte ausgeschlafen und machte sich daran, eine Runde durch das Haus seines Frauchens zu drehen. Er verließ den HWR und lief den Flur entlang zur Treppe. Die Stufen erklomm er in vier Sätzen. Im oberen Stockwerk war alles ruhig. Zu ruhig, dachte sich Tobi. Es wurde Zeit, einen lebhafteren Raum aufzusuchen: die Küche. Er lief die Treppe wieder hinab, huschte den Korridor entlang bis zur Küchentür, welche einen Spalt offen stand. Noch ein kräftiger Stupser mit den Vorderpfoten, und schon zwängte er sich hindurch in die Küche – ein Ort voller Möglichkeiten. Noch war es still, doch bald, vermutete Tobi, würden die Geräte und Möbel ihren magischen Tanz beginnen. Die Wartezeit vertrieb sich Tobi mit dem Bewundern von Piktogrammen auf dem Geschirrspüler. Das erste Piktogramm wa
Der NanitenrasiererEs war Sonntagmorgen und Robert war gerade aufgestanden. Nun öffnete er den Spiegelschrank. Dieser war über dem Waschbecken angebracht, indem er etwas Wasser, für die Nassrasur, eingelassen hatte. Er griff in den Spiegelschrank hinein und entnahm eine hellblaue Verpackung mit der futuristisch-gestalteten Aufschrift: „nano blades – the revolution in your face“. Robert freute sich darauf, die neuen Rasierklingen mit Nanitentechnologie auszuprobieren. Als Naniten bezeichnete man, winzig-kleine Roboter, mit denen man Prozesse, welche auf Miniaturebene abliefen, automatisierte und verbesserte. Robert wusste, dass die Klingen seines Rasierers mit Hunderten von kleinen Robotern bestückt waren, die aktivgeschaltet wurden, sobald ein physischer Kontakt zum Rasierschaum hergestellt wurde. Einmal in Betrieb gesetzt, zwackten die Naniten kleinere Mengen des Rasierschaums für sich selber ab, um den Wasseranteil des Schaums, mittels kleiner Brennstoffzellen, in Elektrizität umzu