MasukDer erste Satz lautete: Ich habe gewusst, dass sie kommen. Elena saß auf dem Boden der Küche, den Rücken an der Heizung, die nicht lief, und den Bogen Papier auf den Knien. Sie hatte die Leselampe angemacht, obwohl es vier Uhr morgens war, und sie hatte die Tür zum Kinderzimmer angelehnt, damit sie hören konnte, wenn jemand aufstand. Sie las den ersten Satz noch einmal, langsam, damit er sich nicht in einen anderen Satz verwandelte. Er verwandelte sich nicht. Dann las sie weiter. Ich habe gewusst, wann. Um zehn wechselt am Westtor der Wachmann, und um zehn war es möglich, in vierzehn Minuten an der Halle zu sein, wenn man an der Brücke nicht anhält. Ich bin an der Brücke nicht angehalten. Elena hörte ihren eigenen Atem und sonst nichts. Der Kühlschrank lief nicht, weil der Kühlschrank dieser Wohnung zu klein war, um Geräusche zu machen.
Der Punkt stand an erster Stelle. Elena sah ihn, bevor sie sich setzte, weil das Blatt offen auf der Tischmitte lag und weil jemand die Zeile unterstrichen hatte, mit einem Lineal, gerade, in einer Farbe, die sich von den anderen Punkten abhob. Darunter standen drei Namen, drei von fünf. Die Sitzung war auf neun Uhr angesetzt. Es war neun Uhr drei. Elena las die Zeile noch einmal, langsam, und setzte sich. Guten Morgen, sagte sie. Frau Reimann, die am Kopfende saß, seit Elena sie zur stellvertretenden Vorsitzenden gemacht hatte, schob eine gefaltete Zeitung über den Tisch. Sie kennen das, sagte Reimann. Elena nahm die Zeitung nicht. Sie hatte sie schon gesehen, zweimal, einmal in der Bäckerei und einmal im Fenster der Tankstelle. Ich kenne es, sagte sie. Es geht nicht um Sie, sagte Reimann. Es geht um die Spender. Der Name auf dem Briefkopf ist der
Die Klinik roch nach Bohnerwachs und nach einer Ordnung, die nicht die seine war. Cassian saß auf einem Stuhl, der für Menschen gemacht war, die nicht bleiben wollen. Das Fenster stand einen Spalt offen, und die Heizung war abgestellt, obwohl draußen vier Grad waren. Auf dem Tisch lagen zwei Blätter, ein Stift und eine Broschüre, deren Titel er nicht gelesen hatte, weil er wusste, dass er in einer Stunde nicht mehr wüsste, was er gelesen hat. Dr. Reeves saß ihm gegenüber und hatte die Hände auf dem Tisch liegen, die eine auf der anderen. Warum sind Sie hier, sagte sie. Cassian sah auf seine eigenen Hände. Sie zitterten nicht. Das war das Problem. Sie zitterten, wenn er nichts aß, und sie zitterten, wenn er drei Tage nichts aß, und jetzt hatten sie aufgehört zu zittern, obwohl er nicht mehr wusste, ob er heute gegessen hatte. Weil mein Bruder mich gefunden hat, sagte er. Das ist ein Grund zu kommen, sagte Dr. Reeves. Noch keiner zu bleiben. Cassian sah auf. Was soll ich sagen.
Der erste Freitag war eine Verspätung.Der zweite war eine Nachricht.Der dritte war ein leerer Bürgersteig.Elena stand am Küchenfenster im zweiten Stock und sah hinunter. Ihr Sohn hielt die Knetefigur mit beiden Händen, die er am Mittwoch für seinen Vater gemacht hatte, eine Figur mit zu großen Ohren und einem Riss am Hals. Ihre Tochter stand zwei Schritte daneben, mit dem Rücken zum Haus, und sah die Straße hinauf, in die Richtung, aus der das Auto sonst kam.Es waren zwölf Grad. Es war sechzehn Uhr dreißig.Elena nahm das Telefon und rief an.Es klingelte neunmal. Dann kam die Stimme, die sagte, dass der Teilnehmer im Moment nicht erreichbar sei, so freundlich, als wäre nichts dabei.Sie rief noch einmal an.Dasselbe.Um Viertel vor fünf ging sie hinunter, mit zwei Jacken über dem Arm, weil sie wusste, dass ihre Tochter die Jacke nicht anziehen würde, solange niemand es sagte, und dass sie
Der Parkplatz vor der Schule war halb leer. Sie war fünfzehn Minuten zu früh, und sie ließ den Motor aus, weil im Auto noch der Geruch von Pappe und Klebeband hing, seit sie am Samstag die letzten Kisten getragen hatte. Um vier ging die Beifahrertür auf. Ihre Tochter setzte sich, warf die Tasche in den Fußraum, schnallte sich an und sah geradeaus. Elena wartete. Und dein Bruder, sagte sie. Der ist bei Jonas. Gut. Mama. Ihre Tochter zog den Rucksack auf den Schoß, öffnete den Reißverschluss und holte ein Blatt heraus, dreimal gefaltet, an den Kanten glattgestrichen. Elena sah das Foto. Ihre Jacke. Ihre Hand an der Türklinke der Kanzlei. Darüber eine Zeile, fett, größer als der Text darunter. Hale-Ehe vor dem Aus. Sie las es zweimal, nicht weil sie es nicht verstand, sondern weil sie wollte, dass ihr Kopf d
Frau Marin, sagte der Notar. Sie sind seit elf Jahren zur Hälfte Eigentümerin. Elena sah nicht auf das Papier. Sie sah auf die Hand des Notars, auf den Zeigefinger, der unter der Zahl lag, als hielte er sie fest. Elf Jahre. Der Vorgang ist am dritten Juni vor zwölf Jahren beurkundet worden, sagte der Notar. Ich habe die Urkunde hier. Paragraph sieben, Absatz zwei. Bergmann saß neben Elena und hatte die Brille in der Hand, ohne sie aufzusetzen. Herr Weigand, sagte Bergmann. Das ist ein Ehevertrag. Der Vertrag sagt nicht Ehe, sagte Weigand. Er sagt Verbindung. Aber ja. Elena hörte das Wort Verbindung und wusste, dass sie es unterschrieben hatte. Vor zwölf Jahren, in einem Raum mit einer Decke und zwei Gläsern Wasser, an einem Tag, an dem sie eine Bluse getragen hatte, die zu warm war. Sie hatte Seite eins gelesen, weil man Seite eins liest. Sie hatte auf Seite zwei gesehen, dass es Zahlen waren, und dann hatte Cassian ihr den Stift gegeben und gesagt, dass es nur eine Formsache is
Das Kleid schmiegte sich wie eine zweite Haut an Elena smaragdgrüne Seide, die sich um ihre Füße bauschte und unter den Lichtern des Ankleidezimmers schimmerte. Sie starrte auf ihr Spiegelbild, ihre Finger zitterten, als sie die Diamantohrringe befestigte, die Sophia gehörten. Heute Abend war es ni
Das Morgenlicht stach wie ein Vorwurf durch die schweren Vorhänge des Gästezimmers. Elena lag da und starrte an die Decke, ihr Seidennachthemd hatte sich um ihre Beine gewickelt nach einer schlaflosen Nacht. Jedes Mal, wenn sie die Augen schloss, sah sie Cassians sturmumwölkten Blick und hörte sein
Elenas Finger krallten sich so fest um das steinerne Geländer, dass ihre Knöchel weiß hervortraten. Die Nachtluft, die zuvor eine willkommene Erleichterung gewesen war, fühlte sich nun dick und erstickend an. Sie musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, wer hinter ihr stand. Diese Stimme tief, in
Der Bass pulsierte durch die überfüllte Villa wie ein zweiter Herzschlag, doch Elena Voss spürte ihren eigenen in der Kehle stocken. Kristalllüster warfen gebrochenes Licht auf Designer-Kleider und maßgeschneiderte Anzüge, während Gelächter wie Glasscherben durch die Luft schnitt. Das hier sollte e







